15. Etappe – Armenien (13. Oktober – 5. November )

Da wir für Azerbeijdschan nun doch ein Visum brauchen entschließen wir uns, die Armenienetappe vorzuziehen. Das liegt hier alles eng beieinander, trotzdem übernachten wir noch einmal auf georgischem Boden, weil es hier im Grenzland so herrlich einsam ist.

Nach einer ruhigen Nacht passieren wir am nächsten Morgen nach dem mittlerweile gewohnten Border-Szenario die Grenze. Armenien ist arm, das merkt man sofort – auch daran, dass sich schnell Geschäftsmodelle entwickeln. Wir werden im Kreisverkehr nach der Grenze von einem jungen Mann abgefangen und regelrecht abgedrängt, damit wir bei seinem Auftraggeber die obligatorische Haftpflichtversicherung für das Auto abschließen. Er rennt so lange neben unserem Auto her bis wir uns entscheiden müssen entweder „seine“ Versicherung zu nehmen oder ihn zu überfahren.

Auf der Weiterfahrt konzentrieren wir uns auf das allgegenwärtige Wasserproblem, denn unser Frischwassertank fasst nur 60 Liter. Wir biegen auf eine Passstraße ein und erreichen nach abenteuerlichen Serpentinen ein Bergdorf mit dem malerischen Kloster Hagphat. Hier treffen wir Gerlinde und Monika aus dem Raum Offenbach, die auf einem 3-Monate-Roadtripp mit ihrem Mercedes Vito unterwegs sind. Nach kurzem Austausch unserer Erfahrungen gehen wir auseinander. Sie machen sich auf den Weg nach Tiflis und wir suchen uns nach der Wasseraufnahme ein Plätzchen für die Nacht.

Auf einem Feldweg treffen wir die beiden wieder und bekommen mit vereinten Kräften den Vito wieder flott, nachdem sich das nicht geländetaugliche Gefährt mangels Bodenfreiheit festzufahren drohte. Verabschiedung Nummer 2: ich weiß zwar nicht, was die beiden Damen auf diesem Pfad wollen, aber sie verabschieden sich tapfer und abenteuerlustig in die Dunkelheit der Talabfahrt. Eine Stunde später sehe ich ein Licht in der finsteren Nacht. Gerlinde kommt und berichtet, dass Monika im Auto über einem Abgrund hängt und sich nicht traut, von der Bremse zu gehen.

Ich schaue mir das an und sehe sofort, dass das hier ohne professionelle Hilfe nicht weitergeht, denn wenn das Auto kippt gibt’s einen Totalschaden. Zufällig kommt ein junger Mann den steilen Pfad heraufmarschiert. Ich laufe mit ihm die 3 Kilometer zurück ins Dorf und nach etwa 2 Stunden haben wir jemanden aufgetan, der uns mit seinem alten UAZ-Bulli aus Sowjetzeiten mit unglaublichem Getöse wieder auf die Straße zieht.

Monika ist mittlerweile mit den Nerven am Ende und ich fahre den Vito zurück über den blanken Fels bis zu unserem Stellplatz. Die Armenier freuen sich mächtig über die unerwartete Einnahme und Monika und ich machen uns zur Nervenberuhigung über eine halbe Flasche Ouzo her.

Bei allem Geschimpfe über den Ranger und die Kabine wird mir klar, dass ein umgebauter REIMO-Vito ohne Sperre und mit Automatikgetriebe alles andere als ein geeignetes Fahrzeug für einen Transkaukasus-Trip ist, wenn man auch mal abseits der geteerten Wege unterwegs sein will oder muss, weil Google-Maps solche Wege auch mal als Verbindungsstraßen ausmacht.

