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15. Etappe – Armenien

Da wir für Azerbeijdschan nun doch ein Visum brauchen entschließen wir uns, die Armenienetappe vorzuziehen. Das liegt hier alles eng beieinander, trotzdem übernachten wir noch einmal auf georgischem Boden, weil es hier im Grenzland so herrlich einsam ist.

Nach einer ruhigen Nacht passieren wir am nächsten Morgen nach dem mittlerweile gewohnten Border-Szenario die Grenze. Armenien ist arm, das merkt man sofort – auch daran, dass sich schnell Geschäftsmodelle entwickeln. Wir werden im Kreisverkehr nach der Grenze von einem jungen Mann abgefangen und regelrecht abgedrängt, damit wir bei seinem Auftraggeber die obligatorische Haftpflichtversicherung für das Auto abschließen. Er rennt so lange neben unserem Auto her bis wir uns entscheiden müssen entweder „seine“ Versicherung zu nehmen oder ihn zu überfahren.

Auf der Weiterfahrt konzentrieren wir uns auf das allgegenwärtige Wasserproblem, denn unser Frischwassertank fasst nur 60 Liter. Wir biegen auf eine Passstraße ein und erreichen nach abenteuerlichen Serpentinen ein Bergdorf mit einem malerischen Kloster. Hier treffen wir Gerlinde und Monika aus dem Raum Offenbach, die auf einem 3-Monate-Roadtripp mit ihrem Mercedes Vito unterwegs sind. Nach kurzem Austausch unserer Erfahrungen gehen wir auseinander. Sie machen sich auf den Weg nach Tiflis und wir suchen uns nach der Wasseraufnahme ein Plätzchen für die Nacht. Auf einem Feldweg treffen wir die beiden wieder und bekommen mit vereinten Kräften den Vito wieder flott, nachdem sich das nicht geländetaugliche Gefährt mangels Bodenfreiheit festzufahren drohte. Verabschiedung Nummer 2: ich weiß zwar nicht, was die beiden Damen auf diesem Pfad wollen, aber sie verabschieden sich tapfer und abenteuerlustig in die Dunkelheit der Talabfahrt. Eine Stunde später sehe ich ein Licht in der finsteren Nacht. Gerlinde kommt und berichtet, dass Monika im Auto über einem Abgrund hängt und sich nicht traut, von der Bremse zu gehen.

Ich schaue mir das an und sehe sofort, dass das hier ohne professionelle Hilfe nicht weitergeht, denn wenn das Auto kippt gibt’s einen Totalschaden. Zufällig kommt ein junger Mann den steilen Pfad heraufmarschiert. Ich laufe mit ihm die 3 Kilometer zurück ins Dorf und nach etwa 2 Stunden haben wir jemanden aufgetan, der uns mit seinem alten UAZ-Bulli aus Sowjetzeiten mit unglaublichem Getöse wieder auf die Straße zieht.

Monika ist mittlerweile mit den Nerven am Ende und ich fahre den Vito zurück über den blanken Fels bis zu unserem Stellplatz. Die Armenier freuen sich mächtig über die unerwartete Einnahme und Monika und ich machen uns zur Nervenberuhigung über eine halbe Flasche Ouzo her.

Bei allem Geschimpfe über den Ranger und die Kabine wird mir klar, dass ein umgebauter REIMO-Vito ohne Sperre und mit Automatikgetriebe alles andere als ein geeignetes Fahrzeug für einen Transkaukasus-Trip ist, wenn man auch mal abseits der Hauptwege unterwegs sein will oder muss, weil Google-Maps solche Wege auch mal als Verbindungsstraßen ausmacht.

Am nächsten Morgen ist alles vergessen und wir starten Richtung Jerewan. Auch das zweite Kloster ist uralt, düster und so massiv gebaut, dass es ohne jede Pflege nochmal 1000 Jahre da stehen würde. Auf der Weiterfahrt stoppen wir an einem kleinen Info-Center und erfahren von einem perfekt Deutsch sprechenden Armenier, dass hier ein superreicher amerikanischer Landsmann ein Kinderprojekt „Children of Armenia Funds“ ins Leben gerufen hat. Uns wird klar, dass Armenien auf die Hilfe der zahlreichen Auslandsarmenier angewiesen ist, um solche Projekte überhaupt initiieren und pflegen zu können. Das Land selbst ist – so unser Eindruck – bettelarm und es fehlt etwas die Aufbruchstimmung, die man in Georgien fühlen kann.

Exkurs III – Das Verhältnis Georgiens zu Russland

Kurz gesagt: Es ist kompliziert! Der Nachbar Russland steht in Georgien für Machthunger, ständige Bedrohung, Mafia und Korruption.

Das Verhältnis war schon immer kompliziert. So fragt man sich z.B. warum es keinen “Tbilisier Frühling” gab Ende der 60er? Ganz einfach: Die Georgier hatten ihre Lektion gelernt, denn hier hatte man sich schon 1956 gegen die russische Führung aufgelehnt – leider nicht für die Freiheit und die Menschenrechte, sondern weil Nikita Sergejewitsch Chruschtschow in einem geheimen Dossier jeden weiteren Personenkult um den 1953 verstorbenen Georgier
Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili untersagt und damit die Ent-Stalinisierung der Sowjetunion eingeleitet hatte.

Aber gerade die den folgenden Aufstand anführenden Studenten wollten sich ihr großes georgisches Idol nicht nehmen lassen und forderten Freiheit – vor allem das Recht, den “Stählernen” weiter gottgleich anbeten zu dürfen.

Chruschtow beendete den Aufstand nach Russenart und ein paar hundert Aufständige verloren beim Massaker von Tbilisi ihr Leben. Es war der letzte Aufstand bis 1989, als russische Fallschirmjäger einen gewaltfreie Demonstration gegen die Sowjetunion niederknüppelten. 40 Menschen kamen ums Leben.

Aber: Die Sowjetunion löste sich auf, wurde zunehmend handlungsunfähiger und bei den Wahlen 1990 siegte eine pro-georgische Partei, die sich die Eigenständigkeit Georgiens auf die Fahnen geschrieben hatte.

Zwei Jahren nach der brutal niedergeschlagen Demo wurde die Republik Georgien auf Basis der Verfassung der ersten Republik ausgerufen.

Der Georgische Präsident Gamsachurdia verkündete, dass sich Georgien nicht an der Gründung der Gemeinschaft der GUS-Staaten beteiligen würde.

Allerdings Swiad Gamsachurdia machte bei der Lösung der innenpolitischen Aufgaben keine gute Figur und agierte zunehmend diktatorischer, bis er 1992 in einer Art Militärputsch abgesetzt und durch Eduard Schewardnadse, letzter Aussenminister der UDSSR, abgelöst wurde.

Im ersten Abchasienkrieg 1993 unterlag Georgen und musste sich mit der Unabhängigkeit der Teilrepublik abfinden – und dafür hohen Tribut zahlen: 50.000 Menschen starben und etwa 200.000 mussten fliehen. Auch in Süd-Ossetien gab es Probleme.

Schewardnadse führte Georgien 1995 wieder den GUS-Staaten zu und bis 2003 regierte er, ohne eine Ansteigen der allgegenwärtigen Korruption sowie den Schulterschluss mit Russland verhindern zu wollen oder zu können. Erst die sogenannte Rosenrevolution machte dem Schewardnadse-Treiben 2003 ein Ende und sorgte für einigermaßen demokratische und verlässliche Strukturen, die in dieser Form bis heute anhalten.

Große Probleme bekam Georgien 2007/2008 mit weiteren Auseinandersetzungen um Abchasien und Südossetien, die mit einer deutlichen Manifestierung des wohl endgültigen Verlustes der Teilrepubliken endeten.

Die erste Republik

Die erste kurze Selbständigkeit hatte es übrigens nach dem 1. Weltkrieg 1917 bis 1921 mit der “1. Republik” gegeben. In schweren Zeiten zog es die “Terrasse Europas” aber doch vor, sich zunehmend und schließlich endgültig unter das schützende Dach des großen Nachbarns zu stellen. Natürlich nicht ohne massiven Druck Russlands: Über die vielen tausend Toten und die Autonomiebestrebungen Georgiens dieser Zeit berichtet eine ständige Ausstellung des Tbiblisier Nationsmuseums auf sehr eindringliche Art und Weise. 1921 wurde Georgien dann zur Sowjet-Republik.

Tbilisi selbst hat nur einmal in der Vergangenheit wirklich den Atem der Geschichte in seinen Gassen gespürt. 1908 hatten sich hier die Geschicke der kommunistischen Revolution entschieden, als ein junger Seminarschüler namens Dschughaschwili einen Geldtransport der Bank von Russland überfiel und mit den erbeuteten 250.000 Rubeln über Jahre den Kampf von Lenins Rotgardisten bis hin zur erfolgreichen Oktoberrevolution finanzierte. Dabei sollen bis zu 40 Menschen getötet worden sein, Stalins damaliges Vorgehen erinnert an die Bankraubpläne der späteren RAF in Deutschland oder der IRA – auch hier zählte Geschwindigkeit und Rücksichtslosigkeit über alles.

Die Deutschen in Georgien

Die Geschichte der Deutschen in Georgien ist eng mit dem Einwanderungsdekret der russischen Zarin Katharina II. verbunden, das seit Ende des 18. Jahrhunderts Hunderttausende von Europäern – vornehmlich deutsche Bauern und religiös Verfolgte aus Württemberg – in den Osten zog, um hier die endlosen Weiten des Zarenreiches zu besiedeln. Die Deutschen gründeten hier Siedlungen, die man noch heute an ihren schnurgeraden Hauptstraßen erkennt. In Marienfeld bei Tbilisi stehen noch “Deutsche Häuser”.

Während zu Beginn der Besiedlung insbeondere die stetigen Angriffe der Völker jenseits der russischen Grenzen Opfer unter der deutschen Bevölkerung kosteten, war es am Ende Stalins Wahn, der das Kapitel “Deutsche in Georgien” brutal und unwiderruflich beendete. Nach der deutschen Kriegserklärung an die UDSSR wurden über Nacht alle Deutschen nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Nur knapp 2000 sollten jemals zurückkehren. In den Orten erinnern sich die alten Leute noch daran, dass die Häuser der Deutschen wie bewohnt schienen, als die neuen Besitzer einzogen. Teilweise stand noch das Essen auf den Tischen – so überraschend hatte die Deportation die deutsche Bevölkerung erwischt.

Heute muss man beim Begwandern westlich der alten Heerstraße nach Wladikawkas vorsichtig sein, denn so mancher Wanderweg wird von russischen Grenzsoldaten mit Maschinengewehren im Anschlag versperrt. Andererseits kommen zunehmend mehr russische Touristen nach Georgien. Die gesamte Gemengelage ist für Europäer etwas unübersichtlich. Eins scheint klar – die Freiheit werden sich die Georgier nicht mehr nehmen lassen.

Exkurs II: Südossetien und Abchasien

In der Vorbereitung auf unsere Reise haben wir uns natürlich auch über politische und völkerrchtliche Dinge informiert. Dabei blieben Südossetien und die autonome Republik Abchasien im Verständnis der Gesamtlage immer etwas nebulös. Gerade in bezug auf die Kaukasus-Republik Süd-Ossetien waren wir von ethnischen oder religiösen Hintergründen, und allgemein geschichtich begründeten Souveränitätsbestrebungen ausgegangen.

Über Abchasien redet man hier nicht viel, denn die Geschichte ist blutig und wohl auch von ethnischen und nationalistischen Differenzen geprägt. Anders sieht das in Südossetien aus, wo es keine echte Regierung gibt, sondern die Staatsgewalt inkl. der Grenzkontrollen von russischem Militär ausgeübt wird. Fragt man die Georgier, dann sind die 50.000 Süd-Ossetier alles andere als freie Menschen und jeden Tag weitet der unbeliebte Nachbar Russland seinen Einfluss weiter aus und zwar aus rein wirtschaftlichen Interessen: Abchasien und Südossetien sind nicht militärstrategisch interessant sonden nur noch wirtschaftsgeografisch, denn wichtige Teile des Gastransports von Russland in den Westen läuft über diese Gebiete.

Ein Grenzübertritt ist nicht möglich, denn ein Stempel der süd-ossietischen oder abchasischen Verwaltung im Pass bedeutet gleichzeitig für Einreisende in Georgien, dass ein illegaler Grenzübertritt vorliegt, der im besten Fall mit einem Einreiseverbot geahndet wird. Touristen kommen beim Wandern schnell in diese Situation, denn die “Grenze” verläuft etwa 20 Kilometer neben der “Georgischen Heerstraße” und nahezu jedes Tal Richtung Westen endet irgendwann auf süd-ossietischem Gebiet.

Im öffentlichen Leben wird wenig über den Autonomiestatus der drei Republiken (auch die Region um Botumi ist autonom) geredet, allerdings ist überall und deutlich die Abneigung gegen den Nachbarstaat zu spüren, obwohl gerade im Kaukasus sehr viele russische Touristen für Umsatz sorgen.

Das eigentlich Problematische ist, dass Russland seinen Einflussbereich in Südossetien immer weiter ausdehnt, ohne dass die aktuelle Regierung sich mal zu einem weltweit zu hörenden “Halt” aufruft. Es gibt keinen zu berdenden “Status Quo”, weil die Ansprüche Russlands nicht definiert sind, sondern nach belieben ausgedehnt werden. “Wir verlieren jeden Tag ein paar Meter an die Russen und es ist nicht abzusehen, dass das aufhört”, dürfen wir einen Lokalpolitiker aus Tiflis zitieren. Wer befürchtet, mit seinem Land “geschluckt” zu werden, muss wegziehen oder seinen georgischen Pass gegen den russischen tauschen.

Um ehrlich zu sein: Wir haben noch nicht mit einem Russen über dieses Thema gesprochen und kennen die Geschichte nur von einer Seite. Daher wird dieser Artikel sicherlich nocht fortgesetzt.

Exkurs I: Das Paradies von Nika Vacheishvili

Wir sind mal wieder gestrandet – diesmal auf einer Trauminsel: Das Weingut von Nika Vacheishvili (51) nahe des Stalin-Geburtsortes Gori im Zentrum Georgiens erfüllt alle Aussteiger-Träume. Auf einem überschaubaren Berggrundstück im Atenuri-Tal mitten in einer über 1000-jährigen Weinbau-Tradition hat sich der gelernte Kulturhistoriker seinen persönlichen Traum vom Winzerleben erfüllt.

Mit einer Anbaufläche von 30.000 Quadratmetern könnte er einem deutschen Weinbauern allenfalls ein “Och ist das süß” entlocken, aber für georgische Verhältnisse ist das mehr als genug, denn um den Vertrieb muss er sich dank eines gut besuchten Gästehauses nicht kümmern und industrielles Wachstum ist nicht Nika Vacheishvilis Thema. Lieber baut und plant er sein Museum auf dem Nachbargrundstück.

