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16. Etappe – Azerbaijan

Auf dem holprigen Weg zur Azerbaijanischen Grenze tut es einen Schlag und die Warnlampen im Ranger Cockpit schlagen Purzelbäume. Auch eine Fehlermeldung kommt: “AdBlue-Warnung – nach 500 Kilometern wird das Auto nicht mehr starten”. Zum Glück finden wir einen Markt, der AdBlue führt – was ein Wunder ist, denn wirklich NIEMAND braucht das hier… Ich fülle auf, aber die Fehlermeldung bleibt. Wir fahren nach Tiflis in die Ford-Werkstatt. Hier schraubt man den ganzen Tag herum, aber die Warnanzeige verschwindet nicht. Wir fahren los, um einen Platz für die Nacht zu finden, am nächsten Morgen wollen die Ford-Experten weitersuchen. Ist zum Glück aber nicht notwendig, denn als ich auf die Stadtautobahn einbiege erlischt die Warnmeldung. Hoffentlich war das jetzt der letzte Stolperstein auf dem Weg nach Baku. Der Service ist kostenlos, höre ich staunend.

Die kennen keine Grenzen: Endlich sehe ich Gänsegeier “in echt” – Die Grenzregionen sind einsam genug für diese Riesen.

Azerbaijan empfängt uns komplett anders als Armenien oder Georgien. Die Grenzformalitäten sind der Hammer und ein junger Bursche nimmt uns in seinem Büro ins Kreuzverhör, ob wir nicht wüssten, dass Azerbaijan ein schlechtes Verhältnis zu Armenien habe und was wir beim verhassten Nachbarn gemacht haben. Wir bleiben ehrlich und sagen, dass wir der Empfehlung der Azerbaijjanischen Botschaft folgend Berg-Karabach nicht besucht hätten und niemand hätte uns darauf hingewiesen, dass ein armenischer Stempel im Pass uns Schwierigkeiten bei der Einreise machen könnte.

Auch in Azerbaijan wirft der Winter lange Schatten – in der Sonne lässt sich der Frühstückskaffee noch gut genießen.

Irgendwann steht er auf, gibt uns die Hand und sagt „Welcome to Azerbaijan“. Zumindest in unseren Pässen gibt es jetzt Stempel von Azerbaijan und Armenien auf einer Seite! Trotzdem dauert es noch rund 2 Stunden bis alles erledigt ist.

Auf der Fahrt machen wir Station in einer etwas größeren Stadt, die einen sauberen und aufgeräumten Eindruck macht. Ich kaufe eine Simcard mit 5 Gigabyte zu einem annehmlichen Preis – aber bis ich aus dem Laden raus bin sind auch wieder 1,5 Stunden verstrichen. Auf der gut ausgebauten Landstraße dann ein Lichtblick: Wir tanken den Ranger mit 70 Litern Diesel voll und zahlen umgerechnet etwas mehr als 20  Euro, 30 Cent pro Liter.

Ein Imbiss direkt an der Straße

Fünf Kilometer später hält uns ein Polizist an und erklärt uns, dass Tempoüberschreitungen innerorts in Azerbaijan 2000 Manat kosten würden = 1000 Euro. Ich lass ihn mit spitzen Fingern in meiner Börse stöbern, aber mehr als einen 20 Manat-Schein findet er nicht, Dollar oder Euro sowieso nicht. „Very, very bad !“ sagt er immer wieder und ich bleib dabei, das ich nicht mehr habe. Irgendwann fischt er sich den einsamen Schein und winkt mir auszusteigen. Das war aber wirklich nach nun gut 20.000 Kilometer der erste Polizist, der in die eigene Tasche gearbeitet hat – und das nicht mal besonders erfolgreich.

Der “Kleine” Kaukasus zeigt sich von seiner schönsten Seite.

Auf der Suche nach einem Stellplatz können wir tief hängende Stromkabel nicht passieren – die Leute in der Straße juckt das nicht, auch nicht, dass wir gut 500 Meter rückwärts fahren müssen. In Georgien läuft sowas anders, da wäre das ganze Dorf auf den Beinen, um uns weiterzuhelfen.

Aber wir wollen nicht vorschnell urteilen nach den paar Stunden und richtig: Der nächste Tag sollte uns ein ganz anderes Azerbaijan zeigen. Wir machen uns nach einer ruhigen Nacht auf einer nicht allzu vermüllten Hochebene auf den Weg zu nächsten großen Stadt. Wir brauchen Geld, ich bin nicht sicher, ob wir eine Versicherung abgeschlossen haben für’s Auto und mal wieder in einem Cafe frühstücken wär ja nicht so schlecht.

Michel liebt das Reiseleben

Wir landen in einem sehr aufgeräumten Örtchen und passieren etwas, was wie ein Clubhaus des FC  Bayern München aussieht. Wir parken vor einem Restaurant namens „Annafeld“ und wundern uns schon gar nicht mehr über die kilometerlange und schnurgerade Hauptstraße mit recht einheitlichen Häuserformaten rechts und links der Fahrbahn: Das muss hier ein deutsches Dorf sein, so wie Marienfeld in Georgien. Und richtig: Ramis und Husein erzählen uns von den meterdicken Mauern dieser deutschen Häuser. Wir hatten die Brüder am Geldautomaten kennengelernt, als grad mal wieder nichts ging und wir dringend Hilfe brauchten. Ramis hat eine kleine Versicherungsagentur und konnte mir auch mit meinen Papieren weiterhelfen. Zusammen trinken wir im Annenfeld einen typischen azerbaijanischen Cai und erfahren viel über das uns noch so fremde Land. Über Korruption, Politik, die Hoffnungen der Jugend und das Verhältnis zu Armenien. Es tut mir in der Seele weh zu wissen, dass die netten jungen Leute, die wir in Armenien getroffen haben, sich mit den tollen Leuten aus Azerbaijan nicht vertragen könnten. Was, wenn sich mal über die Grenzen hinweg verliebt wird?

Wir fahren in Ramis 5er BMW zu einem Bazar und die beiden erklären uns, worauf wir beim Teppichkaufen in Azerbaijan achten müssen, und dass ein Teppich, der mehr als 1000 Manat (500 Euro) kosten soll, zumindest fliegen können muss. Das ist hilfreich für uns, denn wir wollen auf dem Markt in Baku einen großen Teppich für unser zukünftiges Wohnzimmer im Rheingau kaufen.

Wir fahren weiter Richtung Baku und finden einen tollen Stellplatz in einem Naturschutzgebiet. Die Landschaft ist eigentlich eine Seenplatte, durch die sich geschotterte Wege ziehen und zwar endlos weit, so dass man das Ende am Horizont nicht sehen kann. Sylvia will grad anfangen uns ein paar Bratkartoffel zu brutzeln, da hält ein roter Lada vor unserer Haustür. Yilderim stellt sich vor. Er war als Soldat in Dresden, und dass wir hier in der Wildnis im Auto schlafen würden kommt ihm nicht in die Tüte. Eigentlich werden wir nicht gefragt und folgen seinem 82-er Lada durch das Gewirr der Schotterpfade. Nach etwa 20 Kilometern landen wir vor seiner Haustür und sind absolut überrascht. Das ist hier zwar kein moderner Bauernhof, aber mit einem Stall voll Vieh hat sich die fleißige Familie einen bescheidenen Wohlstand aufgebaut. Das Haus ist riesig und unser Gästezimmer sieht aus wie Cinderellas Hochzeitsappartement.

Der Urgroßvater (94) wird von der ganzen Familie liebevoll und voller Respekt behandelt

Zu essen gibt’s gekochtes Huhn, das eine Stunde zuvor noch glücklich auf dem Mist gescharrt hatte, Yoghurtsuppe, Brot und saure Gurken. Mit den Männern leere ich eine Fasche Wodka und sehe mir Yilderims Fotoalbum an. Bei den Bildern aus seiner Militärzeit in Berg-Karabach stockt er und wird melancholisch. Niemand kehrt aus dem Krieg unversehrt zurück, dieser Spruch vom Heldendenkmal in Gori fällt mir wieder ein.

Der ein oder andere Wodka gehört in Azerbaijan zur Willkommenskultur

Am nächsten morgen verabschieden wir uns von den drei Generationen unter einem Dach, wieder voll beladen mit einer Tüte voller Granatäpfel, Zitronen, Äpfel, Birnen und einer großen Flasche Saft. Yilderims Schwester Sewa würde bei uns in jeder KFD-Karnevalsbütt Karriere machen – so eine Frohnatur! Sie empfiehlt uns nach Galaba zu fahren und über die Berge nach Baku, was wir dann auch machen.

Immer wieder faszinierende Ausblicke auf unglaubliche Mondlandschaften.

Auf einem netten Stellplatz an den Wasserfällen stellt sich uns Pervin vor: Der junge Mann spricht ein perfektes Deutsch und ist Guide für Touristen, die Azerbaijan besuchen.

Seine Daten:

Whatsapp +994 514 343 686
Instagram pervin.babayev

Ein sehr netter junger Mann, wenn also mal ein Guide für Azerbaijan gesucht wird…

Und immer wieder schön: Wachwerden, Kaffeekochen und die Sonne genießen

So langsam bekomme ich ein Gefühl dafür, dass unsere Reise bald enden wird und ich weiß noch nicht, wie ich das bewerten soll. Ich freue mich auf Marocco und den anschließenden Heimweg, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich wieder ins Hamsterrad einsteigen werde. Man braucht so wenig…

An der holprigen Straße zum Wasserfall steht den ganzen Tag ein kleines, vielleicht 4-jähriges Mädchen. Immer wenn ein Auto kommt marschiert es mit seinen Blumenkränzen in den kleinen Händchen zur Straße und schaut die Vorbeifahrenden traurig mit ihren Kulleraugen an.

Wen das nicht rührt, den rührt nichts…

Wir halten an und geben ihr ein paar Manat und eine Tüte Süßigkeiten, aber es hat den Eindruck, als wisse sie gar nicht was sie da tut und dass sie gerade ein Geschäft gemacht hat. Die Szene rührt uns sehr, andererseits: Wir wissen nichts, nichts über sie, nichts über ihre Eltern und vor allem gar nichts über ihre Zukunft und das Glück ihrer Kindheit.

Brennende Felsen – Die gegend um Baku ist voller Ölquellen, Schlamm-Vulkane und austrendes Gas – das Gestein brennt hier seit tausenden von Jahren

Auf dem Weg nach Baku passieren wir wunderschöne Hochwälder, aber auch immer wieder trostloseste Mondlandschaften.

Von Wiederaufforstung keine Spur: Ölfeld vor Baku – das sieht hier zeitweise aus wie die Kulisse für einen Endzeit-Katastrophenfilm.

Die Hauptstadt Baku selbst zieht uns sofort in ihren Bann, aber wir werden ein paar Tage brauchen, bis wir das richtig einordnen können.

Wunderbares Baku – Die Hauptstadt Azerbaijans fasziniert uns vom ersten Moment an

Gestern haben wir auf einem Basar in einer dunklen Ecke einen interessanten Farbtupfer gefunden und einen interessanten Teppich entdeckt unter Planen, alten Decken und Plastiktüten. Wir handeln und kaufen das schöne Stück für 45 Euro. Wir lassen den reinigen für 10 Euro und machen ein Hammer-Schnäppchen, denn Teppiche dieser Art und Größe kosten selbst hier immer 200 bis 300 Euro. Später sind wir ins Teppichmuseum gegangen und der Besuch dort hat lehrt uns, wie widersinnig es ist, nach Azerbaijan zu kommen, um billige Teppiche einzukaufen. Es dauert Monate, so etwas herzustellen – da brauchen wir über Mindestlohn nicht zu reden. Wir kaufen auch noch einen Teppich zum regulären Preis, auch etwas aus Respekt vor der Kunst und dem Aufwand.

Teppichkunst – Kunstwerke wie dieses brauchen Jahre!

Die Hauptstadt hat uns voll für sich eingenommen und nur etwas halbherzig fragen wir, warum hier alles im Überfluss schwelgt, während die Leute auf dem Land hart arbeiten müssen und den ganzen Tag an der Straße stehen müssen um für ein paar Cent Granatäpfel zu verkaufen. Das ist ein mehr als krasses Missverhältnis. In Baku wimmelt es von teuren Autos, an der Hauptstraße gibt es eine Reihe von Top-Marken-Läden nur für Kinder und im Laden von “Young Versace” lädt der Gott Mammon die Zukunft der Stadt ein zu einem Catwalk auf handgeknüpfter Seide.

Apropos Gott: Azerbaijan ist laut Verfassung eine Islamische Republik. Als Tourist merkt man davon wenig bis gar nichts. Verschleierte Frauen sind Touristinnen, Alkohol ist überall frei verkäuflich und zumindest in Baku muss man die Ohren schon aufmerksam spitzen, um irgendwo einen Muezzin zu hören – kein Vergleich mit der Türkei. Und es macht auch keinen Eindruck, als sollte sich daran etwas ändern. Die Freundichkeit der Menschen ist – wie überall im Kaukasus – unermesslich. Familien klopfen an unsere Tür wünschen uns ein “Welcome in Baku!” und unser Hund wird auf den Flaniermeilen der Stadt mehrmals so heftig geherzt, dass wir Angst um seine Gesundheit haben.

Das Kaspische Meer – wir sind jetzt gut 6000 Kilometer von zu Hause weg.

Beim Blick auf das Kaspische Meer wird uns etwas melancholisch ums Reiseherz. Viel weiter hinaus in die Welt wird es für diesmal nicht gehen. Wir sind jetzt 6000 Kilometer von zu Hause weg. Allein zum nächsten Etappenziel Adana in der Türkei sind es fast 2500 Kilometer. Zu wissen, dass es bald in Richtung Heimat geht ist ein komisches Gefühl, denn uns (zumindest mir) fehlt gerade nichts.

Wir sind jetzt 6 Tage in Baku. Das Auto steht auf dem Parkplatz der Caspian Sea Mall. Hier wird quasi auf der grünen Wiese die ganze Wundereinkaufswelt noch einmal abgebildet. Menschen, die wir darauf ansprechen sind stolz, stolzer auf ihre Hochhäuser als auf ihre Geschichte.

Das nehmen wir mal so hin, denn genau wie wir im Westen haben sich die Menschen aus Baku ihr Stück Wohlstand geschnappt und werden es für keine Moral der Welt wieder aufgeben. Insofern ist Baku der unserer Heimat wohl am ähnlichsten wirkende Platz den wir auf unserer Reise finden konnten. Hier würde selbst der verwöhnteste deutsche Teenager keinen Mangel an gar nichts leiden.

Wir könnten noch länger bleiben, aber wir sollten den 28. rum in Tiflis sein. Das Leben hier ist noch einigermaßen zu finanzieren – wir gehen Frühstücken und abends ins Restaurant. Dabei geben wir inklusive Museumseintritte, Taxi etc. nicht mehr als 35 Euro/Tag aus. Das ist vergleichbar mit Jerewan – aber auf einem ganz anderen Niveau.

Jetzt müssen wir uns doch etwas beeilen, weil wir ohne Registrierung bei der Migrationsbehörde nur 15 Tage in Azerbaijan bleiben dürfen. Auf dem Weg zum Shirwan-Nationalpark bekomme ich arge Probleme mit dem 5-spurigen Kreisverkehr in Baku und übersehe eine Stopp-Linie. Sofort werden wir herausgewunken und es wird ein Busgeld in höhe von umgerechnet 30 Euro fällig. Während ich mich so ärgere tippt der Polizist unendlich in sein Handy. Er zeigt mir den Google-Übersetzer und winkt mich wieder in den Kreisverkehrchaos ein: “Touristen zahlen heute keine Strafmandate!” Solche kleinen Nettigkeiten reihen sich wie Perlen an der Kette in Azerbaijan. Es ist nicht so die überbordende Hilfsbereitschaft, aber immer steht irgendwo eine nette Seele, die einem weiterhilft oder mal ein Auge zudrückt.

Im Nationalpark fahren wir rund 100 Kilometer Offroad-Piste. Unser liebste App “I-Overlander” warnt, dass man hier “Mud-Experiance” benötigt, aber unser Ranger meistert das sauber, ohne dass ich Allrad zuschalten muss. Im Gelände muss man drauf achten, dass man nicht zu langsam fährt, denn dann schaukelt sich die Kabine mächtig auf. Später am Ausgang erklärt uns der Guide, dass es immer wieder Probleme mit Touristen gibt, die im Park geborgen werden müssen – entweder weil das Auto feststeckt oder weil sie sich verlaufen. Ich hatte unseren Park-Ranger immer per whatsapp informiert, wo wir stehen, damit er sich keine Sorgen um seine einzigen Gäste machen musste.

Im Park beeindrucken uns vor allem die “Seasides”, also die völlig unberührten Strandabschnitte. Allerdings: Unberührt heißt auch, dass hier niemand den Müll wegräumt, den das vielbefahrene Kaspische Meer anschwemmt. Müll ist auf unsere Reise ein grenzüberschreitendes und allgegenwärtiges Thema. Was nutzt es, dass in Baku jedes Herbstblatt weggekehrt wird, während nur 10 Kilometer weiter draußen fasst an jedem Zweig eine Folie flattert

Themawechsel: Im Park sehen wir unzählige Antilopen und einen echten Coyoten. Michel ist wie von Sinnen und nimmt sofort Fährten auf. Wir schreien fast eine Stunde herum, bevor er wieder auftaucht. Den Coyoten hat er zum Glück nicht gefunden. Der sah aus wie ein Fuchs im Schaferhundformat und hätte unser Schoßhündchen sicher “erledigt”.

Als wir den Park verlassen ist es schon dunkel und wieder bestätigt sich der wichtigste Tippe aller Kaukasus-Reiseführer: “Fahre niemals im Dunkeln!” Man sieht einfach nichts, teils, weil es keine Straßenlampen gibt, teils weil keine Fahrbahnmarkiererungen sichtbar sind. Wir erreichen glücklich das leider verschlossene Tor zum Gobustan-Nationalpark und machen es uns im Camper gemütlich.

15. Etappe – Armenien (13. Oktober – 5. November )

Da wir für Azerbeijdschan nun doch ein Visum brauchen entschließen wir uns, die Armenienetappe vorzuziehen. Das liegt hier alles eng beieinander, trotzdem übernachten wir noch einmal auf georgischem Boden, weil es hier im Grenzland so herrlich einsam ist.

Nach einer ruhigen Nacht passieren wir am nächsten Morgen nach dem mittlerweile gewohnten Border-Szenario die Grenze. Armenien ist arm, das merkt man sofort – auch daran, dass sich schnell Geschäftsmodelle entwickeln. Wir werden im Kreisverkehr nach der Grenze von einem jungen Mann abgefangen und regelrecht abgedrängt, damit wir bei seinem Auftraggeber die obligatorische Haftpflichtversicherung für das Auto abschließen. Er rennt so lange neben unserem Auto her bis wir uns entscheiden müssen entweder „seine“ Versicherung zu nehmen oder ihn zu überfahren.

Auf der Weiterfahrt konzentrieren wir uns auf das allgegenwärtige Wasserproblem, denn unser Frischwassertank fasst nur 60 Liter. Wir biegen auf eine Passstraße ein und erreichen nach abenteuerlichen Serpentinen ein Bergdorf mit dem malerischen Kloster Hagphat. Hier treffen wir Gerlinde und Monika aus dem Raum Offenbach, die auf einem 3-Monate-Roadtripp mit ihrem Mercedes Vito unterwegs sind. Nach kurzem Austausch unserer Erfahrungen gehen wir auseinander. Sie machen sich auf den Weg nach Tiflis und wir suchen uns nach der Wasseraufnahme ein Plätzchen für die Nacht.

Auf einem Feldweg treffen wir die beiden wieder und bekommen mit vereinten Kräften den Vito wieder flott, nachdem sich das nicht geländetaugliche Gefährt mangels Bodenfreiheit festzufahren drohte. Verabschiedung Nummer 2: ich weiß zwar nicht, was die beiden Damen auf diesem Pfad wollen, aber sie verabschieden sich tapfer und abenteuerlustig in die Dunkelheit der Talabfahrt. Eine Stunde später sehe ich ein Licht in der finsteren Nacht. Gerlinde kommt und berichtet, dass Monika im Auto über einem Abgrund hängt und sich nicht traut, von der Bremse zu gehen.

Ich schaue mir das an und sehe sofort, dass das hier ohne professionelle Hilfe nicht weitergeht, denn wenn das Auto kippt gibt’s einen Totalschaden. Zufällig kommt ein junger Mann den steilen Pfad heraufmarschiert. Ich laufe mit ihm die 3 Kilometer zurück ins Dorf und nach etwa 2 Stunden haben wir jemanden aufgetan, der uns mit seinem alten UAZ-Bulli aus Sowjetzeiten mit unglaublichem Getöse wieder auf die Straße zieht.

Monika ist mittlerweile mit den Nerven am Ende und ich fahre den Vito zurück über den blanken Fels bis zu unserem Stellplatz. Die Armenier freuen sich mächtig über die unerwartete Einnahme und Monika und ich machen uns zur Nervenberuhigung über eine halbe Flasche Ouzo her.

Bei allem Geschimpfe über den Ranger und die Kabine wird mir klar, dass ein umgebauter REIMO-Vito ohne Sperre und mit Automatikgetriebe alles andere als ein geeignetes Fahrzeug für einen Transkaukasus-Trip ist, wenn man auch mal abseits der geteerten Wege unterwegs sein will oder muss, weil Google-Maps solche Wege auch mal als Verbindungsstraßen ausmacht.

Am nächsten Morgen ist alles vergessen und wir starten Richtung Jerewan. Auch das zweite Kloster ist uralt, düster und so massiv gebaut, dass es ohne jede Pflege nochmal 1000 Jahre da stehen würde. Auf der Weiterfahrt stoppen wir an einem kleinen Info-Center und erfahren von einem perfekt Deutsch sprechenden Armenier, dass hier ein superreicher amerikanischer Landsmann ein Kinderprojekt „Children of Armenia Funds“ ins Leben gerufen hat. Uns wird klar, dass Armenien auf die Hilfe der zahlreichen Auslandsarmenier angewiesen ist, um solche Projekte überhaupt initiieren und pflegen zu können. Das Land selbst ist – so unser Eindruck – bettelarm und es fehlt etwas die Aufbruchstimmung, die man in Georgien fühlen kann.

Auf der Suche nach einem perfekten Stellplatz Kurven wir vergeblich herum. Wieder treffen wir unseren freundlichen Armenier, der “mal eben” vorausfahren will. Was folgt ist die raueste Gelände-Etappe, die wir bislang fahren mussten – er kannte den Weg nämlich auch nicht. Irgendwann übernimmt ein Geländewagen die Führung und nach ein paar Minuten stehen wir am See.

Auf solche Wege muss man in Armenien immer gefasst sein.

Am Morgen genießen wir die herbstlichen Impressionen rund um dieses kleine Wasserreservoir, das zu UDSSR-Zeiten mit mächtigen Rohren und Ventilen nutzbar gemacht worden ist. Wieder fällt mir auf, wie schwierig der Plan war, zentralistisch gesteuert ein so großes Gebiet wie die ehemalige Sowjetunion einigermaßen infrastrukturell am Laufen zu halten. Wie viel Eisen muss da verbaut worden sein, wenn selbst an diesem fernen Bergsee in Armenien so viel davon im Boden steckt? Gut – das System ist letzten Endes gescheitert, aber dass es überhaupt so lang funktioniert hat spricht einiges über das unermessliche Potential.

Es wird Herbst in Armenien – Nachts geht es schon regelmäßig unter null Grad.

Bei solchen Gedanken wird mir aber auch schmerzlich bewusst, dass unser System scheitern muss. Würde man einem dieser Armenier hier erklären, das FDP-Lindner weiter Wachstum ols oberste Staatsdoktrin fordert, man würde für verrückt erklärt werden. Deutschlands Reichtum ist verglichen mit Armenien so unfassbar groß, und der jung-senile Lindner will immer noch wachsen. Wie reich wollen wir denn noch werden?

So sehen hier die Stromverteilungen aus. Bei reichen Leuten endet noch ein daumendickes Rohr für Gas in der Box.

Auf dem Weg zurück zur Hauptstraße schauen wir uns das COAF-Projekt noch einmal an. Hier werden armenische Kinder nach dem Schulunterricht in ihren speziellen Begabungen weiter gefördert – völlig kostenlos und auf sehr hohem Niveau.

Seda Mkhitaryan erklärt uns das System “COAF”

Nach 5 Tagen “in der Wildnis” brauchen wir dringend mal eine Dusche und eine Waschmaschine und steuern den Campinglatz “3GS” an, wo wir endlich mal die “Overlander” finden, die sich auf unserer Bekanntschaftenliste bislang eher rar gemacht hatten. Hier wird an den typischen Gefährten geschraubt. Ich mit meinem Euro6-Ranger bin da eher der Exot. U.a. treffen wir die Herausgeber des Reiseblogs “www.paulchen-on-tour.de

Unimog, Mercedes, Iveco – Auf dem Campingplatz 3GS nutzen Overlander die Bedingungen um ihre Fahrzeuge auf kommende Aufgaben vorzubereiten.

Unseren Plan, doch noch in den Iran einzureisen, lassen wir wieder fallen, denn der Diesel soll dort so schwefelhaltig sein, dass unser Auto sofort in einen Notlaufstatus fallen würde.

Kloster Gekhard -Eine sehr intensive begegnung mit 1700 Jahren Kirchengeschichte.

Wir sind jetzt seit 4 Tagen auf dem Campingplatz 3GS und genießen Sandras Gastgeber-Qualitäten. Heute früh sind die drei Expeditionsmobile aufgebrochen und haben bei mir ein klares Gefühl hinterlassen: So um die Welt, das will ich nicht. Ich brauche ein Zentrum, wo ich mich mal hinsetzen und überlegen kann, was mir wichtig ist im Leben. Mir reicht mein kleiner Ausbruch und ich brauche ein Leben, das auch noch Platz für andere Dinge hat als Reisen. Natürlich werden wir weiter Reisen unternehmen, aber den Traum vom “Lifetime Travelling” lege ich zu den Akten. Unsere Absage an den Iran entspricht diesem Gefühl: ich will die Länder nicht wie Perlen an der Trophäenkette sammeln.

Der griechische Tempel von Garni – alles andere als eine Ruine und eindrucksvolles Zeugnis armenischer Geschichte.

Aber nochmals: Jeder so wie er mag.

Nach 5 Tagen verlassen wir den Campingplatz 3Gs. Zum Ausspannen und alles mal wieder in Ordnung bringen war das perfekt! Wir besichtigen noch das Kloster Gekhard und sind tief beeindruckt.

Das Kloster hat in seiner Abgeschiedenheit über die Jahrhunderte auf den Tourismus gewartetund sich in Teilbereichen über 1800 Jahre lang im Original bewahrt. Die in den Fels getriebenen Kirchenräume vermitteln einen Eindruck von der Frömmigkeit und dem Lebenstil der ersten Christen, die hier im Jahr 300 nach Christus das Christentum zur Staatsreligion formten.

Unvorstellbar wie viele Knoten es braucht, bis aus ein paar Fäden ein Teppich wird.

Wir fahren nach Jerewan, wo wir auf dem Parklplatz einer der mächtigsten Kathedralen des tief gläubigen Landes von einem Geschäftsmodell partizipieren können. Der Parkplatzwächter hält Plätze frei für Wohnmobilfahrer, die von hier aus perfekt die Stadt erkunden können. In einer Nebenstraße finde ich eine sympathische Zahnärztin, die mir kunstvoll für 15 Euro einen abgebrochenen Backenzahn saniert.

Unsere drei Tage in Jerewan sind sehr intensiv, vor allem, weil diese Stadt absolut Niveau hat. Hier gibt es Kunst an jeder Ecke, immer wieder interessante Gastronomie-Projekte, beeindruckende Sehenswürdigkeiten und ein ganz entspanntes Urban Live, das wir so nicht erwartet hatten.

Die Kaskaden – eins der Wahrzeichen Jerewans auf dem Weg, ein neuzeitiches Weltwunder zu werden.

Höhepunkt sind absolut ohne jeden Zweifel die sogenannten Kaskaden. Dabei handelt es sich um einen imposanten Ausbau einer einst von den Russen erbauten Verbindungstreppe zwischen dem Zentrum und Teilen der Oberstadt. Leider noch unvollständig sind diese Kaskaden wohl der größte Brunnen der Welt – für mich schon jetzt ein modernes Weltwunder. Das heruntergeführte Wasser bahnt sich immer neue Wege und auf den einzelnen Terassen haben die Armenier wertvolle Kunst präsentiert.