Am nächsten Morgen ist alles vergessen und wir starten Richtung Jerewan. Auch das zweite Kloster ist uralt, düster und so massiv gebaut, dass es ohne jede Pflege nochmal 1000 Jahre da stehen würde. Auf der Weiterfahrt stoppen wir an einem kleinen Info-Center und erfahren von einem perfekt Deutsch sprechenden Armenier, dass hier ein superreicher amerikanischer Landsmann ein Kinderprojekt „Children of Armenia Funds“ ins Leben gerufen hat. Uns wird klar, dass Armenien auf die Hilfe der zahlreichen Auslandsarmenier angewiesen ist, um solche Projekte überhaupt initiieren und pflegen zu können. Das Land selbst ist – so unser Eindruck – bettelarm und es fehlt etwas die Aufbruchstimmung, die man in Georgien fühlen kann.

Auf der Suche nach einem perfekten Stellplatz Kurven wir vergeblich herum. Wieder treffen wir unseren freundlichen Armenier, der “mal eben” vorausfahren will. Was folgt ist die raueste Gelände-Etappe, die wir bislang fahren mussten – er kannte den Weg nämlich auch nicht. Irgendwann übernimmt ein Geländewagen die Führung und nach ein paar Minuten stehen wir am See.

Auf solche Wege muss man in Armenien immer gefasst sein.

Am Morgen genießen wir die herbstlichen Impressionen rund um dieses kleine Wasserreservoir, das zu UDSSR-Zeiten mit mächtigen Rohren und Ventilen nutzbar gemacht worden ist. Wieder fällt mir auf, wie schwierig der Plan war, zentralistisch gesteuert ein so großes Gebiet wie die ehemalige Sowjetunion einigermaßen infrastrukturell am Laufen zu halten. Wie viel Eisen muss da verbaut worden sein, wenn selbst an diesem fernen Bergsee in Armenien so viel davon im Boden steckt? Gut – das System ist letzten Endes gescheitert, aber dass es überhaupt so lang funktioniert hat spricht einiges über das unermessliche Potential.

Es wird Herbst in Armenien – Nachts geht es schon regelmäßig unter null Grad.

Bei solchen Gedanken wird mir aber auch schmerzlich bewusst, dass unser System scheitern muss. Würde man einem dieser Armenier hier erklären, das FDP-Lindner weiter Wachstum ols oberste Staatsdoktrin fordert, man würde für verrückt erklärt werden. Deutschlands Reichtum ist verglichen mit Armenien so unfassbar groß, und der jung-senile Lindner will immer noch wachsen. Wie reich wollen wir denn noch werden?

So sehen hier die Stromverteilungen aus. Bei reichen Leuten endet noch ein daumendickes Rohr für Gas in der Box.

Auf dem Weg zurück zur Hauptstraße schauen wir uns das COAF-Projekt noch einmal an. Hier werden armenische Kinder nach dem Schulunterricht in ihren speziellen Begabungen weiter gefördert – völlig kostenlos und auf sehr hohem Niveau.

Seda Mkhitaryan erklärt uns das System “COAF”

Nach 5 Tagen “in der Wildnis” brauchen wir dringend mal eine Dusche und eine Waschmaschine und steuern den Campinglatz “3GS” an, wo wir endlich mal die “Overlander” finden, die sich auf unserer Bekanntschaftenliste bislang eher rar gemacht hatten. Hier wird an den typischen Gefährten geschraubt. Ich mit meinem Euro6-Ranger bin da eher der Exot. U.a. treffen wir die Herausgeber des Reiseblogs “www.paulchen-on-tour.de

Unimog, Mercedes, Iveco – Auf dem Campingplatz 3GS nutzen Overlander die Bedingungen um ihre Fahrzeuge auf kommende Aufgaben vorzubereiten.

Unseren Plan, doch noch in den Iran einzureisen, lassen wir wieder fallen, denn der Diesel soll dort so schwefelhaltig sein, dass unser Auto sofort in einen Notlaufstatus fallen würde.

Kloster Gekhard -Eine sehr intensive begegnung mit 1700 Jahren Kirchengeschichte.