Wer das Gästehaus besucht ist geneigt länger zu bleiben: Aus Angst vor dem abenteuerlichen Rückweg mit Schotter, spanferkelgroßen Schlaglöchern und Fluss-Überquerungen, aber hauptsächlich, weil man sich hier so unglaublich wohlfühlen kann.

Durch Mund-zu-Mund-Propaganda ist das Haus stets gut gefüllt und der Hausherr begrüßt seine vornehmlich deutschen Gäste fließend in deren Muttersprache. Die Küche ist ein georgischer Traum und die Unterkünfte stehen weit über landestypischem Gästehaus-Niveau. Das hat hier schon deutschen 3-Sterne-Charakter und die Liebenswürdigkeit der Gastgeber bügelt alle eventuellen Schwachstellen charmant aus. Wir haben uns während unserer ganzen Reise außer im Kloster bei Bobota (Rumänien) nirgendwo so herzlich umsorgt gefühlt wie hier im georgischen Niemandsland, gut 20 Kilometer unsagbar schlechter Wegstrecke vom nächsten Ort entfernt.

Das Abendessen kostet 80 Lira für 2 Personen, also etwa 12 Euro pro Kopf. Dabei kann man sich die Weinkarte des Hauses hoch und runter trinken – ohne Aufpreis…

Nika braucht keinen Vertrieb – was er produziert wird im Gasthaus getrunken – insgesamt rund 4000 Liter pro Jahr. Gekeltert werden die für die Region Atenuri historisch wichtigen Trauben Takveri (Rot) und Chinebuli (Weiß), wobei der Winzer neben Rot- und Weißwein auch einen feinen Rose aus weißen Trauben mit Maische aus roten Trauben fermentiert. Die Flaschen werden direkt abgefüllt. Nach alter Tradition müsste noch im Ton-Amphoren gelagert werden, aber der Aufwand wäre zu groß.

Das Geheimnis des Bodens ist dessen starker Magnetismus. Die Erde ist so “anziehend”, dass man sie mit einem Magneten aufnehmen kann.

Unsere absolute Top-Empfehlung für Georgien: www.atenuri.ge

14. Etappe – Georgien (14. September – 12. Oktober)

Exkurs I: Das Weingut Vacheishvili
Exkurs II: Abchasien und Süd-Ossetien
Exkurs III: Das Verhältnis Georgiens zu Russland

Wir sind etwa 650 Kilometer von der Georgischen Grenze, 900 Kilometer von Tiflis und etwa 1100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Hier hätten wir in Wladikawkas das eigentliche Ziel unserer Reise erreicht.

Ich habe die Sorge um den abgebrochenen Außenspiegel und die kaputten Sicherheitsgurte jetzt in andere Hände gegeben, denn Improvisieren ist nicht die Stärke von Ford in Malatya. Es hätte nochmal 2 Wochen gedauert. Hier gibt es zum Glück unzählige kleine Schrauberwerkstätten, die sich über so einen Auftrag mächtig freuen. Auch um den zerrissenen Haltegurt für die Kabine kümmere ich mich selbst und werde auf dem Basar in Malatya fündig.

Unsere erste Begegnung mit dem kaukasischen Landvolk.

Dienstag, Mittwoch und Donnerstag haben wir an der Kabine herumgeschraubt. Da waren Schubladen-Schienen abgerissen, Türen verzogen und Klappen abgerissen. Der Kühlschrank war völlig verschimmelt. Gut, dass wir so nicht losgefahren sind und quasi gezwungen wurden, die Zeit zu nutzen.

Von wegen “Alpinisten sind Egoisten!” Auch im Kaukasus treffen wir fast ausschließlich auf nette Leute, die sogar ihr letztes Wasser mit unserem Hund teilen.

Dann endlich: Es ist Freitagmittag, das Auto ist fertig und wir starten. An der Grenze zu Georgien gibt es ein Schaulaufen von einem Grenzhäuschen ins andere, aber irgendwie alles höchst locker. Schon wenige Kilometer hinter der Grenze verwischen neue Eindrücke das gewohnte Türkei-Bild. Hier ist von einem Meter auf den anderen alles komplett anders – selbst die Hunde, vor allem die Landschaft. Wir fühlen uns aber sofort heimisch. Wir werden hier nicht auf den ersten Blick als Touristen erkannt, die Kinder laufen nicht hinter uns her und alles wirkt unerwartet europäisch. Die Georgier sind nicht unbedingt auf den ersten Blick sympathisch – eher wie die Sauerländer. Die Nacht verbringen wir auf dem Parkplatz eines russisch-orthodoxen Klosters und am nächsten Tag starten wir gut ausgeruht Richtung Tiflis.

Und was ist das denn für eine Stadt? Eine Million von 4 Millionen Georgiern wohnt in der Hauptstadt – und man kann das verstehen: Die Stadt hat ein wunderbares Flair, was uns spontan an Lubljana erinnert. Allerdings: Für Taxi, Essen, Simkarte und ein paar Kaffee lassen wir auch 40 Euro dort an einem Nachmittag. Von wegen “Das kost’ da fast gar nix…!”

Wir fahren zügig weiter, weil am Samstag unser Russlandvisum abläuft und wenn wir noch nach Wladikawkas wollen, müssen wir zügig über den Kaukasus. Auf der Strecke fragen wir einen Schäfer, ob wir auf seiner Wiese direkt am Fluss übernachten dürfen. Wir baden im eiskalten Fluss und freuen uns auf die nächsten Abenteuer.

Das Denkmal der “Georgisch-Russichen Freundschaft”

Mehr Bilder finden auf www.instagram.com/schmallenbergudo

Dann starten wir voller Erwartung unseren Tripp über die Georgische Heerstraße Richtung Wladikawkas. Unser Visa gilt noch für 3 Tage und wir wollen in Russland wenigstens einen Blick auf den Höchsten Berg Europas werfen.

Der historische Pass führt bis auf 2400 Meter und ermöglicht uns unvergleichliche Eindrücke. Das ist hier was ganz anderes als die Alpen – viel weiter, viel wuchtiger, irgendwie beeindruckender. Zwischendurch aufstrebende Skiorte, verwunschene Klöster, faszinierende „Lost Places“, Unmengen von Tieren auf der Fahrbahn und LKWs, die völlig angstfrei durch die Serpentinen gebügelt werden.

Am Denkmal für die georgisch-russische Freundschaft treffen wir einen Frau aus Hongkong, die von ihren Ängsten berichtet und ganz erstaunt ist, dass wir Deutsche wissen, was gerade in ihrer Heimat passiert.

Wir fahren durch bis Stepantzminda und nehmen nach einem tollen Frühstück mit Blick auf den 5000er Kashbek die Grenze in Angriff. Bis dahin wieder ein faszinierendes Niemandsland, in dem sich wirklich niemand für die Qualität von Straßen oder Tunnelanlagen verantwortlich fühlt.  Wir fahren in einen Tunnel und erschrecken uns mega, denn hier gibt es keinerlei Licht und die LKW donnern durch als wollten sie dem Sputnik hinterher ins All geschossen werden.

Dann die Grenze: der Georgische Zöllner checkt kurz die Papiere und winkt uns durch. Bei den Russen sieht das aber mal ganz anders aus. Erstmal Papierkram: Einreisedokumente ausfüllen, Passkontrolle. Der größte Wirbel wird um das Auto gemacht. Ich bekomme eine ordentliche Einführbestätigung mit ausgeklebtem Siegel. Die eigentliche Kontrolle des Wohnmobils läuft eher lasch. Trotzdem sind die Russen die ersten Grenzer, die wirklich in jede Schublade kucken.  Der Spaß dauert etwa 2 Stunden und ich frage mich, wie dort jemals dieser LKW-Stau abgefertigt werden soll? Auf dem Weg nach Wladikawkas passieren wir drei Kilometer lang einen wartenden LKW nach dem anderen.

Dann Wladikawkas: Was in manchen Reiseführern als verträumter Kletterer-Treffpunkt dargestellt wird, ist eine große moderne Stadt mit viel Hektik. Sylvia ringt dem Geldautomaten 1000 Rubel ab und ist megastolz bis wir ausrechnen, dass wir gerade 14 Euro gewechselt haben und damit nicht sehr weit kommen.

Uns wird schnell klar: Wir haben hier nur 2 Tage maximal, und in dieser Zeit werden wir uns auf diese völlig neue Kultur nicht einstellen können. Wir haben die gewünschten Stempel im Reisepass und beschließen, wieder nach Georgien zu fahren, wo wir auf Anhieb mit Land und Leuten warm geworden waren. Kurz vor der Grenze wird uns der bevorstehende Stress aber doch zu viel und wir biegen in einen Waldweg ab, um uns ein Nachtlager zu suchen. Der Ranger schraubt sich über eine Schotterpiste bis zu einem verlassenen Hotel und bei knapp über 2000 Meter finden wir einen Stellplatz mit einer nicht mehr zu toppenden Aussicht. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass ich von hier aus alle bedeutenden 5000er des Kaukasus auf einen Blick sehen kann.

Sonnenaufgang über dem Kaukasus – Hier von unserem russischen Stellplatz aus.

Kurz nachdem wir uns eingerichtet haben steht Polizei vor der Tür und klopft. Der Mann checkt unsere Papiere, scannt die Visa mit dem Handy ab und versucht uns verständlich zu machen, dass wir hier nicht stehen dürfen. Irgendwie hat ihn mein enttäuschter Blick aber doch überzeugt. Er macht ein Zeichen, dass wir zum Schlafen stehen bleiben dürfen, aber danach sofort verschwinden sollten. Er gibt auch die Richtung vor, offensichtlich geht es andersrum zu einer Art „Grünen Grenze“. Ob die Autos, die hier die ganze Nacht durch unterwegs sind irgendwas schmuggeln wollen wir nicht wissen.

Am morgen fahren wir wieder über die Grenze und sind deutlich entspannter.

Zurück in Georgien geht es uns sofort besser.  Dieses Land hat etwas Lässiges und sehr Entspanntes an sich – irgendetwas zwischen der Türkei, wo man dir auch ungewollte die Wünsche von den Lippen abliest und Russland, wo zumindest auf den ersten Eindruck eine gewisse Distanziertheit herrscht. Es ist sehr europäisch hier, und mir wird wieder bewusst, wie sehr die Integration in einen Kulturkreis mit persönlichem Wohlbefinden zu tun hat. Wie sehr müssen die Flüchtlinge in Deutschland darunter leiden und wie lange dauert es, bis die Seele die neue Kultur als freundlich empfindet?

Hier ist so viel Platz….

Ich komme hier mit der Arbeit gut voran, da es selbst in den entlegensten Tälern einen Hügel gibt, auf dem ich meine E-Mails abrufen kann. Tagsüber sitzen wir oft lang in Cafes, die grundsätzlich freies WLan anbieten. Als nächstes steht eine Wanderung zum Kasbek-Gletscher auf dem Programm. Aber alles mit Muße. Was man sonst an einem Tag erledigt – Anfahrt, Wandern, Rückfahrt, dafür nehmen wir uns jetzt drei Tage Zeit und genießen die unglaublichen Details. Z.B. dieses tolle Käsebrot, das es in Georgien für einen Euro an jeder Ecke gibt: Das Weißbrot wird im Steinofen mit ganz viel Käse gefüllt knusprig gebacken.

Hier auf 3000 Meter tickt die Uhr anders und man kommt ans Nachdenken…

Wir stehen hier nur frei und das klappt auch ganz gut. Heute morgen sind wir in der Einöde wach geworden und ein Allrad-Taxi nach dem anderen fuhr vorbei. Wo die hinfahren muss es etwas zu sehen geben, dachten wir uns und richtig: Die Kolonne führte uns in das Bergdorf Jota, von wo aus wir eine tolle Wanderung bis auf 3000 Meter hinauf genießen durften. Die Kasbek-Tour läuft uns ja nicht davon. Selbst hier oben auf 2600 Meter habe ich mit meiner Sim-Karte perfektes Internet. Der Parkwächter nimmt uns 10 Lari ab, dafür dürfen wir hier auch übernachten – für 3 Euro.

Faszination Kaukasus…

Wir sind jetzt seit einer Woche im Kaukasus und die Zeit fliegt nur so dahin. Stefantsminda ist ein Bergdorf, in dem sich Kletterer und Wanderer aus allen Nationen auf engstem Raum begegnen und hier auf eine einheimische Bevölkerung treffen, die sehr selbstbewusst die unglaublichen Ressourcen dieser Traumlandschaft verwaltet. Das Leben ist nicht so günstig wie erwartet, aber dafür ist das auch ein absoluter Hotspot hier. Wir stehen für 5 Euro auf dem Parkplatz eines kleinen Hotels – wer eine saubere Toilette haben will muss selber putzen. Gestern habe ich auf der Suche nach Ladestrom für die Kabine die Stromversorgung eines ganzes Stadtviertels ausgeschaltet .

Der Gipfel des Kasbek gibt sich wolkenverhangen…

Der 5000 Meter hohe Kasbek ist ein “Musthave” für jeden Georgien-Reisenden. Wir fahren hoch zum Kloster und starten eine wunderschöne Tour zur Berghütte auf 3300 Meter, nur einen Steinwurf vom mächtigen Gletscher entfernt.

Die Infrastruktur baut sich gerade erst auf – um über diesen Bach zu kommen mussten wir große Sätze hinlegen.

Wir sind jetzt eine Woche in Georgien und müssen am 29. in Tiflis am Flughafen Sylvias Freundin abholen.

Der Abschied vom Kaukasus wird uns schwer fallen. Selten hat uns eine Region so tief beeindruckt wie dieses Gebirge

Wir fahren die Georgische Heerstrasse zurück nach Tiflis und biegen auf die gut ausgebaute Autobahn Richtung Gori ab. Im Geburtsort von Stalin finden wir mit einer Mühe den Weg zu Nika Vacheishvilis Weingut. Die Straße führt durch Schlaglöcher und über Schotter und wir passieren ein Dörfchen nach dem anderen. Am Ende müsst ihr durch einen Fluß – soweit die Wegbeschreibung.

Die Anfahrt sollte sich lohnen, denn der Georgische Winzer hat sich hier ein echtes Juwel geschaffen. Wir entscheiden spontan, hier ein paar Tage Urlaub zu machen bei fantastischem Essen und einem echt guten Rotwein. Hier mehr dazu erfahren: Exkurs I

Nika und Diana Vacheishvili haben sich im Atenuri-Tal einen Lebenstraum erfüllt.