Das Projekt wäre sicherlich ohne die Hilfe von Auslandsarmeniern nicht möglich. Insbesondere das sich im Innern befindliche Museum für moderne Kunst verdankt seine Existenz einem US-Millionär mit armenischen Wurzeln. Hier werden die Besucher auf Rolltreppen an den Exponaten vorbeigeführt.

Apropos Wurzeln: Direkt an den Kaskaden finden wir mit traumhaftem Blick auf Jerewan das “Haus Charles Aznavour”. Auch der französische Sänger stammt aus Armenien – wie z.B. auch Cher – und hat hier viel Geld und Engagement investiert.

Die Blaue Moschee ist eine Insel der Ruhe im geschäftigen Jerewan.

Den Grund für das völlig unrealistische Aufkommen nobelster Nobelkarrossen im Jerewaner Straßenverkehr haben wir noch nicht herausfinden können. Ganz allgemein ist das hohe Verkehrsaufkommen sicher der Grund dafür, warum wir den Hl. Berg der Armenier hier aus dem dunstigen Kessel heraus noch nicht sehen können. Unsere nächste Station wird uns näher an den Ararat heranführen. Dann wird es auch langsam Zeit, sich um des Visa für Aserbeidjan zu kümmern.

Heute bekomme ich eine Mail von Mihaela aus Rumänien, die mich schmerzhaft daran erinnert, wie nachlässig wir unsere auf der Reise gesammelten Kontakte pflegen. Das liegt aber auch daran, dass es täglich neue Kontakte zu verwalten gibt. An alle unsere Freunde: “Wir werden das alles nachholen und unsere gesponnenen Ideen eine nach der anderen weiterspinnen.”

Nach dem Besuch des Genozid-Mahnmals, das an die Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern durch die Türken bis 1923 erinnern soll, sehe ich einiges klarer. Dieser Genozid ist nicht zu verneinen, es ist geschehen! Ob man es den Türken heute noch vorwerfen kann und sollte ist eine andere Sache, die ich schwer beurteilen kann. Fakt ist, dass Ost-Anatolien vor dem 1. Weltkrieg West-Armenien war und durch die Ermordung und Vertreibung der Plan der Jung-Türken unter Atatürk aufgegangen ist, Lebensraum im Osten zu schaffen und eine unbeliebte Ethnie quasi auszuschalten. Was wir heute landläufig als Kurdenland bezeichnet, war im Osten der heutigen Türkei ein intensiv von Armeniern geprägtes Land.

Ein mächtiges Mahnmal für eine mächtige Wunde in der geschundenen armenischen Volksseele.

Wer jetzt wo wann wen warum niedergemetzelt hat, lässt sich heute kaum sagen – fest steht, dass 1,5 Millionen Menschen starben, und die Türkei sich bis heute nicht zu einem kritischen Umgang mit dem Theme bewegen lässt. Fest steht auch, dass der Verdacht der Jungtürken, die Armenier würden mit den Russen kollaborieren, nicht ausreicht, um ein ganzes Volk zu massakrieren und zu vertreiben. Fest steht auch, dass die Kurden von der Vertreibung der Armenier sehr profitiert haben und auch sehr aktiv daran teilgenommen haben. Fest steht aber auch, dass in diesen Zeiten immer der Stärkere die Schwächeren massakriert hat wo immer es eben ging.

Dass sich beide Seiten nicht aussöhnen können ist aber eine unsagbar traurige Tatsache, die mich nachhaltig betroffen macht, weil ich beide Länder sehr liebe und auch viele kurdische Freunde habe. Initiativen zum Zuschütten der Gräben gibt es nicht.

Khor Virap – Mehr Geschichte kann kein Platz bieten. Unterhalb des Gebäudes rechts geht es rund 10 Meter in die Tiefe. Hier soll Gregor der Erleuchter 13 Jahre lang eingekerkert gewesen sein. Der Streifen im Hintergrund ist die Grenze zur Türkei.

Gut, dass wir anschließend den Abstecher nach Khor Virap gemacht haben, denn das wohl geschichtsträchtigste Kloster Armeniens rundet das Bild, das ich langsam von diesem Land bekomme, deutlich ab.

Wir machen Bekanntschaft mit einem liebenswerten Thailänder, der sich auf Instagram als begnadeter Aktionskünstler erweist…

Die schon zwischen Zar und Osmanischem Reich gezogene Grenze schlängelt sich am Fuß des über 1700 Jahre alten Gemäuers – im Osten das heutige Armenien, im Westen das damalige Westarmenien. Hier hat Gregor der Erleuchter nach 13jähriger Kerkerhaft seinen König geheilt und damit den Grundstock für die Einsetzung des Christentums als Staatsreligion im Jahr 303 gesetzt. ich krieche durch ein zehn Meter tiefes Mannloch über eine Eisenleiter in des tiefe Verlies. Ich halte es keine 10 Minuten aus, so beklemmend ist es, Millionen Tonnen von hartem Feld um sich zu wissen und sich vorstellen zu können, dass es keinen Weg heraus gibt. ich denke nicht, dass ich klaustrophobisch bin, aber hier war ich nah dran.

Auf dem Gipfel des heiligen Berges der Armenier gibt es kein Kreuz: Der Ararat steht auf türkischer Seite.

Wie ich am Abend sitze und auf den Sonnenuntergang , dem Grenzverlauf mit den Augen folge und an das unsagbare Leid der Armenier denke, da fällt mir auf: “Die haben wenigstens ein Land. Hier muss keiner hungern und von Krieg sind sie auch etwas entfernt!” Die Kurden, damals Nutznießer der Vertreibung der Armenier, sind immer noch da, wo sie seit Jahrhunderten stehen: Ohne eigenen Staat, bedroht an Leib und Seele.

Ob der junge Thailänder wirklich weiß was er da fotografiert – das Thema ist unglaublich komplex…

Westarmenien zog sich von Trabzon im Norden und Mardin im Süden hin bis zur heutigen Grenze nach Armenien. Das Land wurde ethnisch gesäubert, heute stellen die Kurden die Bevölkerungsmehrheit. Spuren zu einer armenischen Vergangenheit gibt es hier nicht.

Was mich wundert ist der auf armenischer Seite recht unspektakuläre Umgang mit dieser Grenze. Es gibt nur einen Grenzzaun, keine Soldaten, keine befestigten Stellungen. Ich kann beurteilen, wie es auf der anderen Seite des Ararats aussieht – hier sind die Türken scheinbar auf alles vorbereite und die Posten gut besetzt mit bewaffneter Jandarma. Der Ararat ist Sperrgebiet, so als würde es dort von revolutionären Grenzgängern wimmeln. Mein Bild der Notwendigkeit der türkischen Mlitärpräsenz ändert sich grad ein wenig , denn der Ararat und die flachen Gebiete drumherum machen derzeit nicht den Eindruck, verteidigt werden zu müssen. Später erfahre ich von Armeniern, dass die Grenze diesseits sehr wohl bewacht wirdund zwar von russischem Militär. Hier stehen sich Russen und Türken also in einer Konfliktsituation gegenüber, während die Kurden angeblich beide Grenzwächter nicht akzeptieren und die Grenzen nach belieben überqueren.

Tief beeindruckt von Khor Virap entscheiden wir uns, doch noch ein Kloster anzusehen und reisen weiter in den Süden. Bevor wir nach 4-stündiger Fahrt 80 Kilometer Luftlinie südlich von Jerewan die Klosteranlage Noravank erreichen, besichtigen wir die älteste jemals gefudene Produktionsstätte für Wein in einer prähistorischen Höhle. Das imposante Loch ist auch Fundstelle des ältesten jemals gefunden Schuhs der Welt.

Noravank liegt über einer dramatischen Schlucht und wir finden einen schönen Stellplatz direkt unterhalb der zwei aufwändig restaurierten Kirchen, die nach römisch-katholischen Maßstäben allenfalls als Kapellen durchgehen würden.

Das Merchandising der Klöster steckt noch in den Kinderschuhen – für ein paar Dram kann man eine Taube mieten und mit frommen Wünschen in den Himmel fliegen lassen

Wir fühlen uns langsam sehr wohl in Armenien, denn das Land ist auf eine wundersame Weise unspektakulär und unaufgeregt. Das Leben plätschert vor sich hin und der Oktober erweist sich als ideale Reisezeit. Die Wetterprognose deutet auf kein Wölkchen hin die nächsten 14 Tage und tagsüber ist es mit rund 20 Grad angenehm warm.

Wir sind dicht dran an der Grenze zu Bergkarabach, entschließen uns aber aus mehreren Gründen, die Partie auszulassen. Hauptsächlich geht es darum, dass ich in meinem Reiseblog nicht drüber schreiben könnte, denn die Einreise gilt in Azerbeidjan, wo wir als nächstes hinwollen, als Straftat. Bergkarabach ist Azerbeidjanisches Hoheitsgebiet – allerdings wurde nach einer blutigen militärischen Auseinandersetzung 1994 eine Waffenstillstandslinie gezogen. Armenien war in Bergkarabach einmarschiert, die azerbeidjanischen Einwohner waren geflohen und die Republik Bergkarabach wurde ausgerufen.

Seitdem hat kein Land der Erde die autonome Republik Bergkarabach anerkannt, nicht mal Armenien selbst – dies im Bewusstsein, dass dann der Krieg gegen Azerbeidjan wieder ausbrechen würde und das will wohl im Moment niemand.

Aktuell ist es absolut ruhig und sicher in Bergkarabach, das Touristenvisum kann für 6 Euro an der Grenze angefordert werden. Armenische Soldaten kontrollieren eine Pufferzone zum Nachbarn im Osten, ansonsten ist Bergkarabach ein Reiseland wie jedes andere auch – nicht unbedingt ein Sehnsuchtsziel, denn zu sehen gibt’s da nicht viel, aber immer noch eine attraktive Perle in der Länderkette von weitreisenden Overlandern.

Uns zieht es da nicht hin, also machen wir uns nach zwei schönen Tagen auf dem Campingplatz Crossways Gedanken über die Weiterfahrt Richtung Norden. Jasmin ist bei uns, die wir zuerst auf dem 3Gs-Camping getroffen hatten. Die Garmisch-Partenkirchnerin ist allein mit Hund unterwegs und hat letzte Nacht ein paar böse Erfahrungen gemacht, nachdem sie mit einem platten Reifen mitten im Nirgendwo liegen geblieben war. Am Ende ist zum Glück alles gut gegangen, aber auf die eindeutig Zweideutigen Anmachversuche einiger Armenier hätte sie gern verzichtet. Sie wartet nun auf dem Campingplatz auf Freunde, mit denen Sie in den Iran will.

Unvergessliche Fotomomente in Armenien.

Wir hahren zur Ruine eines einsamen Kirchleins bei Arates. Hier können wir nachvollziehen, dass armenische Kirchen nicht aus massiven Steinquadern gebaut sind, sondern nur dicke Steinplatten diesen Eindruck entstehen lassen. Die Ruine offenbart uns einen Baustil, der die Hohlräume zwischen den Platten mit einer Art Beton aus grobem Kies verfüllt.

Auf dem Gelände der Kirche finden wir eine Grabplatte, die offensichtlich die letzte Ruhestätte einer bogumilischen Bäckersfamilie markiert haben dürfte. Über die Bogumilen wird viel diskutiert. U.a wird vermutet, dass ihre strenge Glaubenslehre auf Maria Magdalena zurückzuführen ist.

Religionsforscher ordnen Grabplatten wie diese den Bogomilen zu. U.a. wird vermute, dass sich die Bogumilen, inspiriert von Maria Magdalena von Spanien aus Richtung Balkan ausgebreitet haben. Wie sie bis ins weit entfernte Armenien geschafft haben ist ungeklärt.

Wir fahren hoch zum Selim-Pass und übernachten auf 2400 Meter Höhe vor der historischen Karawanserei.  Hier ist eine offizielle Station der alten Seidenstraße und das Gebäude ist perfekt erhalten. Man bekommt einen Eindruck, wie überschaubar der Handel zu Hochzeiten der Seidenstraße war. Auf dem Platz vor der Karawanserei ist weniger Raum als vor dem Sichtigvorer Aldi. Am Nachmittag hatten wir noch ein schönes Erlebnis: In den kleinen Dorf-Geschäften gibt es so gut wie nie Obst, Gemüse oder Milch. Sowas brauchen die Leute hier nicht – das produzieren sie selbst. Sylvia zeigt ihre Einkaufsliste und eine weitere Kundin lädt sie in ihr benachbartes Wohnhaus ein, wo wir alles was wir brauchen in eine Tüte gestopft bekommen – zahlen dürfen wir dafür nicht. Die Armenier sind auf eine unspektakuläre Art und Weise sehr gastfreundlich.

Unser bislang höchster Stellplatz 2400 Meter über dem Meer

Unser Tagesziel – das Kloster Tegher – ist grad eine Riesenbaustelle. Wir können nirgendwo grade stehen und überall ist Staub und Sand. Daher beschließen wir, doch schon ins benachbarte Guesthouse zu gehen. Allerdings beweist  das Guesthouse von Arla und Albert einmal mehr, das nie etwas ist, wie wir es erwarten. Reisen bringt einen mehr und mehr davon ab, hohe Erwartungen an Tagesziele zu setzen – es passt sowieso nicht und wenn: Umso besser.

Viele ältere Armenier sind von bewundernswerter Vitalität – Wie Levon (82) , der den ganzen Tag mit hohem Aufwand und spürbarer Begeisterung Apfelwodka destilliert.

Das Guesthouse und die Töpferwerkstatt sind garantiert ein Sommertraum. Ende Herbst ist das alles aber etwas trostlos und schweinekalt. Wenn es dann aufgrund der Sprachbarrieren schwierig wird, sozial anzudocken, dann will man schnell wieder weg. Ich weiß auch nicht recht, wie ich den Beiden vermitteln soll, dass der gebotene Standard nicht reicht, um zufriedene booking.com- oder Tripadvisor-Kunden zu bekommen. Da muss man entweder absolut ehrlich sein in den Beschreibungen, oder das Niveau anheben. Wir übernachten in der Kabine.

Das Potential ist da bei Arla und Albert und sie werden als Gastgeber auch an den Herausforderungen wachsen – so wie das ganze Land. Ich lerne Levon, Alberts Vater, kennen und er führt mich in die Geheimnisse der Schnapsbrennerei ein. Er veranstaltet im Garten aus überreifen Äpfeln eine Riesensauerei, aber aus seiner abenteuerlichen Anlage tröpfelt glasklarer Apfelwodka.

“Das wär was für mich” – Sylvia nimmt eine Töpfer-Lehrstunde.

Wir verabschieden uns ohne Groll von unseren liebenswerten Gastgebern und machen uns auf den Weg zum Aragatz – mit knapp über 4000 Metern der höchste Berg Armeniens. Kurz vor dem Ende des Bergsträßchens treffen wir Lutz und Petra aus Potsdam, die mit einem geliehenen Lada 4×4 unterwegs sind.  Wir verstehen uns auf Anhieb und tauschen Adressen aus. In Augenblicken wie diesen wird mir bewusst wie viel Platz in unseren Köpfen und unseren Herzen ist für neue Leute, neue Kontakte, neue Abenteuer. Die Reise-Seele wird niemals sagen „Ich kann nicht mehr!“

Später erfahren wir per Email, dass die beiden keine schöne Nacht hatten, weil nicht jede Lastminute-Herbergssuche in einem kuscheligen Bettchen endet – gerade in Armenien nicht –  und man auch mal mit einer Absteige vorlieb nehmen muss, weil die Straßen düster sind und ein Lada kaum einen Schein nach vorne wirft.

Dieses Problem haben wir zum Glück nicht. Aber auch uns glückt nicht jede Standplatzsuche. Im nordarmenischen Gjumri – dem ehamaligen Alexandropol – parken wir einen Tag später an einem schönen Fleckchen, als während des gemütlichen Abendessens die Polizei an unsere Tür klopft und uns auffordert, uns sofort einen anderen Platz zu suchen, weil wir direkt vor dem Tor einer russischen Militärstation stehen. Das „sofort“ ist den beiden netten Polizisten sichtlich unangenehm, aber unsere Abfahrt lässt nicht eine Minute Aufschub zu.

Aber zurück zum Aragatz: Es ist knapp über Null Grad auf 3200 Meter und die kurze Besichtigung des Hotels ist wieder vom erheblichen touristischen Nachholbedarf der Armenier geprägt. Es sieht so aus, als wären hier seit Stalins Zeiten die Möbel nicht mehr verrückt worden. Die zwei kleinen Heizlüfter werden die Kälte nicht aus den muffigen Federbetten blasen können und so entscheiden wir, uns etwas tiefer einen Platz für die Nacht zu suchen.

Rückfahrt aus 3200 Metern Höhe. Im Hintergrund der Aragats – mit 4000 Metern der höchste Berg Armeniens. Temperatur: Um die 0 Grad in der Sonne.

Die Festung von Amberd bietet sich an, aber auch auf 2100 Meter kriegen wir in der Nacht Schlafprobleme in der dünnen Luft. Da hilft auch nicht, dass ich mit einer armenischen Familie im Zelt des Parkplatz-Imbiss noch die ein oder andere Wodka-Runde zum Wohl der deutsch/armenischen Freundschaft mitziehen muss.

Weiter geht’s an der Nordseite des Aragats entlang Richtun Gjumri. Wir haben noch knapp eine Woche Zeit und wollen uns jetzt ein Guesthouse suchen, wo wir mit stabilem Internet mal wieder ein paar Bilder hochladen und das Online-Visa für Azerbeidjan bestellen können. Die Erfahrung mit den beiden Polizisten schmälert unsere Freude am „frei Stehen“ absolut nicht, denn wir haben es dank unserer Übernachtungsstrategien endlich geschafft, mal ein Monatsbudget deutlich zu unterschreiten. Wir haben im Oktober knapp 1400 Euro ausgegeben für alles, wobei die ersten vier Tage in Georgien durch unterschiedliche Unternehmungen richtig Geld gekostet haben. Das Novemberbudget soll jetzt die 1200 Euro nicht überschreiten. Die notwendigen 50 Euro pro Tag hole ich aktuell satt durch Arbeit wieder herein und mir wird wieder mal schmerzlich bewusst, welch hohen Anteil am Einkommen Steuern und Sozialabgaben vereinnahmen. Würde ein bis dahin fest Angestellter seinen Aussteigertraum verwirklichen, so müsste er wesentlich weniger aufbringen als ein Selbständiger, der aus der einmal in Schwung gebrachten Schraube so schnell nicht wieder herauskommt.

Irgendwann muss die große Wäsche sein – und wenn’s mit eiskaltem Wasser ist.

Als wir in Gjumri zur Stadtbesichtigung aufbrechen wollen springt das Auto nicht an. Wie immer führen uns solche Situationen zu unvergesslichen Erlebnissen – so auch diesmal. Wir lernen den sehr hilfsbereiten Heros kennen, der uns und die Batterie zum Aufladen mit nach Hause nimmt. Hier erfahren wir aus nächster Nähe, dass das “Erdbeben 1988” noch immer nicht “erledigt” ist.

Siehe dazu auch Exkurs III: Das Erdbeben von 1988

Zum Glück springt das Auto wieder an und wir fahren durch zum Guesthouse Maghay in Wanadsor, Armeniens 3-größter Stadt. Hier genießen wir zu einem stolzen Preis die Annehmlichkeiten der Zivilisation und ich komme endlich dazu, die Azerbeidjan-Visa zu beantragen und den Reiseblog wieder auf Vordermann zu bringen.

Heros hat uns tiefe Einblicke in das Leben der Erdbebenopfer ermöglicht. Hier ist auch nach über 30 Jahren der Alltag noch nicht wieder eingekehrt.

Was mir hier – wie in allen bislang besuchten Städten des transkaukasischen Raumes auffällt: In den Städten lässt es sich gut leben und den Leuten geht es auch gut da – aber in den Randgebieten und auf dem Lande sind die Menschen bettelarm und der Sprung von der einen auf die andere Seite scheint nicht vielen zu gelingen.

Es wird Winter in Armenien und wir müssen zusehen, dass wir ins deutlich wärmere Azerbeidjan kommen.

Wir machen uns auf den Weg nach Azerbeidjan, wo wir am Kaspischen Meer an der Grenze zum Iran den Scheitelpunkt unserer Reise erreichen wollen

14. Etappe – Georgien (14. September – 12. Oktober)

Exkurs I: Das Weingut Vacheishvili
Exkurs II: Abchasien und Süd-Ossetien
Exkurs III: Das Verhältnis Georgiens zu Russland
Exkurs IV: Der Waschlowani-Nationalpark

Wir sind etwa 650 Kilometer von der Georgischen Grenze, 900 Kilometer von Tiflis und etwa 1100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Hier hätten wir in Wladikawkas das eigentliche Ziel unserer Reise erreicht.

Ich habe die Sorge um den abgebrochenen Außenspiegel und die kaputten Sicherheitsgurte jetzt in andere Hände gegeben, denn Improvisieren ist nicht die Stärke von Ford in Malatya. Es hätte nochmal 2 Wochen gedauert. Hier gibt es zum Glück unzählige kleine Schrauberwerkstätten, die sich über so einen Auftrag mächtig freuen. Auch um den zerrissenen Haltegurt für die Kabine kümmere ich mich selbst und werde auf dem Basar in Malatya fündig.

Unsere erste Begegnung mit dem kaukasischen Landvolk.

Dienstag, Mittwoch und Donnerstag haben wir an der Kabine herumgeschraubt. Da waren Schubladen-Schienen abgerissen, Türen verzogen und Klappen abgerissen. Der Kühlschrank war völlig verschimmelt. Gut, dass wir so nicht losgefahren sind und quasi gezwungen wurden, die Zeit zu nutzen.

Von wegen “Alpinisten sind Egoisten!” Auch im Kaukasus treffen wir fast ausschließlich auf nette Leute, die sogar ihr letztes Wasser mit unserem Hund teilen.

Dann endlich: Es ist Freitagmittag, das Auto ist fertig und wir starten. An der Grenze zu Georgien gibt es ein Schaulaufen von einem Grenzhäuschen ins andere, aber irgendwie alles höchst locker. Schon wenige Kilometer hinter der Grenze verwischen neue Eindrücke das gewohnte Türkei-Bild. Hier ist von einem Meter auf den anderen alles komplett anders – selbst die Hunde, vor allem die Landschaft. Wir fühlen uns aber sofort heimisch. Wir werden hier nicht auf den ersten Blick als Touristen erkannt, die Kinder laufen nicht hinter uns her und alles wirkt unerwartet europäisch. Die Georgier sind nicht unbedingt auf den ersten Blick sympathisch – eher wie die Sauerländer. Die Nacht verbringen wir auf dem Parkplatz eines russisch-orthodoxen Klosters und am nächsten Tag starten wir gut ausgeruht Richtung Tiflis.

Und was ist das denn für eine Stadt? Eine Million von 4 Millionen Georgiern wohnt in der Hauptstadt – und man kann das verstehen: Die Stadt hat ein wunderbares Flair, was uns spontan an Lubljana erinnert. Allerdings: Für Taxi, Essen, Simkarte und ein paar Kaffee lassen wir auch 40 Euro dort an einem Nachmittag. Von wegen “Das kost’ da fast gar nix…!”

Wir fahren zügig weiter, weil am Samstag unser Russlandvisum abläuft und wenn wir noch nach Wladikawkas wollen, müssen wir zügig über den Kaukasus. Auf der Strecke fragen wir einen Schäfer, ob wir auf seiner Wiese direkt am Fluss übernachten dürfen. Wir baden im eiskalten Fluss und freuen uns auf die nächsten Abenteuer.

Das Denkmal der “Georgisch-Russichen Freundschaft”

Mehr Bilder finden auf www.instagram.com/schmallenbergudo

Dann starten wir voller Erwartung unseren Tripp über die Georgische Heerstraße Richtung Wladikawkas. Unser Visa gilt noch für 3 Tage und wir wollen in Russland wenigstens einen Blick auf den Höchsten Berg Europas werfen.

Der historische Pass führt bis auf 2400 Meter und ermöglicht uns unvergleichliche Eindrücke. Das ist hier was ganz anderes als die Alpen – viel weiter, viel wuchtiger, irgendwie beeindruckender. Zwischendurch aufstrebende Skiorte, verwunschene Klöster, faszinierende „Lost Places“, Unmengen von Tieren auf der Fahrbahn und LKWs, die völlig angstfrei durch die Serpentinen gebügelt werden.

Am Denkmal für die georgisch-russische Freundschaft treffen wir einen Frau aus Hongkong, die von ihren Ängsten berichtet und ganz erstaunt ist, dass wir Deutsche wissen, was gerade in ihrer Heimat passiert.

Wir fahren durch bis Stepantzminda und nehmen nach einem tollen Frühstück mit Blick auf den 5000er Kashbek die Grenze in Angriff. Bis dahin wieder ein faszinierendes Niemandsland, in dem sich wirklich niemand für die Qualität von Straßen oder Tunnelanlagen verantwortlich fühlt.  Wir fahren in einen Tunnel und erschrecken uns mega, denn hier gibt es keinerlei Licht und die LKW donnern durch als wollten sie dem Sputnik hinterher ins All geschossen werden.

Dann die Grenze: der Georgische Zöllner checkt kurz die Papiere und winkt uns durch. Bei den Russen sieht das aber mal ganz anders aus. Erstmal Papierkram: Einreisedokumente ausfüllen, Passkontrolle. Der größte Wirbel wird um das Auto gemacht. Ich bekomme eine ordentliche Einführbestätigung mit ausgeklebtem Siegel. Die eigentliche Kontrolle des Wohnmobils läuft eher lasch. Trotzdem sind die Russen die ersten Grenzer, die wirklich in jede Schublade kucken.  Der Spaß dauert etwa 2 Stunden und ich frage mich, wie dort jemals dieser LKW-Stau abgefertigt werden soll? Auf dem Weg nach Wladikawkas passieren wir drei Kilometer lang einen wartenden LKW nach dem anderen.

Dann Wladikawkas: Was in manchen Reiseführern als verträumter Kletterer-Treffpunkt dargestellt wird, ist eine große moderne Stadt mit viel Hektik. Sylvia ringt dem Geldautomaten 1000 Rubel ab und ist megastolz bis wir ausrechnen, dass wir gerade 14 Euro gewechselt haben und damit nicht sehr weit kommen.

Uns wird schnell klar: Wir haben hier nur 2 Tage maximal, und in dieser Zeit werden wir uns auf diese völlig neue Kultur nicht einstellen können. Wir haben die gewünschten Stempel im Reisepass und beschließen, wieder nach Georgien zu fahren, wo wir auf Anhieb mit Land und Leuten warm geworden waren. Kurz vor der Grenze wird uns der bevorstehende Stress aber doch zu viel und wir biegen in einen Waldweg ab, um uns ein Nachtlager zu suchen. Der Ranger schraubt sich über eine Schotterpiste bis zu einem verlassenen Hotel und bei knapp über 2000 Meter finden wir einen Stellplatz mit einer nicht mehr zu toppenden Aussicht. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass ich von hier aus alle bedeutenden 5000er des Kaukasus auf einen Blick sehen kann.

Sonnenaufgang über dem Kaukasus – Hier von unserem russischen Stellplatz aus.

Kurz nachdem wir uns eingerichtet haben steht Polizei vor der Tür und klopft. Der Mann checkt unsere Papiere, scannt die Visa mit dem Handy ab und versucht uns verständlich zu machen, dass wir hier nicht stehen dürfen. Irgendwie hat ihn mein enttäuschter Blick aber doch überzeugt. Er macht ein Zeichen, dass wir zum Schlafen stehen bleiben dürfen, aber danach sofort verschwinden sollten. Er gibt auch die Richtung vor, offensichtlich geht es andersrum zu einer Art „Grünen Grenze“. Ob die Autos, die hier die ganze Nacht durch unterwegs sind irgendwas schmuggeln wollen wir nicht wissen.

Am morgen fahren wir wieder über die Grenze und sind deutlich entspannter.