Wir sind jetzt seit 4 Tagen auf dem Campingplatz 3GS und genießen Sandras Gastgeber-Qualitäten. Heute früh sind die drei Expeditionsmobile aufgebrochen und haben bei mir ein klares Gefühl hinterlassen: So um die Welt, das will ich nicht. Ich brauche ein Zentrum, wo ich mich mal hinsetzen und überlegen kann, was mir wichtig ist im Leben. Mir reicht mein kleiner Ausbruch und ich brauche ein Leben, das auch noch Platz für andere Dinge hat als Reisen. Natürlich werden wir weiter Reisen unternehmen, aber den Traum vom “Lifetime Travelling” lege ich zu den Akten. Unsere Absage an den Iran entspricht diesem Gefühl: ich will die Länder nicht wie Perlen an der Trophäenkette sammeln.

Der griechische Tempel von Garni – alles andere als eine Ruine und eindrucksvolles Zeugnis armenischer Geschichte.

Aber nochmals: Jeder so wie er mag.

Nach 5 Tagen verlassen wir den Campingplatz 3Gs. Zum Ausspannen und alles mal wieder in Ordnung bringen war das perfekt! Wir besichtigen noch das Kloster Gekhard und sind tief beeindruckt.

Das Kloster hat in seiner Abgeschiedenheit über die Jahrhunderte auf den Tourismus gewartetund sich in Teilbereichen über 1800 Jahre lang im Original bewahrt. Die in den Fels getriebenen Kirchenräume vermitteln einen Eindruck von der Frömmigkeit und dem Lebenstil der ersten Christen, die hier im Jahr 300 nach Christus das Christentum zur Staatsreligion formten.

Unvorstellbar wie viele Knoten es braucht, bis aus ein paar Fäden ein Teppich wird.

Wir fahren nach Jerewan, wo wir auf dem Parklplatz einer der mächtigsten Kathedralen des tief gläubigen Landes von einem Geschäftsmodell partizipieren können. Der Parkplatzwächter hält Plätze frei für Wohnmobilfahrer, die von hier aus perfekt die Stadt erkunden können. In einer Nebenstraße finde ich eine sympathische Zahnärztin, die mir kunstvoll für 15 Euro einen abgebrochenen Backenzahn saniert.

Unsere drei Tage in Jerewan sind sehr intensiv, vor allem, weil diese Stadt absolut Niveau hat. Hier gibt es Kunst an jeder Ecke, immer wieder interessante Gastronomie-Projekte, beeindruckende Sehenswürdigkeiten und ein ganz entspanntes Urban Live, das wir so nicht erwartet hatten.

Die Kaskaden – eins der Wahrzeichen Jerewans auf dem Weg, ein neuzeitiches Weltwunder zu werden.

Höhepunkt sind absolut ohne jeden Zweifel die sogenannten Kaskaden. Dabei handelt es sich um einen imposanten Ausbau einer einst von den Russen erbauten Verbindungstreppe zwischen dem Zentrum und Teilen der Oberstadt. Leider noch unvollständig sind diese Kaskaden wohl der größte Brunnen der Welt – für mich schon jetzt ein modernes Weltwunder. Das heruntergeführte Wasser bahnt sich immer neue Wege und auf den einzelnen Terassen haben die Armenier wertvolle Kunst präsentiert.

Das Projekt wäre sicherlich ohne die Hilfe von Auslandsarmeniern nicht möglich. Insbesondere das sich im Innern befindliche Museum für moderne Kunst verdankt seine Existenz einem US-Millionär mit armenischen Wurzeln. Hier werden die Besucher auf Rolltreppen an den Exponaten vorbeigeführt.

Apropos Wurzeln: Direkt an den Kaskaden finden wir mit traumhaftem Blick auf Jerewan das “Haus Charles Aznavour”. Auch der französische Sänger stammt aus Armenien – wie z.B. auch Cher – und hat hier viel Geld und Engagement investiert.

Die Blaue Moschee ist eine Insel der Ruhe im geschäftigen Jerewan.