Nika Vacheishvili ist ehemaliger Kultusminister Georgiens und noch heute Professor für Kultur. Wir stehen mittlerweile ein paar Tage im Atenuri-Tal und sind vollkommen von der Magie dieses Ortes erfasst. Hier ist das Leben absolut entschleunigt, ohne dass man den Kontakt zum Aussen verliert – jeden Abend kommen neue Gäste und man sitzt beim Abendessen oder Frühstück mit immer neuen netten und interessanten Leuten beisammen.

Die Weinstöcke sind hängen übervoll, sollen aber noch 14 Tage Sonne bekommen. Nika hält sich an die über 1000-jährige Weinbautradition dieser Region.

Wir sind seit fast einer Woche auf dem Weingut Vacheishvilli und kommen das erste Mal in unserer Reisezeit wirklich “runter”. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich auf den Rhythmus der Leute hier und ihres Alltags einzustellen. Ich liege hier zwei drei Stunden in der Hängematte, höre Bob Dylan und spüre, dass man keine Pläne, geregelte Tagesabläufe etc. braucht, wenn man innerhab eines kulturellen Systems, in dem man nicht als Tourist bewertet wird, gutes Essen, einen Platz zum Schlafen und Muße zum Nichtstun hat.

Aber auch hier ist nicht das Paradies: Ich habe viel Gelegenheit, mit Georgiern über Europa und ihre Angst vor dem Nachbarn im Norden zu sprechen.

Siehe auch Exkurs II – Abchasien und Süd-Ossetien

Die Georgischen Straßenhunde sind sehr zutraulich und ganz selten aggressiv – aber auch wenn sich viele Georgier kümmern: Das Tierleid hier ist vielfach schwer zu ertragen.

Nach sechs Tagen auf dem Weingut sind wir extrem entschleunigt, aber mein Magen hat viel Wein noch nie vertragen und ich bin ganz froh, wieder los zu können. Wir verabschieden uns von Nika und Diana, die uns zu echten Freunden geworden sind und machen uns auf den Weg nach Gori, wo wir das Gedächtnis-Monument für den 2008er-Krieg und das Stalinmuseum besuchen.

In Gori leistet sich die Stadt die Erinnerung an einen berühmten Sohn: Stalin wird hier aber dankenswerterweise nicht gefeiert, sondern allenfalls nüchtern aber unkritisch dokumentiert.

Während mich die bronzenen Kriegerstatuen tief beeindrucken, wird mir das monumentale Stalin-Museum nur als muffige Ansammlung alter Teppiche und schlecht fotokopierter Fotos und Dokumente in Erinnerung bleiben.

Aus dem Krieg kehrt niemand unverseht zurück – das ist wohl die Aussage dieser beeindruckenden Erinnerung an den Abchasien-Krieg 2008.

Wir übernachten auf dem Flughafen von Tbilisi, den wir ohne Navi erst nach vielfacher Querung der georgischen Hauptstadt erreichen – mit den Nerven ziemlich am Ende. Autofahren in Georgien hat nichts von der munteren Lässigkeit, mit der die Türken unterwegs sind. Autofahren in Georgien ist Kampf, Streit und Auseinandersetzung, das macht keinen Spaß, vor allem nicht mit einem 3,5 Tonnen-Wohnmobil.

Der Flughafen verkörpert vieles von dem, für was Tiflis steht: Es ist ein Knotenpunkt zwischen Balkan, Russland, Türkei und Asien – und so wirkt das internationale Menschengewirr hier auch. Sylvias Freundin kommt nach Zwischenstopp in Istanbul pünktlich an und unser georgischer Freund Levan bringt uns in Zentrum, nachdem wir unser Wohnmobil am Rand der Millionenmetropole abgestellt haben. In Tiflis finden wir uns in einer wunderschönen Altbauwohnung (AirBNB) wieder, in der man Fußball spielen könnte, so groß ist sie. Die Damen schlafen und ich bringe mal wieder den Blog und Instagram aus Stand. Die nächsten 5 Tage steht “Tiflis” auf dem Programm.

Minarett der Juma-Moschee

Man braucht schn eine gute Woche, um Tiflis einigermaßen zu erfahren. Was hier fasziniert ist der teilweise erstaunlich gute Zustand der alten und teils unsanierten Bausubstanz, aber auch die Qualität der modernen Bauwerke. Dazwischen herrlich viel bunter und echt multikulturelles Leben.

Viel Aufwand für eine Fußgängerbrücke: Die Friedensbrücke.
Das Schauspielhaus mit dem Regierungsgebäude im Hintergrund.
In Georgien spielt Musik eine eine große Rolle – dieses Piano wird in einer Kneipenmeile den ganzen Tag von irgendwelchen Leuten bespielt.
Viele dieser Häuser sind liebevoll als AIRbnb-Appartements oder Hostels hergerichtet.
Vegetarische Küche in einem traum aus Stuck und Licht.

Schönen Gruß von Harry Potter…

Wir besuchen Marienfeld – etwa 20 Kilometer östlich von Tiflis – und finden wirklich noch “Deutsche Häuser”. Marienfeld – 1814 von Siedlern aus Württemberg gergündet, ist die älteste deutsche Siedlung in Georgien und es grenzt an ein Wunder, dass einige der in einem typischen deutschen Kleinbauern-Stil gebauten Häuser wirklich noch in der ursprünglichen Form stehen, obwohl die letzten Deutschen hier von Stalin direkt nach Ausbruch des ersten Weltkrieges nach Sibirien deportiert wurden.

Die alte Dame hat den großen vaterländischen Krieg, die Gräueltatet Stalins und die Selbständigkeit Georgiens erlebt – und auch die letzten Deutschen noch kennengelernt.

Die heutigen Besitzer haben weder das Geld noch das Interesse an der Erhaltung der Bausubstanz und leben dort einfach nur – gut isoliert hinter dicken Steinmauern. Wir dürfen ein “Deutsches Haus” besichtigen und sofort wird Kaffee und Kuchen aufgetischt. In einem tiefen Kellergewölbe bekommen wir eine private Weinprobe und wir betrachten ehrfürchtig die in den Putz gekratzten Notizen der ersten Deutschen in Georgien.

Spannende Sache: Private Weinprobe. Auch unser Guide Levan (links) staunt.
Wie vor 200 Jahren – ein “Deutsches Haus” in Marienfeld.

Uns wird zum ersten Mal bewusst, wie arm die Leute hier auf dem Land sind – aber auch wie ausgeglichen, zufrieden und gastfreundlich. Von Instagram oder Facebook hat hier kaum einer was gehört.

Stets werden wir mit großer Neugierund sehr offenherzig empfangen.
Mit dem Buggy durch Signagi – die engen Gassen sind mit dem Auto nicht zu befahren.

Zuvor hatten wir Signagi besucht und die alte Stadt mit ihren verwinkelten Gassen mit einem Gelände-Buggy erkundet.

Eine wunderschöne Stadt: Signagi gilt als “Love-City” als erste Adresse für Georgische Flitterwöchner.

Die Gastfreundschaft der Georgier wird nur noch durch ihre Tierliebe übertroffen.

Kakheti ist die traditionsreichste Weinbauregion Georgiens und der Weinbau ist hier auf auf die handwerklichen Fertigkeiten der ersten Deutschen zurückzuführen. In jedem Bauernhaushalt werden ein paar hundert Liter Wein produziert – daneben hat sich eine echte Weinbau-Industrie entwickelt, die Georgischen Wein auch exportiert. Die Region konnten wir derart intensiv nur mit Hilfe unseres einheimischen Guides erkunden.

Man könnte Tage durch Tiflis streichen und hätte immer noch nicht alles gesehen. Heute haben wir die Hundelady kennengelernt. Die Dame bettelt um Futter für ihre 5 Welpen und zahllosen Katzen, die rund um Ihren Schlafplatz streichen.

Wir fahren mit unserem unglaublichen Taxi-Guide Levan herum und besichten zwei beeindruckende Kirchen: Die eine neu und von einem Olligarchen vor 8 Jahren finanziert, die andere 600 Jahre alt und voller Geschichte.

Holy Trinity – vor 14 Jahren für unvorstellbares Geld auf der Grünen Wiese gebaut – heute religiöser Mittelpunkt Georgiens-.
Mzcheta – Die Klosteranlage ist extrem geschichtsträchtig und gerade innen fast vollständig unrestauriert.

Wir haben um drei Tage verlängert und sind in ein neues AIRbnb gezogen. Wir zahlen 16 Euro pro Nacht, müssen allerdings auch deutlich weiter laufen bis ins Zentrum.

Unser neues AIRbnb – diesmal nur ein Raum aber alles sehr praktisch und sauber. Für 16 Euro die Nacht.

Der nächste faszinierende Tiflis-Tag führt mich ins Nationalmuseum. Ich hatte vergeblich versucht, aus den gegoogelten Wikipedia-Bruchstücken ein funktionierendes Verständnis für die jüngerer georgische Geschiche zusammenzubasteln – leider vergeblich. Im Museum finde ich endlich den Faden, den nicht nur Stalin blutrot gefärbt hat.

Exkurs III: Das Verhältnis Georgiens zu Russland

Gefängnistüren, Exekutionsbefehle, Totenlisten, geheime Protokolle. Die Abteilung “Geschichte Georgiens von 1908 bis heute” ist unglaublich eindrucksvoll. Hoffentlich kann die Volksseele das alles irgendwann verarbeiten und Frieden mit Russland finden.

Sylvia war derweil im Schwefelbad und ist hin und weg: Hier treffen sich die Damen des Viertels zum gemeinsamen Baden und ausgiebiger Körperpflege. Tiflis ist auf heißen Schwefelquellen gebaut und das gemeinsame Bad hat hier Tradition.

So langsam ist auch gut mit Tiflis und wir tauschen das schöne Zimmerchen wieder gegen das Wohnmobil. Auf dem Weg zu einer Wüstenlandschaft im Süd-Osten des Landes müssen wir uns im Besucherzentrum registrieren und dann bei der Grenzpolizei eine Erlaubnis zum Betreten des Nationalparks an der azerbeidschanischen Grenze einholen.

Danach geht es 70 Kilometer über eine der schlimmsten Straßen die wir bislang gefahren sind. Irgendwann erwischen wir die falsche Piste und müssen uns in einem kleinen Dorf durchfragen. Aus einer feuchtfröhlichen Männerrunde steht einer auf und bietet sich als Führer an. Allein hätten wir das niemals gefunden. Englisch funktioniert hier übrigens überhaupt nicht mehr. Am Ende ist es auch dunkel und wir sehen gar nichts mehr. Internet für’s Navi ist auch aus. Wir machen Halt für die Nacht und erleben einen gigantischen Sonnenaufgang

Die drei Hirten wünschen uns einen guten Tag!
Echts Straßen gibt es hier nicht mehr.

Straßen gibt es hier nicht mehr, nur noch Pisten, die mir aber lieber sind als diese Schlagloch-Abenteuer.

Im Hintergrund der kleine Kaukasus und vor uns die Steppe.

Adler und Gänsegeier haben wir leider nicht gesehen. sehen. Wir haben eine Aufenthaltserlaubnis für 3 Tage, offiziell abgestempelt von der Border-Police. Man hat zwar keinen Stress mit den Nachbarn im Süden, trotzdem wird die Grüne Grenze im Rahmen der Möglichkeiten überwacht und kontrolliert. Drei Tage reichen auch – man kann den Staub nicht viel länger ertragen.

Hey Allemann – Kurdish Cigarettes? Im Nationalpark werden wir herzlich begrüßt – wie überall in Georgien.

Drei Tage Vaschlawi-Nationalpark – was für ein Erlebnis. Wir fahren rund 100 Kilometer im Schrittempo durch ausgetrocknete Bachläufe, trockene Steppe und malerische Schluchten. Hier ist es tagsüber immer noch um die 28 Grad und das Trinkwasser wird in Kanistern zu den Rangerstationen transportiert.

Die Piste schlängelt sich durch malerische Schluchten bis zur Grenze nach Azerbeidschan.

Die versprochene Artenvielfalt bekommen wir leider nicht zu Gesicht, aber diese massive Einsamkeit an einem der verlassensten Orte, an denen wir bislang waren, ist ein echtes Erlebnis, das lange nachhallen wird.

Wie im Wilden Westen – und die Schilder lassen keine Zweifel, welche Art von Fahrzeugen hier fahren sollten.

Wir kommen mit unserem Auto an unsere Grenzen, zumindest die steilen Abfahrten hinunter in die trockenen Flussläufe sind abenteuerlich, aber der Ranger macht das alles tapfer mit.

Mit einem normalen PKW ist das hier nicht zu machen.

Exkurs IV – Schicksalsfragen

Was will mir das Schicksal eigentlich sagen? Fahr nach Hause? Bleib noch ein paar Tage in Malatya? Sieh zu, dass du nach Georgien kommst?

Ich weiß es echt nicht – aber bislang hat es mich gut beraten. Nach unserem Unfall sind so wunderbare Dinge passieren, die mein Leben für immer ändern werden. Aber aktuell lässt es mich ratlos zurück.

Wir vertrauten der Nachricht “Das Auto ist zu 90 % fertig” und sind von Sanliurfa nach Malatya zurückgefahren. Der Werkstattleiter kommt mit “Daumen hoch” und breit grinsend auf mich zu. Neben mir das Auto – zugegeben auf allen vier Rädern, aber immer noch eine große Baustelle ohne Kotflügel und herabbaumelnden Spiegel.

Es geht hektisch und her und irgendwie begreift er dann doch, dass ich mit dem Ergebnis seiner 6-wöchigen Reparatur nicht so ganz zufrieden bin, was ihm dann endlich dieses Grinsen aus dem Gesicht fegt.

Der Chef kommt und wird kalkweiß. Ich weiß inzwischen, was passiert ist. Bei der Auftragsvergabe hatte ich formuliert, dass nur die notwendigsten Sachen erledigt werden sollten, damit ich die Reise fortsetzen kann. Spiegel, Kotflügel und funktionierende Sicherheitsgurte waren da nach Meinung des Werkstattleiters nicht eingeschlossen.

Die fehlenden Teile brauchen jetzt noch einmal 3 bis 4 Tage. Bislang ist immer etwas wunderbares auf solche Hiobsbotschaften gefolgt. Wird das so weitergehen oder schreit das Schicksal mir “Letzte Warnung” hinterher? Ich weiß es nicht und was mir sehr viel Freude bereitet: Es ist mir inzwischen egal – ich mache mir keinen Kopf mehr über sowas, denn der Erlebniswert unserer Reise könnte bis hierher nicht größer gewesen sein und ich kann sowieso an nichts etwas ändern. Ich kann es nicht zum Guten wenden, ich kann aber auch das Schlechte nicht verhindern.

Ob das Werkstattgebaren jetzt typisch für die Türkei ist oder ob es einen Schuldigen gibt – das ist alles völlig egal. Es ist wie es ist – Inshallah wie der Türke sagt und damit meint er nicht den klerikalen Wunsch nach einer Fügung durch Gott, sondern dass es kommt wie’s kommt.