Zurück in Georgien geht es uns sofort besser.  Dieses Land hat etwas Lässiges und sehr Entspanntes an sich – irgendetwas zwischen der Türkei, wo man dir auch ungewollte die Wünsche von den Lippen abliest und Russland, wo zumindest auf den ersten Eindruck eine gewisse Distanziertheit herrscht. Es ist sehr europäisch hier, und mir wird wieder bewusst, wie sehr die Integration in einen Kulturkreis mit persönlichem Wohlbefinden zu tun hat. Wie sehr müssen die Flüchtlinge in Deutschland darunter leiden und wie lange dauert es, bis die Seele die neue Kultur als freundlich empfindet?

Hier ist so viel Platz….

Ich komme hier mit der Arbeit gut voran, da es selbst in den entlegensten Tälern einen Hügel gibt, auf dem ich meine E-Mails abrufen kann. Tagsüber sitzen wir oft lang in Cafes, die grundsätzlich freies WLan anbieten. Als nächstes steht eine Wanderung zum Kasbek-Gletscher auf dem Programm. Aber alles mit Muße. Was man sonst an einem Tag erledigt – Anfahrt, Wandern, Rückfahrt, dafür nehmen wir uns jetzt drei Tage Zeit und genießen die unglaublichen Details. Z.B. dieses tolle Käsebrot, das es in Georgien für einen Euro an jeder Ecke gibt: Das Weißbrot wird im Steinofen mit ganz viel Käse gefüllt knusprig gebacken.

Hier auf 3000 Meter tickt die Uhr anders und man kommt ans Nachdenken…

Wir stehen hier nur frei und das klappt auch ganz gut. Heute morgen sind wir in der Einöde wach geworden und ein Allrad-Taxi nach dem anderen fuhr vorbei. Wo die hinfahren muss es etwas zu sehen geben, dachten wir uns und richtig: Die Kolonne führte uns in das Bergdorf Jota, von wo aus wir eine tolle Wanderung bis auf 3000 Meter hinauf genießen durften. Die Kasbek-Tour läuft uns ja nicht davon. Selbst hier oben auf 2600 Meter habe ich mit meiner Sim-Karte perfektes Internet. Der Parkwächter nimmt uns 10 Lari ab, dafür dürfen wir hier auch übernachten – für 3 Euro.

Faszination Kaukasus…

Wir sind jetzt seit einer Woche im Kaukasus und die Zeit fliegt nur so dahin. Stefantsminda ist ein Bergdorf, in dem sich Kletterer und Wanderer aus allen Nationen auf engstem Raum begegnen und hier auf eine einheimische Bevölkerung treffen, die sehr selbstbewusst die unglaublichen Ressourcen dieser Traumlandschaft verwaltet. Das Leben ist nicht so günstig wie erwartet, aber dafür ist das auch ein absoluter Hotspot hier. Wir stehen für 5 Euro auf dem Parkplatz eines kleinen Hotels – wer eine saubere Toilette haben will muss selber putzen. Gestern habe ich auf der Suche nach Ladestrom für die Kabine die Stromversorgung eines ganzes Stadtviertels ausgeschaltet .

Der Gipfel des Kasbek gibt sich wolkenverhangen…

Der 5000 Meter hohe Kasbek ist ein “Musthave” für jeden Georgien-Reisenden. Wir fahren hoch zum Kloster und starten eine wunderschöne Tour zur Berghütte auf 3300 Meter, nur einen Steinwurf vom mächtigen Gletscher entfernt.

Die Infrastruktur baut sich gerade erst auf – um über diesen Bach zu kommen mussten wir große Sätze hinlegen.

Wir sind jetzt eine Woche in Georgien und müssen am 29. in Tiflis am Flughafen Sylvias Freundin abholen.

Der Abschied vom Kaukasus wird uns schwer fallen. Selten hat uns eine Region so tief beeindruckt wie dieses Gebirge

Wir fahren die Georgische Heerstrasse zurück nach Tiflis und biegen auf die gut ausgebaute Autobahn Richtung Gori ab. Im Geburtsort von Stalin finden wir mit einer Mühe den Weg zu Nika Vacheishvilis Weingut. Die Straße führt durch Schlaglöcher und über Schotter und wir passieren ein Dörfchen nach dem anderen. Am Ende müsst ihr durch einen Fluß – soweit die Wegbeschreibung.

Die Anfahrt sollte sich lohnen, denn der Georgische Winzer hat sich hier ein echtes Juwel geschaffen. Wir entscheiden spontan, hier ein paar Tage Urlaub zu machen bei fantastischem Essen und einem echt guten Rotwein. Hier mehr dazu erfahren: Exkurs I

Nika und Diana Vacheishvili haben sich im Atenuri-Tal einen Lebenstraum erfüllt.

Nika Vacheishvili ist ehemaliger Kultusminister Georgiens und noch heute Professor für Kultur. Wir stehen mittlerweile ein paar Tage im Atenuri-Tal und sind vollkommen von der Magie dieses Ortes erfasst. Hier ist das Leben absolut entschleunigt, ohne dass man den Kontakt zum Aussen verliert – jeden Abend kommen neue Gäste und man sitzt beim Abendessen oder Frühstück mit immer neuen netten und interessanten Leuten beisammen.

Die Weinstöcke sind hängen übervoll, sollen aber noch 14 Tage Sonne bekommen. Nika hält sich an die über 1000-jährige Weinbautradition dieser Region.

Wir sind seit fast einer Woche auf dem Weingut Vacheishvilli und kommen das erste Mal in unserer Reisezeit wirklich “runter”. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich auf den Rhythmus der Leute hier und ihres Alltags einzustellen. Ich liege hier zwei drei Stunden in der Hängematte, höre Bob Dylan und spüre, dass man keine Pläne, geregelte Tagesabläufe etc. braucht, wenn man innerhab eines kulturellen Systems, in dem man nicht als Tourist bewertet wird, gutes Essen, einen Platz zum Schlafen und Muße zum Nichtstun hat.

Aber auch hier ist nicht das Paradies: Ich habe viel Gelegenheit, mit Georgiern über Europa und ihre Angst vor dem Nachbarn im Norden zu sprechen.

Siehe auch Exkurs II – Abchasien und Süd-Ossetien

Die Georgischen Straßenhunde sind sehr zutraulich und ganz selten aggressiv – aber auch wenn sich viele Georgier kümmern: Das Tierleid hier ist vielfach schwer zu ertragen.

Nach sechs Tagen auf dem Weingut sind wir extrem entschleunigt, aber mein Magen hat viel Wein noch nie vertragen und ich bin ganz froh, wieder los zu können. Wir verabschieden uns von Nika und Diana, die uns zu echten Freunden geworden sind und machen uns auf den Weg nach Gori, wo wir das Gedächtnis-Monument für den 2008er-Krieg und das Stalinmuseum besuchen.

In Gori leistet sich die Stadt die Erinnerung an einen berühmten Sohn: Stalin wird hier aber dankenswerterweise nicht gefeiert, sondern allenfalls nüchtern aber unkritisch dokumentiert.

Während mich die bronzenen Kriegerstatuen tief beeindrucken, wird mir das monumentale Stalin-Museum nur als muffige Ansammlung alter Teppiche und schlecht fotokopierter Fotos und Dokumente in Erinnerung bleiben.

Aus dem Krieg kehrt niemand unverseht zurück – das ist wohl die Aussage dieser beeindruckenden Erinnerung an den Abchasien-Krieg 2008.

Wir übernachten auf dem Flughafen von Tbilisi, den wir ohne Navi erst nach vielfacher Querung der georgischen Hauptstadt erreichen – mit den Nerven ziemlich am Ende. Autofahren in Georgien hat nichts von der munteren Lässigkeit, mit der die Türken unterwegs sind. Autofahren in Georgien ist Kampf, Streit und Auseinandersetzung, das macht keinen Spaß, vor allem nicht mit einem 3,5 Tonnen-Wohnmobil.

Der Flughafen verkörpert vieles von dem, für was Tiflis steht: Es ist ein Knotenpunkt zwischen Balkan, Russland, Türkei und Asien – und so wirkt das internationale Menschengewirr hier auch. Sylvias Freundin kommt nach Zwischenstopp in Istanbul pünktlich an und unser georgischer Freund Levan bringt uns in Zentrum, nachdem wir unser Wohnmobil am Rand der Millionenmetropole abgestellt haben. In Tiflis finden wir uns in einer wunderschönen Altbauwohnung (AirBNB) wieder, in der man Fußball spielen könnte, so groß ist sie. Die Damen schlafen und ich bringe mal wieder den Blog und Instagram aus Stand. Die nächsten 5 Tage steht “Tiflis” auf dem Programm.

Minarett der Juma-Moschee

Man braucht schn eine gute Woche, um Tiflis einigermaßen zu erfahren. Was hier fasziniert ist der teilweise erstaunlich gute Zustand der alten und teils unsanierten Bausubstanz, aber auch die Qualität der modernen Bauwerke. Dazwischen herrlich viel bunter und echt multikulturelles Leben.

Viel Aufwand für eine Fußgängerbrücke: Die Friedensbrücke.
Das Schauspielhaus mit dem Regierungsgebäude im Hintergrund.
In Georgien spielt Musik eine eine große Rolle – dieses Piano wird in einer Kneipenmeile den ganzen Tag von irgendwelchen Leuten bespielt.
Viele dieser Häuser sind liebevoll als AIRbnb-Appartements oder Hostels hergerichtet.
Vegetarische Küche in einem traum aus Stuck und Licht.

Schönen Gruß von Harry Potter…

Wir besuchen Marienfeld – etwa 20 Kilometer östlich von Tiflis – und finden wirklich noch “Deutsche Häuser”. Marienfeld – 1814 von Siedlern aus Württemberg gergündet, ist die älteste deutsche Siedlung in Georgien und es grenzt an ein Wunder, dass einige der in einem typischen deutschen Kleinbauern-Stil gebauten Häuser wirklich noch in der ursprünglichen Form stehen, obwohl die letzten Deutschen hier von Stalin direkt nach Ausbruch des ersten Weltkrieges nach Sibirien deportiert wurden.

Die alte Dame hat den großen vaterländischen Krieg, die Gräueltatet Stalins und die Selbständigkeit Georgiens erlebt – und auch die letzten Deutschen noch kennengelernt.

Die heutigen Besitzer haben weder das Geld noch das Interesse an der Erhaltung der Bausubstanz und leben dort einfach nur – gut isoliert hinter dicken Steinmauern. Wir dürfen ein “Deutsches Haus” besichtigen und sofort wird Kaffee und Kuchen aufgetischt. In einem tiefen Kellergewölbe bekommen wir eine private Weinprobe und wir betrachten ehrfürchtig die in den Putz gekratzten Notizen der ersten Deutschen in Georgien.

Spannende Sache: Private Weinprobe. Auch unser Guide Levan (links) staunt.
Wie vor 200 Jahren – ein “Deutsches Haus” in Marienfeld.

Uns wird zum ersten Mal bewusst, wie arm die Leute hier auf dem Land sind – aber auch wie ausgeglichen, zufrieden und gastfreundlich. Von Instagram oder Facebook hat hier kaum einer was gehört.

Stets werden wir mit großer Neugierund sehr offenherzig empfangen.
Mit dem Buggy durch Signagi – die engen Gassen sind mit dem Auto nicht zu befahren.

Zuvor hatten wir Signagi besucht und die alte Stadt mit ihren verwinkelten Gassen mit einem Gelände-Buggy erkundet.

Eine wunderschöne Stadt: Signagi gilt als “Love-City” als erste Adresse für Georgische Flitterwöchner.

Die Gastfreundschaft der Georgier wird nur noch durch ihre Tierliebe übertroffen.

Kakheti ist die traditionsreichste Weinbauregion Georgiens und der Weinbau ist hier auf auf die handwerklichen Fertigkeiten der ersten Deutschen zurückzuführen. In jedem Bauernhaushalt werden ein paar hundert Liter Wein produziert – daneben hat sich eine echte Weinbau-Industrie entwickelt, die Georgischen Wein auch exportiert. Die Region konnten wir derart intensiv nur mit Hilfe unseres einheimischen Guides erkunden.

Man könnte Tage durch Tiflis streichen und hätte immer noch nicht alles gesehen. Heute haben wir die Hundelady kennengelernt. Die Dame bettelt um Futter für ihre 5 Welpen und zahllosen Katzen, die rund um Ihren Schlafplatz streichen.

Wir fahren mit unserem unglaublichen Taxi-Guide Levan herum und besichten zwei beeindruckende Kirchen: Die eine neu und von einem Olligarchen vor 8 Jahren finanziert, die andere 600 Jahre alt und voller Geschichte.

Holy Trinity – vor 14 Jahren für unvorstellbares Geld auf der Grünen Wiese gebaut – heute religiöser Mittelpunkt Georgiens-.
Mzcheta – Die Klosteranlage ist extrem geschichtsträchtig und gerade innen fast vollständig unrestauriert.

Wir haben um drei Tage verlängert und sind in ein neues AIRbnb gezogen. Wir zahlen 16 Euro pro Nacht, müssen allerdings auch deutlich weiter laufen bis ins Zentrum.

Unser neues AIRbnb – diesmal nur ein Raum aber alles sehr praktisch und sauber. Für 16 Euro die Nacht.

Der nächste faszinierende Tiflis-Tag führt mich ins Nationalmuseum. Ich hatte vergeblich versucht, aus den gegoogelten Wikipedia-Bruchstücken ein funktionierendes Verständnis für die jüngerer georgische Geschiche zusammenzubasteln – leider vergeblich. Im Museum finde ich endlich den Faden, den nicht nur Stalin blutrot gefärbt hat.

Exkurs III: Das Verhältnis Georgiens zu Russland

Gefängnistüren, Exekutionsbefehle, Totenlisten, geheime Protokolle. Die Abteilung “Geschichte Georgiens von 1908 bis heute” ist unglaublich eindrucksvoll. Hoffentlich kann die Volksseele das alles irgendwann verarbeiten und Frieden mit Russland finden.

Sylvia war derweil im Schwefelbad und ist hin und weg: Hier treffen sich die Damen des Viertels zum gemeinsamen Baden und ausgiebiger Körperpflege. Tiflis ist auf heißen Schwefelquellen gebaut und das gemeinsame Bad hat hier Tradition.

So langsam ist auch gut mit Tiflis und wir tauschen das schöne Zimmerchen wieder gegen das Wohnmobil. Auf dem Weg zu einer Wüstenlandschaft im Süd-Osten des Landes müssen wir uns im Besucherzentrum registrieren und dann bei der Grenzpolizei eine Erlaubnis zum Betreten des Nationalparks an der azerbeidschanischen Grenze einholen.

Danach geht es 70 Kilometer über eine der schlimmsten Straßen die wir bislang gefahren sind. Irgendwann erwischen wir die falsche Piste und müssen uns in einem kleinen Dorf durchfragen. Aus einer feuchtfröhlichen Männerrunde steht einer auf und bietet sich als Führer an. Allein hätten wir das niemals gefunden. Englisch funktioniert hier übrigens überhaupt nicht mehr. Am Ende ist es auch dunkel und wir sehen gar nichts mehr. Internet für’s Navi ist auch aus. Wir machen Halt für die Nacht und erleben einen gigantischen Sonnenaufgang

Die drei Hirten wünschen uns einen guten Tag!
Echts Straßen gibt es hier nicht mehr.

Straßen gibt es hier nicht mehr, nur noch Pisten, die mir aber lieber sind als diese Schlagloch-Abenteuer.

Im Hintergrund der kleine Kaukasus und vor uns die Steppe.

Adler und Gänsegeier haben wir leider nicht gesehen. sehen. Wir haben eine Aufenthaltserlaubnis für 3 Tage, offiziell abgestempelt von der Border-Police. Man hat zwar keinen Stress mit den Nachbarn im Süden, trotzdem wird die Grüne Grenze im Rahmen der Möglichkeiten überwacht und kontrolliert. Drei Tage reichen auch – man kann den Staub nicht viel länger ertragen.

Hey Allemann – Kurdish Cigarettes? Im Nationalpark werden wir herzlich begrüßt – wie überall in Georgien.

Drei Tage Vaschlawi-Nationalpark – was für ein Erlebnis. Wir fahren rund 100 Kilometer im Schrittempo durch ausgetrocknete Bachläufe, trockene Steppe und malerische Schluchten. Hier ist es tagsüber immer noch um die 28 Grad und das Trinkwasser wird in Kanistern zu den Rangerstationen transportiert.

Die Piste schlängelt sich durch malerische Schluchten bis zur Grenze nach Azerbeidschan.

Die versprochene Artenvielfalt bekommen wir leider nicht zu Gesicht, aber diese massive Einsamkeit an einem der verlassensten Orte, an denen wir bislang waren, ist ein echtes Erlebnis, das lange nachhallen wird.

Wie im Wilden Westen – und die Schilder lassen keine Zweifel, welche Art von Fahrzeugen hier fahren sollten.

Wir kommen mit unserem Auto an unsere Grenzen, zumindest die steilen Abfahrten hinunter in die trockenen Flussläufe sind abenteuerlich, aber der Ranger macht das alles tapfer mit.

Mit einem normalen PKW ist das hier nicht zu machen.

13. Etappe – Die Türkei ( 6 . Juli – 13. September)

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Liebe Leser dieser Zeilen!
Mein Bericht über die Türkei ist sehr lang geworden, da uns der Unfall gezwungen hat, hier mehr als 6 Wochen länger umherzureisen, als es eigentlich geplant war. Ich habe mir für meine oft moralisierenden und schulmeisterlichen Formulierungen viel Kritik anhören müssen. Dafür danke ich sehr, denn diese Kritik ist absolut berechtigt! Ich beende die “Etappe 13” an dieser Stelle, um bis zum Wochenende alles noch einmal zu überarbeiten. Sollte in den letzten Tagen vor dem Grenzübertritt nach Georgien noch etwas passieren, werde ich das schon in “Etappe 14 – Georgien” vermerken.

Exkurs I: Wie verarbeite ich einen Unfall?
Exkurs II: König Antiochos I – Der Gottkönig im Berg
Exkurs III: Türkische Gastfreundschaft
Exkurs IV: Schicksalsfragen

Nach wirklich einfacher Grenzkontrolle fahren wir in die Türkei ein. Der Pulsschlag geht hier schneller, das ist uns sofort klar – spätestens als wir uns in die Schlange für die Fähre über die legendären Dardanellen einreihen. 10 Leute büllen verschiedene Kommandos und die Autofahrer machen was sie wollen. Nach 10 Minuten ist die Fähre voll.

Eine unbeschreibliche Hektik lädt das Boot – das ginge auch anders, wäre dann aber nicht mehr türkisch.

Nach kurzer Überlandfahrt, auf der wir unser erstes Kamel sehen, erreichen wir Camlik, das ist eine Art Campingplatz, für den man 10 Lira, also etwa 1,50 Euro, für die Nacht bezahlt.

Unser erstes Kamel – es sollten noch einige folgen.

Wir sind die einzigen Ausländer und die Kinder kommen und fragen, ob sie Englisch mit uns reden dürfen. Im Hintergrund dudelt Türk-Pop und es ist eine sehr entspannte Atmosphäre.

Eigener Strandzugang inklusive…

Die Kommunikations- und Arbeitsbedingungen sind 1a: Wir haben uns in Galipolli eine SIM-Karte mit 20 MB gekauft für 20 Euro. Der Diesel ist längst nicht so teuer wie gedacht: Knapp ein Euro.

Nächste Station ist der Campingplatz “Altin-Camp”. Hier planen wir die nächsten Tage. Troja, Ephesos und Pergamon sind zwar berühmte Orte in der Umgebung, aber ganz im Ernst: Ich kann keine alten Steine mehr sehen. Also minimieren wir den Besichtigungsmarathon auf Pergamon un fahren dann direkt nach Pamukkale. Die Annehmlichkeiten des Altin-Camps werden uns aber wohl noch etwas halten. In neun Tagen holen wir Ella in Antalya vom Flughafen ab.

Ein Schläfchen nach der Hitze des Tages – und dann ab ins Nachtleben.

Des Leben in der Türkei ist sehr günstig, insbesondere Nahrungsmittel wie Gemüse, Brot oder Obst sind unglaublich preiswert und von der Qualität nicht mit deutscher Supermarktware zu vergleichen. Die Pracht ist paradiesisch.

Am nächsten Morgen – es ist bereits 9.30 Uhr und die Zirkaden schlafen noch. Es herrscht absolute Ruhe auf dem Platz, obwohl hier gut 100 türkische Familien vor ihren Zelten, Wohnwagen und Wohnmobilen sitzen und frühstücken. Hier schreit keiner rum. Das ist alles überaus angenehm und ein Kontrapunkt zur Art und Weise, wie die Türken ihr Stadtleben präsentieren.

Einladen und eingeladen werden – das geht hier ganz schnell und unkomplizert.

Wir sind weiterhin die einzigen Deutschen hier und neben unserem Michel interessieren sich die Türken ziemlich für mein Auto. Das gibt immer wieder Anknüpfungspunkte für sehr schöne und auch sehr tiefgehende Gespräche, die in einer großen Herzlichkeit geführt werden. Was mich weiter tief beeindruckt ist diese Ruhe und Harmonie auf dem Platz und die Ausgeglichenheit der Kinder.

Papa interessiert sich für mein Auto, die Tochter hat nur Augen für den Hund: “Call me if you have any problems in turkey!” Wir werden die Nummer gut aufbewahren.

9. Juli – in sechs Tagen landet Ellas Flugzeug im 500 Kilometer entfernten Antalya und wir müssen uns auf den Weg machen – widerwillig! Wir haben hier im Altin-Camp tolle Leute kennengelernt, hatten ein Tagesbudget von unter 15 Euro und haben in schönen Gesprächen viel Angenehmes und Widersprüchliches über dieses große Land erfahren.

Ob türkischer Kaffee oder ein typisch türkisches Frühstück. Die Türken pflegen einen sehr bewussten Umgang mit Lebensmitteln.

Den Zwischenstopp in Pergamon haben wir nicht bereut: 150.000 Menschen haben hier gelebt und die Anlage – hoch auf einem Berg – vermittelt dazu einen absolut authentischen Eindruck. Das ich nicht mit den paar alten Steinen zu vergeichen, die in Olympia oder Epidauris rumliegen – das ist echt Geschichte zum Anfassen in einer beeindruckenden Umgebung – 700 Meter über Bergama.

Die 250 Kilometer bis nach Pamukkale absolvieren wir auf einer durchweg 2-spurigen Landstraße. An den Straßen hier kann sich Deutschland eine Scheibe abschneiden – nur dass sie in dieser Qualität hier gar nicht notwendig wären. Ich weiß nicht mit welchen Zuwachsraten die bei den kfz-Anmeldungen noch rechnen, aber Staus wird es hier niemals geben.

In Pamukkale will der Campingwart 150 Lira von uns haben, wir handeln ihn auf 90 runter und er ist nicht mal böse, eher leicht beeindruckt. Im Restaurant lernen wir Amel aus Usbekistan kennen. Er schwärmt so von seinem Heimatland, dass wir ernsthaft überlegen, den Schlenker zu machen. Auf dem Campingplatz ist mittlerweile der Australier Paul mit seinem Motorrad angekommen. Er ist seit 8 Wochen unterwegs und ist in Thailand gestartet. Wie ich ärgert er sich, dass der Iran als Transitland kaum noch genutzt werden kann und auch er empfiehlt uns Usbekistan und Kasachstan.

Das Auto läuft seit 1000 Kilometer ohne Mucken und auch die Kabinenelektrik ist stabil – so langsam packt uns das Reisefieber wieder.

Unglaubliche Eindrücke: Pamukkale gehört zu den Top5-Sehenswürdigkeitem der Türkei

Den nächsten Vormittag verbringen wir auf den Kalkfelsen, die wirklich schneeweiß in der Sonne strahlen. Die Türkinnen nutzen diese beeindruckende Sehenswürdigkeit als Laufsteg und schießen dabei nicht selten weit über’s Ziel hinaus. Ich lach mich tod wenn ich drüber nachdenke, dass wir in Deutschland mit den bei uns lebenden Türken eine Kopftuchdiskussion führen und die jungen Damen hier wirklich alles rausholen, was an Figur und Haut zu zeigen ist.

Es geht aber auch stilvoll, wie diese junge Asiatin beweist.
Pamukkale heißt “Weiße Festung” – in Anspielung auf die befestigte Stadtanlage hoch oben über dem Kalk – Das Amphitheater sieht aus, als hätte es gestern noch eine Aufführung gegeben.
Ein Blick von oben auf das neuzeitliche Pamukkale.

Am Nachmittag entfliehen wir der Hitze in die Berge und finden Tepe-Camping. Alles etwas gewöhnungsbedürftig aber wir verzeihen diesem tollen Land mittlerweile gern einiges.

Die Türken wollen mit uns diskutieren – über Erdogan, über die Türken in Berlin, über Trump und über EU-Beitritte. Sie machen das in einer herzerfrischenden Offenheit.

Hier hat mich vor allem ein älterer Türke zum Nachdenken gebracht. Ich habe ihn gefragt, warum seiner Meinung nach die Deutschen nicht mehr in die Türkei fahren. “Weil unsere Zeitungen ein falsches Bild über die Türkei vermitteln!” Ich konnte ihm erklären, dass es damit ganz und gar nichts zu tun hat, sondern dass es nur um fehlenden Respekt geht und um Anfeindungen gegenüber Deutschland und auch unserer Kanzlerin, und auch um die Verhaftung deutscher Journalisten und die unnötigen Anspielungen auf die Nazi-Zeit. Er hat sofort verstanden, dass das mit dem türkischen Volk – oder mit seinem Land als Kultur – aber auch gar nichts zu tun hat – aber es hat die Begegnung gebraucht, um sich greunzüberschreitend darüber bewusst zu werden.

Kaum sind wir mit dem Essen fertig bringen uns die Nachbar den Nachtisch – das ist wirklich unglaublich!!!

Die Leute hier wissen nicht mal wirklich, warum die Touristen nicht mehr kommen. Und ob der Tourismus wirklich zurückgeht, das wissen wir wiederum überhaupt nicht. Antalya hatte in 2019 Rekord-Zahlen zu verbuchen.

Mein Nachbar Durgan lädt mich ein und ich trinke Raki mit Wasser und finde wieder mal das Konterfei von Atatürk. Der Gründervater der modernen Türkei ist populärer denn je. Mit Nationalismus hat das aber gar nichts zu tun. Es ist eher ein Statement dafür, welche Qualitäten ein Staatsoberhaupt haben sollte.
Selfie mit Durgan: Der Diplomingenieur aus Ankara betreut hier in Denizli eine Baustelle und wohnt werktags auf dem Campingplatz. Er bietet mir rohe Köfte mit Schafskäse an, dazu einen Raki – perfekt.

Die 90 Kilometer zum Lake Salda zeigen ein anderes Bild der Türkei als das bislang gesehene. Ich würde das nicht als ärmlich oder rückständig bezeichnen – vielleicht eher als traditionell.

Den Leuten hier geht es wirtschaftlich nicht schlecht. Es stehen große Traktoren vor den Bauernhäusern aber alles in allem entspricht das doch eher dem Bild von Anatolien, das ich im Kopf hatte. Nimmt man die Kopftuchrate – hier 99 % – als Parameter, dann wird klar, dass die Türkei hier eine andere ist als rund um Istanbul, Ankara, Trabzon oder Izmir. Ob beide Teile harmonieren weiß ich noch nicht, aber schlecht gesprochen über die Landbevölkerung wird hier nicht, obwohl 70 % aller Türken in den 10 größten Städten des Landes wohnen.

Die türkischen Malediven: An den Ufern des Lake Salda, etwa 150 Kilometer nördlich von Antalya, sorgt kalkhaltiger Schlamm für beeindruckende Wasserfarben.

Am Lake Salda stehen wir frei: Die Solaranlage versorgt uns mit Strom, im See gibt es Süßwasser und für insgesamt 10 Euro haben wir in Salda Vorräte für 4 Tage eingekauft, inklusive einem Bund frischer Kichererbsen. Sehr angenehm: 1000 Meter über dem Meer geht die Temperatur nicht über 26 Grad und in der Nacht mussten wir unsere eingemotteten Decken wieder herauskramen.

Am zweiten Tag dösen wir grad so rum, als uns eine zehnköpfige türkische Familie aufmischt. Wir wissen kaum wie uns geschieht, da sind wir schon zum Abendessen eingeladen.