Den Grund für das völlig unrealistische Aufkommen nobelster Nobelkarrossen im Jerewaner Straßenverkehr haben wir noch nicht herausfinden können. Ganz allgemein ist das hohe Verkehrsaufkommen sicher der Grund dafür, warum wir den Hl. Berg der Armenier hier aus dem dunstigen Kessel heraus noch nicht sehen können. Unsere nächste Station wird uns näher an den Ararat heranführen. Dann wird es auch langsam Zeit, sich um des Visa für Aserbeidjan zu kümmern.

Heute bekomme ich eine Mail von Mihaela aus Rumänien, die mich schmerzhaft daran erinnert, wie nachlässig wir unsere auf der Reise gesammelten Kontakte pflegen. Das liegt aber auch daran, dass es täglich neue Kontakte zu verwalten gibt. An alle unsere Freunde: “Wir werden das alles nachholen und unsere gesponnenen Ideen eine nach der anderen weiterspinnen.”

Nach dem Besuch des Genozid-Mahnmals, das an die Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern durch die Türken bis 1923 erinnern soll, sehe ich einiges klarer. Dieser Genozid ist nicht zu verneinen, es ist geschehen! Ob man es den Türken heute noch vorwerfen kann und sollte ist eine andere Sache, die ich schwer beurteilen kann. Fakt ist, dass Ost-Anatolien vor dem 1. Weltkrieg West-Armenien war und durch die Ermordung und Vertreibung der Plan der Jung-Türken unter Atatürk aufgegangen ist, Lebensraum im Osten zu schaffen und eine unbeliebte Ethnie quasi auszuschalten. Was wir heute landläufig als Kurdenland bezeichnet, war im Osten der heutigen Türkei ein intensiv von Armeniern geprägtes Land.

Ein mächtiges Mahnmal für eine mächtige Wunde in der geschundenen armenischen Volksseele.

Wer jetzt wo wann wen warum niedergemetzelt hat, lässt sich heute kaum sagen – fest steht, dass 1,5 Millionen Menschen starben, und die Türkei sich bis heute nicht zu einem kritischen Umgang mit dem Theme bewegen lässt. Fest steht auch, dass der Verdacht der Jungtürken, die Armenier würden mit den Russen kollaborieren, nicht ausreicht, um ein ganzes Volk zu massakrieren und zu vertreiben. Fest steht auch, dass die Kurden von der Vertreibung der Armenier sehr profitiert haben und auch sehr aktiv daran teilgenommen haben. Fest steht aber auch, dass in diesen Zeiten immer der Stärkere die Schwächeren massakriert hat wo immer es eben ging.

Dass sich beide Seiten nicht aussöhnen können ist aber eine unsagbar traurige Tatsache, die mich nachhaltig betroffen macht, weil ich beide Länder sehr liebe und auch viele kurdische Freunde habe. Initiativen zum Zuschütten der Gräben gibt es nicht.

Khor Virap – Mehr Geschichte kann kein Platz bieten. Unterhalb des Gebäudes rechts geht es rund 10 Meter in die Tiefe. Hier soll Gregor der Erleuchter 13 Jahre lang eingekerkert gewesen sein. Der Streifen im Hintergrund ist die Grenze zur Türkei.

Gut, dass wir anschließend den Abstecher nach Khor Virap gemacht haben, denn das wohl geschichtsträchtigste Kloster Armeniens rundet das Bild, das ich langsam von diesem Land bekomme, deutlich ab.

Wir machen Bekanntschaft mit einem liebenswerten Thailänder, der sich auf Instagram als begnadeter Aktionskünstler erweist…

Die schon zwischen Zar und Osmanischem Reich gezogene Grenze schlängelt sich am Fuß des über 1700 Jahre alten Gemäuers – im Osten das heutige Armenien, im Westen das damalige Westarmenien. Hier hat Gregor der Erleuchter nach 13jähriger Kerkerhaft seinen König geheilt und damit den Grundstock für die Einsetzung des Christentums als Staatsreligion im Jahr 303 gesetzt. ich krieche durch ein zehn Meter tiefes Mannloch über eine Eisenleiter in des tiefe Verlies. Ich halte es keine 10 Minuten aus, so beklemmend ist es, Millionen Tonnen von hartem Feld um sich zu wissen und sich vorstellen zu können, dass es keinen Weg heraus gibt. ich denke nicht, dass ich klaustrophobisch bin, aber hier war ich nah dran.

