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Freistehen oder Campingplatz?

Wer mit dem Wohnmobil unterwegs ist, muss sich vor dem Dunkelwerden darüber klar sein, wo man die Nacht verbringen will. Ob man frei steht, auf einem Campingplatz eincheckt oder auf einem Stellplatz unterkommt ist letzten Endes von vielen Faktoren abhängig.

Ein Faktor ist: Was bin ich für ein Campingtyp? Der die Freiheit liebende Abenteurer wird sich immer für einen Platz in der freien Natur entscheiden, der urbane Campertyp nimmt den Stellplatz und der überzeugte Camper halt den Campingplatz. Mischtypen nehmen es wie’s kommt oder sorgen für eine bunter Mischung, je nach Lage der Dinge oder der aktuellen Befindlichkeit.

Das soll jeder machen wie er mag. Wir haben auf unserer Reise etwa 50 % der Zeit frei gestanden. In Georgien oder Azerbaijan ging das gar nicht anders, auch in der Türkei ist die Campingplatzdichte nicht so, dass man da immer was adäquates findet.

Das “Wir stehen grundsätzlich frei!” ist eine Aussage, mit der ich nicht so gut klarkomme, auch wenn ich mit vielen dieser überzeugten Freisteher ein sehr gutes Verhältnis pflege. Mein Unbehagen hat soziale, ökonomische und ökologische Gründe und wirklich nichts persönliches.

Die Scharen von Overlandern, die in Marokko, im Iran oder Usbekistan einfallen sind dank ihrer Ausrüstung nicht auf die sich langsam in diesen Ländern aufbauende Infrastruktur angewiesen, und lassen demzufolge auch kein Geld dort. Das Lebensmodell verlangt Sparsamkeit, daher profitiert der lokale Tourismus “0” von diesen Reisenden. Mehr noch: Expeditionsfahrzeuge stehen oft an den schönsten und meist auch besonders geschützen Plätzen. Der Weg zu diesen Plätzen führt oft duch die Natur. Pflanzen werden zerstört, Tiere vertrieben, Boden verdichtet. Irgendwann muss Abwasser entworgt werden oder Müll. Und die ganze Nacht durch läuft die Dieselheizung. Ob da jetzt ein Verbotsschild steht oder nicht, tut mal nichts zur Sache. Dem überfahrenen Salamander ist das egal…

Noch regt sich in den Ländern entlang der Overland-Routen noch nicht wirklich jemand darüber auf, doch das wird kommen. Ich bin der Meinung, dass wir das Recht, die Natur und die Infrastrukturen dieser Länder kostenlos und ohne jedes Unrechtsbewusstsein und ohne jedes Entgelt zu nutzen, nicht haben und ich empfinde das teils sogar als modernen Kolonialismus, wenn wir die Armut in den besuchten Ländern ignorieren .

Ganz ohne Freistehen geht es nicht – dass ist auch mir klar. Wir stehen gern an Kirchen oder Klöstern, fragen aber immer vorher und sind damit bislang gut gefahren. Wenn ich das Abenteuer suche, dann fahre ich in den Washlowani-Nationalpark (Georgien) oder in den Shirwan-Park (Azerbaijan) – da muss und darf man übernachten und das ist dann “echte” Wildnis ohne Lidl an der nächsten Straßenkreuzung.

Aber zurück nach Europa, oder Deutschland: Wenn hier wer der Politesse ein Schnippchen schlägt und schläft, wo er nicht schlafen darf, dann geht das absolut in Ordnung. Aber Wohnmobile haben NICHTS in Naturschutzgebieten zu suchen und auch nichts im Wald, in Heidelandschaften oder verkehrsberuhigten Wohngebieten. In Ländern wie Frankreich oder Spanien ist Freistehen behördlich untersagt und es gibt auch keine Notwendigkeit aufgrund der hervorragenden Infrastruktur für Wohnmobile.

Ich will keinen Streit mit überzeugten Freistehern – aber ich möchte auch nicht alle Augen zudrücken und auch nicht zu allem schweigen. Wohnmobiltourismus hat nichts mit Umweltschutz oder dem Kampf für persönliche Freiheitsrechte zu tun, und schon mal gar nichts mit Globalisierung, Multikulti oder sonstwas…

Freistehen nimmt sich ein Recht heraus, das es nicht gibt. Das muss allen Freistehern klar sein. Begründungen dafür gibt es nicht – weder am Bodensee noch am Vansee.