Die Kopdtuchfrage wird in der Türkei wesentlich unemotionaler geführt als bei uns.

Suleymann wohnt mit seinen Eltern und seiner Schwägerin in einem 3-stöckigen Haus. Die Familie hält zusammen, sonst würde es für den Tomatenzüchter und Frisör (im Winter) eng werden, die 5-köpfige Familie zu ernähren. Aber wenn es Gäste gibt, dann ist in türkischen Familien von Mangel nichts zu spüren. Wir unterhalten ins wirklich gut und staunen über die Weltoffenheit dieser Menschen

Zuhause bei Suleymann – für so viel Gastfreundschaft fehlen mir einfach die Worte.

Am nächsten Morgen müssen wir zum Frühstück kommen. In der Nacht zuvor hatte man uns von unserem Stellplatz vertrieben – übrigens das erste Mal während unserer Tour. Wir sind ein paar Meter weiter gefahren und alles war gut.

Ein türkisches Abendessen – so lecker…

Nach dem so ziemlich besten Frühstück, das ich bislang genießen durfte, gibt es eine Besichtigung der familieneigenen Tomatenzucht. Wir werden sofort eingespannt und helfen bis zum frühen Nachmittag. Es ist ein Knochenjob und für 8 Kilogramm Tomaten bekommt Suleyman einen Euro.

Am Lake Salda ist es so schön, dass man es fast nicht glauben kann…

Wir verabschieden uns von diesen herzlichen Menschen und finden auf dem Weg nach Antalya einen wunderschönen Stellplatz mitten im Wald. Einmal mehr preisen wir die Zuverlässigkeit der Apps, mit denen Fernreisende recht zuverlässig gute und sicherer Übernachtungsplätze finden. Wir nutzen Park4Night, merken aber, dass diese in Europa sehr populäre App in der Turkei kaum nochErgebnisse liefert und sind schon vor Wochen auf das von Offroad-Fahrern gestaltete IOverlander (sprich Eioverländer) umgestiegen. Die App führt uns zu einem Camyon mit gasklarem Wasser. Der Platz wird von 100ten von Türken zum Picknicken genutzt und die Holzkohle betriebenen Teekocher und Grills qualmen um die Wette.

Einen Grill und Fleisch dazu – Ohne diese Kombi ziehen die Türken in ihrer Freizeit nicht los. Und es sind immer mindestens 2 Generationen unterwegs.
Glasklares Wasser im Canyon…
Hier sind wir die Exoten – und die Leute freuen sich und begrüßen uns mit einer unglaublichen Herzlichkeit

In Antalya können wir endlich unser Tochter Ella in die Arme schließen. Wir machen jetzt erstmal Urlaub und fahren mit ihr nach Kas.

Prominenz in Kas: Michel trifft Donald Trump – oder zumindest seinen 4-beinigen Doppelgänger.

Thema Erdogan: Da gibt es viel zu berichten und ich freue mich schon auf die Diskussionen in Deutschland. Eins vorab: Es ist vieles nicht so, wie wir das in Deutschand sehen. Erdogan ist hier in allen Bevölkerungsgruppen ein Reizthema.

Antalya/Kas – Wohl eine der schönsten Küstenstraßen der Welt…

Noch mehr und immer aktuelle Bilder finden auf https://www.instagram.com/schmallenbergudo

Kaputaj Beach – noch so ein Superlativ
Meerjungfrauen inklusive – Badeurlaub hat hier schon eine hohe Qualität. Andererseits: In einem ferienhotel möchte ich hier nicht eingepfercht sein. Kaputaj Beach z.B. ist nur mit dem Auto zu erreichen.

Und “Essen in der Türkei” ? Auch der Hammer

Nach 5 Tagen AirBnB reicht es dann auch mal. Morgen geht es wieder auf die Piste und nachdem wir Ella Mittwochfrüh am Flughafen abgeliefert haben werden, geht es direkt nach Kapadokien und von da aus entweder nach Samsun oder nach Trabzon – auf jeden Fall ans Schwarze Meer. Am meisten freue ich mich, im Norden der Türkei wieder auf die “Aussteigerroute” zu stoßen und mal wieder Gleichgesinnte zu treffen und mit ihnen über Reiseziele zu reden.

Lieblingsplatz: Eine kleine Bucht 5 Kilometer östlich des etwas stressigen und auch ziemlich überteuerten Kas.

Am letzten Tag in Kas haben wir einen Tauchkurs gebucht – sind schon ganz aufgeregt.

Ein Hammererlebnis: Das Wasser ist kristallklar und es gibt eine unglaubliche Artenvielfat an Fischen zu sehe

Mittlerweile haben wir Ella wieder am Flughafen abgeliefert und sind auf dem Weg in den Norden. Nach rund 500 Kilometern durch das türkische Hochland erreichen wir Kapadokien und sind schon von den ersten Eindrücken geflasht – wie muss das erst im Zentrum z.B. in Göreme aussehen. Unser Stellplatz ist wohl bei türkischen Hochzeitspaaren beliebt und wir dürfen als Glücksbringer mit auf das Bild.

Wir haben hier in den letzten 5 Tagen so viel erlebt, dass ich hier kaum hinterherkomme. Hier den jeweils letzten Stand sehen.

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Da gibt es auch Videos vom Tauchen und viele Dinge, die ich hier einfach zeitmäßig nicht verarbeiten kann.

Vom Ihlara-Tal fahren wir ins Zentrum Kapadokiens und besichtigen unterirdische Städte, christliche Felsenkirchen. Am meisten staunen wir allerdings über diese unvergleichbaren Felsformationen, die sich teils wie steinerne Zipfelmützen aneinanderreihen.

Die Jungs vom örtlichen Offroad-Club transportiert hauptsächlich fernöstliche Kundschaft über Stock und Stein von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Wummernde Bässe begleiten die Asiaten auf jeder Station und zum Sundowning gibts Schampus unter großem Gekreische. Wir beobachten das von unserem Stellplatz aus und staunen über diesen Culture Clash.

Der Sonnenuntergang ist unvergleichlich – und lässt Fotos hier zwangsläufig wie gemalt aussehen.

Am nächsten Morgen – wie jeden Morgen – steigen hunderte von Ballonen auf und sorgen für unfassbare Fotomotive.

Nach dem Frühstück würden wir gerne die Kirchen in der Museumsstadt Göreme ansehen, aber die Art und Weise wie die Touristen hier mit sakralen Stätten umgeht stößt uns irgendwie ab. Wir besichtigen ein kleines Felsenkirchlein abseits der Touristenströme und bekommen einen Eindruck davon – wie Urchristen und Kreuzfahrer hier im Schutz der Felsen ihre Religion ausgeübt haben. Die “Undergroundcitys” sollen angeblich bis zu 10.000 Menschen Schutz geboten haben. Die langen Tunnelanlagen konnten mit großen Felsen verschlossen werden.

Viele Felsenkammern werden heutefür die Gastronomie genutzt.

Wir entfliehen dem kaum erträglichen Touristentrubel Richtung Osten und Sylvia hat einen tollen Stellplatz bei “IOverlander” gefunden. “Direkt am See da können wir uns endlich mal wieder richtig waschen!” Der See entpuppt sich als ebenso malerisch wie lebensfeindlich und ist im Sommer von einer 30 Zentimeter dicken Salzkruste bedeckt. Wir tanken Ruhe in der Einsamkeit und freuen uns auf unsere letzten Tage in der Türkei.

Lake Tuz: Der zweitgrößte See der Türkei ist 900 Meter tief und im Sommer von einer dicken Salzkruste bedeckt. Der Lake Tuzla ist deutlich kleiner .

Was uns hier immer wieder fasziniert ist die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, obwohl die Türkei immer wieder Stereotype bedient – aber das macht das land auch liebenswert und verstärkt den “orientalischen Chararakter”.

Ein Laden aus 1000 und einer Nacht, natürlich gibt es sowas auch.

Der Unfall

Nach unserem Abschied von Kapadokien sind wir zum Tuzlasee gefahren, auch um unsere Wasser Wasservorräte aufzufrischen. Leider ist der Tuzlasee ein Salzsee und im Sommer von einer dicken Kruste bedeckt. Am nächsten morgen stand also Wasser-Suchen auf dem Programm. Auf dem Weg nach Darende ereignete sich dann ein ein ziemlich heftiger Verkehrsunfall. Wir blieben zum Glück unverletzt, aber es gibt grad so viel zu organisieren, dass ich kaum dazu komme, die Homepage zu pflegen. Ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr für ein paar Tage auf Instagram schauen würdet, was gerade los ist. https://www.instagram.com/schmallenbergudo

Die Zeit nach dem Unfall – oder wie wir lernten, ein neues Verhältnis zur Zeit zu entwickeln

Es ist Dienstag, Tag 3 nach dem Unfall und wir sind mit einem Leihwagen in Ostanatolien unterwegs.

Wir sind hier in der Region Komagene am Euphrat tief im Kurdenland angekommen und die Menschen sind sehr arm hier. Wir sehen junge Frauen, die mächtige Bündel Grünzeug von den Feldern in die Ställe schleppe, während kleine Kinder sich mit 5-Liter-Kanistern Trinkwasser abmühen, das offensichtlich zu den Wohnungen transportiert werden muss. Hier ist es schon ein Job, den ganzen Tag auf eine Kuh aufzupassen oder mit einem Eselchen Heuballen von A nach B zu transportieren. Auf einem Feld zieht ein Pferd einen Pflug und die ganze Familie steht drumherum und schaut zu.

Auf einem Bergpass werden wir von der Militärpolizei kontrolliert. Das ist Alltag in der Türkei und passiert mindestens einmal am Tag. Die Soldaten sind grundsätzlich in voller Montur mit dem Gewehr am Anschlag – aber immer sehr freundlich, meist noch sehr jung. Auf dem Gipfel hat es sich eine Gruppe um ein paar echte Veteranen mit Teekochern unter einer Zeltplane gemütlich gemacht. Trotz aller Gelassenheit werden wir genau kontrolliert. Wir sind 400 Kilometer von der syrischen Grenze unterwegs im Kurdenland.

Kurz vor dem Mount Nemrut erreichen wir die “Kervanseray” und werden daran erinnert, dass die Region der einzig sicherer Platz für Handel Treibende auf der Seidenstraße war, wenn es mal wieder Streit zwischen Römern und Persern gab.

In Richtung Nemrut Dhagi wird die Straße immer schlechter, obwohl es sich bei den Monumenten auf dem 2100 Meter hohen Berggipfel um die bedeutende Überreste des Königs Antiochos handelt, der zur Zeit Christi Geburt hier am Euphrat eine wichtige Position am Berührundgpunkt der damaligen Weltmächte Rom und Persien einnahm und durch Handel zu großem Reichtum kam.

Heute ist Osman Wirt der Kervanseray und er fragt mich: “Was wollen die Europäer und Amerikaner hier?” So wie ich es langsam verstehe ist die Türkei der Meinung, dass die Problemlage zwischen Euphrat und Tigris nicht Sache der Amerikaner sei. Erdogan sei der einzige, der sich in diesen Zeiten den Europäern und Amerikanern entgegenstelle. Wieder merke ich, dass wir es uns in Deutschland viel zu einfach machen, wenn wir die Türkei in “gut und böse” oder “Für oder gegen Erdogan” aufteilen. Das funktioniert hier nicht.

Am zweiten Tag in der Kerwanseray fassen wir den Entschluss, an diesem magischen Ort die Reparatur unseres Autos abzuwarten und handeln mit Osmann einen angemessenen Preis aus. Für 50 Euro bekommen wir Vollpension und können sein Auto nutzen wenn wir wollen. Der Archäologe und Nemrut-Experte Anne aus Holland bietet an, uns aus Malatya abzuholen, nachdem er seinen Kumpel Kaes zum Flughafen gebracht hat. Wir nehmen dankbar an und akzeptieren, dass Osmann beleidigt ist, weil er das hätte machen müssen: “Ihr seid Familie, keine Gäste!”

Das Hotel Kerwanseray – Unser Heimat für die nächsten Wochen…

Insgesamt sind wir an diesem Tag rund 600 Kilometer unterwegs, nur um den viel zu teuren Leihwagen (50 Euro/Tag) wieder abzugeben. In der Werkstatt erfahren wir, das es unter Umständen einen Monat dauern kann, bis alle Ersatzteile beisammen sind.

Osmanns Zwillinge lassen uns nicht aus den Augen.

Abends lädt uns Osmanns Schwester, die uns begleitet, zum Abendessen an einem durch den Atatürk-Damm aufgestauten Nebenarm des Euphrats in Kahta ein. Kurz vor 11 kommen wir wieder zu Hause an und Osmann hat sich wieder beruhigt. Anne erzählt mir die unglaubliche Geschichte des Mount Nemrut und hilft mir dabei, wieder ein Stück aktuelle türkische Geschichte, Politik und Lebensart zu begreifen. Dem Mount Nemrut werde ich noch ein komplettes Kapitel widmen.

Überall auf unserem Weg werden wir auf einen türkischen Tee eingeladen.

“Pass auf, hier gibt es Schlangen und Skorpione!” Warnt mich Anne, als ich frühmorgens mit Michel ums Haus streiche. Das ist hier alles so fremd, dass ich zum ersten Mal wirklich intensiv das Gefühl habe, im Orient gelandet zu sein. Den sympathischen Holländer nenne ich nur noch “Indiana”… Seine Website: www.vertellervanhetoude.nl

Mit Dr. Jones unterwegs in einem Grabkammersystem hoch über dem Euphrat. Anne ist fast sicher, dass die Anlage mit Antiochos I in Verbindung gebracht werden kann.
Beim Barbier in Kahta: Anne und ich zahlen 8 Euro für eine Rundum-Gesichtsbehandlung und sehen anschließend wirklich gut aus 😉

Ich fahre mit Anne nach Kahta, weil er sich nach einer abgeheilten Verletzung, die er sich beim Abstieg in eine römische Grabkammer zugezogen hat, die Fäden ziehen lassen muss. Sowas wird in der Türkei vom pensionierten Onkel des Apothekers gemacht. Er sieht zwar kaum was, kriegt aber mit meiner Hilfe doch irgendwie die Fäden zu fassen. Anschließend lassen wir uns beim Barbier “das Gesicht machen”!

In Kahta sind wir die Touristen – die beiden jungen Leute sind froh, Englisch sprechen zu dürfen

Es ist Montag, 5. August 2019, und heute werden wir wohl endlich erfahren, wie es mit unserem Auto weitergeht – 9 Tage nach dem Unfall werden heute – wenn alles gut geht – die Teile bestellt. Das kann im schlimmsten Fall einen Monat dauern, da einige wichtige Sachen in der Türkei nicht auf Lager sind. Von diesen Informationen hängt ab, wie es weitergehen wird. Wir haben unser Zimmer in der Kervansaray bis Freitag gebucht und müssen dann sehen, wie wir unsere Tour fortsetzen.

Freitag verlässt uns Anne und ohne den kann ich es mir hier nicht vorstellen, also werden wir auch weiterfahren. Unser Plan ist, erst einmal nach Kahta zu fachren und uns hier neu zu organisieren. Der Plan, mit mit einem Leihwagen das Land zu erkunden schlägt fehl, weil wegen des kurdischen Schlachtfestes alle Autos belegt sind. Wir gehen jetzt nach Kahta ins Hotel bis wir ein Auto haben. Für diesen Tripp haben wir jetzt 4 Wochen eingeplant, bis dahin sollte das Auto fertig sein und wir können uns dann ganz intensiv Armenien vornehmen. Den Bus nach Tiflis können wir vergessen, weil öffentliche Verkehrsmittel in der Türkei keine Hunde transportieren.

Nach 5 Tagen rumgammeln brauchen wir und der Hund etwas Bewegung. Wir laufen zum Gipfel des Nemrud. Hin- und zurück etwa 20 Kilometer
Die Ostterrasse zeigt noch die die Rümpfe der Statuen – allerdings sind die Köpfe kleiner als auf der Westterrasse.
Gottkönig Antiochos I Teos

Während der kommenden Tage in der Kervansaray werden wir tief in einen seit Jahren schwelenden Familienstreit hineingezogen. Das endet damit, dass unser holländischer Freund Anne – ein “Bremer” (türkisch für “Bruder”) des verstorbenen Hotelgründers auf unserem gemeinsamen Weg nach Kahta von der Polizei angehalten und verhört wird, weil er angeblich die Zeche geprellt haben soll. Zum Glück kann er die Reise zum Flughafen fortsetzen, nachdem die Familienältesten sich für ihn eingesetzt haben. Wir hatten zuvor eine Stunde mit Osmann gestritten, was wir für die Biere am Abend bezahlen sollen und warum Tee nicht – wie üblich in der Türkei – umsonst ist.

Uns ist das alles immer noch sehr fremd, aber ich merke, wie ich so langsam in diese Kultur hineingleite. Als normaler Durchschnitts-Antalya-Touristen hätten wir diese Situation nicht klären können.

Wir sind jetzt im Hotel “Kommagene” in Kahta, zahlen 20 Euro für’s Doppelzimmer mit Frühstück (50 Euro in der Kervansaray mit Vollpension) und werden hier wohl nicht die Reparatur des Autos abwarten Wir laufen in die Stadt, um doch noch zu versuchen, einen Leihwagen zu bekommen, trotz Bayramfest.

Sylvia fragt sich nach einem Damen-Friseursalon durch. Gar nicht so einfach in einer Stadt, in der es gefühlt 50 Herrenbarbiere und friseure gibt. Sait hilft uns und wärhend Sylvia in einem versteckten Seitenstraßen-Hinterzimmer die Haare gemacht bekommt, verhandle ich mit einem Autoverleiher in der Nachbarschaft um einen Leihwagen. Das Auto ist fast neu und soll 45 Euro kosten. Eigentlich ein guter Preis, aber genauso eigentlich brauche ich gar nicht so ein neues Auto. Ich will nicht mehr als 20 zahlen und frage, ob er kein kleineres Auto hat. Hat er nicht, wegen Bayram. Ich sage ihm dass ich 20 Euro, also etwa 120 türkische Lira bezahlen würde.

Man spürt, dass er für das bevorstehende Fest Geld braucht und er bietet mit 170 Lira an. Sait flüstert mir zu: “Sag 160” und Özal der kurdische Autoverkäufer willigt brummelnd ein. Ich hab jetzt für 25 Euro am Tag ein Super-Auto.

Halbgötter unter sich: Antiochos und Herakles sind auf diesem Handshake-Relief zu sehen. Die mächtige Tafel ist zentrales Element der Kultstätte Arsameia.

In den nächsten Tagen sind wir auf Antiochos Spuren unterwegs und besuchen die klassischen Stationen der Nemrut-Tour: Arsameia, die Römische Brücke und Karrakus, das Grabmal von Antiochos letzter Königin. Es ist teilweise bis zu 45 Grad heiß, aber die steinernen Monumente ziehen uns doch in ihren Bann.

An der Römischen gruppe haben wir wieder intensiven Menschenkontakt. Unseren Michel lieben hier alle.

Wir brechen auf zu unserer Süd-Ost-Anatolien-Rundfahrt, müssen uns aber zuerst von Tulays Familie verabschieden, was am Haupttag des Bayram-Festes nicht ganz so einfach ist. Gastfreundschaft ist in diesen Tagen besonders wichtig.

Hinter dem Haus werden zwei Hammel geschlachtet . Ob und wie das viele Fleisch mit den Armen geteilt wird wissen wir nicht – eigentlich ist das die Tradition des Türkischen Opferfestes.

Nun geht es über Dyabakir in den Süden und nach einem Tag Fahrt erreichen wir Mardin. In der Altstadt kriegen wir eine Hotelabsage nach der anderen: “No pets allowed!” Irgendwann klappt es dann doch: Ein Hotel hat ein Extrazimmer für Hunde, und das ist frei und bezahlbar. Hinter den dicken und 900 Jahre alten Mauern tauchen wir ein in ein Märchen aus 1000 und einer Nacht.

Am Horizont müsste Syrien sichtbar sein – unvorstellbar, dass nur ein paar Kilometer vondiesem friedlichen Ort Krieg herrscht.

Emre ist im Hotel für die Gästebetreuung zuständig und bietet uns eine persönliche Stadtführung an. Wir nehmen das gerne an und tauchen ganz tief in die Geschichte dieses Ortes ein. Wir erfahren, dass der Turm der großen Moschee von den Mongolen geschliffen wurde und dass Teile der Stadt über 1000 Jahre alt sind.

Am Abend gehen wir auf eigene Faust essen und fallen auf die Nase dabei: Für ein mittelmäßiges Fastfoodmenue berechnet man 220 Türkische Lira, also etwa 30 Euro, mehr als doppelt so viel, wie das Essen wert war. Zumindest bei der Abrechnung konnten wir noch 40 Lira rausholen, weil die sich schlichtweg schlampig verrechnet hatten – trotzdem ärgerlich. Für die nächste Touristenfalle sind wir gewappnet.

Am nächsten morgen brechen wir auf und reisen weiter Richtung Osten. Die Schilder weisen den Weg in den Iran – leider ist ohne Visa nix zu machen, in den Irak können wir mit unserem türkischen Auto auch nicht und die Armeniengrenze ist seit der Selbständigkeit Armeniens eh geschlossen. Also gebietet uns der mächtige Ararat die aktuellen Grenzen der Reisefreiheit.

Auf dem Weg zum Hl. Berg der Armenier passieren wir einen 2800 Meter hohen Pass. Es ist schon dämmerig und Fahren ist hier echt Konzentrationssache. Weil ich plötzlich die Straße nicht mehr sehe trete ich voll in die Bremsen und komme mitten in einer Schafherde zum Stehen. Die Hirtenkinder winken uns zu und rings um uns her mäht es fröhlich. Nicht auszudenken, wenn wir hier mit hoher Geschwindigkeit reingerauscht wären. Schutzengel – mal sind sie da, mal nicht…

Aus fast 50 Kilometer Entfernung ist der mächtige Ararat gut zu sehen. Im Hotel erfahren wir, dass man ohne Guide und “Sport-Visa” nicht mal in die Nähe des Berges kommt. Es gibt hier angeblich offene Auseinandersetzungen mit der kurdischen PKK – da will man nicht noch unbedingt Touristen um die Beine haben. Fragt man die Leute auf der Straße, dann glauben die nicht an diese Version. Man ist eher der Meinung, dass man der Kurdenregion den Aufbau einer rentierlichen Tourismusindustrie nicht zubilligen möchte. Wie immer liegt die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen.

Auf den Straßen alle 500 Meter ein Militärposten, junge Burschen posieren hemdsärmelig mit dem Maschinengewehr aus deutscher Produktion über der Schulter am Straßenrand, die Einsatzfahrzeuge wirken auch einsatzbereit. Das alles wirkt nicht unbedingt bedrohlich, trotzdem spürt man mit jedem Kilometer, dass man sich den aktuellen Brennpunkten des Weltgeschehens nähert. Wie im Rest der Türkei auch: Wikipedia gibt’s hier nicht…

Abends schlendern wir durch die Stadt und dank Michel werden wir hier sofort als Exoten erkannt und entsprechend beobachtet. Da wir kein Restaurant finden, in das wir Michel mitnehmen dürfen, holen wir uns was “auf die Hand”, einen Ayran dazu – reicht! Besonders auffällig: Das öffentliche Leben wird hier zu 99 % von Männern bestimmt. Die Frauen scheinen darüber nicht unglücklich zu sein, aber manchmal frage ich mich: “Für wen posen diese ganzen Gockel eigentlich?” Nach 8 kommen hier 100 Männer auf eine Frau.

Unseren 2. Tag am Ararat verbringen wir mit unzähligen Cay in einem Straßencafe. Wir lernen einen Tourguide kennen, der mit uns für 100 Dollar pro Person bis auf 3200 Meter wandern würde und diskutieren mit den Türken darüber, ob man den Bettlern Geld geben sollte oder nicht. Ihre Meinung ist eindeutig: Ein erfahrener Bettler macht um die 150 Lira am Tag, Mitleid ist da fehl am Platz. Aber es nervt: Kinder und Jugendliche prügeln sich auf offner Straße um Reviergrenzen und es hört einfach nicht auf – man wird alle 10 Meter angebettelt.

Der gesamte Ararat ist militärisches Sperrgebiet – ich denke, selbst ihn zu fotografieren ist verboten. Die Besteigung mit einem Guide kostet etwa 400 Euro.

Wir flüchten und schauen uns die Hauptsehenswürdigkeit der Region an, den Ishak Pasha Palast. Das monumentale Gebäude wurde auf dem Niveau eines Neubaus restauriert und hat sicherlich dadurch einiges an Charme eingebüsst. Auch das ist typisch Türkei: entweder sie lassen ihre Ruinen zerfallen, oder sie restaurieren sie völlig über Bedarf. Für ein Hammer-Sunset-Photo reicht’s aber allemal.

Auf dem Rückweg essen wir hervorragend für 60 Lira (13 Euro) und staunen über den Weihnachtsschmuck in der Stadt.

Während ich fotografiere kommt ein Militärpolizist mit Maschinengewehr auf mich zu und wil kontrollieren, ob ich militärische Einrichtungen oder Personen fotografiert habe. Das ist hier permanenter Ausnahmezustand. Aber die “Jandarma” ist stets korrekt und freundlich. Über die türkische Militär-Polizei hören wir während unserer gesamten Reise kein böses Wort aus türkischem Mund.

Zurück im Hotel treffen wir Ray aus Neuseeland und seinen iranischen Tourguide Hossein.

” Grenzgänger: “Mr. Hosseinbringt sogenannte “Overlander” über die iranische Grenze. Ray aus New Zealand nimmt das gern in Anspruch – und hat auch das Geld dazu.

Hossein gibt uns seine Telefonnummer und sein Versprechen, dass er uns in den Iran bringen kann – Anruf genügt.

So froh wir auch sind, mit Dogubayazit wohl die typischste aller Kurdenstädte im Osten der Türkei intensiv kennengelernt zu haben, so froh sind wir auch, hier wieder wegzukommen. Für mich hat sich hier hier ein Paradoxum entschlüsselt. Ich weiß jetzt, warum der arme Osten zu den Stützen der AKP gehört. Das hat nichts mit Politik zu tun, man wählt hier aus religiösen Motiven und zwar genau die Partei, die für die Beibehaltung und Regeneration der alten Werte steht. So konnte die CDU in Deutschland zu einer Volkspartei werden. Ein Rezept für alle Zeiten ist das sicher nicht.

Verschleiererung wirkt hier nicht fremd oder bedrohlich – selbst in der hintersten Kurdenstadt dürfen sich Mädchen kleiden wie sie wollen – auch schleierlos. Vielen gefällt das nicht…

Ob hier neue Straßen gebaut werden oder nicht, das steht hier gar nicht zur Diskussion. Es geht um die Wahrung einer ausschließlich von Männern dominierten Gesellschaftsform. Dass sich an der Vorherrschaft der Männer nichts ändert, dafür steht die AKP und dafür wird wird Erdogan selbst von den Kurden gewählt, die ansonsten nicht viel von ihm zu erwarten haben. Dieser Knoten lässt sich nicht auf die Schnelle lösen vor allem nicht durch Druck aus dem Westen.

Bei “Ararat Carpets” erfahren wir viel über Land und Leute. Hier werden Web-Kurse angeboten, damit Mädchen und Frauen der armen Landbevölkerung ein Auskommen haben und eine uralte Handwerkskunst erhalten bleibt.

Wunderschöne Teppiche – und die Herstellung eingebunden in ein soziales Projekt.

Wir erleben hier unglaublich viel – zum Glück haben wir ein Auto. Mobilität ist hier ein großes Thema und um mit dem Minibus von A nach B zu kommen, braucht es gute Nerven. Das Autofahren in den Städten Ost-Anatoliens ist nichts für Weicheier. Wichtig: Man muss in Bewegung bleiben- wer stehenbleibt hat verloren und kommt nicht mehr vom Fleck. Das geht nicht übertrieben hektisch zu, aber man muss mit allem rechnen. Es wimmelt hier von selbstgebauten Transportmitteln und es interessiert wirklich niemanden, ob Verkehrsregeln eingehalten werden oder nicht. Verkehrspolizei, also die Trafic Polis , habe ich in ganz Ostanalolien nicht gesehen. Die hat sowieso eher “Hostessen-Status” und steht meilenweit unterhalb der Jandarma.