Wenn Türken sich für andere freuen, dann entlockt es ihnen ein fröhliches “Mashallah”, z.B. wenn sie erfahren, dass du der Vater vieler Söhne bist. Dieses “Mashalah” steht für einen echten und völlig frei von negativen Gedanken geäußerten Respekt. Ich hoffe, dass ich mir ein “Mashallah” verdiene, egal, wohin die Reise geht und wo sie endet…

13. Etappe – Die Türkei ( 6 . Juli – 13. September)

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Liebe Leser dieser Zeilen!
Mein Bericht über die Türkei ist sehr lang geworden, da uns der Unfall gezwungen hat, hier mehr als 6 Wochen länger umherzureisen, als es eigentlich geplant war. Ich habe mir für meine oft moralisierenden und schulmeisterlichen Formulierungen viel Kritik anhören müssen. Dafür danke ich sehr, denn diese Kritik ist absolut berechtigt! Ich beende die “Etappe 13” an dieser Stelle, um bis zum Wochenende alles noch einmal zu überarbeiten. Sollte in den letzten Tagen vor dem Grenzübertritt nach Georgien noch etwas passieren, werde ich das schon in “Etappe 14 – Georgien” vermerken.

Exkurs I: Wie verarbeite ich einen Unfall?
Exkurs II: König Antiochos I – Der Gottkönig im Berg
Exkurs III: Türkische Gastfreundschaft
Exkurs IV: Schicksalsfragen

Nach wirklich einfacher Grenzkontrolle fahren wir in die Türkei ein. Der Pulsschlag geht hier schneller, das ist uns sofort klar – spätestens als wir uns in die Schlange für die Fähre über die legendären Dardanellen einreihen. 10 Leute büllen verschiedene Kommandos und die Autofahrer machen was sie wollen. Nach 10 Minuten ist die Fähre voll.

Eine unbeschreibliche Hektik lädt das Boot – das ginge auch anders, wäre dann aber nicht mehr türkisch.

Nach kurzer Überlandfahrt, auf der wir unser erstes Kamel sehen, erreichen wir Camlik, das ist eine Art Campingplatz, für den man 10 Lira, also etwa 1,50 Euro, für die Nacht bezahlt.

Unser erstes Kamel – es sollten noch einige folgen.

Wir sind die einzigen Ausländer und die Kinder kommen und fragen, ob sie Englisch mit uns reden dürfen. Im Hintergrund dudelt Türk-Pop und es ist eine sehr entspannte Atmosphäre.

Eigener Strandzugang inklusive…

Die Kommunikations- und Arbeitsbedingungen sind 1a: Wir haben uns in Galipolli eine SIM-Karte mit 20 MB gekauft für 20 Euro. Der Diesel ist längst nicht so teuer wie gedacht: Knapp ein Euro.

Nächste Station ist der Campingplatz “Altin-Camp”. Hier planen wir die nächsten Tage. Troja, Ephesos und Pergamon sind zwar berühmte Orte in der Umgebung, aber ganz im Ernst: Ich kann keine alten Steine mehr sehen. Also minimieren wir den Besichtigungsmarathon auf Pergamon un fahren dann direkt nach Pamukkale. Die Annehmlichkeiten des Altin-Camps werden uns aber wohl noch etwas halten. In neun Tagen holen wir Ella in Antalya vom Flughafen ab.

Ein Schläfchen nach der Hitze des Tages – und dann ab ins Nachtleben.

Des Leben in der Türkei ist sehr günstig, insbesondere Nahrungsmittel wie Gemüse, Brot oder Obst sind unglaublich preiswert und von der Qualität nicht mit deutscher Supermarktware zu vergleichen. Die Pracht ist paradiesisch.

Am nächsten Morgen – es ist bereits 9.30 Uhr und die Zirkaden schlafen noch. Es herrscht absolute Ruhe auf dem Platz, obwohl hier gut 100 türkische Familien vor ihren Zelten, Wohnwagen und Wohnmobilen sitzen und frühstücken. Hier schreit keiner rum. Das ist alles überaus angenehm und ein Kontrapunkt zur Art und Weise, wie die Türken ihr Stadtleben präsentieren.

Einladen und eingeladen werden – das geht hier ganz schnell und unkomplizert.

Wir sind weiterhin die einzigen Deutschen hier und neben unserem Michel interessieren sich die Türken ziemlich für mein Auto. Das gibt immer wieder Anknüpfungspunkte für sehr schöne und auch sehr tiefgehende Gespräche, die in einer großen Herzlichkeit geführt werden. Was mich weiter tief beeindruckt ist diese Ruhe und Harmonie auf dem Platz und die Ausgeglichenheit der Kinder.

Papa interessiert sich für mein Auto, die Tochter hat nur Augen für den Hund: “Call me if you have any problems in turkey!” Wir werden die Nummer gut aufbewahren.

9. Juli – in sechs Tagen landet Ellas Flugzeug im 500 Kilometer entfernten Antalya und wir müssen uns auf den Weg machen – widerwillig! Wir haben hier im Altin-Camp tolle Leute kennengelernt, hatten ein Tagesbudget von unter 15 Euro und haben in schönen Gesprächen viel Angenehmes und Widersprüchliches über dieses große Land erfahren.

Ob türkischer Kaffee oder ein typisch türkisches Frühstück. Die Türken pflegen einen sehr bewussten Umgang mit Lebensmitteln.

Den Zwischenstopp in Pergamon haben wir nicht bereut: 150.000 Menschen haben hier gelebt und die Anlage – hoch auf einem Berg – vermittelt dazu einen absolut authentischen Eindruck. Das ich nicht mit den paar alten Steinen zu vergeichen, die in Olympia oder Epidauris rumliegen – das ist echt Geschichte zum Anfassen in einer beeindruckenden Umgebung – 700 Meter über Bergama.

Die 250 Kilometer bis nach Pamukkale absolvieren wir auf einer durchweg 2-spurigen Landstraße. An den Straßen hier kann sich Deutschland eine Scheibe abschneiden – nur dass sie in dieser Qualität hier gar nicht notwendig wären. Ich weiß nicht mit welchen Zuwachsraten die bei den kfz-Anmeldungen noch rechnen, aber Staus wird es hier niemals geben.

In Pamukkale will der Campingwart 150 Lira von uns haben, wir handeln ihn auf 90 runter und er ist nicht mal böse, eher leicht beeindruckt. Im Restaurant lernen wir Amel aus Usbekistan kennen. Er schwärmt so von seinem Heimatland, dass wir ernsthaft überlegen, den Schlenker zu machen. Auf dem Campingplatz ist mittlerweile der Australier Paul mit seinem Motorrad angekommen. Er ist seit 8 Wochen unterwegs und ist in Thailand gestartet. Wie ich ärgert er sich, dass der Iran als Transitland kaum noch genutzt werden kann und auch er empfiehlt uns Usbekistan und Kasachstan.

Das Auto läuft seit 1000 Kilometer ohne Mucken und auch die Kabinenelektrik ist stabil – so langsam packt uns das Reisefieber wieder.

Unglaubliche Eindrücke: Pamukkale gehört zu den Top5-Sehenswürdigkeitem der Türkei

Den nächsten Vormittag verbringen wir auf den Kalkfelsen, die wirklich schneeweiß in der Sonne strahlen. Die Türkinnen nutzen diese beeindruckende Sehenswürdigkeit als Laufsteg und schießen dabei nicht selten weit über’s Ziel hinaus. Ich lach mich tod wenn ich drüber nachdenke, dass wir in Deutschland mit den bei uns lebenden Türken eine Kopftuchdiskussion führen und die jungen Damen hier wirklich alles rausholen, was an Figur und Haut zu zeigen ist.

Es geht aber auch stilvoll, wie diese junge Asiatin beweist.
Pamukkale heißt “Weiße Festung” – in Anspielung auf die befestigte Stadtanlage hoch oben über dem Kalk – Das Amphitheater sieht aus, als hätte es gestern noch eine Aufführung gegeben.
Ein Blick von oben auf das neuzeitliche Pamukkale.

Am Nachmittag entfliehen wir der Hitze in die Berge und finden Tepe-Camping. Alles etwas gewöhnungsbedürftig aber wir verzeihen diesem tollen Land mittlerweile gern einiges.

Die Türken wollen mit uns diskutieren – über Erdogan, über die Türken in Berlin, über Trump und über EU-Beitritte. Sie machen das in einer herzerfrischenden Offenheit.

Hier hat mich vor allem ein älterer Türke zum Nachdenken gebracht. Ich habe ihn gefragt, warum seiner Meinung nach die Deutschen nicht mehr in die Türkei fahren. “Weil unsere Zeitungen ein falsches Bild über die Türkei vermitteln!” Ich konnte ihm erklären, dass es damit ganz und gar nichts zu tun hat, sondern dass es nur um fehlenden Respekt geht und um Anfeindungen gegenüber Deutschland und auch unserer Kanzlerin, und auch um die Verhaftung deutscher Journalisten und die unnötigen Anspielungen auf die Nazi-Zeit. Er hat sofort verstanden, dass das mit dem türkischen Volk – oder mit seinem Land als Kultur – aber auch gar nichts zu tun hat – aber es hat die Begegnung gebraucht, um sich greunzüberschreitend darüber bewusst zu werden.

Kaum sind wir mit dem Essen fertig bringen uns die Nachbar den Nachtisch – das ist wirklich unglaublich!!!

Die Leute hier wissen nicht mal wirklich, warum die Touristen nicht mehr kommen. Und ob der Tourismus wirklich zurückgeht, das wissen wir wiederum überhaupt nicht. Antalya hatte in 2019 Rekord-Zahlen zu verbuchen.

Mein Nachbar Durgan lädt mich ein und ich trinke Raki mit Wasser und finde wieder mal das Konterfei von Atatürk. Der Gründervater der modernen Türkei ist populärer denn je. Mit Nationalismus hat das aber gar nichts zu tun. Es ist eher ein Statement dafür, welche Qualitäten ein Staatsoberhaupt haben sollte.
Selfie mit Durgan: Der Diplomingenieur aus Ankara betreut hier in Denizli eine Baustelle und wohnt werktags auf dem Campingplatz. Er bietet mir rohe Köfte mit Schafskäse an, dazu einen Raki – perfekt.

Die 90 Kilometer zum Lake Salda zeigen ein anderes Bild der Türkei als das bislang gesehene. Ich würde das nicht als ärmlich oder rückständig bezeichnen – vielleicht eher als traditionell.

Den Leuten hier geht es wirtschaftlich nicht schlecht. Es stehen große Traktoren vor den Bauernhäusern aber alles in allem entspricht das doch eher dem Bild von Anatolien, das ich im Kopf hatte. Nimmt man die Kopftuchrate – hier 99 % – als Parameter, dann wird klar, dass die Türkei hier eine andere ist als rund um Istanbul, Ankara, Trabzon oder Izmir. Ob beide Teile harmonieren weiß ich noch nicht, aber schlecht gesprochen über die Landbevölkerung wird hier nicht, obwohl 70 % aller Türken in den 10 größten Städten des Landes wohnen.

Die türkischen Malediven: An den Ufern des Lake Salda, etwa 150 Kilometer nördlich von Antalya, sorgt kalkhaltiger Schlamm für beeindruckende Wasserfarben.

Am Lake Salda stehen wir frei: Die Solaranlage versorgt uns mit Strom, im See gibt es Süßwasser und für insgesamt 10 Euro haben wir in Salda Vorräte für 4 Tage eingekauft, inklusive einem Bund frischer Kichererbsen. Sehr angenehm: 1000 Meter über dem Meer geht die Temperatur nicht über 26 Grad und in der Nacht mussten wir unsere eingemotteten Decken wieder herauskramen.

Am zweiten Tag dösen wir grad so rum, als uns eine zehnköpfige türkische Familie aufmischt. Wir wissen kaum wie uns geschieht, da sind wir schon zum Abendessen eingeladen.

Die Kopdtuchfrage wird in der Türkei wesentlich unemotionaler geführt als bei uns.

Suleymann wohnt mit seinen Eltern und seiner Schwägerin in einem 3-stöckigen Haus. Die Familie hält zusammen, sonst würde es für den Tomatenzüchter und Frisör (im Winter) eng werden, die 5-köpfige Familie zu ernähren. Aber wenn es Gäste gibt, dann ist in türkischen Familien von Mangel nichts zu spüren. Wir unterhalten ins wirklich gut und staunen über die Weltoffenheit dieser Menschen

Zuhause bei Suleymann – für so viel Gastfreundschaft fehlen mir einfach die Worte.

Am nächsten Morgen müssen wir zum Frühstück kommen. In der Nacht zuvor hatte man uns von unserem Stellplatz vertrieben – übrigens das erste Mal während unserer Tour. Wir sind ein paar Meter weiter gefahren und alles war gut.

Ein türkisches Abendessen – so lecker…

Nach dem so ziemlich besten Frühstück, das ich bislang genießen durfte, gibt es eine Besichtigung der familieneigenen Tomatenzucht. Wir werden sofort eingespannt und helfen bis zum frühen Nachmittag. Es ist ein Knochenjob und für 8 Kilogramm Tomaten bekommt Suleyman einen Euro.

Am Lake Salda ist es so schön, dass man es fast nicht glauben kann…

Wir verabschieden uns von diesen herzlichen Menschen und finden auf dem Weg nach Antalya einen wunderschönen Stellplatz mitten im Wald. Einmal mehr preisen wir die Zuverlässigkeit der Apps, mit denen Fernreisende recht zuverlässig gute und sicherer Übernachtungsplätze finden. Wir nutzen Park4Night, merken aber, dass diese in Europa sehr populäre App in der Turkei kaum nochErgebnisse liefert und sind schon vor Wochen auf das von Offroad-Fahrern gestaltete IOverlander (sprich Eioverländer) umgestiegen. Die App führt uns zu einem Camyon mit gasklarem Wasser. Der Platz wird von 100ten von Türken zum Picknicken genutzt und die Holzkohle betriebenen Teekocher und Grills qualmen um die Wette.

Einen Grill und Fleisch dazu – Ohne diese Kombi ziehen die Türken in ihrer Freizeit nicht los. Und es sind immer mindestens 2 Generationen unterwegs.
Glasklares Wasser im Canyon…
Hier sind wir die Exoten – und die Leute freuen sich und begrüßen uns mit einer unglaublichen Herzlichkeit

In Antalya können wir endlich unser Tochter Ella in die Arme schließen. Wir machen jetzt erstmal Urlaub und fahren mit ihr nach Kas.

Prominenz in Kas: Michel trifft Donald Trump – oder zumindest seinen 4-beinigen Doppelgänger.