Exkurs I: Das Erdbeben in Durres

Gerade noch schreibe ich darüber, dass wir von Durres nach Venedig mit der Fähre übersetzen wollen, da zerschlagen die Nachrichten über ein schweres Erdbeben in der albanischen Hafenstadt meine Sommerurlaubsträume. Mehr als 20 Menschen wurden getötet, zigtausende sind verletzt und/oder obdachlos.

Man ist als Overlander näher dran an Katastrophen und Unruhen. Das macht einen empfänglicher für solche Ereignisse. Ich will damit nicht sagen, das Mitgefühl etwas mit geografischen Koordinaten zu tun hat – nur ausdrücken, dass man dort Menschen kennt und vor ein paar Monaten noch am Strand gelegen hat.

Andererseits – und das stört mich gewaltig am Overlander-Leben: Man kann auch einfach weiterfahren oder auf dem Weg in ein Krisengebiet einfach über Google-Maps eine andere Route wählen.

Als wir in Gjumri mit dem 1988er Erdbeben konfrontiert wurden, da war das eine Lehrstunde der ganz besonderen Art. Durres berührt mich aber anders, weil es nah ist, weil es bekannt ist und weil der Weg dahin auch unser Weg ist.

Vielleicht buche ich gerade deswegen meine Fähre ab Durres, denn solche Orte meiden bringt niemandem etwas. Ich denke an Metti und seine Familie und bin froh, dass Vlore etwa 60 Kilometer vom Erdbebenzentrum entfernt ist. Wir hatten damals in der Gegend einen Elektronik-Schaden und haben gedacht die Welt geht unter.

17. Etappe: Tiflis – Tanger

Unsere Kaukasus-Etappen sind erledigt und wir müssen uns langsam auf das nächste Ziel vorbereiten: Ende Januar wollen wir in Marocco sein, das sind rund 6000 Kilometer. Wir haben uns jetzt in Tiflis ein Appartement gemietet um in aller Ruhe ein paar Vorbereitungen zu treffen und zu planen. Außerdem: Es ist Winter im Kaukasus – und da ist es sehr kalt.

Es ist ungewohnt, in den eigenen 4 Wänden zu leben und ich bin sehr unruhig beim Gedanken, dass unser Auto da draußen unbeaufsichtigt an der Straße steht. Auf der Suche nach einem passenden Parkplatz habe ich ein Auto geschrammt und ziemlich verkratzt. Nichts besonders schlimmes, aber in Deutschland hätte das ein Riesentheater mit Polizei, Versicherung, Kostenvoranschlag gegeben – hier ist das Thema ohne Diskussion und in sehr entspannter Atmosphäre mit 100 Euro aus der Welt.

Abends im Appartement bleibt die Unruhe – ich wäre jetzt lieber irgendwo in einem dunklen Wald. Ganz im Ernst: Ich würde mich da sicherer fühlen. Es ist erstaunlich, wie schnell die Psyche sich an dieses Reiseleben gewöhnt hat und jetzt einen Lebensstil verteidigt, der mir vor einem Jahr noch eher unwohl war.

Die Fähre von Igoumenitsa nach Venedig oder Ancona wird fix für den 20. Dezember gebucht, damit wir uns das nicht alles noch zigmal anders überlegen. Offen lassen wollen wir uns, ob wir ab Savona mit der Fähre nach Tanger fahren oder den Landweg über Spanien nutzen.

Derzeit ist alles nicht so einfach – das Leben im Appartement stellt sich als nicht so beruhigend und erholsam heraus, wie wir uns das vorgestellt haben und das Herumfahren fehlt uns offensichtlich ebenso wie die Überschaubarkeit eines Parkplatzes mit unserem Auto drauf.

Hier in Tbilisi herrscht eine seltsame Atmosphäre. In der Stadt wird gegen die Regierung demonstriert und die Polizei reagiert über. Andererseits habe ich den Eindruck, als dass diese “weiche Revolution” nach Armenischem Vorbild hier nicht von der breiten Bevölkerungsmehrheit getragen wird. Wir wissen zu wenig, sehen nur, dass dass da 10 Polizeiwagen die 20 Zelte im Demonstrantencamp bewachen, während 100 Meter weiter die Massen in ein weihnachtlich geschmücktes Kaufhaus strömen und mit Taschen voll bepackt wieder herauskommen.

Protestcamp vor dem Parlament – Eine Massenbewegung ist das noch nicht.