Unser Leihwagen hat viel zu tun: Mit 70 KW quält sich der Fiat über die Pässe, die hier alle jenseits der 2000 Höhenmeter liegen.

Wir fallen hier als Europäer mächtig auf. Unser Michel teilt die Massen in der Fußgängerzone wie Mose das Rote Meer. Hunde als Haustiere gibt es hier nicht. Das Thema “Armenien” wird hier – im Gegensatz zur Resttürkei – nicht tabuisiert. Ich erfahre viel über die Entstehung des Streites und kann auch langsam nachvollziehen, warum sich die Türkei gegen Verallgemeinerungen in der Genozid-Debatte wehrt. So ist z.B. der Anteil der kurdischen Milizen und deren Bereicherung am Vermögen vertriebener oder ermordeter Armenier in Deutschland weitgehend nicht bekannt.

Etwa 100 Kilometer vor Trabzon ändert sich die Vegetation mit einem Schlag – feuchter Nebel wabert aus den Tälern und die Temperatur sinkt um fast 20 Grad

-Marke. Auf einer der Ost/West-Hauptrouten für Rauschgift geraten wir in eine Kontrolle der türkischen Drogen-Fahnder. Wir werden intensiv gefilzt.

Ohne Tripadvisor wären wir hier verloren und würden solche Perlen wie das Tehran Hotel nicht finden

Wieder fällt mir auf, dass wir den Militär- und Polizei-Apparat der Türkei nicht mit unseren Maßstäben messen können. Die stecken mittendrin, haben nicht wirklich gute Verhältnisse zu ihren Nachbarn und innen- wie außenpolitisch nicht einfache Gemengelagen zu verarbeiten. Wir müssen unsere Grenzen nicht schützen – vor wem denn auch? Den Belgiern? Hier sieht das etwas anders aus.

Die Mädchen hier sind total offen und selbstbewusst – ob sie frei über ihre Zukunft entscheiden können? Ich weiß es nicht.

In Macka finden wir ein Hotel, in dem wirklich niemand einen Brocken Englisch oder Deutsch spricht. Das ist schon eine Herausforderung. Zum Glück können andere Gäste übersetzen – sonst müssten wir verhungern…

Apropos verhungern: Das ist hier das kleinste Problem!

Rund um Trabzon gibt es interessante Klöster und Kirchen zu besichtigen. Ab Mitte kommender Woche werden wir dann wieder zum Nemrut ziehen, wo wir bei Tulays Familie ein kleines bischen Heimatgefühl auftanken wollen. Im Euphrat-Hotel konnten wir einen guten Rabatt aushandeln und hier werden wir dann endgültig die Reparatur des Campers abwarten.

In Macka platzen wir in eine türkische Hochzeit hinein – wie man ohne Alkohol schon am frühen Morgen über Tische und Bänke gehen kann, bleibt ein türkisches Geheimnis.
Alles so schön bunt hier…

Es regnet in Strömen und die Landschaft 40 Kilometer von der Schwarzmeermetropole Trabzon wirkt mit tief hängenden Wolken und dichterVegetation wie ein Urwald am Amazonas.

Die kleinen Läden sind ein Paradies für Shopping-Queens und das alles kostet fast gar nichts…

Wir fahren nach Macka und lernen hier wieder unglaublich viele nette Menschen kennen.Wir fühlen und auf Anhieb wohl, denn diese Stadt verströmt etwas Westliches. Keine “Gruppen junger Männer”, die aufgebrezelt den Macho machen, gepflegte Läden und eine liebenswerte Betriebsamkeit. Die Frauen sind zum allergrößten Teil unverschleiert und es gibt mindestens ebensoviel Damen- wie Herrenfriseure. Trotz bleibt es türkisch. Hier kuckt sich niemand den Schaden an, wenn beim Ausparken mal was verbeult wird. Falsch rum in die Einbahnstraße? Alles kein Problem…

Trabzon Spor-Fan Turan zeigt mir stolz seinen Laden. Was anderes als Cay gibt es nicht.

Die Cay, die wir trinken, bezahlen wir höchst selten. Meist übernimmt ein netter Nachbar mit feundlicher Hand-auf’s-Herz-Geste die Rechnung. Auf der Straße tummeln sich zig Nationen. Wir sehen Nummernschilder aus der Schweiz, Azerbeidschan, Iran, England etc.

So wickelt man Schafwolle auf: Sylvia nimmt gern eine Nachhilfestunde.

Wie ich da so sitze und meinen Cay schlürfe fällt mir auf, wie unsinnig Vorurteile anderen Nationen gegenüber sind: “Kein Volk der Welt empfängt seine Gäste mit einem Messer zwischen den Zähnen!”

Spektakulärer Bauplatz: Das Kloster Sümeli wird derzeit aufwändig restauriert

Auch am zweiten Tag ist das Wetter nicht viel besser, aber wir kommen wenigstens trockenen Fußes am Kloster an. Hier merken wir schnell, dass der Touristenmagnet zum Einzugsgebiet von Trabzon gehört, wo es neben russischen Gästen auch viele Touristen aus Oman und Quatar gibt. Ich habe niemals so viele vollverschleierte Frauen gesehen und echt viel zu dicke Männer gesehen. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus Quatar werden anscheinend richtig gemästet.

Das kleine Mädel kommt aus Azerbeidschan – ganz genau weiß ich es nicht.

Wir lernen sehr aufgeschlossene Menschen aus Oman kennen, sind aber auch teils echt befangen, wenn uns Gruppen vollverschleierter Frauen entgegenkommen, angeführt von einem echt dicken Mann in Jogginghose.

Unser Michel ist hier ein Star!

Trotz all dieser Widersprüchlichkeiten ist dies ein inspirierender Ort, an dem sich viele Kulturen begegnen. Ich habe das Gefühl, dass ich den Menschen viel besser und offener begegnen kann als noch vor einem Jahr.

Die Mädchen aus Oman sprechen fließend Englisch.

Zur Vollverschleierung habe ich mittlerweile eine klare Haltung: Für mich ist das seelische Körperverletzung und gehört verboten. In der Türkei wird man das nicht mehr oft sehen und Vollverschleierung ist meist Erkennungszeichen arabischer Touristinnen. Was wir tun können? Aufhören, das als Teil einer kulturellen Identität zu sehen und Stellung beziehen. Vollverschleierung ist Diskriminierung.

Mardin, Dyabakir, Van – die Liste der abgesetzten Bürgermeister prokurdischer Städte liest sich wie unsere aktuelle Reiseroute. Alle drei Städte verfügen über eine für kurdische Städte untypisch hohe Wirtschaftskraft und ein großes kurdisches Bewusstsein. Dass hier PKK-Anhänger in den Rathäusern sitzen bezweifle ich. Die Kurden wollen in Ruhe ihre traditionelle Lebensart pflegen. Ich hab mit den Leuten geredet – Terroristen sind das hier nicht, ganz im Gegenteil.

Bleibt man länger als eine Nacht im Hotel, dann gehört man mehr oder weniger zur Familie

Nach Macka haben wir auf dem Weg zurück nach Malatya in Erzincan Station eingelegt. Wir haben ein Zimmer für 16 Euro die Nacht – nicht das Hilton aber sauber und der Hund darf mit. Das ist in der Türkei leider keine Selbstverständlichkeit.

Erzincan ist eine erstaunlich modern-türkisch orientierte Mittelstadt mit rund 100.000 Einwohnern. Hier gibt es mehr Damen- als Herrenfriseure, was ein guter Parameter für das Selbstbewusstsein der Frauen hier ist. Das erinnert mich hier an Lippstadt oder Bielefeld, etwas quirliger vielleicht, aber schon sehr lebenswert – auch mit europäischen Ansprüchen gemessen. Diese Unterschiedlichkeit macht für mich den Reiz der Türkei aus. Später erfahre ich, dass Erzincan die Heimatstadt der Nummer 2 in der AKP ist

Erzincan – eine total liebenswürdige Stadt mitten im anatolischen Hochland – das kam für uns sehr unerwartet.

Dabei kommen aber auch Kilometer zusammen: In den 10 Tagen haben wir knapp 3000 Kilometer mit unserem Leihwagen abgespult. Wer mit dem Flieger nach Antalya reist und nach 10 Tagen Strandbar wieder zurück, der hat von der Türkei weniger mitbekommen, als würde er in Neukölln einen Döner kaufen.

Update zum Auto: Alle Ersatzteile sind da und die schlechteteste Prognose lautet: 14 Tage.

In Dyabakir ist die Militärpolizei massiv mit Waserwerfern und Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgegangen. Schon komisch, dass wir da vor einer Woche noch durchgefahren sind. Die Oppositionsparteien sehen das natürlich kritisch. Als Urlauber kann ich grad mal nicht mehr dazu sagen.

Auf dem Weg nach Malatya sind wir heute in einen echten Hochlandsturm geraten . Nach 40 Kilometern Schotterpiste sind wir an einer Fähre über einen Staudamm angekommen. Wegen des Sturms müssen wir 2 Stunden warten, denn einen anderen Weg gibt es nicht. Wer die Fähre nicht nimmt muss knapp 200 Kilometer Umweg fahren.

Nach einer Übernachtung in Malatya haben wir bei Ford vorbeigeschaut. Die Ersatzteile sind alle da und angeblich soll das Auto in 10 Tagen fertig sein. Die machen mir allerdings nicht den Eindruck, als würden sie mich mit besonderer Priorität behandeln.. Positiv: Ich konnte die Kabine abbauen und so wie’s aussieht gibt es außer dem enormen Wertverlust zumindest keine großen Schäden, die vor der Weiterfahrt repariert werden müssten. Auch die Haltepunkte scheinen alle stabil zu sein

Wir fahren noch kurz in die Stadt um die Lesebrille für Tulays Mutter Fatma zu besorgen. Ein Optiker muss uns enttäuschen: Lesebrillen gibt es hier nur auf Anfertigung, also nicht für 3 Euro im Supermarkt. Aber als er Fatmas Geschichte hört, schenkt er uns eine Brille. Dieses sich Einsetzen für arme Menschen ist Teil der türkischen Wesensart.

Wir fahren mit dem Leihwagen weiter zum Nemrut und freuen uns diebisch, eine Anfahrt unter 100 Kilometern gefunden zu haben. Nach einer Anfahrt durch eine absolut malerische Landschaft stehen wir nach drei Stunden am Fuß des majestätischen Berges 10 Kilometer von unserem Ziel Karadut entfernt. Zu unserem Entsetzen geht es nicht weiter! Die Straße endet an dieser Seite des Nemruts ebenso, wie sie es auf der anderen Seite tut. Wir könnten zu Fuß zum Hotel laufen oder zurückfahren und rund 50 Kilometer um den Berg herumfahren.

Irgendwann kommen wir dann mit dem letzten Tropfen Benzin bei Tulays Familie an. Die Kinder freuen sich riesig über ihre kleinen Geschenke.

Ich habe wirklich Vertrauen in die Leute – aber auf’s Gas drücken tun sie leider nicht…

Heute ist Samstag, der 24. August. Am kommenden Freitag soll unser Auto fertig sein. Hier im Euphrat-Hotel kann man es aushalten, vor allem, weil unser Hund hier ein freies Leben führen kann und Sylvia voll und ganz damit beschäftigt ist, den Zwillingen das Schwimmen beizubringen. Jeden Abend treffen wir neue Leute aus aller Herren Länder und erfahren viel über die Welt.

Trotzdem wird uns die Zeit hier lang. Ein netter türkischer Gast fährt am Dienstag zurück nach Malatya und wir nehmen sein Mitnahmeangebot gern an. Auch auf die Gefahr hin, dass das Auto am Freitag nicht fertig ist, buchen wir bis Donnerstag in einem 5-Sterne-Hotel. Das ist nicht teurer als dieser Berggasthof, aber deutlich angenehmer.

Und wieder etwas dazugelernt: Wenn einer sagt er nimmt dich mit, dann musst du dich nicht wundern, wenn er auf einmal verschwunden ist. Aber: Das Hotel in Malatya ist gebucht und wir müssen irgendwie dahinhommen. Im Minibus von Memet, der Tulays Mutter Fatma zum Arzt nach Adiyaman fährt ist noch Platz. Um 8 wird pünktlich losgefahren, aber nicht in die Provinzhauptstadt sondern erstmal kreuz und quer durchs Karadut um dieses und jenes einzuladen. Tulays Onkel kommt mit, weil er sonst nichts zu tun hat, Rassul und seine Frau fahren zur Hochzeit ihrer Tochter nach Eidan mit, wohin die alte Frau hinwill weiß kein Mensch. Am Ende ist das Auto voll und los geht’s .

Fatma hat mit 14 ihr erstes von 7 Kindern bekommen. Sie ist heute so alt wie ich, aber die harte Arbeit, die unwirtlichen Lebensumstände hier auf knapp 2000 Metern Höhe und vielleicht auch eine medizinische Unterversorgung haben deutliche Spuren hinterlassen. Wenn sie zum Arzt fährt wegen ihrer Rückenschmerzen und dafür ans Ersparte muss, dann wird das wirklich wehtun. Wir hoffen, dass wir ihr mit der Lesebrille wenigstens das Handarbeiten wieder ermöglichen konnten.

In Adiyaman verabschieden wir uns tränenreich und sitzen mit einem Mal in einem völlig überfüllten Minibus, der uns für 50 Lira (8 Euro) die150 Kilometer nach Malatya transportiert. Auf halber Strecke gibt es in der Pause einen gekochten Maiskolben auf die Hand. Man muss diese Türkei einfach lieben – manche Dinge sind so herrlich einfach. Andere Sachen, besonders Freundschaft und familiäre Angelegenheiten sind aber sowas von kompliziert, dass man langsam dahinterkommt, warum sich die Merkel und der Erdogan nicht verstehen. Was dem Deutschen sein Smalltalk ist dem Türken der Austausch von Höflichkeiten. Die nehmen sich auch nix übel, aber wenn, dann wird über Generationen nicht mehr miteinander gesprochen.

Am Ende der Tour fährt der Busfahrer extra für uns eine Schleife bis direkt vor’s Hotel – und keiner murrt wegen dem Umweg. Auf dem Weg wurde angehalten, damit jemand eben zum Geldautomaten springen konnte. Mitten in der Pampa hält der Bus und der Fahrer rüttelt einen schlafenden Jungen wach, der hier aussteigen muss.

Minibusse und Cay – das sind die Dinge, die ich am meisten vermissen werde.

Im Anemone genießen wir die Annehmlichkeiten eines 5 Sterne -Sterne-Hotels und freuen uns auf Freitag – dann soll unser Auto fertig sein – doch am Dienstag Abend kommt ein Anruf: Es mussten weitere Teile bestellt werden, es wird wohl Freitag nächster Woche werden.

Ob uns das aus der Bahn wirft? Irgendwie nicht. Es ist halt Türkei und ob Dinge passieren oder nicht – Inshallah! Totzdem wird uns die Zeit lang und wir müssen überlegen, was wir nächste Woche machen. Gleich werden wir in die Stadt fahren und uns nach einem günstigen Leihwagen umschauen. Ich würde gern noch einmal nach Mardin in den Süden, allerdings sind ie Nachrichten voll von Militäreinsätzen gegen die PKK in diesem Bereich und die Sehenswürdigkeiten, die wir ausgelassen haben, sind unter Umständen im Sperrgebiet.

Heute waren wir den ganzen Tag in Malatya – es ist immer wieder faszinierend, wie schnell man in der Türkei mit Leuten ins Gespräch kommt. In einem Schreibwarenladen kauft Sylvia einem kleinen syrischen Jungen Zeichenblock und Stifte. Die Ladenbesitzer sind davon so beeindruckt, dass sie nochmal 20 Lira runtergehen und uns nicht ohne Cay wieder entlassen wollen. Alle Mitarbeiter stehen um uns rum und haben ihren Spaß! Beim Optiker gegenüber bedanken wir uns nochmal für die Brillenspende an Fatma und erfahren, dass das so ungewöhnlich in der Türkei nicht ist. Wer wirklich arm ist und etwas braucht, z.B. eine Brille, würde die auch bekommen. Wir essen Hamburger mit Pommes in einem kleinen Cafe. Ein von einem Schlaganfall gezeichneter älterer Mann ist hier ist hier “Mädchen für alles” – er kocht, serviert und rechnet ab. Und der Laden ist gut besucht, auch wenn alles das gleiche bekommen.

Auf der Heimat lehrt uns der malatyat’sche Verkehr nochmals Hochachtung vor den Minibusfahrern. Malatya-Centrum abends um 8 ist wie der Vorhof zur Verkehrshölle. Und die kurven da rum, hupen, kassieren, rauchen und telefonieren gleichzeitig.

Was mich an diesen türkischen Städten am meisten fasziniert, ist dieser ungeheure Erlebniswert. Man kann das gar nicht erklären, außer mit: “Das ist sehr intensiv lebendig!” Wir sind hier fast 5 Stunden rumgerannt und ich weiß nicht, wo die Zeit geblieben ist.

In den dunklen Marktgassen wird gehandelt was das Zeug hält.

Auf der Suche nach einem Leihwagen werden wir mit einem Stück türkischer Lebensart konfrontiert, an das ich mich niemals gewöhnen werde. Wenn du einen Türken um einen Gefallen bittest, dann zieht der alle Register. Ich frage meinen Freund Yunus, ob er für mich bei einem bestimmten Leihwagenunternehmer anrufen kann, um mir ein günstiges Internetangebot zu bestätigen. Er macht das, fragt aber gleichzeitig einen anderen Freund, ob er mir helfen kann und gibt dem meine Telefonnummer, der gibt die Nummer wieder anderen Leuten und alle wollen dem armen Deutschen, der mittlerweile hier ganz gut klarkommt, helfen. Irgendwann muss ich das echt ruppig abbrechen und denen verklickern, dass ich keine Hilfe brauche – nur ein günstiges Angebot, und dass ich keinen Mercedes will, sondern nur einen billigen Fiat.

In Malatya finde ich einen Autovermieter, der mir einen kleinen Hyndai für 130 Lira anbietet. Genau mein Preis. Aber erst muss Cay getrunken werden, dann bestellt er Lahmacun und wir essen zusammen. Nach fast drei Stunden stellt sich heraus, dass der Wagen nicht versichert ist und ich die Kosten sogar tragen müsste, wenn mir einer hinten drauf donnert. Außerdem dürfte ich den Bezirk nicht verlassen. Das war absolut verlorene Zeit…

Von dieser Seite eher unspektakulär: Der Atatürk-Staudamm ist einer der größten der Welt – – näher kommt man eins der kriegswichtigsten Bauwerke der Türkei leider nicht heran.

Im Laden nebenan bekomme ich ein Top-Auto für 180 Lira, bin versichert und kann fahren wohin ich will. Den Deal mache ich per Whatsapp klar. Hier in der Türkei geht unglaublich viel Zeit für sowas drauf. Während wir um diesen 20-Euro-Wagen gefeilscht haben, waren mindestens 5 Leute mit Tee- und Essenholen beschäftigt. Es war auch kein anderer Kunde da. Der Typ hat de facto an diesem Nachmittag nicht einen Cent verdient. Es gibt in Malatya ungefähr 30 Mietwagenunternehmen allein im Zentrum. Und alle sind leer – wenn man eintritt läuft irgendwo ein Kind los und holt Papa, der dann nach 5 Minuten sehr geschäftig auftaucht.

Das 180 -Lira-Auto habe ich dann auch noch abbestellt, weil wir direkt vor dem Hotel von einem netten Türken angesprochen wurden, ob er uns irgendwie helfen könnte. Und der wusste dann einen Verleiher für 150 Lira.

Christentum in Andiyaman: Diese wunderschöne syrisch-orthodoxe Kirche ist den Heiligen Peter und Paul gewidmet

Gut, dass unser Ranger noch nicht fertig ist – wir wären sonst wohl nie zu unserer 2. Ostanatolienrundreise aufgebrochen. Und wir hätten wohl auch niemals Andiyaman kennengelernt. Bislang war jede Provinzhauptstadt eine Perle, deren Schönheit man nur von innen heraus bewundern kann.

Das riecht gut, schmeckt gut und sieht gut aus – in den geschäftigen Zentren des anatolischen Südens is t jeden Tag Kirmes…

Und auch Andiyaman macht da keine Ausnahme. Jede dieser Städte hat etwas komplett eigenes. Bei Andiyaman ist es der alte Handwerkermarkt im historischen Zentrum und die unglaubliche Lässigkeit, die dieser Ort im Zentrum verprüht. Wir haben uns selten so europäisch wohl gefühlt wie in diesem 250.000 Einwohner zählenden Städtchen. An Mardin kommt das nicht heran, es bleibt aber auch nicht weit entfernt.

Eins wird man in der Türkei niemals: Verhungern!

Und dann Sanliurfa – was für eine Perle und als Stadt mit keiner anderen Stadt der Türkei zu vergleichen. Man spürt den Einfluss des nahen Syriens.

Sanliurfa – eine typische Nahtstelle zwischen Orient und Okzident…

In Sanliurfa erwischen wir ein sehr schlechtes Hotel und beschließen, am nächsten Tag nach Gaizentepe weiterzufahren. Auf dem Weg zum Oto-Park sehen wir zum ersten Mal eine Türkin mit einem Hund an der Leine. Wir kommen schnell mit Özge ins Gespräch und erfahren, dass die Istanbulerin in Sanliurfa ein Haus gekauft hat, um hier eine AirBNB-Herberge einzurichten.

Wir fühlen uns in dem historischen Stadthaus sofort wohl.

Es wär zwar noch nichts fertig, aber wir könnten gern bei ihr wohnen. Wir schlagen ein und landen wieder in einer neuen Türkei-Episode. Die Wohnung befindet sich mitten in der historischen Altstadt – in direkter Nachbarschaft das Anwesen des Ehepaares Schmidt. Cidgem Schmidt führt hier ein kleines Museum, um an die Arbeit ihres 2015 verstorbenen Ehemannes, Prof. Dr. Klaus Schmidt zu erinnern. Der gebürtige Franke hatte mit seinen Entdeckungen und anschließenden Ausgrabungen der der Stätte Göbeklitepe dafür gesorgt, dass die Geschichte der Menschheit komplett umgeschrieben werden musste. Am nächsten Morgen sind wir Haus Schmidt zum Frühstück eingeladen und wir essen zusammen mit den Männern, die damals zum Ausgrabungsteam gehört haben und sich nun um das Handwerkliche im Haus kümmern.

Îm Wohnhaus von Klaus und Cigdem Schmidt gibt es heute ein Museum.

Am Nachmittag fahren wir die 30 Kilometer nach Göbeklitepe und würden hier nicht ehr als alte Steine sehen, wenn wir nicht bestens vorbereitet wären. Klaus Schmidt hat mit der Ausgrabung der weit über 10.000 Jahre alten Anlage bewiesen, dass in der Entwicklungskette der Menschheit schon Ackerbau und Viehzucht betrieben wurde, bevor Kultstätten und Städte gebaut wurden. Der Bau der Anlagen von Göbeklitepe wäre ohne Lagerhaltung von Lebensmitteln schlichtweg unmöglich gewesen. Klaus Schmidt hat bewiesen, dass die Menschen in Mesopotamien – damals der fruchtbarste Ort der Welt – 12.000 vor Christus keine Jäger und Sammler mehr waren. Aber weitaus wichtiger: Er hat bewiesen, dass erst die Existenz von Kultstätten und menschlichen Ansiedlungen Ackerbau und Viehzucht notwendig machten – und damit die Geschichte der Steinzeit und der Menschheit umgeschrieben.

Göbeklitepe – eine der bedeutendsten Ausgrabungsstätten der Welt.

Am Abend gehen wir in die Stadt. Es ist wunderschön und alles herrlich orientalisch – nur langsam geht es mir echt auf den Keks, dass wir hier sofort als Ausländer auffallen. Ich würde gerne mal wieder in die Anonymität meiner eigenen Kulturgemeinschaft eintauchen und mal wieder ein frisches Müsli mit Milch essen oder ein Käsebrot bei Kamps.

Ein Schaf an der Leine weckt hier wesentlich weniger Aufmerksamkeit als unser Michel.

“Das Auto ist zu 90 % am Montag fertig!” und wir können die frohe Kunde aus dem Autohaus kaum glauben. Wenn alles klappt sind wir Dienstag Nachmittag in Georgien und damit in einem Land, dass kulturell völlig anders aufgestellt ist als der anatolische Süden der Türkei.

Sanliurfa ist wunderschön – für Europäaer aber auch sehr anstrengend.

Ein letzter unvergesslicher Ausflug führt uns bis auf 20 Meilen an die syrische Grenze. Wir besuchen einen sehr geschichtsträchtigen und malerischen Verlauf des Euphrats und genießen eine Bootsfahrt.

Nicht zu vergessen: Der aufgestaute Euphrat hat hier viele Dörfer überflutet und unwiederbringliche Kunstschätze geflutet…

Bitte hochscrollen – der untere Teil wird täglich aktualisiert

12. Etappe – Griechenland (1. Juni – 5. Juli 2019)

Update 28. Juni: Alles geht wieder!

Wir starten unsere Griechenlandetappe mit der Fahrt vom albanischen Gjirokaster nach Meteora in Thessalien. Wir passieren Lazarat und ich überlege, warum die Hochburg der albanischen Mafia ausgerechnet 10 Kilometer vom Geburtsort des Diktators Hodscha zu finden ist. Ein junger Mann, den ich darauf anspreche, erklärt mir, dass die alten Kader noch immer in den Führungspositionen sitzen und wenn sie zu alt werden, rücken die Söhne nach. Er erklärt mir den Fatalismus der Albaner: “Wenn die Politiker korrupt sind, dann zahlen wir eben keine Steuern!” Nur 50 % von EU-Ländern kommen auf den Baustellen an, der Rest versickert in den Behörden. Bei uns versickert das in Planungsbüros, bei Gutachtern und in Ausschüssen, der Unterschied ist die Legalisierung dieses Mittel-Abflusses.

Gespannt, wie das in Griechenland sein wird, überqueren wir die Grenze Richtung Thessalien. Der Kulturschock kommt mit wuchtiger Faust. Wir hatten uns an Mazedonien und Albanien gewöhnt, deshalb wird uns der Unterschied zu einer EU-Volkswirtschaft nun sehr deutlich vor Augen geführt. Die Straßen sind in einem Top-Zustand, die Tankstellen sehen aus wie Supermärkte und niemand steht herum, um für 5 Euro Erlös 10 Stunden lang Kirschen zu verkaufen…

Wir erreichen Meteora und staunen über die mächtigen Monolithen, die wie von einem anderen Stern anmuten. Es ist bemerkenswert, mit wie viel Engagement die noch verbliebenen 6 Klöster gepflegt werden. Andererseits: Es lohnt sich auch, denn ein nicht enden wollender Strom von Reisebussen quält sich die engen Straßen hinauf.

In den Klöstern selbst ist es verhältnismäßig ruhig, was daran liegen mag, dass die steilen Aufstiege schon ein gewissen Maß an Fitness verlangen, was die meisten Busreisenden nicht mehr aufbringen. Am Wegesrand wieder allerhand Getier – Schlangen, Eidechsen, Schildkröten – und nervige Hunde, die hier angriffslustiger sind als auf dem Balkan.

Vier der insgesamt 6 Klöster auf einem Blick – Im Zentrum das namensgebende “Meteora”

Camping Vrachos ist typisches Industrie-Camping, wie man es oft an bedeutenden Sehenswürdigkeiten antrifft. Sehr sympathisch finde ich die öffentliche Küche und die vielen überdachten Ess-Plätze. Solche Dinge werden gern von den oft sehr spartanisch ausgerüsteten Kletterern genutzt.

Die unglaublich Detail reichen Wandmalereien erzählen nicht nur Bibelgeschichten, sie dokumentieren auch in drastischen Bildern die wechselvolle Geschichte der Klöster.

Am nächsten Morgen erleben wir, welche Dynamik eine zehnköpfige Holländergruppe auf einem Campingplatz entwickeln kann. Man reist zusammen, räumt zusammen auf, staubsaugt gemeinsam und wenn der Zauber vorbei ist, legt sich eine bleierne Stille über den Platz und man fragt sich: “Was war das denn jetzt?”

600 Jahre alt und stabil wie am 1. Tag – Bogenbrücke im Hinterland.

Wir räumen anschließend unseren Kram zusammen und verzichten dabei bewusst auf jegliche Außenwirkung.