Auf dem Gipfel des heiligen Berges der Armenier gibt es kein Kreuz: Der Ararat steht auf türkischer Seite.

Wie ich am Abend sitze und auf den Sonnenuntergang , dem Grenzverlauf mit den Augen folge und an das unsagbare Leid der Armenier denke, da fällt mir auf: “Die haben wenigstens ein Land. Hier muss keiner hungern und von Krieg sind sie auch etwas entfernt!” Die Kurden, damals Nutznießer der Vertreibung der Armenier, sind immer noch da, wo sie seit Jahrhunderten stehen: Ohne eigenen Staat, bedroht an Leib und Seele.

Ob der junge Thailänder wirklich weiß was er da fotografiert – das Thema ist unglaublich komplex…

Westarmenien zog sich von Trabzon im Norden und Mardin im Süden hin bis zur heutigen Grenze nach Armenien. Das Land wurde ethnisch gesäubert, heute stellen die Kurden die Bevölkerungsmehrheit. Spuren zu einer armenischen Vergangenheit gibt es hier nicht.

Was mich wundert ist der auf armenischer Seite recht unspektakuläre Umgang mit dieser Grenze. Es gibt nur einen Grenzzaun, keine Soldaten, keine befestigten Stellungen. Ich kann beurteilen, wie es auf der anderen Seite des Ararats aussieht – hier sind die Türken scheinbar auf alles vorbereite und die Posten gut besetzt mit bewaffneter Jandarma. Der Ararat ist Sperrgebiet, so als würde es dort von revolutionären Grenzgängern wimmeln. Mein Bild der Notwendigkeit der türkischen Mlitärpräsenz ändert sich grad ein wenig , denn der Ararat und die flachen Gebiete drumherum machen derzeit nicht den Eindruck, verteidigt werden zu müssen. Später erfahre ich von Armeniern, dass die Grenze diesseits sehr wohl bewacht wirdund zwar von russischem Militär. Hier stehen sich Russen und Türken also in einer Konfliktsituation gegenüber, während die Kurden angeblich beide Grenzwächter nicht akzeptieren und die Grenzen nach belieben überqueren.

Tief beeindruckt von Khor Virap entscheiden wir uns, doch noch ein Kloster anzusehen und reisen weiter in den Süden. Bevor wir nach 4-stündiger Fahrt 80 Kilometer Luftlinie südlich von Jerewan die Klosteranlage Noravank erreichen, besichtigen wir die älteste jemals gefudene Produktionsstätte für Wein in einer prähistorischen Höhle. Das imposante Loch ist auch Fundstelle des ältesten jemals gefunden Schuhs der Welt.

Noravank liegt über einer dramatischen Schlucht und wir finden einen schönen Stellplatz direkt unterhalb der zwei aufwändig restaurierten Kirchen, die nach römisch-katholischen Maßstäben allenfalls als Kapellen durchgehen würden.

Das Merchandising der Klöster steckt noch in den Kinderschuhen – für ein paar Dram kann man eine Taube mieten und mit frommen Wünschen in den Himmel fliegen lassen

Wir fühlen uns langsam sehr wohl in Armenien, denn das Land ist auf eine wundersame Weise unspektakulär und unaufgeregt. Das Leben plätschert vor sich hin und der Oktober erweist sich als ideale Reisezeit. Die Wetterprognose deutet auf kein Wölkchen hin die nächsten 14 Tage und tagsüber ist es mit rund 20 Grad angenehm warm.

Wir sind dicht dran an der Grenze zu Bergkarabach, entschließen uns aber aus mehreren Gründen, die Partie auszulassen. Hauptsächlich geht es darum, dass ich in meinem Reiseblog nicht drüber schreiben könnte, denn die Einreise gilt in Azerbeidjan, wo wir als nächstes hinwollen, als Straftat. Bergkarabach ist Azerbeidjanisches Hoheitsgebiet – allerdings wurde nach einer blutigen militärischen Auseinandersetzung 1994 eine Waffenstillstandslinie gezogen. Armenien war in Bergkarabach einmarschiert, die azerbeidjanischen Einwohner waren geflohen und die Republik Bergkarabach wurde ausgerufen.