Und dann überall die Bettler – Alte und Behinderte fallen hier entweder durch ein Raster, oder es ist ein unglaublich guter Job, den ganzen Tag in der Kälte zu stehen. Gestern habe ich eine junge Frau beobachtet, die im Trubel einer Einkaufszone ihr schwer geistig behindertes Kind zu bändigen versuchte. Die Szene strömte so viel Verzweiflung und Überforderung aus, dass man einfach spenden musste. Andererseits: ich habe mir das ein paar Minuten angesehen und grob hochgerechnet, dass die Frau in der Stunde bis zu 60 Lari einsammelt – etwa 20 Euro. Das ist mehr, als ein Arzt hier im Krankenhaus verdient.

Die Georgier geben gerne und behandeln diese Leute mit Respekt, da Geben auch Teil der georgisch-orthodoxen Kirche ist. Die Bettler sind arm, alt und vor allem krank. Keiner hat ordentliche Zähne, manche sitzen da mit eitrig entzündeten Augen oder leiden an Folgen von Kriegsverletzungen oder jahrelang unbehandelten Krankheiten. An unserem Parkplatz sitzt eine Frau, die schreit den ganzen Tag. Neulich lag ein Kind auf einem Stück Pappe abends um 10 bei Null Grad. Nicht mal die Polizei kümmert das.

Ich kann es nicht ändern, und dass wir jeden Tag zwischen rund zehn Euro Spenden macht es ja nicht besser.

Den Hunden geht es hier besser als vielen Menschen.

Ich will nicht flüchten vor diesem Trubel und der ständigen Konfrontation mit Politik, gesellschaftlichen Schieflagen, unerträglichem Menschenleid, Tierleid, sozialer Ungerechtigkeit und was einem hier – 5000 Kilometer von Zuhause – wie in jeder Großstadt sonst noch alles auf’s Gemüt schlagen kann, aber ich höre laut den Ruf der Straße und vier Wochen werden wir hier auf keinen Fall bleiben. Das kommt halt dabei heraus, wenn man wirklich tief eintaucht und nicht einfach nur durchfährt.

Dann endlich wieder unterwegs – im Appartement hatte mich die Großstadt mit ihren auf der Hand liegenden Vorzügen etwas eingelullert, aber bei der Planung der nächsten Wochen lief eine Problemliste auf, die man auf der Reise nicht so mit sich herumschleppt. Wird das Auto anspringen, wird Levan das Strafmandat bezahlen, werde ich in der Türkei ordentlich versichert sein? All so Sachen. Unterwegs sein heißt Probleme lösen, das liegt in der Natur der Sache, sonst kommt man nicht vorwärts. Ein fester Wohnsitz heißt Probleme sammeln.

Die Skyline von Batoumi – aus der Ferne beeindruckender als in Wirklichkeit

Auch belastete mich in Tbilisi die Situation der Menschen sehr. Während die Bettler manchmal weit über eine Anstandsgrenze hinaus ihre Armut und/oder Versehrtheit präsentieren, ist es bei den Arbeitslosen eher dieses stetige Herumstehen ohne etwas zu tun zu haben, was die Situation auf den Märkten und in den Unterführungen prägt. Wir sind außer ein paar Chinesen wirklich die einzigen Touristen und uns steht ein Meer von Türstehern, Werbemädchen, Tourguides und Prospektverteilern gegenüber, die in der Hoffnung auf ein Paar Lari den ganzen Tag Dinge anpreisen, die im Dezember 2019 nun mal zur Zeit niemand braucht. Jeder zweite Tbililiser scheint Taxifahrer zu sein, aber es gibt keine Fahrgäste. Iwan mit dem unaussprechlichen Nachnamen bekommt jeden Tag 10 Lari von uns, um auf dem großen Parkplatz an der Nationalbank ein Auge auf unser Auto zu werfen. Er lässt den Ranger nicht aus den Augen und erzählt uns Abends stolz, dass er insgesamt pro Tag etwa 30 Lari bekommt, weil er Autofahrer in die engen Parkbuchten einweist. 10 Tage pro Monat muss er das allein machen, um die finanzierte Waschmaschine abzubezahlen.

Levan hat uns für 50 Euro einen gebrauchten Reservereifen besorgt, ist aber nicht in der Lage, uns die 20 Euro, die wir ihm vor 14 Tagen geliehen haben zurückzugeben. Der Taxifahrer wartet auf das Geld für seine Touren nach Stepantsminda. Wenn er abends keine Whatsapps „Ho are you my brotha?“ schickt weiß ich, dass er wieder kein Gutachten auf dem Handy hat.