Bei der Routenwahl Richtung Peloponnes wählen wir wieder das Abenteuer und grandiose Bergpässe führen uns durch das mächtige Pindos-Gebirge Richtung Süden. Es macht den Eindruck, dass viele dieser Straßen nicht nur nicht mehr gewartet werden, sondern gänzlich aus Kostengründen aufgegeben wurden.

Heruntergerasseltes Geröll wird nicht entfernt und wenn die halbe Fahrbahn sich in Richtung Tal verabschiedet, wird nicht mal ein Warnschild aufgestellt. Zugegeben: Wir waren da völlig alleine und vielleicht haben wir auch das Schild “Vorsicht Lebensgefahr” verpasst.

Ob vor 5 Minuten oder vor 3 Jahren – Der Felsrutsch hätte uns garantiert “platt” gemacht.

Die Straße selbst ist eigentlich in gutem Zustand, andererseits phasenweise überhaupt nicht mehr als Straße zu erkennen – und es geht immer höher…

Viel höher geht’s nimmer – das Pass-Strässchen schraubt sich über die Baumgrenze…

Nach vier Stunden und zahllosen Fotostopps erreichen wir die Autobahn und erleben das Kontrastprogramm: Rund 40 Euro zahlen wir an Gebühren inkl. der Brücke über den Golf von Korinth.

Die Zivilisation hat uns wieder – Abendessen an der Autobahn in Richtung Patras.

Wir übernachten an der Strandpromenade von Patras und sammeln erste Erfahrungen mit “Freistehen” in Griechenland. Eine geruhsame Nacht und ein schneller Kaffee – wer so steht, der bekommt auch keinen Ärger mit der Polizei. Wenn ein reisendes Pärchen aber die Campingstühle rausholt, sind da schnell 300 Euro Bußgeld fällig.

Sonnenuntergang inklusive: Freier Stellplatz hinter Patras.

Strandtage auf dem Peloponnes: Bei rund 30 Grad machen wir das erste Mal auf unserer Reise wirklich Urlaub. DerPlatz liegt an einem bezaubernden Strand und hat eine tolle Infrastruktur – kein Wunder, dass sich das hier zum Rentnerparadies entwickelt. Ich war hier zuletzt vor fast 40 Jahren – Da gab’s ein paar Zelte, VW-Bullis und Wohnwagen. Heute überschwemmt die weiße Lawine mit Hymer, Concorde und sonstigen Luxuslinern die Halbinsel. Anreise per Fähre Triest/Patras – und das- so scheint es – können sich ein Haufen Leute offensichtlich leisten. Wir trefffen niemanden, der die Strecke komplett gefahren ist. In der Hochsaison muss man dafür ein Jahr im Voraus buchen. Wir wollen bald weiter in Süden wo sich die Touristenströme etwas verlaufen.

Schon schön hier – Strand südlich von Patras.

Bei der zukünftigen Planung macht mir das nicht immer harmonische Verhältnis zwischen Griechenland und der Türkei einen Strich durch die Rechnung. Eine Fährverbindung Piräus/Izmir gibt es leider nicht, was für mich einen Umweg von fast 1000 Kilometer ausmacht in den Süd-Westen der Türkei, wo wir uns mit unserer Tochter Ella treffen wollen. Vielleicht sind es aber auch die aufwändigen Grenzformalitäten, die einen regulären Fährverkehr hier erschweren.

Nach drei Tagen Extrem-Erholung haben wir die Nase gestrichen voll und lassen Campingplatz Aginara hinter uns. Aber das Gefühl “Langeweile” mal wieder zu spüren war eine schöne Erfahrung. Auf dem Weg nach Olympia finden wir einen Lidl und verfallen prompt in einen tiefen Kaufrausch. Nach all den übersichtlich sortierten Dorfläden nun ein echtes Kaufparadies. Der einzige Unterschied zum deutschen Lidl: Mit der Sortierung nehmen die’s hier nicht ganz so genau und so verteilen sich z.B. Nudeln über den ganzen Laden. Die Preise sind happig und der Laden rappelvoll – also wie bei uns…

In Olympia fragen wir den Chef von Camping Diana, wann denn die die Kreuzfahrtschiffe die olympischen Stätten der Antike überfluten. Wir hatten gehört: Nur mittwochs und samstags? Er lacht und klärt uns auf: “Jeden Tag!” Ob die Leute auf den Schiffen sich bewusst sind, dass sie wie eine Landplage daherkommen?

Ines berichtet uns aus Montenegro, wo die Kreuzfahrtpassagiere wie die Ameisen den Küstenstädten das Malerische rauben. Andererseits: Wer sind wir, dass wir nur den eigenen Reisestil als stilvoll bewerten?

Was ein kleiner Frechdachs : Keine 5 Zentimeter groß aber seit 2000 Jahren in Angeberpose! Kleine Bronzefigur aus Olympia.

Bei weit über 30 Grad ist die Besichtigung der antiken olympischen Sport- und Tempelanlagen bei Olympia eine Schweiß treibende Angelegenheit. Insbesondere der Stadioneingang vermittelt ein gutes Gefühl für das, was hier mal los war. Erst seit 1936 wird die Flamme übrigens hier abgeholt und zum Standort der Spiele der Neuzeit transportiert. Der Opa des Betreibers von Camping Diana hat damals am Staffellauf nach Berlin teilgenommen und seine noch lebende Witwe – 92 Jahre alt – präsentiert stolz die Urkunde. Auf einem ausgestellten Foto recken die Olympioniken die Hand zum Hitlergruss und oben drüber hängt ein großes Portrait von Theodor Heuss, der hier als großer Förderer der griechisch/deutschen Freundschaft gilt.

Hier ging’s durch ins Stadion.

Der gesamte Ausgrabungs-Komplex ist groß und angelegt wie eine Stadt. Die Pracht ist am ehesten in den beiden Museen erahnbar, wo die großen Marmor-Statuen ausgestellt sind.

Mal mit, mal ohne Arm – wirklich komplett ist hier niemand.

Die Hitze hier im Inland ist schwer zu ertragen und so fahren wir wieder ans Meer.

Auf dem Weg zum südlichsten Zipfel des Peloponnes zeigt sich Griechenland weiter abwechslungsreich: Von schneebedeckten Gipfeln bis zu malerischen Stauseen ist da alles dabei. Wir setzen mit der Fähre über nach Elafonisos und staunen über ein wirklich türkisfarbenes Meer – jedes Foto wird zum Postkartenmotiv.

Leider hat der Campingplatz eher Stellplatz-Charakter, aber der Strand entschädigt dafür. Es weht ein laues Lüftchen, das die Hitze erträglich macht.

Wir fahren wieder in den Norden. 100 Km pro Tag haben wir uns vorgenommen, damit wir so etwa den 25. Juni herum in Izmir sind. Da kann man sich die kleinen Küstenstraßen leisten, die einem unfassbare Aublicke und schöne Ecken zum Pausemachen bieten. Wir erreichen nach sehr aussichtsreicher Fahrt Monemvasisa und die Festung sowie das hier angesiegelte Städtchen beeindrucken uns sehr. Hier ist innerhalb hoher Festungsmauern eine gar nicht mal kleine Stadt entstanden, die auf dem Weg zum Tourismus-Magneten auf sehr schöne Art und Weise unverkitscht geblieben ist. Wohnen darf hier allerdings kaum noch jemand – im Winter gerade mal 20 Personen.

Und das hier in allen Blau- und Grüntönen schimmernde Meer bietet einen malerischen Rahmen für Postkartenmotive ohne Ende.

Am Fuße des Festungsberges finden wir einen freien Stellplatz und freuen uns auf eine hoffentlich mückenfreie Nacht. Geld sparen tun wir dadurch aber nicht, denn wir müssen endlich mal wieder was Ordentliches essen. Griechenland mit 50 Euro am Tag ist nicht zu schaffen. Ich kann die Griechen verstehen, die unter den EU-Finanzregeln ächzen. Das Leben hier könnte sich selbst mit deutschen Einkommensverhältnissen kaum jemand leisten. In einem kleinen Restaurant am Fuße des Berges kommen wir mit 26 Euro für ein Abendessen noch billig weg.

In und auf diesem Berg befindet sich eine unglaubliche abwechslungsreiche Szenerie aus historischer Festung, mittelalterlichem Städtchen und touristischer Einkaufsmeile. Am Fuß finden wir einen freien Stellplatz für die Nacht und ein tolles Restaurant.

Kurz hinter Monemvassia reiht sich Traumstrand an Traumstrand – kein Wunder dass sich hier zu aktiveren Zeiten dieses Menschenschlages viele Hippies und sonstige Aussteiger tummelten. Wir fühlen uns dieser Tradition verpflichtet und finden in Sonja und Gerald vom Wörthersee auch gleich zwei passende Mitstreiter. Wir stehen frei in einem wunderschönen Wäldchen direkt am Wasser, Stranddusche inklusive.

Auch unser Michel liebt Griechenlands Strände…

Wir fürchten ein klein wenig die Polizei, denn freies Campieren ist in Griechenland nicht erlaubt, aber der wohlige Schauer des Verbotenen lässt die Flasche Rotwein noch besser schmecken. Am nächsten Tag hab ich Kopfweh, aber das war es wert.

Petra und ihr italienischer Freund sind in Monemvassia “hängengeblieben” und haben ein Haus gekauft. Sonja und Gerald aus Österreich sind “still traveling” und nach lange nicht am Ende angekommen.

Für die nächste Übernachtung gehen wir mal wieder auf einen Campingplatz und erwischen es auch ganz gut. 16 Euro inkl. Strom ist ein guter Preis. Wir gehen in die Stadt und kehren in einem kleinen Fischrestaurant ein, wo wir für ein Essen auf deutschem Pommesbudenniveau unglaubliche 40 Euro bezahlen.

Es wird Zeit, dass wir in die Türkei kommen – das ist hier bei aller Schönheit echt kein Land für mich. Auf den Campingplätzen herrscht eine unglaublich unverbindliche Atmosphäre, die Preise sind überzogen und die Leute lassen etwas die erwartete Herzlichkeit vermissen. Es gibt Ausnahmen: Der Chef von Camping Semili bei Leonidio hat das Zeug zum Lieblingsgriechen!

Beim frei Stehen fühlen wir uns allerdings richtig wohl. Natürlich schwingt die Angst vor Platzverweisen und Bussgeldern immer mit, aber selbst das wär’s wert. Wir stehen bei Nafplio quasi direkt am Wasser, können die Stranddusche nutzen und etwas von diesem alten Griechenlandflair geniessen, von dem auf den Campingplätzen aber so wirklich gar nichts mehr übrig geblieben ist. Die Krönung war eine Selbstbedienungstaverne mitten in einem Schildkrötenschutzgebiet. Hier wurde an einem Tag mehr Plastik produziert als eine Schildkröte im ganzen Leben fressen kann.

Man könnte den Griechen – würde man sie besser kennen – eine gewisse Unsensibilität solchen Themen gegenüber vorwerfen. Aber ich nehme lieber meinen deutschen Besen und kehre vor meiner eigenen Haustür, da liegt genug Plastikscheiß herum.

Eins muss man sagen: Das ist einfach alles wunderschön hier, paradiesisch sogar. Allein wie das alles riecht: Man hält die Nase aus dem Auto und riecht die Zitronen, den Thymian, die Kiefern und vor allem das Meer.

Frei zu stehen ist uns das größte Vergnügen in Griechenland und versöhnt uns etwas mit einem Land, in dem Tourismus eine Industrie ist.

Und sonst alles paletti im Paradies? Nein, natürlich nicht. Auch Paradiese haben schlechte Tage. Wir bekommen durch das ständige Herumreisen von einem Hotspot zum nächsten keinen geregelten Tagesablauf hin und das nervt. Außerdem kämpfen wir immer wieder mit der Technik. Aktuell haben wir kein Licht und kein fließendes Wasser in der Kabine und werden wahrscheinlich eine Werkstatt suchen müssen. Irgendwas ist immer – was mich an das alte Leben erinnert. Wenn ich dann aber so muffelig am Strand langlaufe denke ich plötzlich: “Hast du sie noch alle an der Waffel? Nimm dir ‘ne Kerze mit den Camper und stell ‘ne Flasche Wasser auf’s Klo und gut ist…!”

Zudem habe ich Stress mit Ford Assistance, die mir die Abschleppkosten aus Albanien nicht bezahlen wollen, weil ich statt die ganze Nacht im albanischen Bergland auf den ADAC zu warten lieber einen Abschlepper vor Ort beauftragt habe. Das sollte aber ohnehin nicht der letzte Kontakt gewesen sein.

Die nächsten drei Tag stehen wir frei an einem traumhaften Strand bei Nafplio. Wir lernen nette Griechen kennen und arrangieren uns zunehmend mit diesem uns immer wunderbarer anmutenden Land und seinen grandiosen Farbenspielen und Geruchsexplosionen.

Malerisches Nafplion…

Man muss halt die Campingplätze meiden, dann klappt es auch mit dem Griechenlandfeeling. Irgendwann ist aber dann doch der Kühlschrankstrom alle und wir müssen weiterfahren – diesmal in Richtung Ephidaurus, wo wir das weltberühmte Amphitheater ansehen wollen.

Die alten Griechen liebten das Theater – anders lässt sich diese grandiose Anlage nicht erklären.

Auf dem weiteren Weg will Sylvia einen Sack Orangen kaufen. Ich warte im Ranger und auf einmal geht er aus. “Nicht schon wieder” denke ich, weiß aber, das die Elektronik wieder aussetzt und auch, dass dieser Moment kommen musste. Die Albaner haben zwar fleißig an allen Steckern gewackelt, den Fehler gefunden und beseitigt haben sie aber nicht.

Diesmal kümmere ich mich um nix und lass alles über Ford Assistance abwickeln. Nach drei Stunden ist der Abschlepper da und wir fahren mit dem Taxi nach Argos, wo das für uns gebuchte Hotel die Aufnahme von Hunden verweigert. Nach weiteren zwei Stunden wird es langsam dunkel, als die Griechen melden: “Wir haben ein Hotel für Sie!” Die Bude hat allenfalls mittelmäßigen Hostelcharakter und kostet 25 Euro als Dreibettzimmer. Wir verkünden: “Hier bleiben wir nur eine Nacht!” und freuen uns, als gegen 23 Uhr der Ford-Servicepartner verkündet, dass wir die nächsten Tage in Nafplion Quartier nehmen können. Die Stadt ist traumhaft schön und wir können damit gut leben, zumal Nafplion einen tollen Badestrand hat.

Nach einer miesen Nacht im miesesten Hotelzimmer ever bekommen wir ein wirklich nicht gutes Frühstück im Nachbarhotel. Ford Assistance kümmert sich irgendwie, hat aber wohl immer extrem die Kosten im Blick. Wahrscheinlich waren die Zimmer in Nafplio teurer…

Aber jetzt die Krönung: wir warten von 9.30 bis 14 Uhr auf ein Taxi, das uns die 10 Kilometer nach Nafplio bringt. Hier hat man uns ein wirklich schönes AirBNB-Appartement – ohne Frühstück – organisiert. Etwa 20 Gehminuten vom Zentrum. Suboptimal – Aber wir mögen da nicht mehr diskutieren. Nach 4 Stunden Taxi-Warten in der 2-heißesten Stadt Griechenlands ist man froh über jede Verbesserung.

Argos: Laut Fremdenführer die 2-heißeste Stadt Griechenlands und über 5000 Jahre alt.

Jetzt heißt es warten – Sonntags läuft nix und am Montag ist hier auch Feiertag. Ford Assistance interessiert es nicht besonders, was wir machen, wie’s uns geht oder ob wir irgendwas brauchen. Selbst meine Mail wird nicht beantwortet.

Das Positive: Wir erleben gerade eine wundersam lebendige Stadt aus der Einwohnerperspektive und revidieren unser Griechenlandbild wieder etwas. Die Griechen sind ungeheuer gesellig und sehr lebensfroh. Die Stadt pulsiert in mediterranem Flair und ich frage mich: “Warum ist diese Lebensfreude bei uns so flächendeckend ausgestorben?”

Nafplion – Griechenlands erste Hauptstadt erweist sich aus der Einwohnerperspektive als toller Lebensraum.

Nach zwei Übernachtungen am Ortsrand von Nafplio verabschieden wir uns ungern von unserer liebenswürdigen Gastgeberin Nicoletta. Wir haben ein in Zimmer mit Frühstück direkt gegenüber dem Hafen mitten in der historischen Altstadt gefunden und ziehen um.

@ Nicoletta: Thank you for the great hospility – we recommend your Apartements in Germany!

Ich stehe im Kontakt mit der Werkstatt und bin langsam wieder guter Dinge. Unser neues Zimmer ist der Knaller.

Links die Tür geht direkt auf eine belebte Altstadtgasse . 50 Meter um die Ecke ist der Hafen.

Mein Elektronik-Problem wird übrigens gerade hier diskutiert: WOHNKABINENFORUM
Gut, dass es solche Foren gibt!

Der vierte Tag nach der Panne: Mittlerweile wissen wir wenigstens, was am Ranger kaputt ist und dass das Ersatzteil bestellt wurde. Da Ford Assistance allerdings nur 3 Tage Hotel bezahlt wird es langsam ärgerlich. Interessant finde ich dabei, dass die Möglichkeit des Scheiterns in unseren Fokus rückt: Was, wenn das Auto in 14 Tagen wieder liegenbleibt? Was, wenn wir zurückmüssen?

Uns geht’s trotz allem gut und wir diskutieren viel über die Systematik der Zufriedenheit


Das ist ein blödes Gefühl – an Scheitern habe ich schon lange nicht mehr gedacht, auch nicht an Zweifel. Aber andererseits: Es muss den Berg runter gehen, damit es wieder aufwärts geht. Es wird sicher kein drittes Mal geben, denn unser Kontingent an Pech ist erfüllt. Was ich nicht ändern kann soll mich nicht stressen – ich muss mir das immer wieder einreden.

Griechenland ist das Land der Philosophen – mag’s an der Sonne liegen? Glaub ich nicht, denn dann hätte die Erderwärmung ja doch noch eine gute Seite. Man denkt hier einfachunglaublich viel nach – ich zumindest, z.B. darüber, wie viel Pech ein Mensch ertragen kann und ob im Grunde nur die ersten Perlen einer Pechsträhnenkette wirklich ein mieses Gefühl machen und es dann später sowieso egal ist. Der Typ mit seinem 10-Meter-Wohnmobil: Vielleicht hat er Stress mit der Prostata und ist total unglücklich. Und ich mit meinem kaputten Auto: Ich liege in einem 75-Euro/Tag-Hotel und klage der Welt mein Leid.

Unser Michel reift hier zum echten Rüden – immer noch der liebenswürdige Kuschelhund, aber er wird zunehmend lässiger und selbstbewusster.

Wir lernen jeden Tag tolle Leute kennen und reden jeden Tag englisch, weil hier viele nette Amerikaner und Neuseeländer unterwegs sind. Das klappt immer besser. Am Nachmittag sind wir in brüllender Hitze die 1000 Stufen zur Festung hochgekraxelt und wurden mit phantastischen Aussichten belohnt.

Am Hafen liegt die 33 Millionen-Euro-Yacht eines griechischen Reedes am Pier. “Der hat auch grad die Kacke am Dampfen wegen irgendwas!” denke ich. Vielleicht ärgert er sich nicht so über ein kaputtes Auto, aber auch sein Leben muss mindestens zu einer Hälfte nicht so schön sein. Außerdem wird er sicher heftig unter der griechischen Finanzkrise leiden…

50 Meter lang und drinnen läuft der Fernseher…Die Belita des griechischen Reeders Coustas.

Mittlerweile ist es Samstag und wir erfahren in der Werkstatt, dass das Auto wahrscheinlich am Dienstag fertig sein wird. Euphorie mag nicht aufkommen, ober etwas Hoffnung schon. Wir haben uns für den tag einen 100ccm-Roller ausgeliehen und cruisen entlang der Strände Nafplios. Wir können in unserem tollen Hotelzimmer bleiben so lange wir wollen. Und ab Morgen haben wir auch einen Ersatzwagen. Ich lese gerade die Biografie über Hannah Ahrendt und frage mich, was sie in meiner Situation gemacht hätte? Ganz klar: Vorträge gehalten und Bücher geschrieben…Und ich lamentier hier rum.

Und ab an den Strand…

Lagerkoller im Paradies – wir haben sicherlich den schönsten Platz erwischt um die Reparatur unseres Autos abzuwarten. Aber nach 10 Tagen reicht’s definitiv. Ich mag das ganze Essen nicht mehr sehen, die ganze Betriebsamkeit und immer dieses türkisfarbene Meer. Morgen ist Mittwoch und mit etwas Glück ist das Ersatzteil dann endlich da.

Da schaut mal einer genauer nach: Automechaniker bei Ford in Argos.

Natürlich war das Ersatzteil auch am Mittwoch nicht da. Wir haben dann beschlossen, im Hotel auszuchecken und die restliche Wartezeit auf dem Fordgelände zuverbringen. Am Donnerstag kam dann endlich das Teil und es stellte sich – erwartungsgemäß – als nicht verantwortlich heraus. Also 6 Tage umsonst gewartet in dieser Affenhitze.

Der Automechaniker leistet aber ganze Arbeit und findet ein abgerissenes Kabel unter der Batterie. Daran lag’s. Die Albaner hatten wohl mal kurz dran gewackelt und dadurch wieder für einen Kontakt gesorgt. Es darf jetzt aber erstmal nicht’s mehr passieren – mein Aufnahme-Level für Scheiß-Situationen ist erstmal randvoll und das Problem mit dem Kabinenstrom ist ja auch noch nicht gelöst.

Vorsicht bei Nutzung von Google-Maps – ohne Allrad kann das ins Auge gehen.

Und dann war da dieser Augenblick: Sylvia sauer, weil ich den Ventilator nicht richtig zusammengeschraubt habe auf der Fehlersuche: “Du machst jetzt gar nix mehr, wir fahren nach Thessaloniki und die sollen das reparieren, ohne Wasser in der Kabine fahren wir nicht in die Türkei!!” Ich hab aber keine Lust nach Thessaloniki und ich brauche jetzt einen Schraubererfolg für’s “Wieder-Mann-sein-Können”. Da kein Mammut in der Nähe ist, muss ich irgendetwas anderes zur Strecke bringen um die Position am abendlichen Lagerfeuer zu bestätigen. Sonst ist/war das alles hier umsonst.

Ich verschwinde – trotz Verbot – mit meinem Schraubenzieher, Zuversicht und der Taschenlampe in den Tiefen des Camperkellers und nehme da alles auseinander, was auseinanderzunehmen ist auf der Suche nach dem Massefehler. Ich ruckel hier, ich ruckel da – Dann baue ich alles wieder zusammen wie’s war. Ein Griff zum Lichtschalter – geht! Wasserpumpe -geht! Heizung – geht! Selbst mein Schatz ist wieder zufrieden, dass ich’s doch immer wieder hingefriemelt kriege – entgegen aller Voraussicht.

Kaum zu glauben: Alles geht wieder….

Andererseits: Ich hab mir ja in Nafplio extra für solche Gelegenheiten mein Glücks-T-Shirt gekauft mit dem Leonidas-Symbol und dessen motivierendem Kampfesmotto: “Come and get them!” Das hatte ich an…

Auf den Spuren von König Leonidas fahren wir nach Thermopyles, 200 Kilometer nördlich von Athen. Geografisch/geologisch ist von der besonderen Situation dieser “Landenge” nichts mehr zu spüren. Wo vor 2000 Jahren gerade mal ein Eselskarren durchpasste, hat zunehmende Versandung sich gut 3 Kilometer Land geholt. Eine riesige Statue mit einem echt nackigen Leonidas wirkt etwas albern, als ob die frei schwingend ins Gefecht gezogen wären.

Wie auch immer – Leonidas ist derzeit mein Reizthema. Warum fasziniert der mich so? Weil er freiwillig und unnütz gefallen ist? Wohl kaum…Ob er ein Sixpack hatte wie im Film? Eher nicht – zum Pumpen hatten die keine Zeit. Ich glaube, die Faszination für solche Leute ist ein “Mem”, so nennt man es , wenn sich Dinge in den Köpfen der Menschen verfestigen um das System zu stärken. Selbst der deutsche Philosoph und Agitator Goebbels war in der Lage, dem sterbenden Soldaten in Stalingrad zu vermitteln, dass auch er ein Leonidas sei, dem man in 1000 Jahren gedenken werde.

Hansel Hitler und der Ruhm verlorener Schlachten

Hätte man z.B. 1945 beschlossen, Hitlers Vornamen in Hansel umzubennen und würde man ihn nicht bis heute als “Führer” des deutschen Volkes bezeichnen, vielleicht wäre dann auch dem letzten aufgefallen, was ein kleines Licht dies klein’ Männlein doch eigentlich war. Die Schlacht an den Thermopylen hätte niemals Geschichtsreife erlangen dürfen – dafür war sie viel zu unbedeutend.

Der steht da echt völlig frei untenrum…

Etwas enttäuscht von diesem Ort geht es weiter in den Norden. Wir fahren über Land und erleben die landwirtschaftliche Seite Griechenlands. Fast 100 Kilometer reiht sich ein Getreidefeld ans nächste. Abends finden wir ein schönes Fleckchen Erde hoch über der Bucht von Volos. Es ist angenehm kühl, keine Mücken – was will man mehr?

Stellplätze wie diesen findet man mit der App “Park4Night”

Wir sind jetzt 400 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt und ich bin froh, das Thema “Griechenland” doch noch für mich versönlich abschließen zu können. Griechenland ist unendlich reich und sollte nicht auf Sparplan-Diskussionen reduziert werden.

Unsere Leserin Mechthid fragt noch noch mehr Griechenland. Daher hier mal mal ein ein für uns nicht untuntypischer Tag:

Wir bezahlen auf dem Campingplatz und machen uns auf den Weg nach Thessaloniki. Rund um Athen verfahren wir uns, weil wir einfach zu viele Navigationsgeräte im Einsatz haben. Letzten Endes siegt Ford Ranger über Google und wir finden die Nationalstraße neben der sündhaft teuren Autobahn. Einem Tankwart erzähle ich, dass der Diesel bei uns auch nicht billiger ist. “Wir verdienen hier aber viel weniger!” Er muss für 7 Tage Arbeit mit 500 Euro klarkommen. Wir erreichen Larissa und holen uns unser Stück Heimatgefühl im dortigen Lidl. Abends nochmal tanken – teilweise zerschlagen 150 Euro Dieselkosten unsere Tagesbudgets. Der Monat Griechenland kostet uns knapp 3000 Euro – 500 davon würde ich mir gerne von der Ford-Garantie zurückholen.Wie man hier mit 500 Euro im Monat klarkommt bleibt mir ein Rätsel.

Kurz hinter Larissa finden wir am Fusse des mächtigen Olymps ein echtes Juwel: die Griechen baden hier in den Verdunstungsbecken zur Salzgewinnung.

Baden wie im Toten Meer – im Hintergrund grüßt der 2950 Meter hohe Olymp durch den Dunst.

Man schwimmt wie im Toten Meer, für uns ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Natürlich schmieren wir uns auch mit dem öligen Schlamm ein und lassen den Panzer an der Sonne trocknen.

Junkstörche in einem Dorf hinter Larissa

Zwischenzeitlich wechselt unser Campingstuhl den Besitzer . Gut das wir Ines Stuhl noch haben. Wir sollten etwas besser auf unsere Sachen aufpassen.

Der Stellplatz ist eine Katastrophe – nach 10 Minuten ist unser Michel übersäht von kleinen Kletten, sie sich ihm ins Fell drehen. Wir brechen in aller Eile auf und vergessen Sylvias Ersatz-Bikini. Ein kurzer Blick auf die Kabinenelektronik bestätigt mir: Die Karre lädt schon wieder nicht, der Kühlschrank hat vielleicht noch bis Mitternacht “Saft”.

Wir fahren 4 Stunden durch die Nacht zu einem Stellplatz bei Thessaloniki, der uns als “Ideal für eine Nacht mit wahnsinniger Aussicht” von Park4you angekündigt wird. Ich nehm gerade die Kamera zur Hand, da hab ich 50 Mückenstiche weg. Wir kommen nicht schnell genug in die Kabine um zu verhindern, dass mindestens 100 Mücken mit hineinschlüpfen. Es ist halb eins und wir entscheiden: “Hier können wir nicht bleiben!” Es ist brüllend heiß und ich hab immer noch das Öl aus der Saline am Körper. Das Wort unerträglich beschreibt’s am besten.