Thema Erdogan: Da gibt es viel zu berichten und ich freue mich schon auf die Diskussionen in Deutschland. Eins vorab: Es ist vieles nicht so, wie wir das in Deutschand sehen. Erdogan ist hier in allen Bevölkerungsgruppen ein Reizthema.

Antalya/Kas – Wohl eine der schönsten Küstenstraßen der Welt…

Noch mehr und immer aktuelle Bilder finden auf https://www.instagram.com/schmallenbergudo

Kaputaj Beach – noch so ein Superlativ
Meerjungfrauen inklusive – Badeurlaub hat hier schon eine hohe Qualität. Andererseits: In einem ferienhotel möchte ich hier nicht eingepfercht sein. Kaputaj Beach z.B. ist nur mit dem Auto zu erreichen.

Und “Essen in der Türkei” ? Auch der Hammer

Nach 5 Tagen AirBnB reicht es dann auch mal. Morgen geht es wieder auf die Piste und nachdem wir Ella Mittwochfrüh am Flughafen abgeliefert haben werden, geht es direkt nach Kapadokien und von da aus entweder nach Samsun oder nach Trabzon – auf jeden Fall ans Schwarze Meer. Am meisten freue ich mich, im Norden der Türkei wieder auf die “Aussteigerroute” zu stoßen und mal wieder Gleichgesinnte zu treffen und mit ihnen über Reiseziele zu reden.

Lieblingsplatz: Eine kleine Bucht 5 Kilometer östlich des etwas stressigen und auch ziemlich überteuerten Kas.

Am letzten Tag in Kas haben wir einen Tauchkurs gebucht – sind schon ganz aufgeregt.

Ein Hammererlebnis: Das Wasser ist kristallklar und es gibt eine unglaubliche Artenvielfat an Fischen zu sehe

Mittlerweile haben wir Ella wieder am Flughafen abgeliefert und sind auf dem Weg in den Norden. Nach rund 500 Kilometern durch das türkische Hochland erreichen wir Kapadokien und sind schon von den ersten Eindrücken geflasht – wie muss das erst im Zentrum z.B. in Göreme aussehen. Unser Stellplatz ist wohl bei türkischen Hochzeitspaaren beliebt und wir dürfen als Glücksbringer mit auf das Bild.

Wir haben hier in den letzten 5 Tagen so viel erlebt, dass ich hier kaum hinterherkomme. Hier den jeweils letzten Stand sehen.

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Da gibt es auch Videos vom Tauchen und viele Dinge, die ich hier einfach zeitmäßig nicht verarbeiten kann.

Vom Ihlara-Tal fahren wir ins Zentrum Kapadokiens und besichtigen unterirdische Städte, christliche Felsenkirchen. Am meisten staunen wir allerdings über diese unvergleichbaren Felsformationen, die sich teils wie steinerne Zipfelmützen aneinanderreihen.

Die Jungs vom örtlichen Offroad-Club transportiert hauptsächlich fernöstliche Kundschaft über Stock und Stein von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Wummernde Bässe begleiten die Asiaten auf jeder Station und zum Sundowning gibts Schampus unter großem Gekreische. Wir beobachten das von unserem Stellplatz aus und staunen über diesen Culture Clash.

Der Sonnenuntergang ist unvergleichlich – und lässt Fotos hier zwangsläufig wie gemalt aussehen.

Am nächsten Morgen – wie jeden Morgen – steigen hunderte von Ballonen auf und sorgen für unfassbare Fotomotive.

Nach dem Frühstück würden wir gerne die Kirchen in der Museumsstadt Göreme ansehen, aber die Art und Weise wie die Touristen hier mit sakralen Stätten umgeht stößt uns irgendwie ab. Wir besichtigen ein kleines Felsenkirchlein abseits der Touristenströme und bekommen einen Eindruck davon – wie Urchristen und Kreuzfahrer hier im Schutz der Felsen ihre Religion ausgeübt haben. Die “Undergroundcitys” sollen angeblich bis zu 10.000 Menschen Schutz geboten haben. Die langen Tunnelanlagen konnten mit großen Felsen verschlossen werden.

Viele Felsenkammern werden heutefür die Gastronomie genutzt.

Wir entfliehen dem kaum erträglichen Touristentrubel Richtung Osten und Sylvia hat einen tollen Stellplatz bei “IOverlander” gefunden. “Direkt am See da können wir uns endlich mal wieder richtig waschen!” Der See entpuppt sich als ebenso malerisch wie lebensfeindlich und ist im Sommer von einer 30 Zentimeter dicken Salzkruste bedeckt. Wir tanken Ruhe in der Einsamkeit und freuen uns auf unsere letzten Tage in der Türkei.

Lake Tuz: Der zweitgrößte See der Türkei ist 900 Meter tief und im Sommer von einer dicken Salzkruste bedeckt. Der Lake Tuzla ist deutlich kleiner .

Was uns hier immer wieder fasziniert ist die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, obwohl die Türkei immer wieder Stereotype bedient – aber das macht das land auch liebenswert und verstärkt den “orientalischen Chararakter”.

Ein Laden aus 1000 und einer Nacht, natürlich gibt es sowas auch.

Der Unfall

Nach unserem Abschied von Kapadokien sind wir zum Tuzlasee gefahren, auch um unsere Wasser Wasservorräte aufzufrischen. Leider ist der Tuzlasee ein Salzsee und im Sommer von einer dicken Kruste bedeckt. Am nächsten morgen stand also Wasser-Suchen auf dem Programm. Auf dem Weg nach Darende ereignete sich dann ein ein ziemlich heftiger Verkehrsunfall. Wir blieben zum Glück unverletzt, aber es gibt grad so viel zu organisieren, dass ich kaum dazu komme, die Homepage zu pflegen. Ich wäre euch sehr dankbar, wenn ihr für ein paar Tage auf Instagram schauen würdet, was gerade los ist. https://www.instagram.com/schmallenbergudo

Die Zeit nach dem Unfall – oder wie wir lernten, ein neues Verhältnis zur Zeit zu entwickeln

Es ist Dienstag, Tag 3 nach dem Unfall und wir sind mit einem Leihwagen in Ostanatolien unterwegs.

Wir sind hier in der Region Komagene am Euphrat tief im Kurdenland angekommen und die Menschen sind sehr arm hier. Wir sehen junge Frauen, die mächtige Bündel Grünzeug von den Feldern in die Ställe schleppe, während kleine Kinder sich mit 5-Liter-Kanistern Trinkwasser abmühen, das offensichtlich zu den Wohnungen transportiert werden muss. Hier ist es schon ein Job, den ganzen Tag auf eine Kuh aufzupassen oder mit einem Eselchen Heuballen von A nach B zu transportieren. Auf einem Feld zieht ein Pferd einen Pflug und die ganze Familie steht drumherum und schaut zu.

Auf einem Bergpass werden wir von der Militärpolizei kontrolliert. Das ist Alltag in der Türkei und passiert mindestens einmal am Tag. Die Soldaten sind grundsätzlich in voller Montur mit dem Gewehr am Anschlag – aber immer sehr freundlich, meist noch sehr jung. Auf dem Gipfel hat es sich eine Gruppe um ein paar echte Veteranen mit Teekochern unter einer Zeltplane gemütlich gemacht. Trotz aller Gelassenheit werden wir genau kontrolliert. Wir sind 400 Kilometer von der syrischen Grenze unterwegs im Kurdenland.

Kurz vor dem Mount Nemrut erreichen wir die “Kervanseray” und werden daran erinnert, dass die Region der einzig sicherer Platz für Handel Treibende auf der Seidenstraße war, wenn es mal wieder Streit zwischen Römern und Persern gab.

In Richtung Nemrut Dhagi wird die Straße immer schlechter, obwohl es sich bei den Monumenten auf dem 2100 Meter hohen Berggipfel um die bedeutende Überreste des Königs Antiochos handelt, der zur Zeit Christi Geburt hier am Euphrat eine wichtige Position am Berührundgpunkt der damaligen Weltmächte Rom und Persien einnahm und durch Handel zu großem Reichtum kam.

Heute ist Osman Wirt der Kervanseray und er fragt mich: “Was wollen die Europäer und Amerikaner hier?” So wie ich es langsam verstehe ist die Türkei der Meinung, dass die Problemlage zwischen Euphrat und Tigris nicht Sache der Amerikaner sei. Erdogan sei der einzige, der sich in diesen Zeiten den Europäern und Amerikanern entgegenstelle. Wieder merke ich, dass wir es uns in Deutschland viel zu einfach machen, wenn wir die Türkei in “gut und böse” oder “Für oder gegen Erdogan” aufteilen. Das funktioniert hier nicht.

Am zweiten Tag in der Kerwanseray fassen wir den Entschluss, an diesem magischen Ort die Reparatur unseres Autos abzuwarten und handeln mit Osmann einen angemessenen Preis aus. Für 50 Euro bekommen wir Vollpension und können sein Auto nutzen wenn wir wollen. Der Archäologe und Nemrut-Experte Anne aus Holland bietet an, uns aus Malatya abzuholen, nachdem er seinen Kumpel Kaes zum Flughafen gebracht hat. Wir nehmen dankbar an und akzeptieren, dass Osmann beleidigt ist, weil er das hätte machen müssen: “Ihr seid Familie, keine Gäste!”

Das Hotel Kerwanseray – Unser Heimat für die nächsten Wochen…

Insgesamt sind wir an diesem Tag rund 600 Kilometer unterwegs, nur um den viel zu teuren Leihwagen (50 Euro/Tag) wieder abzugeben. In der Werkstatt erfahren wir, das es unter Umständen einen Monat dauern kann, bis alle Ersatzteile beisammen sind.

Osmanns Zwillinge lassen uns nicht aus den Augen.

Abends lädt uns Osmanns Schwester, die uns begleitet, zum Abendessen an einem durch den Atatürk-Damm aufgestauten Nebenarm des Euphrats in Kahta ein. Kurz vor 11 kommen wir wieder zu Hause an und Osmann hat sich wieder beruhigt. Anne erzählt mir die unglaubliche Geschichte des Mount Nemrut und hilft mir dabei, wieder ein Stück aktuelle türkische Geschichte, Politik und Lebensart zu begreifen. Dem Mount Nemrut werde ich noch ein komplettes Kapitel widmen.

Überall auf unserem Weg werden wir auf einen türkischen Tee eingeladen.

“Pass auf, hier gibt es Schlangen und Skorpione!” Warnt mich Anne, als ich frühmorgens mit Michel ums Haus streiche. Das ist hier alles so fremd, dass ich zum ersten Mal wirklich intensiv das Gefühl habe, im Orient gelandet zu sein. Den sympathischen Holländer nenne ich nur noch “Indiana”… Seine Website: www.vertellervanhetoude.nl

Mit Dr. Jones unterwegs in einem Grabkammersystem hoch über dem Euphrat. Anne ist fast sicher, dass die Anlage mit Antiochos I in Verbindung gebracht werden kann.
Beim Barbier in Kahta: Anne und ich zahlen 8 Euro für eine Rundum-Gesichtsbehandlung und sehen anschließend wirklich gut aus 😉

Ich fahre mit Anne nach Kahta, weil er sich nach einer abgeheilten Verletzung, die er sich beim Abstieg in eine römische Grabkammer zugezogen hat, die Fäden ziehen lassen muss. Sowas wird in der Türkei vom pensionierten Onkel des Apothekers gemacht. Er sieht zwar kaum was, kriegt aber mit meiner Hilfe doch irgendwie die Fäden zu fassen. Anschließend lassen wir uns beim Barbier “das Gesicht machen”!

In Kahta sind wir die Touristen – die beiden jungen Leute sind froh, Englisch sprechen zu dürfen

Es ist Montag, 5. August 2019, und heute werden wir wohl endlich erfahren, wie es mit unserem Auto weitergeht – 9 Tage nach dem Unfall werden heute – wenn alles gut geht – die Teile bestellt. Das kann im schlimmsten Fall einen Monat dauern, da einige wichtige Sachen in der Türkei nicht auf Lager sind. Von diesen Informationen hängt ab, wie es weitergehen wird. Wir haben unser Zimmer in der Kervansaray bis Freitag gebucht und müssen dann sehen, wie wir unsere Tour fortsetzen.

Freitag verlässt uns Anne und ohne den kann ich es mir hier nicht vorstellen, also werden wir auch weiterfahren. Unser Plan ist, erst einmal nach Kahta zu fachren und uns hier neu zu organisieren. Der Plan, mit mit einem Leihwagen das Land zu erkunden schlägt fehl, weil wegen des kurdischen Schlachtfestes alle Autos belegt sind. Wir gehen jetzt nach Kahta ins Hotel bis wir ein Auto haben. Für diesen Tripp haben wir jetzt 4 Wochen eingeplant, bis dahin sollte das Auto fertig sein und wir können uns dann ganz intensiv Armenien vornehmen. Den Bus nach Tiflis können wir vergessen, weil öffentliche Verkehrsmittel in der Türkei keine Hunde transportieren.

Nach 5 Tagen rumgammeln brauchen wir und der Hund etwas Bewegung. Wir laufen zum Gipfel des Nemrud. Hin- und zurück etwa 20 Kilometer
Die Ostterrasse zeigt noch die die Rümpfe der Statuen – allerdings sind die Köpfe kleiner als auf der Westterrasse.
Gottkönig Antiochos I Teos

Während der kommenden Tage in der Kervansaray werden wir tief in einen seit Jahren schwelenden Familienstreit hineingezogen. Das endet damit, dass unser holländischer Freund Anne – ein “Bremer” (türkisch für “Bruder”) des verstorbenen Hotelgründers auf unserem gemeinsamen Weg nach Kahta von der Polizei angehalten und verhört wird, weil er angeblich die Zeche geprellt haben soll. Zum Glück kann er die Reise zum Flughafen fortsetzen, nachdem die Familienältesten sich für ihn eingesetzt haben. Wir hatten zuvor eine Stunde mit Osmann gestritten, was wir für die Biere am Abend bezahlen sollen und warum Tee nicht – wie üblich in der Türkei – umsonst ist.

Uns ist das alles immer noch sehr fremd, aber ich merke, wie ich so langsam in diese Kultur hineingleite. Als normaler Durchschnitts-Antalya-Touristen hätten wir diese Situation nicht klären können.

Wir sind jetzt im Hotel “Kommagene” in Kahta, zahlen 20 Euro für’s Doppelzimmer mit Frühstück (50 Euro in der Kervansaray mit Vollpension) und werden hier wohl nicht die Reparatur des Autos abwarten Wir laufen in die Stadt, um doch noch zu versuchen, einen Leihwagen zu bekommen, trotz Bayramfest.