Seitdem hat kein Land der Erde die autonome Republik Bergkarabach anerkannt, nicht mal Armenien selbst – dies im Bewusstsein, dass dann der Krieg gegen Azerbeidjan wieder ausbrechen würde und das will wohl im Moment niemand.

Aktuell ist es absolut ruhig und sicher in Bergkarabach, das Touristenvisum kann für 6 Euro an der Grenze angefordert werden. Armenische Soldaten kontrollieren eine Pufferzone zum Nachbarn im Osten, ansonsten ist Bergkarabach ein Reiseland wie jedes andere auch – nicht unbedingt ein Sehnsuchtsziel, denn zu sehen gibt’s da nicht viel, aber immer noch eine attraktive Perle in der Länderkette von weitreisenden Overlandern.

Uns zieht es da nicht hin, also machen wir uns nach zwei schönen Tagen auf dem Campingplatz Crossways Gedanken über die Weiterfahrt Richtung Norden. Jasmin ist bei uns, die wir zuerst auf dem 3Gs-Camping getroffen hatten. Die Garmisch-Partenkirchnerin ist allein mit Hund unterwegs und hat letzte Nacht ein paar böse Erfahrungen gemacht, nachdem sie mit einem platten Reifen mitten im Nirgendwo liegen geblieben war. Am Ende ist zum Glück alles gut gegangen, aber auf die eindeutig Zweideutigen Anmachversuche einiger Armenier hätte sie gern verzichtet. Sie wartet nun auf dem Campingplatz auf Freunde, mit denen Sie in den Iran will.

Unvergessliche Fotomomente in Armenien.

Wir hahren zur Ruine eines einsamen Kirchleins bei Arates. Hier können wir nachvollziehen, dass armenische Kirchen nicht aus massiven Steinquadern gebaut sind, sondern nur dicke Steinplatten diesen Eindruck entstehen lassen. Die Ruine offenbart uns einen Baustil, der die Hohlräume zwischen den Platten mit einer Art Beton aus grobem Kies verfüllt.

Auf dem Gelände der Kirche finden wir eine Grabplatte, die offensichtlich die letzte Ruhestätte einer bogumilischen Bäckersfamilie markiert haben dürfte. Über die Bogumilen wird viel diskutiert. U.a wird vermutet, dass ihre strenge Glaubenslehre auf Maria Magdalena zurückzuführen ist.

Religionsforscher ordnen Grabplatten wie diese den Bogomilen zu. U.a. wird vermute, dass sich die Bogumilen, inspiriert von Maria Magdalena von Spanien aus Richtung Balkan ausgebreitet haben. Wie sie bis ins weit entfernte Armenien geschafft haben ist ungeklärt.

Wir fahren hoch zum Selim-Pass und übernachten auf 2400 Meter Höhe vor der historischen Karawanserei.  Hier ist eine offizielle Station der alten Seidenstraße und das Gebäude ist perfekt erhalten. Man bekommt einen Eindruck, wie überschaubar der Handel zu Hochzeiten der Seidenstraße war. Auf dem Platz vor der Karawanserei ist weniger Raum als vor dem Sichtigvorer Aldi. Am Nachmittag hatten wir noch ein schönes Erlebnis: In den kleinen Dorf-Geschäften gibt es so gut wie nie Obst, Gemüse oder Milch. Sowas brauchen die Leute hier nicht – das produzieren sie selbst. Sylvia zeigt ihre Einkaufsliste und eine weitere Kundin lädt sie in ihr benachbartes Wohnhaus ein, wo wir alles was wir brauchen in eine Tüte gestopft bekommen – zahlen dürfen wir dafür nicht. Die Armenier sind auf eine unspektakuläre Art und Weise sehr gastfreundlich.