Wir fahren noch gut 2 Stunden in die Berge und finden einen mückenfreien Platz am Straßenrand. Am Morgen stresst mich das ungelöste Stromproblem so sehr, dass wir uns entschließen, zum Service nach Thessaloniki zur fahren – also 130 km zurück. Auf halber Strecke ruft mein Wohnkabinen-Techniker an und gibt mir ein paar Tipps, wie ich das Problem überbrücken kann. Gegen Mittag erreichen wir Camping Alexandro bei Kavala und das Leben ist wieder schön. So läuft das ab wenn man mit dem Camper in Griechenland unterwegs ist.

An dieser Stelle mal ein Dankeschön an alle Leser dieses Blogs: Wir sehen uns in der Türkei.

11. Etappe – Albanien (16. – 31. Mai 2019)

Wir verlassen dankbar und tiefenentspannt den Ohrid-See und erreichen nach wenigen Kilometern die albanische Grenze. Das Zusammenpacken und Aufbrechen dauert mittlerweile keine 15 Minuten. Wir entschließen uns, den Norden auszulassen und direkt ans Mittelmeer zu fahren. Tirana muss leider wegen der Unruhen gestrichen werden vom Reiseplan. Apropos Unruhen: Trump macht mir Sorgen, denn wir wollen eigentlich auch in den Iran. Mal sehen, wie sich das entwickelt.

Direkt hinter der Grenze treffen wir die Jungs vom Verein “Deutsche Humanitäre Hilfe Nagold e.V.”, die mit zwei Trucks an der albanischen Grenze auf die Zollabfertigung warten. Nur ein paar Minuten und ein paar Sätze reichen und wir wissen: “Das sind wieder so Typen, denen das normale Leben zu wenig ist und die tiefer schürfen wollen in ihren Möglichkeiten.”

Hier informieren

Wir fahren weiter Richtung Meer und erreichen Kavala. Auf dem Weg der erste Eindruck: Vom Armenhaus Deutschland nicht wirklich die Spur. Die Straßen sind gesäumt mit Ständen, wer seinen Wagen waschen lassen will muss nur rechts ran fahren.

Auf dem Campingplatz verkaufen zwei Mädchen Obst und Gemüse, die Wartezeit überbrücken sie kichernd mit ihrem Handy.

Die Albaner erscheinen mir sehr geschäftstüchtig – besonders diese beiden sehr sympathischen Exemplare

Der Campingplatz ist schön gelegen, aber eindeutig keine Karawanserei-Station in Richtung Osten. Die Menschen gehen aneinander vorbei, ein kurzer Hallo, das war’s. Hier werden wir nicht alt. Morgen werden wir weiter nach Vlore und dann nach Borsh fahren, wo wir vielleicht ein paar alte Bekannte vom Campingplatz Rino treffen, der uns jetzt schon fehlt.Vlore ist eine lebendige Touristenstadt und der Campingplatz ist wieder ganz nach unserem Geschmack und natürlich treffen wir sofort wieder nette Leute.

Und den Knüppel zum Hunde vertreiben immer dabei: Wer als Frau unterwegs ist muss wehrhaft sein: Michael aus Österreich und Jeanne aus der Schweiz.

Ab Vlorae geht es weiter zum legendären Llogara-Pass. Die Anhöhe markiert das Ende des Einflussbereiches von Alexander dem Großen und seiner Idee von “Groß-Griechenland”.

Frischerer Fisch geht nicht: Stand kurz vor dem Pass. Hier decken sich die umliegenden Hotels mit Fisch ein. Für Handwerker und Touristen wird der Fisch sofort zubereitet. Wir kaufen Brasse und Brataal für das abendliche Buffet.

Der Pass fasziniert mit fantastischen Weitblicken und die Albaner zeigen, dass Mut alles ist, was Autofahrer brauchen. In Albanien ist der Mercedes ein Statussymbol. Ich habe noch nie so viele alte S-Klassen auf einem Haufen gesehen.

Vorsicht Gegenverkehr!

Albanien nimmt auf der Südseite des Passes einen unwiderstehlichen mediterranen Charme an. Agaven, Kakteen und Palmen und das Leben findet auf den Straßen statt. Ich krame die Sonnenbrille raus, weil alles so licht, hell und strahlend ist. Und sauber: Albanien ist der bislang aufgeräumteste Balkan-Staat, den wir passieren.

Unser tolles, bestes und hypergeilstes Auto in seinem Element…

Wir erreichen die Bucht von Borsh und nach der Wegbeschreibung “wenn’s nicht mehr weitergeht dann rechts” treffen wir Ines und die Ostfriesen hier am Strand. Abends kommt der Fisch auf den Tisch und das Lagerfeuer kämpft erfolgreich gegen die Frische der Nacht an.

Ein feines Plätzchen direkt am Strand und kostenlos.

Am frühen Morgen kommt der Ziegenhirte auf ein Pläuschchen, bevor er seine Herde in direkter Linie den Fels hinauf treibt. Am Nachmittag müssen wir einen Fernseher finden, weil Alfred den Kickers aus Emden beim Aufsteigen zusehen muss.

Brennholz ist satt vorhanden.

Thema Sicherheit: Wie schon vorab in Rumänien haben wir in Albanien ALLE Vorurteile über Bord geworfen. Für mich ist mittlerweile klar: Die wirklich bösen Menschen leben in den führenden Industrienationen- vor denen sollten wir uns fürchen, nicht vor den Albanern, vor denen als allerletztes.

Wir haben hier weder diebisches Landvolk, abzockerische Parkplatzwächter noch korrupte Polizisten erlebt und ich frage mich nicht ein allererstes Mal auf dieser Tour: Wer hat einen Vorteil darüber, dass wie so schlecht über die Leute außerhalb Deutschlands denken?

Ein unglaublich nettes Volk diese Albaner…

Schlechte Nachrichten von unserem Iran-Kontakt: Mit dem Ford Ranger bekommen wir nur ein 5 Tage-Visum für den Iran und für 5 Tage lohnt der ganze Aufwand nicht. Vorläufiger Plan nach dem Wegfall Irans als Transit für den Rückweg: Nach dem Kaukasus werden wir Richtung Osten das Kaspische Meer umfahren bis zur Turkmenistanischen Grenze. Von hier aus denn per Schiff nach Baku in Aserbeidschan und dann entlang der türkischen Schwarzmeerküste nach Istanbul.

Ich ärgere mich über einen Kumpel, der meint, man müsse bei der Beurteilung von Albanien auch die Regierung kritisieren.. “Frag mal die Leute auf der Straße, was sie von ihrer Regierung halten.” Soll man Albanien kritisch sehen, nur weil hier eine vom Volk kritisierte Regierung an der Macht ist? Wem diene ich den damit??? Da frag ich doch lieber die Ziegen hinter’m Auto, was sie von so einer Logik halten…

Der dritte Tag in der Bucht von Borsh führt uns, Ines und die Ostfriesen hoch auf den Berg zur Burg von Borsh. Das baufällige Gebäude versprüht einen Hauch von Morbididät, der sich nur bei absolut orginalen und nicht restaurierten Denkmalen einstellt.

Die Burg von Borsh – ein absolut sehenswertes touristisches Kleinod abseits der eingetretenen Pfade
Der Turm der Kirche – oder Reste eines Minarettes? Hier ist neben Schwindelfreiheit auch Phantasie gefragt.

Auf dem Rückweg besuchen wir eine Restaurant, das mitten über einem Gebirgsfluss auf Stelzen steht.

Abends sitzen wir wieder am Lagerfeuer, auch Vera und Waclav aus Prag bringen etwas zu Essen mit – Wir braten Kartoffeln in der Glut und essen die Matjes, die Alfred schon seit Wochen durch Europa transportiert .

Auch ein starkes Team: Vera und Waclav aus der Tschechei

Mich beschäftigt die Frage, ob ich dieses Land bereisen darf, oder ob ich es aus Solidarität zu den Regierungskritikern bleiben lassen soll. Meine Güte: Wo fängt das an? Dann darf ich ja nicht mal mehr in die Uckermark fahren. Nein, ist schon gut so und die Albaner freuen sich über uns. Zumindest arbeiten wir hier bei Matjes und Raki im Rahmen unserer Möglichkeiten am Haus Europa.

Albanien wird mir als ein Land der skurillen Momentaufnahmen in Erinnerung bleiben.

Wir können Ines überreden, mit uns die Bergstrecke nach Vlora als Alternative zum Llogada-Pass zu versuchen, aber sie hat schon nach ein paar Kilometern “kein gutes Gefühl” und bricht ab.

Die Piste schlängelt sich durch das Gebirge im Hinterland von Himare. Ohne Allrad ist das eine echte Herausforderung. Wir brauchen am Ende für knapp 50 Kilometer 5 Stunden.

Andreas, den wir in Borsh kennengelernt haben, fährt vor und wir folgen seinem Allrad-Daimler.

Die Tour macht einen Riesenspaß und macht das bisherige Highlight unserer Reise aus. Unvergleichbare Ausblicke und eine Szenerie fernab jeder Zivilisation.

Andreas und Diana aus Gera – ganz konsequente Aussteigertypen.

Ich habe da bislang nichts Ähnliches erlebt. Der Ranger schraubt sich souverän durch die engen Kehren und ich freue mich über jedes PS.

Wirklich befahrbar ist diese Straße aber wirklich nur im klassischen Sinn: Mann kommt irgendwann an.

Wir folgen Andreas und schrauben uns durch’s Gebirge – ein unvergleichliches Erlebnis.

Nach knapp 50 Kilometern hat das Holpern ein Ende und wir fahren auf einigermaßen erträglichen Straßen. Bis zur nächsten Nationalstraße sind es noch 4 Kilometer. In einem kleinen Dorf kaufen wir für’s Abendessen ein.

Typischer Laden in Albanien – völlig entschleunigt und garantiert nicht bis 22 Uhr geöffnet.

500 Meter nach dem Ortsausgang verabschiedet sich der Motor und wir stecken fest. Ferndiagnose aus Deutschland hilft nix und auch die 10 albanischen Köpfe, die unter unserer Motorhaube in den Tiefen des 6-Zylinders verschwinden, wissen keinen echt wirksamen Rat.

Die coolen Dorfkids wissen auch nicht wie’s weitergehen soll – freuen sich aber über die Abwechslung.

Da hilft nur Abschleppen. Ein Albaner kümmert sich um alles und 2 Stunden später wird der Ranger auf einen klapprigen Abschleppwagen gezogen – da klappt mal so grad eben – und los geht der Höllentripp.

In einer der ersten Kurven schleudert uns ein mit 5 finsteren Albanern besetzter Rangerover entgegen und hechtet aus Platzmangel in den Straßengraben. Unser Fahrer setzt zurück, zieht eine Art Spanngurt unter seinem Sitz hervor, verknotet die beiden Fahrzeuge und zieht den Rangerover aus dem Loch. Dabei wird kaum ein Wort gesprochen und vor allem auch gar nicht geschaut, ob da irgendwas kaputt gegangen ist. Die fünf wuchtigen Albaner steigen wieder ein und brausen los.

Mein Guide empfiehlt mir, nicht auszusteigen, daher nur ein unscharfes Foto.

Unser Fahrer hantiert mit zwei Handys, zündet sich mit Streichhölzern eine Kippe an. Aus einem billigen Lautsprecher scheppert orientalische Pop-Musik. Zur Krönung kommt bei voller Fahrt noch sein Kumpel oben aus dem Ranger geklettert, weil er auch ‘ne Kippe will.

Endlich mal was los auf dem Campingplatz – Die Experten diskutieren die verschiedenen Lösungsansätze.

Die Asphalt-Artisten haben uns nach Vlore gebracht. Hier haben die sympathischen Abschlepper den Ranger am nächsten Morgen wieder abgeholt und zu Ford nach Tirana transportiert. In der nun auf ihren eigenen Beinen stehenden Kabine warten wir nicht gerade am übelsten Platz der Welt auf unser Auto. Metti, der Besitzer von Camping Vlore ist einer der freundlichsten und hilfsbereitesten Menschen die ich auf meiner Reise kennenlernen durfte.

Und ab damit zu Ford nach Tirana – Wir machen Urlaub in der abgestellten Kabine.

Camping Vlore ist meine Empfehlung für Camping in Albanien

Camper-Idylle auf dem Platz “Camping Vlore”. Hier springt der Fisch direkt vom Meer auf den Teller.

Der zweite Tag ohne Auto. Wir gammeln rum und freuen uns, dass Ines wieder bei uns ist. Am Abend kommt auch mein Offroad-Begleiter Andreas auf den Platz – in ziemlicher Dunkelheit, denn die ganze Bucht ist für Stunden ohne Strom. Andreas und Diana wollen morgen von Vlore nach Bari übersetzen. Die Option kommt für uns auf dem Rückweg in Betracht.

Der dritte und vierte Tag: Lost in Albania – wir leben zwar wie die Made im Speck auf Camping Vlore, aber die Made langweilt sich. Ines fährt heute weiter und vom Auto gibt es nichts neues.

Ich habe mich mit Mettis Onkel über die politische Situation in Albanien unterhalten und er sagt, dass das Problem nicht allein die schlechte Regierung wäre, sondern vor allem, dass es keine Opposition gäbe. Der Onkel war ein hochrangiger Militär und kann mir einiges über die Entwicklung Albaniens seit Hodschas Tod in den 80er Jahren erzählen. Wieder merke ich, dass die Albaner ein ganz feines Volk sind – mindestens ebenso europäisch wie die Rumänen oder Bulgaren. Die Albaner sind sich ihres Potentials bewusst und jammern nicht rum, das liebe ich an denen.

Wir selbstgefälligen Westeuropäer werfen ihnen vor, dass das alles nicht schnell genug geht. Man muss sich mal überlegen, was hier vor 40 Jahren los war und viele Albaner haben das noch miterlebt. Noch heute stehen an allen strategisch wichtigen Punkten Hodschas 1-Mann-Bunker, in denen jeweils ein junger Albane mit der Kalaschnikow im Anschlag die bevorstehende Invasion der Westmächte erwartete.

Wer aufmerksam spazierengeht, der findet in Albanien ein sehr artenreiches Bodenleben vor. Schlangen, Eidechsen, Ratten – das Highlight bislang war diese griechische Landschildkröte.

Und dann endlich: Es ist Mittwoch und ich habe den Ranger aus Tirana abgeholt. Er läuft wie am Schnürchen, leider kann mir niemand sagen, woran es gelegen hat, wahrscheinlich ein lockeres Kabel. Als ich auf dem Campingplatz die Kabine montieren will sehe ich, dass die vordere linke Befestigungsöse abgerissen ist. Das Eisen ist total rostig und ich gehe davon aus, dass wir mit dem Schaden schon seit Rumänien rumfahren. In einer kleinen Werkstatt bohrt mir ein freundlicher Albaner die sechser Löcher auf, hinterlegt neue Muttern und tauscht die viel zu dünnen Schrauben gegen wirklich wuchtige Brummer aus. Der Spaß kostet mich 12 Euro. Er empfiehlt mir, das auf der anderen Seite auch noch zu machen. Da ich mir in der Türkei eine Winde montieren lassen will wird das da in einem Abwasch gemacht.

Wir sind jetzt 2 Monate unterwegs, da geht halt mal was kaputt.

Auf dem Weg nach Griechenland fahren wir durch das albanische Hinterland, wo noch vor 5 Jahren erbitterte Kämpfe um die Hoheit in den Cannabis-Anbaugebieten ausgefochten wurden. Hier stand ein ganzer Landstrich unter Kontrolle der Drogenmafia, die 4 Milliarden Euro pro Jahr mit Cannabis umsetzte. Wie unzugänglich die Region ist mag man an diesem Brückenbauwerk ermessen, das sich rund 150 Meter über eine malerische Schlucht spannt. Ich wäre zur Krönung des Vatertages gerne drübergefahren, aber als der eine Albaner sagte “Geht” und der andere “Besser nicht!” haben wir uns doch dagegen entschieden.

50/50 war Sylvia dann doch nicht sicher genug!

Albanien ist wunderschön hier und wird uns zunehmend fremdländischer, wenn nicht sogar orientalischer. Das Navi radebricht mit den Straßennamen wie “Ali Pashe Tempelena Road”.

Cooler Typ der Ali Pashe Tepelena…Was er gemacht hat ausser lässig abhängen erschliesst sich nicht…

Der Tag klingt auf dem Campingplatz in Gjirokaster aus. 100 Kilometer vor der griechischen Grenze mutet Albanien mehr und mehr wie ein Zeichnung aus einem Karl May-Band an.

Camping Gjirokaster beherbergt uns für 8 Euro die Nacht und das Restaurant empfiehlt sich mit feinster albanischer Küche.

10. Etappe – Mazedonien (10. – 15 . Mai)

Da haben wir uns auf den ersten Metern verliebt: Ein stolzes Land mit freundlichen Leuten und statt Müllbergen am Straßenrand “Save the Nature”-Plakate. Wir starten unsere Tour am Matka Canyon und genießen dieses Schauspiel in der Abenddämmerung – gut vorstellbar, dass hier tagsüber der Teufel los ist. Wir sind auf jeden Fall ganz allein auf dem Wanderweg entlang dieses kleinen Sees, der durch Aufstauen einer malerischen Schlucht entstand. Die touristische Ausschlachtung ist angemessen und nimmt Rücksicht z.B. auf die Fledermäuse, die sich in den Felsnischen eingenistet haben.

Wir übernachten in den Bergen und verbringen eine ruhige Nacht mit der tollen Erfahrung, wie dunkel es ist, wenn wirklich keine Lichtquellen vorhanden sind. Die Nacht ist sowas von schwarz, dass sich selbst das Vogelgezwitscher verbietet. Diese Momente sind die Highlights der Tour, genauso wie das Geschenk, frühmorgens durch das wolkenverhangene Mazedonische Gebirge fahren zu dürfen.

Der zweite Tag auf dem wunderschönen Campingplatz Rino bei Struga. Nachts hört man das Rufen des Muezzins und wir erfahren, dass 80 % der Einwohner hier Moslems sind. Der Islam ist hier am türkischen Vorbild orientiert, scheint aber wenig Einfluss auf das öffentliche Leben zu nehmen. Struga ist eine moderne südeuropäische Stadt, die man so auch sicher in Italien oder Spanien finden könnte.

Ich sitze mit Emini Verdi und Dauti Versi am Ufer des Ohrid-Sees und die beiden ehemaligen Gastarbeiter erzählen von ihrer Zeit in Österreich. Emini hat 38 Jahre im Ausland gearbeitet, zuletzt als Polier in Diensten von “Mörtel” Lugner, den er als fairen Arbeitgeber preist.

Die beiden lieben den Süd-Balkan und machen zwischen Mazedonien und Albanien keinen Unterschied. Es scheint, als könnten sie ihre Rente hier besser investieren als 50 km entfernt in Albanien. Am Vorabend haben wir Ines aus Dortmund kennengelernt. Die einst beruflich sehr erfolgreiche Juristin und Personalerin reist ebenfalls mit dem Pickup durch Europa und unsere Lebensgeschichten ähneln sich in vielen Punkten. Sie ist weiter als wir und mir wird schlagartig bewusst, dass mein altes Leben vorbei ist und es auch keinen Weg zurück gibt. Nach dieser Reise wird nichts mehr so sein wie vorher. Wir verabschieden uns von Ines und vereinbaren ein Wiedersehen in ein paar Tagen in Albanien, wo ich auch auf ein Treffen mit Karl aus Wien hoffe, so ihm das nicht zu weit ist.

Ines aus Dortmund ist mit ihrem Nissan + Tischer-Wohnkabine auf dem Südbalkan unterwegs. Wir sitzen abends noch lange zusammen und vergleichen unsere Beweggründe, die auf völlig unterschiedlichen Wegen zum gleichen Ergebnis führten.

Markttag in Struga: Die Stadt ist gut auf Tourismus eingestellt und am nördlichsten Zipfel der Ohrid-Sees präsentiert sich das Unesco-geschützte Naturdenkmal von seiner besten Seite. Der türkis-grüne Drin führt durch die lebhafte Stadt und entwässert den riesigen und von schneebedeckten Bergen umrahmten See. Vergleiche zum Gardasee verbieten sich wegen der völligen Unterschiedlichkeit – aber der Ohrid-See hat das gleiche Potential – wenn nicht mehr.

Seeschlangen inklusive – Der Ohrid-See birgt manche Überraschung

Der Markt lebt von regionalen Produkten und empfindliche Gemüter fragen die Hühner und Küken, die hier zum Verkauf angeboten werden, besser nicht nach dem Befinden.

Das Ware schreit vor Frische und für umgerechnet 2 Euro ist der Gemüsekorb für den abendlichen Salat prall gefüllt.

Kein armes Land, dieses Mazedonien und manchmal denke ich, die Mazedonen sind sich dessen auch bewusst.

Für umgerechnet 10 Euro kaufen wir einen Berg Nüsse, die noch in Georgien unser Müsli krönen werden. Zwei Kaffee und ein Orangensaft im Cafe am Fluss: 2 Euro.

Die Schwarze Drin entwässert den mächtigen Ohrid-See durch Struga hindurch.

Das Leben spielt sich hier auf der Straße ab und ob hier jemand ein Kopftuch trägt oder nicht, ist ganz bestimmt kein Thema. Der Muezzin schreit und die Orthodoxen bekreuzigen sich zigfach wann immer sie ein Kreuz sehen.

Im Supermarkt kostet die Milch einen Euro und ich bekomme eine Vorahnung, was bei einem Durchschnittseinkommen von 400 bis 600 Euro nach einem Supermarkteinkauf übrig bleibt. Auch deshalb ist der Markt zu gut besucht – hier gibt es eigentlich alles was man braucht und zu erschwinglichen Preisen.

Überall wird diskutiert – vor allem über den möglichen Nato-Beitritt. Das kleine Mazedonien fürchtet nicht Russland oder Griechenland: Nachbar Serbien macht den Mazedonen Sorgen. In der aktuellen Stichwahl gab es einen überwältigenden Sieg für einen Reformpolitiker, auf dem hier viele Hoffnungen ruhen. Der alte Kaderkandidat – russland-nah – wurde abgestraft.

Hier wird beim Morgenkaffee diskutiert was die Weltlage hergibt – laut und sehr engagiert.

Es ist Montag, 13. Mai, und wir sind seit 6 Wochen unterwegs. Über dem Balkan hat es sich eingeregnet und wir warten gemeinsam mit Justin aus Neuseeland auf besseres Wetter. Es gibt keinen Punkt, den man innerhalb einer Tagesetappe erreichen könte, an dem es nicht regnet, also mummeln wir uns ein und warten auf besserers Wetter. In der Nacht ist ein Pärchen aus Holland gekommen, die auch über Georgien nach Aserbeidschan wollen.

Wir teilen unsere Pasta mit Justin aus Neuseeland – der ist froh im strömenden Regen nicht im Zelt sitzen zu müssen unbd erzählt uns seine spannende Reisegeschichte.

Wir sprechen seit zwei Tagen fast ausschließlich Englisch und es ist schon auffallend, dass alle Leute hier auf dem Platz entweder einen Aussteigerhintergrund haben oder zumindest leidenschaftlich reisen. In diese “Aussteigerszene” platzt eine Reisegruppe mit mehreren Wohnmobilien aus Deutschland und der Schweiz, die im Rahmen einer Guided Tour auf dem Balkan unterwegs sind. Ich habe durchaus Verständnis für die Motivation dieser Leute, aber ich denke, dass selbst der Ängstlichste hier merkt, dass es keine landestypischen Gefahren oder Sicherheitsrisiken gibt. Aber vielleicht lieben diese Leute das Reisen in der Gruppe und die geselligkeit. Da die Gruppe eine eigene soziale Dynamik entwickelt bleibt man aber eher unter sich und verpasst damit womöglich die Chance, von Einheimischen angesprochen und eingeladen zu werden, wie es Individualreisenden hier täglich passiert. Andererseits organisieren die Guides Kontakte und führen die Gruppe sicher auch an Orte, die anderen verschlossen bleiben. Jeder soll das machen, wie er möchte…

Wir sind auf jeden Fall heilfroh nicht fix geplant zu haben, denn Justin legt uns die Mongolei ans Herz und ich grübel über den Karten. Ausgeschlossen ist das nicht , aber wenn, dann dürfen wir jetzt nicht viel Zeit verlieren in Griechenland. Georgien ist der Dreh- und Angelpunkt aller Planungen und ich denke, dass wir Ende Juni dort sein werden.

Thomas und Deria aus Leipzig wollten eigentlich Mazedonien erwandern – bis der Regen kam. In der Campingplatzbar herrscht eine Stimmung wie in der Bar Rick’s Cafe. Hier sind alle Reisende.

Auch Justin hat sich wieder auf den Weg gemacht mit seiner Afrika Twin in Richtung Norden. Wir werden Mittwoch durchstarten nach einer Woche Camping Rino. Wir haben hier Essen, Trinken und Campingplatz 20 Euro die Nacht bezahlt. Gute Nachrichten per email: Kasachstan ist bis zu 30 Tage Visa-frei, was unsere Planungsmöglichkeiten erheblich erweitert. Von unserem Kontakt aus dem Iran gibt es noch keine Infos, aber so wie die weltpolitische Lage gerade aussieht wird das wohl eh nichts werden.

Justin aus Neuseeland bereist die Welt mit seiner Honda.

Am Nachbartisch freuen sich ein paar Mazedonier auf den Sonnenuntergang: Hier ist Ramadan und nur zu gerne trifft man sich im Restaurant zum gemeinsamen Essen.

Die Bevölkerungsmehrheit ist islamisch und folgt den Regeln des Ramadan. Gegessen und getrunken wird nur nach Sonnenuntergang

Die Zeit hier in Struga war sehr wichtig: Zum einen sind wir echt runtergekommen in dieser Regenwoche, zum anderen haben wir wieder tolle Leute kennengelernt und auch die zeit für uns gut genutzt. Ich habe mich z.B. wieder intensiv in Brene Brown hineingehört. Ich bin sicherlich auf dem richtigen Weg, aber es gibt noch viel zu tun!



9. Etappe – Durch Bulgarien (4. Mai – 9. Mai 2019)

Ich kämpfe wieder mit meinen Geistern: Morgen geht es nach Bulgarien und ich habe nicht viel Gutes gehört über das vermeintlich ärmste EU-Land. Ich höre immer noch zu sehr auf diese Stimmen, statt offen ins Abenteuer zu gehen. “No risk no fun” – yo, das waren noch Zeiten. Heute liest man Google-Bewertungen über Campingplätze und löst damit eine grundsätzliche Angst vor einem ganzes Land aus. So ein Unsinn. Andererseits ist Vorsicht ein deutliches Evolutionsmerkmal.

Egal: Morgen stehen 370 Kilometer bis nach Belogradchik an. ich habe es noch nie besucht, also wird es mich überraschen – zwangsläufig. Ich weiß, dass dort viele zu junge Mädchen für Geld an der Straße stehen und so manches Kind unseren Michel um sein Hundeleben beneiden wird. Und? Ich kann das nicht ändern, so sehr ich das auch möchte. Ob Bulgarien und Serbien für mich mehr als Transit sind auf dem Weg nach Montenegro sind wird sich herausstellen. Am 1. April hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich fast einen Monat in Rumänien bleiben werde.

DerWeg nach Belogradchik ist trostlos, aber es geht auf wirklich sehr guten Straßen zügigvoran. An der Grenze macht mich der finster dreinblickende Grenzer ganz kirre und ich muss Sylvia daran erinnern, dass ich als Jugendlicher Grenzen noch anders erlebt habe. Er winkt uns durch und wir landen drei Meter später an einem weiteren Häuschen: Die freundliche Bulgarin will 6 Euro für den “Beach” haben. “Was’n für’n Strand”überlege ich und entschließe mich doch lieber zu zahlen. Zwei Kilometer weiß ich was sie meinte: Nicht den “Beech” sondern die “Breeedge”, was auf bulgarisch/englisch Bridge heißen sollte und für die mächtige Donaubrücke steht, die sich hier über den unvorstellbar breiten Strom schlägt. Wir lachen uns halbtot und tauchen sofort tief in dieses interessante Land ein. Hier haben die alten Schinken noch kein Oldtimer-Kennzeichen und auf den Straßen werden jederzeit Offroad-Qualitäten abgefragt.