Sylvia fragt sich nach einem Damen-Friseursalon durch. Gar nicht so einfach in einer Stadt, in der es gefühlt 50 Herrenbarbiere und friseure gibt. Sait hilft uns und wärhend Sylvia in einem versteckten Seitenstraßen-Hinterzimmer die Haare gemacht bekommt, verhandle ich mit einem Autoverleiher in der Nachbarschaft um einen Leihwagen. Das Auto ist fast neu und soll 45 Euro kosten. Eigentlich ein guter Preis, aber genauso eigentlich brauche ich gar nicht so ein neues Auto. Ich will nicht mehr als 20 zahlen und frage, ob er kein kleineres Auto hat. Hat er nicht, wegen Bayram. Ich sage ihm dass ich 20 Euro, also etwa 120 türkische Lira bezahlen würde.

Man spürt, dass er für das bevorstehende Fest Geld braucht und er bietet mit 170 Lira an. Sait flüstert mir zu: “Sag 160” und Özal der kurdische Autoverkäufer willigt brummelnd ein. Ich hab jetzt für 25 Euro am Tag ein Super-Auto.

Halbgötter unter sich: Antiochos und Herakles sind auf diesem Handshake-Relief zu sehen. Die mächtige Tafel ist zentrales Element der Kultstätte Arsameia.

In den nächsten Tagen sind wir auf Antiochos Spuren unterwegs und besuchen die klassischen Stationen der Nemrut-Tour: Arsameia, die Römische Brücke und Karrakus, das Grabmal von Antiochos letzter Königin. Es ist teilweise bis zu 45 Grad heiß, aber die steinernen Monumente ziehen uns doch in ihren Bann.

An der Römischen gruppe haben wir wieder intensiven Menschenkontakt. Unseren Michel lieben hier alle.

Wir brechen auf zu unserer Süd-Ost-Anatolien-Rundfahrt, müssen uns aber zuerst von Tulays Familie verabschieden, was am Haupttag des Bayram-Festes nicht ganz so einfach ist. Gastfreundschaft ist in diesen Tagen besonders wichtig.

Hinter dem Haus werden zwei Hammel geschlachtet . Ob und wie das viele Fleisch mit den Armen geteilt wird wissen wir nicht – eigentlich ist das die Tradition des Türkischen Opferfestes.

Nun geht es über Dyabakir in den Süden und nach einem Tag Fahrt erreichen wir Mardin. In der Altstadt kriegen wir eine Hotelabsage nach der anderen: “No pets allowed!” Irgendwann klappt es dann doch: Ein Hotel hat ein Extrazimmer für Hunde, und das ist frei und bezahlbar. Hinter den dicken und 900 Jahre alten Mauern tauchen wir ein in ein Märchen aus 1000 und einer Nacht.

Am Horizont müsste Syrien sichtbar sein – unvorstellbar, dass nur ein paar Kilometer vondiesem friedlichen Ort Krieg herrscht.

Emre ist im Hotel für die Gästebetreuung zuständig und bietet uns eine persönliche Stadtführung an. Wir nehmen das gerne an und tauchen ganz tief in die Geschichte dieses Ortes ein. Wir erfahren, dass der Turm der großen Moschee von den Mongolen geschliffen wurde und dass Teile der Stadt über 1000 Jahre alt sind.

Am Abend gehen wir auf eigene Faust essen und fallen auf die Nase dabei: Für ein mittelmäßiges Fastfoodmenue berechnet man 220 Türkische Lira, also etwa 30 Euro, mehr als doppelt so viel, wie das Essen wert war. Zumindest bei der Abrechnung konnten wir noch 40 Lira rausholen, weil die sich schlichtweg schlampig verrechnet hatten – trotzdem ärgerlich. Für die nächste Touristenfalle sind wir gewappnet.

Am nächsten morgen brechen wir auf und reisen weiter Richtung Osten. Die Schilder weisen den Weg in den Iran – leider ist ohne Visa nix zu machen, in den Irak können wir mit unserem türkischen Auto auch nicht und die Armeniengrenze ist seit der Selbständigkeit Armeniens eh geschlossen. Also gebietet uns der mächtige Ararat die aktuellen Grenzen der Reisefreiheit.

Auf dem Weg zum Hl. Berg der Armenier passieren wir einen 2800 Meter hohen Pass. Es ist schon dämmerig und Fahren ist hier echt Konzentrationssache. Weil ich plötzlich die Straße nicht mehr sehe trete ich voll in die Bremsen und komme mitten in einer Schafherde zum Stehen. Die Hirtenkinder winken uns zu und rings um uns her mäht es fröhlich. Nicht auszudenken, wenn wir hier mit hoher Geschwindigkeit reingerauscht wären. Schutzengel – mal sind sie da, mal nicht…

Aus fast 50 Kilometer Entfernung ist der mächtige Ararat gut zu sehen. Im Hotel erfahren wir, dass man ohne Guide und “Sport-Visa” nicht mal in die Nähe des Berges kommt. Es gibt hier angeblich offene Auseinandersetzungen mit der kurdischen PKK – da will man nicht noch unbedingt Touristen um die Beine haben. Fragt man die Leute auf der Straße, dann glauben die nicht an diese Version. Man ist eher der Meinung, dass man der Kurdenregion den Aufbau einer rentierlichen Tourismusindustrie nicht zubilligen möchte. Wie immer liegt die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen.

Auf den Straßen alle 500 Meter ein Militärposten, junge Burschen posieren hemdsärmelig mit dem Maschinengewehr aus deutscher Produktion über der Schulter am Straßenrand, die Einsatzfahrzeuge wirken auch einsatzbereit. Das alles wirkt nicht unbedingt bedrohlich, trotzdem spürt man mit jedem Kilometer, dass man sich den aktuellen Brennpunkten des Weltgeschehens nähert. Wie im Rest der Türkei auch: Wikipedia gibt’s hier nicht…

Abends schlendern wir durch die Stadt und dank Michel werden wir hier sofort als Exoten erkannt und entsprechend beobachtet. Da wir kein Restaurant finden, in das wir Michel mitnehmen dürfen, holen wir uns was “auf die Hand”, einen Ayran dazu – reicht! Besonders auffällig: Das öffentliche Leben wird hier zu 99 % von Männern bestimmt. Die Frauen scheinen darüber nicht unglücklich zu sein, aber manchmal frage ich mich: “Für wen posen diese ganzen Gockel eigentlich?” Nach 8 kommen hier 100 Männer auf eine Frau.

Unseren 2. Tag am Ararat verbringen wir mit unzähligen Cay in einem Straßencafe. Wir lernen einen Tourguide kennen, der mit uns für 100 Dollar pro Person bis auf 3200 Meter wandern würde und diskutieren mit den Türken darüber, ob man den Bettlern Geld geben sollte oder nicht. Ihre Meinung ist eindeutig: Ein erfahrener Bettler macht um die 150 Lira am Tag, Mitleid ist da fehl am Platz. Aber es nervt: Kinder und Jugendliche prügeln sich auf offner Straße um Reviergrenzen und es hört einfach nicht auf – man wird alle 10 Meter angebettelt.

Der gesamte Ararat ist militärisches Sperrgebiet – ich denke, selbst ihn zu fotografieren ist verboten. Die Besteigung mit einem Guide kostet etwa 400 Euro.

Wir flüchten und schauen uns die Hauptsehenswürdigkeit der Region an, den Ishak Pasha Palast. Das monumentale Gebäude wurde auf dem Niveau eines Neubaus restauriert und hat sicherlich dadurch einiges an Charme eingebüsst. Auch das ist typisch Türkei: entweder sie lassen ihre Ruinen zerfallen, oder sie restaurieren sie völlig über Bedarf. Für ein Hammer-Sunset-Photo reicht’s aber allemal.

Auf dem Rückweg essen wir hervorragend für 60 Lira (13 Euro) und staunen über den Weihnachtsschmuck in der Stadt.

Während ich fotografiere kommt ein Militärpolizist mit Maschinengewehr auf mich zu und wil kontrollieren, ob ich militärische Einrichtungen oder Personen fotografiert habe. Das ist hier permanenter Ausnahmezustand. Aber die “Jandarma” ist stets korrekt und freundlich. Über die türkische Militär-Polizei hören wir während unserer gesamten Reise kein böses Wort aus türkischem Mund.

Zurück im Hotel treffen wir Ray aus Neuseeland und seinen iranischen Tourguide Hossein.

” Grenzgänger: “Mr. Hosseinbringt sogenannte “Overlander” über die iranische Grenze. Ray aus New Zealand nimmt das gern in Anspruch – und hat auch das Geld dazu.

Hossein gibt uns seine Telefonnummer und sein Versprechen, dass er uns in den Iran bringen kann – Anruf genügt.

So froh wir auch sind, mit Dogubayazit wohl die typischste aller Kurdenstädte im Osten der Türkei intensiv kennengelernt zu haben, so froh sind wir auch, hier wieder wegzukommen. Für mich hat sich hier hier ein Paradoxum entschlüsselt. Ich weiß jetzt, warum der arme Osten zu den Stützen der AKP gehört. Das hat nichts mit Politik zu tun, man wählt hier aus religiösen Motiven und zwar genau die Partei, die für die Beibehaltung und Regeneration der alten Werte steht. So konnte die CDU in Deutschland zu einer Volkspartei werden. Ein Rezept für alle Zeiten ist das sicher nicht.

Verschleiererung wirkt hier nicht fremd oder bedrohlich – selbst in der hintersten Kurdenstadt dürfen sich Mädchen kleiden wie sie wollen – auch schleierlos. Vielen gefällt das nicht…

Ob hier neue Straßen gebaut werden oder nicht, das steht hier gar nicht zur Diskussion. Es geht um die Wahrung einer ausschließlich von Männern dominierten Gesellschaftsform. Dass sich an der Vorherrschaft der Männer nichts ändert, dafür steht die AKP und dafür wird wird Erdogan selbst von den Kurden gewählt, die ansonsten nicht viel von ihm zu erwarten haben. Dieser Knoten lässt sich nicht auf die Schnelle lösen vor allem nicht durch Druck aus dem Westen.

Bei “Ararat Carpets” erfahren wir viel über Land und Leute. Hier werden Web-Kurse angeboten, damit Mädchen und Frauen der armen Landbevölkerung ein Auskommen haben und eine uralte Handwerkskunst erhalten bleibt.

Wunderschöne Teppiche – und die Herstellung eingebunden in ein soziales Projekt.

Wir erleben hier unglaublich viel – zum Glück haben wir ein Auto. Mobilität ist hier ein großes Thema und um mit dem Minibus von A nach B zu kommen, braucht es gute Nerven. Das Autofahren in den Städten Ost-Anatoliens ist nichts für Weicheier. Wichtig: Man muss in Bewegung bleiben- wer stehenbleibt hat verloren und kommt nicht mehr vom Fleck. Das geht nicht übertrieben hektisch zu, aber man muss mit allem rechnen. Es wimmelt hier von selbstgebauten Transportmitteln und es interessiert wirklich niemanden, ob Verkehrsregeln eingehalten werden oder nicht. Verkehrspolizei, also die Trafic Polis , habe ich in ganz Ostanalolien nicht gesehen. Die hat sowieso eher “Hostessen-Status” und steht meilenweit unterhalb der Jandarma.

Unser Leihwagen hat viel zu tun: Mit 70 KW quält sich der Fiat über die Pässe, die hier alle jenseits der 2000 Höhenmeter liegen.

Wir fallen hier als Europäer mächtig auf. Unser Michel teilt die Massen in der Fußgängerzone wie Mose das Rote Meer. Hunde als Haustiere gibt es hier nicht. Das Thema “Armenien” wird hier – im Gegensatz zur Resttürkei – nicht tabuisiert. Ich erfahre viel über die Entstehung des Streites und kann auch langsam nachvollziehen, warum sich die Türkei gegen Verallgemeinerungen in der Genozid-Debatte wehrt. So ist z.B. der Anteil der kurdischen Milizen und deren Bereicherung am Vermögen vertriebener oder ermordeter Armenier in Deutschland weitgehend nicht bekannt.

Etwa 100 Kilometer vor Trabzon ändert sich die Vegetation mit einem Schlag – feuchter Nebel wabert aus den Tälern und die Temperatur sinkt um fast 20 Grad

-Marke. Auf einer der Ost/West-Hauptrouten für Rauschgift geraten wir in eine Kontrolle der türkischen Drogen-Fahnder. Wir werden intensiv gefilzt.

Ohne Tripadvisor wären wir hier verloren und würden solche Perlen wie das Tehran Hotel nicht finden

Wieder fällt mir auf, dass wir den Militär- und Polizei-Apparat der Türkei nicht mit unseren Maßstäben messen können. Die stecken mittendrin, haben nicht wirklich gute Verhältnisse zu ihren Nachbarn und innen- wie außenpolitisch nicht einfache Gemengelagen zu verarbeiten. Wir müssen unsere Grenzen nicht schützen – vor wem denn auch? Den Belgiern? Hier sieht das etwas anders aus.

Die Mädchen hier sind total offen und selbstbewusst – ob sie frei über ihre Zukunft entscheiden können? Ich weiß es nicht.

In Macka finden wir ein Hotel, in dem wirklich niemand einen Brocken Englisch oder Deutsch spricht. Das ist schon eine Herausforderung. Zum Glück können andere Gäste übersetzen – sonst müssten wir verhungern…

Apropos verhungern: Das ist hier das kleinste Problem!

Rund um Trabzon gibt es interessante Klöster und Kirchen zu besichtigen. Ab Mitte kommender Woche werden wir dann wieder zum Nemrut ziehen, wo wir bei Tulays Familie ein kleines bischen Heimatgefühl auftanken wollen. Im Euphrat-Hotel konnten wir einen guten Rabatt aushandeln und hier werden wir dann endgültig die Reparatur des Campers abwarten.

In Macka platzen wir in eine türkische Hochzeit hinein – wie man ohne Alkohol schon am frühen Morgen über Tische und Bänke gehen kann, bleibt ein türkisches Geheimnis.
Alles so schön bunt hier…

Es regnet in Strömen und die Landschaft 40 Kilometer von der Schwarzmeermetropole Trabzon wirkt mit tief hängenden Wolken und dichterVegetation wie ein Urwald am Amazonas.

Die kleinen Läden sind ein Paradies für Shopping-Queens und das alles kostet fast gar nichts…

Wir fahren nach Macka und lernen hier wieder unglaublich viele nette Menschen kennen.Wir fühlen und auf Anhieb wohl, denn diese Stadt verströmt etwas Westliches. Keine “Gruppen junger Männer”, die aufgebrezelt den Macho machen, gepflegte Läden und eine liebenswerte Betriebsamkeit. Die Frauen sind zum allergrößten Teil unverschleiert und es gibt mindestens ebensoviel Damen- wie Herrenfriseure. Trotz bleibt es türkisch. Hier kuckt sich niemand den Schaden an, wenn beim Ausparken mal was verbeult wird. Falsch rum in die Einbahnstraße? Alles kein Problem…

Trabzon Spor-Fan Turan zeigt mir stolz seinen Laden. Was anderes als Cay gibt es nicht.