Unser bislang höchster Stellplatz 2400 Meter über dem Meer

Unser Tagesziel – das Kloster Tegher – ist grad eine Riesenbaustelle. Wir können nirgendwo grade stehen und überall ist Staub und Sand. Daher beschließen wir, doch schon ins benachbarte Guesthouse zu gehen. Allerdings beweist  das Guesthouse von Arla und Albert einmal mehr, das nie etwas ist, wie wir es erwarten. Reisen bringt einen mehr und mehr davon ab, hohe Erwartungen an Tagesziele zu setzen – es passt sowieso nicht und wenn: Umso besser.

Viele ältere Armenier sind von bewundernswerter Vitalität – Wie Levon (82) , der den ganzen Tag mit hohem Aufwand und spürbarer Begeisterung Apfelwodka destilliert.

Das Guesthouse und die Töpferwerkstatt sind garantiert ein Sommertraum. Ende Herbst ist das alles aber etwas trostlos und schweinekalt. Wenn es dann aufgrund der Sprachbarrieren schwierig wird, sozial anzudocken, dann will man schnell wieder weg. Ich weiß auch nicht recht, wie ich den Beiden vermitteln soll, dass der gebotene Standard nicht reicht, um zufriedene booking.com- oder Tripadvisor-Kunden zu bekommen. Da muss man entweder absolut ehrlich sein in den Beschreibungen, oder das Niveau anheben. Wir übernachten in der Kabine.

Das Potential ist da bei Arla und Albert und sie werden als Gastgeber auch an den Herausforderungen wachsen – so wie das ganze Land. Ich lerne Levon, Alberts Vater, kennen und er führt mich in die Geheimnisse der Schnapsbrennerei ein. Er veranstaltet im Garten aus überreifen Äpfeln eine Riesensauerei, aber aus seiner abenteuerlichen Anlage tröpfelt glasklarer Apfelwodka.

“Das wär was für mich” – Sylvia nimmt eine Töpfer-Lehrstunde.

Wir verabschieden uns ohne Groll von unseren liebenswerten Gastgebern und machen uns auf den Weg zum Aragatz – mit knapp über 4000 Metern der höchste Berg Armeniens. Kurz vor dem Ende des Bergsträßchens treffen wir Lutz und Petra aus Potsdam, die mit einem geliehenen Lada 4×4 unterwegs sind.  Wir verstehen uns auf Anhieb und tauschen Adressen aus. In Augenblicken wie diesen wird mir bewusst wie viel Platz in unseren Köpfen und unseren Herzen ist für neue Leute, neue Kontakte, neue Abenteuer. Die Reise-Seele wird niemals sagen „Ich kann nicht mehr!“

Später erfahren wir per Email, dass die beiden keine schöne Nacht hatten, weil nicht jede Lastminute-Herbergssuche in einem kuscheligen Bettchen endet – gerade in Armenien nicht –  und man auch mal mit einer Absteige vorlieb nehmen muss, weil die Straßen düster sind und ein Lada kaum einen Schein nach vorne wirft.

Dieses Problem haben wir zum Glück nicht. Aber auch uns glückt nicht jede Standplatzsuche. Im nordarmenischen Gjumri – dem ehamaligen Alexandropol – parken wir einen Tag später an einem schönen Fleckchen, als während des gemütlichen Abendessens die Polizei an unsere Tür klopft und uns auffordert, uns sofort einen anderen Platz zu suchen, weil wir direkt vor dem Tor einer russischen Militärstation stehen. Das „sofort“ ist den beiden netten Polizisten sichtlich unangenehm, aber unsere Abfahrt lässt nicht eine Minute Aufschub zu.

Aber zurück zum Aragatz: Es ist knapp über Null Grad auf 3200 Meter und die kurze Besichtigung des Hotels ist wieder vom erheblichen touristischen Nachholbedarf der Armenier geprägt. Es sieht so aus, als wären hier seit Stalins Zeiten die Möbel nicht mehr verrückt worden. Die zwei kleinen Heizlüfter werden die Kälte nicht aus den muffigen Federbetten blasen können und so entscheiden wir, uns etwas tiefer einen Platz für die Nacht zu suchen.