Aber es ist schon schön. Wir kommen am Campingplatz an und würde es regnen, es wäre die gleiche Szene wie der Beginn der Rocky Horror Picture Show. Wir essen im Restaurant und ich bekomme mit Ziegenkäse überbackenen Schafskäse in einem echt brennenden Tontopf. Auch das Bier wird im Topf serviert und sogar die Fanta. Außer Töpfen braucht’s hier kein Geschirr. Hintergrund jault es wie aus einem türkischen Taxi und wir wissen endlich: Der Orient ist nicht mehr weit. Die Anlage ist skurill, aber blitzsauber.

Kathleen aus Belgien setzt sich zu uns. Die Psychiaterin aus Antwerpen reist allein in ihrem Mercedes-Allrad-Kastenwagen und will die Seidenstraße hoch und die Pamir-Hochstraße meistern.

An Plätzen wie diesen begegnet man Individualisten. Wir unterhalten uns super und beschließen, uns die Burg und die Felsen morgen zusammen anzusehen.

Am Morgen kreist ein Storch über dem Camper und es ist toll anzusehen, wie dieser majestätische Vogel die Winde zum aufsteigen nutzt und quasi ohne Flügelschläge an Höhe gewinnt. Kathleen bleibt im Camper, sie hat bis 2 Uhr in der früh Russisch gelernt und ist müde.

Die Festung von Belogradchik ist der Hammer – Eine Wahnsinns-Verteidigungsanlage, die die mächtigen Steinkolosse in die spektakuläre Architektur einbezieht. Die gesamte Gegen um die Stadt ist mit diesen Steinriesen übersäht, die teils bis zu 100 Meter aufragen. Man bekommt schnell einen eindruck davon, warum diese Festung als uneinnehmbar galt.

Wir frühstücken im schicken Hotel Fortobel, direkt neben der Festung. Der sympathische Hotelbesitzer begrüßt uns auf deutsch und ich verspreche, etwas Werbung für ihn zu machen. 70 Lew, also 35 Euro kostet hier das Doppelzimmer für zwei Personen. Die Campingplätze der Region liegen bei 40 Lew, also 20 Euro. Kurz überlege ich, eine Hotelnacht einzulegen, aber wir wollen heute noch knapp 300 Kilometer bis nach Rila fahren, um die weltberühmte Klosteranlage zu besuchen. Sofia lassen wir links liegen, irgendwie werden wir nicht warm mit dem Land – kann aber am Wetter liegen – an der Landschaft auf keinen Fall.

Camping Bor ist gespenstisch – Im Sommer mag hier einiges los sein, aber die Nacht wird höchstens mal ein Bär am Wohnmobil klopfen. Wir sind allein mit dem alten Aufseher, der kein Wort von irgendeiner Sprache spricht, ich bezweiflle, dass irgendwer das Bulgarisch versteht, dass er radebricht. Selbst aus seinen Gesten werden wir nicht klug. Aber irgendwie geht das alles – dauert alles halt etwas. Die Landschaft mitten im Rila-Nationalpark ist auf jeden Fall mehr als beeindruckend. Hier könnte man prächtig wandern, aber die Temperaturen sind um die Null grad und das Wetter wird nicht besser. Morgen schauen wir das Kloster an und fahren am Nachmittag nach Skopje in Mazedonien, wo es immerhin um die 20 Grad warm sein soll.

Und wieder umgeplant: Es ist super Wetter und bei Sonnenschein ist die Anlage gar nicht mehr so gruselig. Wir entscheiden kurzfristig, noch einen Tag zu bleiben, weil es aktuell viel Arbeit für mich gibt und ich dringend funktionierendes Internet brauche. Ob ich das in Mazedonien habe weiß ich nicht. Eventuell bleiben wir sogar morgen hier, Vorräte haben wir genug und bin lieber Samstag und Sonntag außerhalb der EU schlecht erreichbar.

Rezeption und Sanitärranlagen – etwas gewöhnungsbedürftig, aber blitzsauber und absolut funktional.

Zeit für einen Klosterbesuch ist aber trotzdem und wir sind echt erschlagen von diesem Eindruck. Ein absolut mystischer Ort!

Das Kloster Rila – wohl eine der wichtigsten religösen Stätten der Welt und das Zentrum der orthodoxen Kirche in Bulgarien.

Außerdem sind wir nicht mehr allein. Wir treffen Michael, der mit seiner Bimobil-Kabine auf dem Weg von Georgien nach Hause ist. Die Kabine zieht nach hinten und er hofft, dass die in Georgien geschweißte Naht am gebrochenen Fahrwerk seines Nissan Navarro hält bis nach Hause. Schwachstelle bei seiner Kombi ist das Gewicht der Kabine auf einem Doppelkabiner-Chassis. Das bedingt viel Gewicht hinter der Hinterachse und der Nissan ist nicht mehr der Jüngste.

Mit dem Ranger und der Kabine ist zum Glück alles bestens. Einzig nervend ist die Tatsache, dass die vielgerühmte ALDE-Heizung mit den Straßenverhältnissen große Schwierigkeiten hat und immer wieder Luft in den gemarterten Kanälen für Störungen sorgt. Ich muss die Heizung quasi jeden Abend entlüften.

Die Straße nach Mazedonien ist zum Glück sehr gut in Schuss, aber auf dem Weg wird uns einmal mehr bewusst, wie gegensätzlich dieses Land ist. Kurz vor der EU-Außengrenze passieren wir ein Zigeunerdorf und selbst beim Vorbeifahren ist der Gestank durch verbrannten Müll kaum auszuhalten. Einige Behausungen bestehen aus ein paar aufgeschichteten Ziegeln und Wellblech drauf. Vielleicht mögen die Roma in Rumänien ein freies und selbstbestimmtes Leben führen – dies hier ist auf jeden Fall das Ende der Zivilisation und ein Staat, der das zulässt, hat Hausaufgaben zu machen.

Wir passieren erstmals die EU-Außengrenze und brauchen rund eine halbe Stunde für den Übergang mit insgesamt 4 Stationen. Die LKW-Schlange ist etwa 3 Kilometer lang. ich mag mir nicht vorstellen, wie lange die Fahrer hier ausharren müssen.

Wir verlassen Bulgarien als ein Land, mit dem wir nicht wirklich warm geworden sind. Teils recht unfreundliche Leute, teurer als Rumänien und touristisch anspruchsloser. Auf der Plus-Seite: Grandiose Landschaften, tolles Essen und eine konsequente Karl-May-Atmosphäre. Wir bereuen nichts – kommen aber sicher auch nicht noch einmal wieder.

8. Etappe – Die Karparten bis nach Bukarest (28. April – 2. Mai 2019)

Wir stehen immer noch auf dem Platz bei Michelsberg, orientieren uns aber jetzt in Richtung auf unser neues Abenteuer: Die Karparten. Wir wandern über die sanften Hügel und finden überall die intensiven Spuren der Bewirtschaftung durch Schafhaltung. Es ist etwas Vorsicht geboten, denn die Hunde der Schäfer sind gefährlich und würden mit unserem Michel kurzen Prozess machen.

Unvorstellbar schön: Die Karparten

Auf unserem Weg kommen wir an einem Honig produzierenden Betrieb vorbei und der junge Besitzer drückt uns Gläser seines Honigs in die Hand. Es ist unglaublich und wir schämen uns dafür, wie wir Rumänen in Deutschland behandeln würden. Man muss sich das vorstellen: Diese Leute sind als Deutsche zu uns gekommen und wirklich nicht immer gut behandelt worden.

Wir treffen eine “echte” sächsische Familie und bitten sie, für uns ihre Sprache zu sprechen. Es ist völlig fremd und wir verstehen kein Wort. Deutsch sprechen die Sachsen perfekt und haben es in der Schule und im Elternhaus gelernt. Sie fühlen sich deutsch – wie ich – und ich fühle mich mies, dass ich das 58 Jahre lang nicht gewusst habe, dass ich hier Landsleute habe. Ich weiß so wenig über diese Welt. Ich frage den Bauern wie es ihm hier so geht und es kommt als Antwort das hier so typische Achselzucken: “Früher hat es hier eine Teppichfabrik gegeben mit 7500 Arbeitsplätzen, heute gibt es nichts mehr!” Ich mag nicht über den Preis der Freiheit reden, spüre aber, dass ihn das alles bedrückt – dass fast alle Sachsen weggezogen sind 1990, fort nach Deutschland, und keiner kommt zurück. Er versteht nicht, warum er nicht die gleichen Subventionen erhält wie deutsche Landwirte und auch nicht, dass ihn damals niemand vom Bahnhof abgeholt hat, als er als Erntehelfer kam und seine Koffer drei Kilometer bis zu seiner Unterkunft schleppen musste.

Im Zigeunerdorf ein paar Kilometer entfernt leben die Roma ihr Leben. Die Lokal-Politiker setzen sich dafür ein, dass sie das ungestört und entsprechend ihrer Traditionen machen können, denn am Wahltag organisieren die Familienchefs den gemeinsamen Gang zur Wahlurne. Viele Politiker in ländlichen Gegenden sichern sich mit der Gunst der fleißig wählenden Roma ihre politische Position. Auch das ist Rumänien

Wir schauen uns abends den Film “Dem Himmel so nah” über die letzten siebenbürger Schäfer an. Es berührt mich tief und ich frage mich, “Wo verorte ich das Glück?” und auch wie ich es schaffen kann, diesen Menschen hier zu sagen, dass sie reich beschenkt sind.

Ich bin so glücklich über diese Reise und darüber, was es mit mir macht, dass ich weinen könnte.

Der erste Monat ist um und hier einiges zur Statistik: Wir sind bei einem Tagesbudget von 45 Euro gelandet inkl. Diesel. Das ist gut, aber ich denke, dass wir das nicht halten können, wenn wir die Campingplätze bezahlen müssen. Bislang haben wir von 30 Übernachtungen nur 4 bezahlen müssen. Andererseits werden wir nicht noch einmal 2500 Kilometer in einem Monat fahren. Der maximale Tagessatz von 50 Euro ist gesetzt. In Summe ist das deutlich weniger, als mich das Haus in Deutschland gekostet hätte. Auf der negativen Seite bislang: Ich bin von einem Hund gebissen worden, Michel gleich zweimal und Sylvia von einer Zecke. Die Grippe haben wir beide gut überstanden.

Wir haben noch nichts verloren. Eine defekte Schublade konnte ich mit Leim wieder reparieren. Die Wohnkabine ist ohne jede Kritik und ist für diese Art Reise optimal. Beim Ranger macht mir der Adblue-Verbrauch etwas zu schaffen, beim Diesel liegt er konstant bei 12 Litern, egal was ich mache. Die Arbeit klappt gut, die 30 Gigabyte-Karte von Vodafone hat 4,90 Euro gekostet und hält schon 14 Tage. In Bulgarien werde ich wieder die insgesamt 4 Gigabyte nutzen können, die wir über unsere Handy-Verträge beziehen.

Es ist Freitag und wir haben für die 150 km nach Bran gut 4 Stunden gebraucht – das ist ein guter Schnitt. Wer so zügig unterwegs sein will, muss eine elektronische Vignette kaufen (6 Euro/Woche), um Schnellstraßen und Autobahnen nutzen zu können.

Am Schloss Bram wird mächtig auf Dracula gemacht, sogar das Bier wird blutrot eingefärbt und der Trubel errinnert mich an den Hexentanzplatz im Harz. Auf dem Campingplatz haben wir ein Pärchen aus Bukarest getroffen, die uns spontan einen Stellplatz in der Innenstadt angeboten haben. Wir werden am samstag die Hauptstadt Rumäniens ansehen. Die Tochter unserer Campingplatznachbarn studiert Ozeanologie in Hamburg, spricht perfekt Deutsch und schickt uns stündlich per Whatsapp Updates zu den Sehenswürdigkeiten. Wir sind sehr gespannt und gehen jetzt erstmal zur Schlossbesichtigung.

Ist weder von Wlad Tepes noch von Dracula jemals besucht worden – trotzdem ein mysteriöser Ort …

Der Gang durch das sehr gut erhaltene Schloss hat sich ganz gegen meine Erwartung zu einer sehr inspirierende Erfahrung entwickelt. Man kann das schlecht erklären, aber der Geist der Leute, die hier mal gelebt haben, ist noch spürbar. Das ist alles noch sehr viel zum Anfassen und die komplette Anlage wird mit sehr viel Fingerspitzengefühl instand gehalten. Authentizität bedeutet, Geschichte nicht zu verfälschen und sieht man mal vom missglückten Versuch ab, Dracula hier zu verorten, funktioniert das prima.

Am Abend kommt unsere Campingplatznachbarin Lena zu uns in den Camper und ich freue mich wieder mal wahnsinnig über ein tolles Gespräch. Das Schöne am Reisen ist, dass man solche Leute trifft. Die junge Aussteigerin (sorry Lena, aber das musste jetzt sein 😉 ) reist mit ihrem Freund durch Rumänien und erzählt uns von ihrem Leben in der Schweiz, wo sie in einem Bauwagen ein recht unkonventionelles Leben führt. Sie räumt tüchtig mit dem landläufigen Bild auf, dass wir gern von Schweizern haben.

Die jungen Leute reisen auch, um Antworten zu finden. Eigentlich wie wir, nur aus einer ganz anderen Perspektive: Sie haben das Leben noch vor sich und stehen vor wichtigen Entscheidungen – wir haben es fast hinter uns und fragen uns, ob wir die richtigen Entscheidungen getroffen haben. Uns eint eine spürbare Seelenverwandschaft im Bemühen, uns nicht einreihen zulassen und ich neide ihnen nur ein bisschen ihre Jugend und was sie schon alles erlebt haben.

Nun zu profaneren Dingen: Zum Glück funktioniert die Heizung wieder, die Nächte sind doch noch ziemlich kalt und der Haussegen hängt schnell schief wegen sowas. Die Alde-Heizung hatte von einem Moment auf den anderen den Betrieb aufgegeben . Mit den nötigen Hilfestellungen durch Adam Lentner vom Wohnkabinencenter geht’s wieder.

Uli und Volker sind gerne abseits der üblichen Routen unterwegs – ihr Wohnwagen muss dabei immer wieder Geländetauglichkeit beweisen.

Wir verabschieden uns von Lena und Cyrill und auch von Uli und ihrem Mann, die wir zuletzt in Hermannstadt getroffen hatten. Lenas Freund sieht nicht gut aus, er hatte die Polen rechts neben ihm nur nach einem Grill fragen wollen und war dann bei Bier und Schnaps hängengeblieben.

Ein tolles team: Lena und Cyrill aus der Schweiz.

Uli und Volker kamen spät in der Nacht auf dem Weg vom Donaudelta zufällig hier vorbei. Sie schwärmen uns vor vom Delta, aber wir müssen Prioritäten setzen und endlich in den Süden kommen. Bukarest ist schon ein Umweg – aber wer weiß, ob wir hier so schnell wieder vorbeikommen.

Auf dem City-Campingplatz stehen wir keine 5 Minuten und finden mit Jean einen supernetten Franzosen, der sich mit uns das Taxi ins Zentrum teilen will. Seit wir los sind werden wir von Menschen getragen die uns ein Stück begleiten, uns beeindrucken und prägen und dann wahrscheinlich auf ewig wieder verschwinden.

Die Zuverlässigkeit, mit der wir solche Leute finden ist immer wieder eine wunderbare Erfahrung. Wir waren früher oft unterwegs, aber dass wir mit so einer traumwandlerisch sicheren Wahrscheinlichkeit Menschen treffen, die uns an die Hand nehmen, oder die wir an die Hand nehmen ist eine völlig unerwartete Facette dieser Reise.

Wir hatten zu Beginn Angst davor, Langeweile zu bekommen, oder die Zwei/Einsamkeit nicht ertragen zu können.

Die Monumentalbauten – hier das Nationalmuseum – sind in einem Top-Zustand.

Bukarest: Gut, dass wir das nicht verpasst haben! Was für eine tolle und inspirierende Stadt, die so gar nichts mit Budapest oder Wien zu tun hat. Der Touristenanteil ist unter 1 Prozent und die Leute hier leben ein von südländischem Flair und östlichen Einflüssen bestimmtes Leben.

Jetzt kennen wir endlich eine studierte Meereswissenschaftlerin: Maria aus Bukarest.

Unsere Fremdenführerin Maria zeigt uns ihr Bukarest. Z.B. einen extrem stylischen Bücherladen oder ein frisch restauriertes Upper-Class-Restaurant in historischem Ambiente. Die Stadt gibt wirklich alles, um sich Besuchern als urbanes Zentrum eines liebenswürdigen Landes zu präsentieren.

“Nur” eine Bücherei im Stadtzentrum.

In Bukarest spürt man nichts von der Armut des Landes und es ist seit langer Zeit das erste Mal, dass mir eine Stadt dieser Größenordnung wirklich sehr gut gefällt. Vielleicht auch, weil hier der Müllwahnsinn des Landes etwas geordneter erscheint. Wer sich in Deutschland über achtlos weggeworfene Cola-Dosen aufregt, der sollte Rumänien als Urlaubsland meiden.

Innenhof einer rumänisch-orthodoxen Kirche mitten in der Stadt.

Die 2,5 Millionen Einwohner merkt man der Stadt nicht an, zumal man mit 6 Euro mit dem Taxi fast von einem Ende bis ans andere fahren kann. Apropos Taxi: Die Taxifahrer hier fahren nicht, sie fliegen. Ich bin niemals mit solchen Geschwindigkeiten durch zweispurige Kreisverkehre geschossen wie hier.

Die gehobene Gastronomie spart nicht am Ambiente…

Wir bedanken und bei Maria für die sympathische Stadtführung. Morgen gibt es einen Arbeitstag und Sylvia will zum Gottesdienst einer ev. Gemeinde fahren. Auf dem Campingplatz frischt Familie Micaud aus Frankreich unsere Französischkenntnisse wieder auf.

Wir reden über deutsche Schäferhunde und Michel hat gehörig Respekt vor Easy.

Ich weiß nicht, wo das all die Jahre gesteckt hat, bzw. wo Frau Wienand all die Vokabeln in meinem Hirn vergraben hat, aber wenn man muss, dann geht es irgendwann und wir unterhalten uns prächtig.

Avec plaisire et avec Easy: Madame / Monsieur Micaud.

Am Abend sitzen wir mit Steven und Jane aus Südengland zusammen. Er ist Schreiner und baut Weidenzäune und Tore, sie hat bei der Heilsarmee gearbeitet. Wahnsinnig interessant – nicht nur zum Thema Brexit. Steve ist politisch mindestens so “Grün” wie ich und es scheint uns unvorstellbar, dass “sein” Land die EU verlassen wird. Wozu? Warum? Wir sind Europäer.

Steven und Jane – Seit 40Jahren ein Superteam – It was a great pleasure to meet you!

Am Montag geht es denn endgültig Richtung Bulgarien.


7. Etappe – Hermannstadt (23. – 28. April)

Endlich Hermannstadt – ich habe so viel gelesen und gehört über die Hauptstadt Siebenbürgens, dass ich es kaum erwarten kann. Andererseits: Der Campingplatz Ananas strahlt so viel Ruhe und Sicherheit aus, dass wir erst einmal einen Zuhause-Tag machen und den Blick auf die verschneiten Karparten genießen.Ich kann auch arbeiten, weil es hier hervorragendes WLAN gibt. Ob wir uns erholen? Kann man so nicht sagen. Der Mensch ist dazu gemacht, sich das Leben schwierig zu gestalten. Aber ich habe das Gefühl, dass ich keine Ameise mehr bin im Ameisenstaat. Eine Reise wie dieses hat keinen Erholungscharakter. Wer sich erholen will, der muss was anderes machen.

Wir lernen unglaublich interessante Menschen kennen, Zuhause in Warstein kannte ich viele interessante Menschen, aber es kamen keine Neuen hinzu. Das hat mich zunehmend belastet.

Hier reden wir 20 Minuten beim Kaffee mit Leuten, die schon vor zig Jahren “ausgestiegen” sind und da kein großes Ding draus machen. Z.B. der Chef vom Camping Ananas. “Du kannst doch gar nicht beurteilen, ob die Zigeuner glücklich sind oder ob man denen helfen. Es ist die einzige Gruppe in Europa, die sich noch erfolgreich gegen das wehrt, was sonst alle gleichmacht!” Ich denke nach und frage mich: “Da hat er recht, eigentlich müsste man dieses Kulturgut schützen!”

Campingplatz-Chef Michael bringt uns zum Nachdenken!

Den ersten Abend haben wir im “Apfelhaus” gegessen. Hauptgang und Dessert für 2 Personen in gehobenem Ambiente für 24 Euro.

Am zweiten Abend haben wir begonnen, die Lebensmittel aus dem Kloster und von unseren rumänischen Freunden zu verwerten. Nach unseren Maßstäben sieht das alles etwas ungewohnt aus, aber wir müssen anfangen, Lebensmittel wieder als das zu sehen, was sie sind: Kalorien. Und wir wollen anfangen Nahrungsmittel wieder zu ehren.

Pater Mina hat uns ein heiliges Brot mitgegeben. Das darf man nicht wegwerfen, auch nicht, wenn es knochentrocken ist – und so mümmeln wir uns durch diesen Weißbrotberg und haben ein gutes Gefühl dabei.

Nudeln, Tomatensauce, eingemachte Bohnen aus dem Kloster und frischer Knoblauch, dazu das Weinchen, das mir der TuS Allagen zum Abschied geschenkt hat – Mehr braucht’s nicht.

Unser Michel bildet Rudel mit den unterschiedlichsten rumänischen Hunden. Abends ist er ratzenalle – aber er reift hier zum Rüden.

Der dritte Tag: Wir sind die 12 Kilometer nach Hermanstadt mit dem Rad gefahren und wieder mal überrascht uns dieses Land: Hermannstadt – oder Sibui – ist eine moderne Universitätstadt, in deren versteckten Winkeln man einen Harry Potter-Film abdrehen könnte.

Wir besuchen das Bücher-Cafe Erasmus und staunen über die erstklassige Auswahl deutscher Bücher. Auch wenn das “Sächsische” hier ausstirbt – Deutsch ist eine Trendsprache und wird an vielen Schulen als 2. Fremdsprache gelehrt – und die Rumänen sind stolz auf ihre Sprachfertigkeit. Die jungen Leute sprechen fast alle gutes Englisch. Hermannstadt ist sauberer als jede deutsche Stadt die ich kenne und auf eine sehr lässige Art und Weise absolut tiefenentspannt. Und auch wenn das alles mit EU-Geld finanziert ist – man könnte sinnloseres damit anstellen…

Am Abend beißt mir der Campingplatzhund ins Bein und der Campingplatz-Chef hat seinen Spaß. Hunde, auch bösartige, gehören hier überall dazu und es regt sich niemand auf. Die ganze Nacht durch kläffen die Köter und Michel fängt auch schon an. Hunde sind hier ein echtes Mega-Problem und selbst die Wachhunde werden nachts von der Kette gelassen. Der Polizei und der Administration sind die Hunde völlig egal.

Übrigens: Die deutsche Kultur ist hier rund 800 Jahre alt. Warum die Menschen aus dem heutigen Deutschland hierherkamen und die sieben Städte gründeten ist historisch nicht geklärt. Einige Erklärungen sehen in den Vorfahren der Siebenbürgener Sachsen gestrandete Kreuzfahrer, eine andere Theorie sagt, dass die Sachsen von einem ungarischen König angeworben und mit Land gelockt wurden. Historisch belegt ist das alles nicht.

Und Dracula? Der hatte hier in Transsylvanien lediglich mit dem grausamen Wlad Tepes ein historisches Vorbild. Der war ein Meister im Pfählen seiner Opfer, ihr Blut hat er aber wohl nicht getrunken. Dracula steht für “Sohn des Drachen”. Fest steht, das Wlad Tepes ein Adliger der Walachei war und der mit seinen Gegnern, z.B. den Türken, nicht zimperlich umging, aber von seinem Volk durchaus als gerechter Herrscher geachtet wurde.

Von Blutsaugern zu Politikern: Am 9.Mai findet ein EU-Gipfel in Hermannstadt statt. Rumänien führt aktuell den EU-Vorsitz und im Hermannstädter Kreiskrankenhaus wurden eigentlich verschobene Investition noch reaktiviert, um den hohen Gästen im Notfall medizinische Versorgung zukommen lassen zu können. Wenn Rumänien sich der Welt von der besten Seite zeigen will, dann hat es mit dem Gipfelstandort Hermannstadt eine perfekte Wahl getroffen.

Der nächste Tag: Michael nimmt uns mit nach Hermannstadt und wir gehen auf den Markt, für knapp 15 Euro kaufen wir einen Berg Ziegenkäse, total leckeren Schafskäse, Gemüse, Brot und Eier. Die Frage, ob das hier “bio” sei erübrigt sich. Ein Mann verkauft Sauerampfer.

Die rumänische Küche verarbeitet viele Sachen aus der Natur, in diesen Sauerampferblättern werden Reisbällchen eingewickelt.

Michael zeigt uns seine Wohnung. Der über 500 Jahre alte Dachstuhl ist wenig vertrauenserweckend. Es wirkt alles eher baufällig, hat aber auch einen ungeheuren Charme, leicht morbide, aber auch sehr bodenständig und bewusst.

In einem Cafe in einer Nebenstraße trinke ich den leckersten Kaffee seit langem und staune wieder einmal für das “Händchen” dieser jungen rumänischen Geschäftsleute, aus wenig ungeheuer viel zu “zaubern”.

Wir nutzen den Samstag und wandern zu einer historischen Kapelle auf einer Anhöhe über Michelsberg. Hier oben wird auf Marmortafeln der Toten aus dem ersten Weltkrieg gedacht. Ich summe andächtig “…und du warst nicht einmal 19 Jahre alt!” und gedenke dieses Wahnsinns, der nicht selten genug in Heldenverehrung gipfelt. Hier nicht so wirklich, denn als Siebenbürger Sachse für König und Kaiser das Leben zu lassen für Ereignisse 1500 Kilometer entfernt der Heimat dürfte auch aus damaliger Sicht nicht wirklich Sinn gemacht haben und heute kann das wirklich niemand mehr verstehen.

Heute sind die Tafeln die einzige Spur zu ihrem Leben und sie mahnen uns wachsam zu sein. Abends gehen wir essen mit Michael und es ist wirklich superlecker. Sylvia und ich zahlen 90 Lei (18 Euro) für ein tolles Essen mit Getränken und Dessert. Ich streite mit Michael, ob es meine Pflicht ist, mir die orthodoxe Osternachtfeier um Mitternacht in der Dorfkirche anzusehen. Des lieben Friedens willen gehe ich mit und sammele wertvolle Erfahrungen. Michael hat schon nach einer Stunde genug von dieser wirklich beeindruckenden aber uns völlig fremden Lithurgie und verabschiedet sich. Wir bleiben noch eine Stunde und genießen den Gesang und die Fremdartigkeit der Szenerie. Als aber gegen 2 Uhr früh immer noch kein Ende in Sicht ist heißt es auch für uns ein letztes Mal “Amin!” und ab ins Bett.

Die orthodoxen Christen feiern Ostern eine Woche später als wir in Deutschland.

Am Montag wollen wir weiter. Michael hat mir für einen kostenlosen Stellplatz ein Geschäft vorgeschlagen, das ich heute umsetzen werde. Meine Fähigkeiten im Netz helfen mir auch hier und ich habe langsam dasGefühl, dass dieses “Digitale Nomadentum” funktionieren könnte. Ich arbeite mit einer Datenkarte von Vodafone: 30 Gigabyte für 4,90 Euro. Am Montag müssen wir in Hermannstadt noch Gas auffüllen – die ersten 10 Kilogramm gehen zu neige.

Ein tolles Team: Vero und ihr Vater Janos sind Nachbarn von Michael in Michelsberg. Die selbstbewusste Frau ist eine stolze Rumänin, für die Familie über alles geht.

Das ist das Ende dieser Etappe: Morgen geht es nach Kronstadt und Bran und ich freue mich sehr auf die erste Bergetappe in den Karparten, bevor es uns nach 3 Wochen Rumänien nach Bulgarien führt und dann nach Albanien, wo wir uns – so alles klappt – mit Karl aus Österreich treffen werden.