Die Cay, die wir trinken, bezahlen wir höchst selten. Meist übernimmt ein netter Nachbar mit feundlicher Hand-auf’s-Herz-Geste die Rechnung. Auf der Straße tummeln sich zig Nationen. Wir sehen Nummernschilder aus der Schweiz, Azerbeidschan, Iran, England etc.

So wickelt man Schafwolle auf: Sylvia nimmt gern eine Nachhilfestunde.

Wie ich da so sitze und meinen Cay schlürfe fällt mir auf, wie unsinnig Vorurteile anderen Nationen gegenüber sind: “Kein Volk der Welt empfängt seine Gäste mit einem Messer zwischen den Zähnen!”

Spektakulärer Bauplatz: Das Kloster Sümeli wird derzeit aufwändig restauriert

Auch am zweiten Tag ist das Wetter nicht viel besser, aber wir kommen wenigstens trockenen Fußes am Kloster an. Hier merken wir schnell, dass der Touristenmagnet zum Einzugsgebiet von Trabzon gehört, wo es neben russischen Gästen auch viele Touristen aus Oman und Quatar gibt. Ich habe niemals so viele vollverschleierte Frauen gesehen und echt viel zu dicke Männer gesehen. Insbesondere Kinder und Jugendliche aus Quatar werden anscheinend richtig gemästet.

Das kleine Mädel kommt aus Azerbeidschan – ganz genau weiß ich es nicht.

Wir lernen sehr aufgeschlossene Menschen aus Oman kennen, sind aber auch teils echt befangen, wenn uns Gruppen vollverschleierter Frauen entgegenkommen, angeführt von einem echt dicken Mann in Jogginghose.

Unser Michel ist hier ein Star!

Trotz all dieser Widersprüchlichkeiten ist dies ein inspirierender Ort, an dem sich viele Kulturen begegnen. Ich habe das Gefühl, dass ich den Menschen viel besser und offener begegnen kann als noch vor einem Jahr.

Die Mädchen aus Oman sprechen fließend Englisch.

Zur Vollverschleierung habe ich mittlerweile eine klare Haltung: Für mich ist das seelische Körperverletzung und gehört verboten. In der Türkei wird man das nicht mehr oft sehen und Vollverschleierung ist meist Erkennungszeichen arabischer Touristinnen. Was wir tun können? Aufhören, das als Teil einer kulturellen Identität zu sehen und Stellung beziehen. Vollverschleierung ist Diskriminierung.

Mardin, Dyabakir, Van – die Liste der abgesetzten Bürgermeister prokurdischer Städte liest sich wie unsere aktuelle Reiseroute. Alle drei Städte verfügen über eine für kurdische Städte untypisch hohe Wirtschaftskraft und ein großes kurdisches Bewusstsein. Dass hier PKK-Anhänger in den Rathäusern sitzen bezweifle ich. Die Kurden wollen in Ruhe ihre traditionelle Lebensart pflegen. Ich hab mit den Leuten geredet – Terroristen sind das hier nicht, ganz im Gegenteil.

Bleibt man länger als eine Nacht im Hotel, dann gehört man mehr oder weniger zur Familie

Nach Macka haben wir auf dem Weg zurück nach Malatya in Erzincan Station eingelegt. Wir haben ein Zimmer für 16 Euro die Nacht – nicht das Hilton aber sauber und der Hund darf mit. Das ist in der Türkei leider keine Selbstverständlichkeit.

Erzincan ist eine erstaunlich modern-türkisch orientierte Mittelstadt mit rund 100.000 Einwohnern. Hier gibt es mehr Damen- als Herrenfriseure, was ein guter Parameter für das Selbstbewusstsein der Frauen hier ist. Das erinnert mich hier an Lippstadt oder Bielefeld, etwas quirliger vielleicht, aber schon sehr lebenswert – auch mit europäischen Ansprüchen gemessen. Diese Unterschiedlichkeit macht für mich den Reiz der Türkei aus. Später erfahre ich, dass Erzincan die Heimatstadt der Nummer 2 in der AKP ist

Erzincan – eine total liebenswürdige Stadt mitten im anatolischen Hochland – das kam für uns sehr unerwartet.

Dabei kommen aber auch Kilometer zusammen: In den 10 Tagen haben wir knapp 3000 Kilometer mit unserem Leihwagen abgespult. Wer mit dem Flieger nach Antalya reist und nach 10 Tagen Strandbar wieder zurück, der hat von der Türkei weniger mitbekommen, als würde er in Neukölln einen Döner kaufen.

Update zum Auto: Alle Ersatzteile sind da und die schlechteteste Prognose lautet: 14 Tage.

In Dyabakir ist die Militärpolizei massiv mit Waserwerfern und Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgegangen. Schon komisch, dass wir da vor einer Woche noch durchgefahren sind. Die Oppositionsparteien sehen das natürlich kritisch. Als Urlauber kann ich grad mal nicht mehr dazu sagen.

Auf dem Weg nach Malatya sind wir heute in einen echten Hochlandsturm geraten . Nach 40 Kilometern Schotterpiste sind wir an einer Fähre über einen Staudamm angekommen. Wegen des Sturms müssen wir 2 Stunden warten, denn einen anderen Weg gibt es nicht. Wer die Fähre nicht nimmt muss knapp 200 Kilometer Umweg fahren.

Nach einer Übernachtung in Malatya haben wir bei Ford vorbeigeschaut. Die Ersatzteile sind alle da und angeblich soll das Auto in 10 Tagen fertig sein. Die machen mir allerdings nicht den Eindruck, als würden sie mich mit besonderer Priorität behandeln.. Positiv: Ich konnte die Kabine abbauen und so wie’s aussieht gibt es außer dem enormen Wertverlust zumindest keine großen Schäden, die vor der Weiterfahrt repariert werden müssten. Auch die Haltepunkte scheinen alle stabil zu sein

Wir fahren noch kurz in die Stadt um die Lesebrille für Tulays Mutter Fatma zu besorgen. Ein Optiker muss uns enttäuschen: Lesebrillen gibt es hier nur auf Anfertigung, also nicht für 3 Euro im Supermarkt. Aber als er Fatmas Geschichte hört, schenkt er uns eine Brille. Dieses sich Einsetzen für arme Menschen ist Teil der türkischen Wesensart.

Wir fahren mit dem Leihwagen weiter zum Nemrut und freuen uns diebisch, eine Anfahrt unter 100 Kilometern gefunden zu haben. Nach einer Anfahrt durch eine absolut malerische Landschaft stehen wir nach drei Stunden am Fuß des majestätischen Berges 10 Kilometer von unserem Ziel Karadut entfernt. Zu unserem Entsetzen geht es nicht weiter! Die Straße endet an dieser Seite des Nemruts ebenso, wie sie es auf der anderen Seite tut. Wir könnten zu Fuß zum Hotel laufen oder zurückfahren und rund 50 Kilometer um den Berg herumfahren.

Irgendwann kommen wir dann mit dem letzten Tropfen Benzin bei Tulays Familie an. Die Kinder freuen sich riesig über ihre kleinen Geschenke.

Ich habe wirklich Vertrauen in die Leute – aber auf’s Gas drücken tun sie leider nicht…

Heute ist Samstag, der 24. August. Am kommenden Freitag soll unser Auto fertig sein. Hier im Euphrat-Hotel kann man es aushalten, vor allem, weil unser Hund hier ein freies Leben führen kann und Sylvia voll und ganz damit beschäftigt ist, den Zwillingen das Schwimmen beizubringen. Jeden Abend treffen wir neue Leute aus aller Herren Länder und erfahren viel über die Welt.

Trotzdem wird uns die Zeit hier lang. Ein netter türkischer Gast fährt am Dienstag zurück nach Malatya und wir nehmen sein Mitnahmeangebot gern an. Auch auf die Gefahr hin, dass das Auto am Freitag nicht fertig ist, buchen wir bis Donnerstag in einem 5-Sterne-Hotel. Das ist nicht teurer als dieser Berggasthof, aber deutlich angenehmer.

Und wieder etwas dazugelernt: Wenn einer sagt er nimmt dich mit, dann musst du dich nicht wundern, wenn er auf einmal verschwunden ist. Aber: Das Hotel in Malatya ist gebucht und wir müssen irgendwie dahinhommen. Im Minibus von Memet, der Tulays Mutter Fatma zum Arzt nach Adiyaman fährt ist noch Platz. Um 8 wird pünktlich losgefahren, aber nicht in die Provinzhauptstadt sondern erstmal kreuz und quer durchs Karadut um dieses und jenes einzuladen. Tulays Onkel kommt mit, weil er sonst nichts zu tun hat, Rassul und seine Frau fahren zur Hochzeit ihrer Tochter nach Eidan mit, wohin die alte Frau hinwill weiß kein Mensch. Am Ende ist das Auto voll und los geht’s .

Fatma hat mit 14 ihr erstes von 7 Kindern bekommen. Sie ist heute so alt wie ich, aber die harte Arbeit, die unwirtlichen Lebensumstände hier auf knapp 2000 Metern Höhe und vielleicht auch eine medizinische Unterversorgung haben deutliche Spuren hinterlassen. Wenn sie zum Arzt fährt wegen ihrer Rückenschmerzen und dafür ans Ersparte muss, dann wird das wirklich wehtun. Wir hoffen, dass wir ihr mit der Lesebrille wenigstens das Handarbeiten wieder ermöglichen konnten.

In Adiyaman verabschieden wir uns tränenreich und sitzen mit einem Mal in einem völlig überfüllten Minibus, der uns für 50 Lira (8 Euro) die150 Kilometer nach Malatya transportiert. Auf halber Strecke gibt es in der Pause einen gekochten Maiskolben auf die Hand. Man muss diese Türkei einfach lieben – manche Dinge sind so herrlich einfach. Andere Sachen, besonders Freundschaft und familiäre Angelegenheiten sind aber sowas von kompliziert, dass man langsam dahinterkommt, warum sich die Merkel und der Erdogan nicht verstehen. Was dem Deutschen sein Smalltalk ist dem Türken der Austausch von Höflichkeiten. Die nehmen sich auch nix übel, aber wenn, dann wird über Generationen nicht mehr miteinander gesprochen.

Am Ende der Tour fährt der Busfahrer extra für uns eine Schleife bis direkt vor’s Hotel – und keiner murrt wegen dem Umweg. Auf dem Weg wurde angehalten, damit jemand eben zum Geldautomaten springen konnte. Mitten in der Pampa hält der Bus und der Fahrer rüttelt einen schlafenden Jungen wach, der hier aussteigen muss.

Minibusse und Cay – das sind die Dinge, die ich am meisten vermissen werde.

Im Anemone genießen wir die Annehmlichkeiten eines 5 Sterne -Sterne-Hotels und freuen uns auf Freitag – dann soll unser Auto fertig sein – doch am Dienstag Abend kommt ein Anruf: Es mussten weitere Teile bestellt werden, es wird wohl Freitag nächster Woche werden.

Ob uns das aus der Bahn wirft? Irgendwie nicht. Es ist halt Türkei und ob Dinge passieren oder nicht – Inshallah! Totzdem wird uns die Zeit lang und wir müssen überlegen, was wir nächste Woche machen. Gleich werden wir in die Stadt fahren und uns nach einem günstigen Leihwagen umschauen. Ich würde gern noch einmal nach Mardin in den Süden, allerdings sind ie Nachrichten voll von Militäreinsätzen gegen die PKK in diesem Bereich und die Sehenswürdigkeiten, die wir ausgelassen haben, sind unter Umständen im Sperrgebiet.

Heute waren wir den ganzen Tag in Malatya – es ist immer wieder faszinierend, wie schnell man in der Türkei mit Leuten ins Gespräch kommt. In einem Schreibwarenladen kauft Sylvia einem kleinen syrischen Jungen Zeichenblock und Stifte. Die Ladenbesitzer sind davon so beeindruckt, dass sie nochmal 20 Lira runtergehen und uns nicht ohne Cay wieder entlassen wollen. Alle Mitarbeiter stehen um uns rum und haben ihren Spaß! Beim Optiker gegenüber bedanken wir uns nochmal für die Brillenspende an Fatma und erfahren, dass das so ungewöhnlich in der Türkei nicht ist. Wer wirklich arm ist und etwas braucht, z.B. eine Brille, würde die auch bekommen. Wir essen Hamburger mit Pommes in einem kleinen Cafe. Ein von einem Schlaganfall gezeichneter älterer Mann ist hier ist hier “Mädchen für alles” – er kocht, serviert und rechnet ab. Und der Laden ist gut besucht, auch wenn alles das gleiche bekommen.

Auf der Heimat lehrt uns der malatyat’sche Verkehr nochmals Hochachtung vor den Minibusfahrern. Malatya-Centrum abends um 8 ist wie der Vorhof zur Verkehrshölle. Und die kurven da rum, hupen, kassieren, rauchen und telefonieren gleichzeitig.

Was mich an diesen türkischen Städten am meisten fasziniert, ist dieser ungeheure Erlebniswert. Man kann das gar nicht erklären, außer mit: “Das ist sehr intensiv lebendig!” Wir sind hier fast 5 Stunden rumgerannt und ich weiß nicht, wo die Zeit geblieben ist.

In den dunklen Marktgassen wird gehandelt was das Zeug hält.

Auf der Suche nach einem Leihwagen werden wir mit einem Stück türkischer Lebensart konfrontiert, an das ich mich niemals gewöhnen werde. Wenn du einen Türken um einen Gefallen bittest, dann zieht der alle Register. Ich frage meinen Freund Yunus, ob er für mich bei einem bestimmten Leihwagenunternehmer anrufen kann, um mir ein günstiges Internetangebot zu bestätigen. Er macht das, fragt aber gleichzeitig einen anderen Freund, ob er mir helfen kann und gibt dem meine Telefonnummer, der gibt die Nummer wieder anderen Leuten und alle wollen dem armen Deutschen, der mittlerweile hier ganz gut klarkommt, helfen. Irgendwann muss ich das echt ruppig abbrechen und denen verklickern, dass ich keine Hilfe brauche – nur ein günstiges Angebot, und dass ich keinen Mercedes will, sondern nur einen billigen Fiat.

In Malatya finde ich einen Autovermieter, der mir einen kleinen Hyndai für 130 Lira anbietet. Genau mein Preis. Aber erst muss Cay getrunken werden, dann bestellt er Lahmacun und wir essen zusammen. Nach fast drei Stunden stellt sich heraus, dass der Wagen nicht versichert ist und ich die Kosten sogar tragen müsste, wenn mir einer hinten drauf donnert. Außerdem dürfte ich den Bezirk nicht verlassen. Das war absolut verlorene Zeit…

Von dieser Seite eher unspektakulär: Der Atatürk-Staudamm ist einer der größten der Welt – – näher kommt man eins der kriegswichtigsten Bauwerke der Türkei leider nicht heran.