Rückfahrt aus 3200 Metern Höhe. Im Hintergrund der Aragats – mit 4000 Metern der höchste Berg Armeniens. Temperatur: Um die 0 Grad in der Sonne.

Die Festung von Amberd bietet sich an, aber auch auf 2100 Meter kriegen wir in der Nacht Schlafprobleme in der dünnen Luft. Da hilft auch nicht, dass ich mit einer armenischen Familie im Zelt des Parkplatz-Imbiss noch die ein oder andere Wodka-Runde zum Wohl der deutsch/armenischen Freundschaft mitziehen muss.

Weiter geht’s an der Nordseite des Aragats entlang Richtun Gjumri. Wir haben noch knapp eine Woche Zeit und wollen uns jetzt ein Guesthouse suchen, wo wir mit stabilem Internet mal wieder ein paar Bilder hochladen und das Online-Visa für Azerbeidjan bestellen können. Die Erfahrung mit den beiden Polizisten schmälert unsere Freude am „frei Stehen“ absolut nicht, denn wir haben es dank unserer Übernachtungsstrategien endlich geschafft, mal ein Monatsbudget deutlich zu unterschreiten. Wir haben im Oktober knapp 1400 Euro ausgegeben für alles, wobei die ersten vier Tage in Georgien durch unterschiedliche Unternehmungen richtig Geld gekostet haben. Das Novemberbudget soll jetzt die 1200 Euro nicht überschreiten. Die notwendigen 50 Euro pro Tag hole ich aktuell satt durch Arbeit wieder herein und mir wird wieder mal schmerzlich bewusst, welch hohen Anteil am Einkommen Steuern und Sozialabgaben vereinnahmen. Würde ein bis dahin fest Angestellter seinen Aussteigertraum verwirklichen, so müsste er wesentlich weniger aufbringen als ein Selbständiger, der aus der einmal in Schwung gebrachten Schraube so schnell nicht wieder herauskommt.

Irgendwann muss die große Wäsche sein – und wenn’s mit eiskaltem Wasser ist.

Als wir in Gjumri zur Stadtbesichtigung aufbrechen wollen springt das Auto nicht an. Wie immer führen uns solche Situationen zu unvergesslichen Erlebnissen – so auch diesmal. Wir lernen den sehr hilfsbereiten Heros kennen, der uns und die Batterie zum Aufladen mit nach Hause nimmt. Hier erfahren wir aus nächster Nähe, dass das “Erdbeben 1988” noch immer nicht “erledigt” ist.

Siehe dazu auch Exkurs III: Das Erdbeben von 1988

Zum Glück springt das Auto wieder an und wir fahren durch zum Guesthouse Maghay in Wanadsor, Armeniens 3-größter Stadt. Hier genießen wir zu einem stolzen Preis die Annehmlichkeiten der Zivilisation und ich komme endlich dazu, die Azerbeidjan-Visa zu beantragen und den Reiseblog wieder auf Vordermann zu bringen.

Heros hat uns tiefe Einblicke in das Leben der Erdbebenopfer ermöglicht. Hier ist auch nach über 30 Jahren der Alltag noch nicht wieder eingekehrt.

Was mir hier – wie in allen bislang besuchten Städten des transkaukasischen Raumes auffällt: In den Städten lässt es sich gut leben und den Leuten geht es auch gut da – aber in den Randgebieten und auf dem Lande sind die Menschen bettelarm und der Sprung von der einen auf die andere Seite scheint nicht vielen zu gelingen.

Es wird Winter in Armenien und wir müssen zusehen, dass wir ins deutlich wärmere Azerbeidjan kommen.

Wir machen uns auf den Weg nach Azerbeidjan, wo wir am Kaspischen Meer an der Grenze zum Iran den Scheitelpunkt unserer Reise erreichen wollen

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