Im Laden nebenan bekomme ich ein Top-Auto für 180 Lira, bin versichert und kann fahren wohin ich will. Den Deal mache ich per Whatsapp klar. Hier in der Türkei geht unglaublich viel Zeit für sowas drauf. Während wir um diesen 20-Euro-Wagen gefeilscht haben, waren mindestens 5 Leute mit Tee- und Essenholen beschäftigt. Es war auch kein anderer Kunde da. Der Typ hat de facto an diesem Nachmittag nicht einen Cent verdient. Es gibt in Malatya ungefähr 30 Mietwagenunternehmen allein im Zentrum. Und alle sind leer – wenn man eintritt läuft irgendwo ein Kind los und holt Papa, der dann nach 5 Minuten sehr geschäftig auftaucht.

Das 180 -Lira-Auto habe ich dann auch noch abbestellt, weil wir direkt vor dem Hotel von einem netten Türken angesprochen wurden, ob er uns irgendwie helfen könnte. Und der wusste dann einen Verleiher für 150 Lira.

Christentum in Andiyaman: Diese wunderschöne syrisch-orthodoxe Kirche ist den Heiligen Peter und Paul gewidmet

Gut, dass unser Ranger noch nicht fertig ist – wir wären sonst wohl nie zu unserer 2. Ostanatolienrundreise aufgebrochen. Und wir hätten wohl auch niemals Andiyaman kennengelernt. Bislang war jede Provinzhauptstadt eine Perle, deren Schönheit man nur von innen heraus bewundern kann.

Das riecht gut, schmeckt gut und sieht gut aus – in den geschäftigen Zentren des anatolischen Südens is t jeden Tag Kirmes…

Und auch Andiyaman macht da keine Ausnahme. Jede dieser Städte hat etwas komplett eigenes. Bei Andiyaman ist es der alte Handwerkermarkt im historischen Zentrum und die unglaubliche Lässigkeit, die dieser Ort im Zentrum verprüht. Wir haben uns selten so europäisch wohl gefühlt wie in diesem 250.000 Einwohner zählenden Städtchen. An Mardin kommt das nicht heran, es bleibt aber auch nicht weit entfernt.

Eins wird man in der Türkei niemals: Verhungern!

Und dann Sanliurfa – was für eine Perle und als Stadt mit keiner anderen Stadt der Türkei zu vergleichen. Man spürt den Einfluss des nahen Syriens.

Sanliurfa – eine typische Nahtstelle zwischen Orient und Okzident…

In Sanliurfa erwischen wir ein sehr schlechtes Hotel und beschließen, am nächsten Tag nach Gaizentepe weiterzufahren. Auf dem Weg zum Oto-Park sehen wir zum ersten Mal eine Türkin mit einem Hund an der Leine. Wir kommen schnell mit Özge ins Gespräch und erfahren, dass die Istanbulerin in Sanliurfa ein Haus gekauft hat, um hier eine AirBNB-Herberge einzurichten.

Wir fühlen uns in dem historischen Stadthaus sofort wohl.

Es wär zwar noch nichts fertig, aber wir könnten gern bei ihr wohnen. Wir schlagen ein und landen wieder in einer neuen Türkei-Episode. Die Wohnung befindet sich mitten in der historischen Altstadt – in direkter Nachbarschaft das Anwesen des Ehepaares Schmidt. Cidgem Schmidt führt hier ein kleines Museum, um an die Arbeit ihres 2015 verstorbenen Ehemannes, Prof. Dr. Klaus Schmidt zu erinnern. Der gebürtige Franke hatte mit seinen Entdeckungen und anschließenden Ausgrabungen der der Stätte Göbeklitepe dafür gesorgt, dass die Geschichte der Menschheit komplett umgeschrieben werden musste. Am nächsten Morgen sind wir Haus Schmidt zum Frühstück eingeladen und wir essen zusammen mit den Männern, die damals zum Ausgrabungsteam gehört haben und sich nun um das Handwerkliche im Haus kümmern.

Îm Wohnhaus von Klaus und Cigdem Schmidt gibt es heute ein Museum.

Am Nachmittag fahren wir die 30 Kilometer nach Göbeklitepe und würden hier nicht ehr als alte Steine sehen, wenn wir nicht bestens vorbereitet wären. Klaus Schmidt hat mit der Ausgrabung der weit über 10.000 Jahre alten Anlage bewiesen, dass in der Entwicklungskette der Menschheit schon Ackerbau und Viehzucht betrieben wurde, bevor Kultstätten und Städte gebaut wurden. Der Bau der Anlagen von Göbeklitepe wäre ohne Lagerhaltung von Lebensmitteln schlichtweg unmöglich gewesen. Klaus Schmidt hat bewiesen, dass die Menschen in Mesopotamien – damals der fruchtbarste Ort der Welt – 12.000 vor Christus keine Jäger und Sammler mehr waren. Aber weitaus wichtiger: Er hat bewiesen, dass erst die Existenz von Kultstätten und menschlichen Ansiedlungen Ackerbau und Viehzucht notwendig machten – und damit die Geschichte der Steinzeit und der Menschheit umgeschrieben.

Göbeklitepe – eine der bedeutendsten Ausgrabungsstätten der Welt.

Am Abend gehen wir in die Stadt. Es ist wunderschön und alles herrlich orientalisch – nur langsam geht es mir echt auf den Keks, dass wir hier sofort als Ausländer auffallen. Ich würde gerne mal wieder in die Anonymität meiner eigenen Kulturgemeinschaft eintauchen und mal wieder ein frisches Müsli mit Milch essen oder ein Käsebrot bei Kamps.

Ein Schaf an der Leine weckt hier wesentlich weniger Aufmerksamkeit als unser Michel.

“Das Auto ist zu 90 % am Montag fertig!” und wir können die frohe Kunde aus dem Autohaus kaum glauben. Wenn alles klappt sind wir Dienstag Nachmittag in Georgien und damit in einem Land, dass kulturell völlig anders aufgestellt ist als der anatolische Süden der Türkei.

Sanliurfa ist wunderschön – für Europäaer aber auch sehr anstrengend.

Ein letzter unvergesslicher Ausflug führt uns bis auf 20 Meilen an die syrische Grenze. Wir besuchen einen sehr geschichtsträchtigen und malerischen Verlauf des Euphrats und genießen eine Bootsfahrt.

Nicht zu vergessen: Der aufgestaute Euphrat hat hier viele Dörfer überflutet und unwiederbringliche Kunstschätze geflutet…

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Türkische Gastfreundschaft

Wir sind hier in Ost-Anatolien in einer Gegend gelandet, in der traditionelle Werte mit einer extremen Hartnäckigkeit gepflegt und auch verteidigt werden. Dies gilt insbesondere für das Verhältnis der Geschlechter. Hier essen die Männer getrennt von den Frauen, Kindererziehung ist reine Frauensache und das Patriarchat funktioniert noch wie vor 500 Jahren. Die Vorherrschaft des Mannes, insbesondere des Vaters und des ältesten Sohnes ist nicht diskutierbar und auch jüngere und gebildete Frauen unterwerfen sich diesem System – wenn auch vielfach in stillem Widerstand.

Letzten Endes entscheiden und bestimmen tut der Vater oder nach dessen Tod der älteste Sohn. Ich habe das Gefühl, dass viele Frauen das auch nicht in Frage stellen und sich sehr bewusst in diese Rolle fügen.

Natürlich ist die “Türkische Gastfreundschaft” ein besonders lebendiger Teil türkischer Tradition. Einladungen zu Tee und Kaffee gibt es nahezu bei jedem Kontakt mit allen Teilen der Bevölkerung. Spätestens nach 5 Minuten wird eine Einladung zum Essen ausgesprochen. Wir haben aber auch erlebt, dass eine solche Einladung dann auch mal vergessen wird und man wie bestellt und nicht abgeholt rumsteht und niemand kümmert sich um einen.

Es gilt als extrem unfreundlich, eine Einladung nicht auszusprechen – sie nicht zu erfüllen ist dann nicht ganz so tragisch.

Wir haben nirgendwo auf unserer Reise mehr Gastfreundschaft erleben dürfen wie in der Türkei – das ist unbestritten und dafür gilt dem ganzen Land unser herzlicher Dank.

Manchmal frage ich mich, warum das bei uns so ausgestorben ist. Ich glaube wirklich, dass ein realistisches Maß an Gastfreundschaft auch ein Evolutionsmerkmal ist und ein Zuviel an Gastfreundschaft irgendwann persönliche und auch gesellschaftlich relevante Probleme produziert, weil aus Aktion und reaktion zu oft zu unterschiedliche Dinge herausgelesen werden. Allerdings dürfte ein Zuwenig an Gastfreundschaft noch viel schlimmere Folgen haben…

König Antiochos I Teos und der Nemrut – Der Gottkönig im Berg –

König Antiochos I Teos (69 – 34 vor Christus) war ein besonderer König – er war reich und er hat es geschafft, sich in der Fülle von Herrschern im damals noch größtenteils hellenistisch geprägten Anatolien einen Sonderstatus zu erarbeiten und im Gedächtnis der Welt über die Zeit zu retten.

Heute ruht der König auf 2150 Metern- wahrscheinlich auf ewig – im Mount Nemrut in der Nähe der Provinzhauptstadt Adyaman. Bis heute ist es keinem Forscherteam gelungen, den Eingang zur Grabanlage zu finden und so wie es aussieht werden dazu auch keine Initiativen mehr ergriffen. Grund dafür: Um an die Grabkammer zu gelangen, müsste der komplett von Menschenhand aufgeschüttete Gipfel wieder abgetragen werden. Dies wäre nicht zu finanzieren und würde auch die zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannte Kultstätte zu 100 % zerstören.

Ein Blick von der Ostterrasse auf den aufgeschütteten Berggipfel.

Die Architekten des Königs haben ganze Arbeit geleistet und ihren Auftrag erfüllt: Niemand wird die Ruhe des Königs stören – auch wenn Archäologen sich mit teils unorthodoxen Mitteln Zugang zu verschaffen suchten. So setzte die als “Queen of the Mountain” in die Geschichtsbücher eingegangene Nemrut-Pionierin Theresa Goell sogar Dynamit ein, um den Zugang freizubomben – vergeblich: Der massive Sprengstoffeinsatz hinterlies nur eine kaum sichtbare Mulde im monumentalen und weithin sichtbaren Geröll-Haufen.

Zur Geschichte des Königreiches Kommagene

Das Reich der Kommagene war in der Zeit um Christi Geburt ein Puffer zwischen den damaligen Weltmächten. Antiochos I verwies auf einen Stammbaum, der sich angeblich mütterlicherseits bis zu Alexander dem Großen zurückverfolgen ließ, väterlicherseits bis zu Darius I, dem legendären Großkönig der Perser. Allerdings: Antiochos schrieb sich seine eigene Geschichte: Alexander der Große hatte keine Kinder…

Antiochos war offensichtlich ein guter Geschäftsmann, der zum einen zwischen den Mächten vermitteln und zum anderen in Krisenzeiten Ausweichrouten für die Händler auf der Seidenstraße anbieten konnte.

Die reale Geschichte des Antiochos I ist überliefert und spannend: Als Antiochos den Thron bestieg war Kommagene das einzige im Osten des römischen Reiches noch nicht unterworfene Volk. An Antiochos Hauptstadt Samosata bissen die Römer sich die Zähne aus.

Antiochus bewies Verhandlungsgeschick und der römische Konsul Lucullus zog seine Truppen ab. Politisch geschickt agierend verheiratete Antiochus eine Tochter mit dem damaligen Perserkönig, der sich nach einem Sieg über die Römer deren Provinz Syria einverleibt hatte.

Für kurze Zeit herrschte Frieden, aber 38 vor Christus gelang Marcus Antonius der entscheidende Sieg über die Perser. Antiochos blieb zwar neutral und konnte sein Königreich bewahren, er machte sich allerdings mit der Aufnahme vieler Flüchtlinge keine Freunde in Rom. Man wurde sich nicht einig und abermals rannten die Römer gegen Antiochos Hauptstadt an – wiederum vergeblich.

Antiochos starb jung und sein Sohn – Mitradates II – konnte das erfolgreiche Abwehren der Römer nicht fortsetzen. Kommagene wurde Teil der römischen Provinz Syria.

Dem historischen Samasota machten übrigens die Türken selbst den Garaus: Die Stadt versank in den Fluten des Atatürk-Staudamms.

Wer die Anlage heute besucht kommt sofort ins Grübeln, z.B. darüber, wo sich der Eingang zur Grabkammer befinden könnte und auch darüber, wie der Berggipfel wohl ausgesehen hat, bevor Antiochos I den Nemrut zu einer Kultstätte machte. Wahrscheinlich war der ursprüngliche Berggipfel gar nicht der höchste Gipfel der Region. Allerdings hatte er das Potential, mit ein paar Nachbesserungen zu einem weithin sichtbaren Monument zu werden.

Ich unterstütze die Theorie, dass auf dem ursprünglichen Gipfel des Nemrut eine Grabkammer in den Berg gebohrt wurde. Anschließend wurde der 50 Meter hohe Gipfel künstlich aufgeschüttet – entweder mit bereits”bewohnter” Grabkammer oder mit einem Zugang, der nach der Beisetzung zerstört wurde oder durch das Gewicht des Berges kalkuliert zusammenbrach.

Durch diese geniale Technik ist die Grabstelle – wahrscheinlich – auf ewige Zeiten vor Grabräubern und Archäologen geschützt. Um an die letzte Tür zu gelangen, die Zugang zur Grabkammer des Antiochos I gewährt, müsste der gesamte Berg abgetragen werden und das ist schlichtweg unmöglich.

Archäologisch ist auch ohne Öffnung der Grabkammer noch einiges zu tun. Errosion und kletternde Touristen setzen der Anlage sehr zu und ohne aufwändigste Restaurationen wird die Anlage – bis auf die Bergspitze – Stück für Stück verfallen.

Ein gutes Beispiel ist das so genannte Löwen-Horoskop. Es handelt sich dabei um ein Relief, das genaue Daten zum Geburtstag des Antiochos liefert. Nach der Entdeckung der Tafel war man hoch erfreut über den tollen Zustand – es hatte tausende von Jahren auf dem Kopf gelegen. Allerdings setzten die kommenden 50 Jahre dem Relief derart zu, dass es so gut wie zerstört ist.

Es gibt zwar noch einen hervorragenden und rekonstruierbaren Abdruck des vollständigen Reliefs – dies ist aber dann nicht das Original, sondern nur eine Kopie.

Hier mehr über interessante Ausgrabungsstätten in der Umgebung des Mt. Nemrud erfahen: www.vertellervanhetoude.nl