Auf der anderen Seite gibt es hier eine spürbare Aufbruchsstimmung und ich schaue gern den attraktiven jungen Menschen hinterher, den flippigen Skatern und freue mich über die diskutierende Studenten in den Cafes. Tbilisi ist so gänzlich anders als das übersichtliche Jerivan oder das verrückte Baku. Vor allem ist es ein Land, in dem sich Kreativität und Einfallsreichtum noch auszahlt. Viele Menschen wissen genau, wie man diese Aufbruchsstimmung ausnutzt. Z.B. die Entwickler dieser ganzen Apps, die das Großstadtleben mittlerweile organisieren und z.B. beim Einkaufen helfen.

14 Tage sind Tbilisi sind jetzt wirklich genug und wir verlassen den Kaukasus in Richtung Batoumi, vorbei an den imponierenden Bergriesen im Norden, die allesamt schneebedeckt sind und ein tolles Abschiedsbild ergeben. Wir erreichen das 390 Kilometer entfernten Badeort am Schwarzen Meer nach etwa 7 Stunden Fahrt und erleben eine gemütliche Nacht am Meer. Nach 10 Minuten googeln und schrauben springt sogar die Heizung wieder an und das endlich wieder strömende Gas nimmt den – 5 Grad der Nacht den Schrecken. Die erste von 4 Etappen über 2600 Kilometer Richtung Igoumenitsa ist geschafft.

Am zweiten Tag fülle ich an einer LPG Station meine Gasflaschen auf. Die guten Erfahrungen der letzten 10 Füllungen machen mich nachlässig und ich kontrolliere nicht, ob wirklich nur 5 Kilogramm pro Flasche aufgefüllt werden. Die Reise geht nach Batoumi. Die Boomtown an der türkischen Grenze beeindruckt durch ein unglaubliches Wachstum, angetrieben von unzähligen Casinos, die vor allem Glücksspieler aus der Türkei anlocken.

Abends finden wir bei Rize an der Schwarzmeerküste einen tollen Stellplatz an einem kleinen Fischerhafen. Am frühen morgen habe ich das Gefühl, als würden die Belecker Sturmtagskanoniere mir was zum Frühstück böllern! Wir schrecken hoch und ich muss leider feststellen, dass es im Auspuffsyszem unserer Heizung zu zwei mächtigen Gasexplosionen gekommen ist – offensichtlich, weil zuviel Druck auf der Gasflasche war und sich der Gasdruckregler irgendwie verabschiedet hat. Uns klingeln die Ohren! Konsequenz daraus: Die Heizung springt nicht mehr an und wir müssen nach einem Tag mit anstrengenden 800 Kilometer im Kreuz eine Nacht bei Minus drei Grad ohne Heizung verbringen. Das geht, aber das Aufstehen fällt unglaublich schwer, und so machen wir uns früh auf den Weg der 4. Etappe.

Wir entscheiden uns, auf dem Weg zur griechischen Grenze ein Stück Autobahn zu nehmen und denn über die Bosporus-Brücke in Europa einzureisen. An einer Raststätte erfahren wir an einer Polizeistation, dass man die Vignetten vorher kaufen muss. Was nun? Ein flippiger Drogenpolizist setzt sich in unser Auto und gibt auf dem Navi einen Ort ein, an dem wir mit Bargeld für die Brückenüberfahrt zahlen können. Vorher hatte uns ein Typ in Handschellen erklärt, wie das hier läuft mit den Autobahngebühren. Wir verlassen die Autobahn und ignorieren, dass die Mautstelle uns ein paar Sirenen-Töne hinterherschickt. Sollen sie sich beim Erdogan beschweren…

Auf dem Bosporus ist fast so viel los wie auf den Straßen Istanbuls.

Nächstes Problem: Die Brücke ist nicht zu erreichen ohne Autobahn und wir beschließen, es mit der Autofähre zu versuchen und alle unsere Sorgen lösen sich in Luft auf: Wir zahlen 3 Euro für die etwa halbstündige Fahrt über den Bosporus und erreichen vier Stunden später die Grenze nach Griechenland. Ein mit mächtigem Schnauzbart wackelnder Grenzbeamter ruft uns ein fröhliches “Heil Hitler” hinterher und wir sind irgendwie froh, nach 5 Monaten Türkei und Kauskasus wieder in Europa zu sein. Die griechischen Grenzbeamten winken uns durch – “Willkommen zuhause!”

Mit Ralf und Gabi aus Duisburg stehen wir frei an einem Strand.

Auf einem Camingplatz in Alexandropolus ruhen wir uns aus und wir lernen Gabi und Ralf kennen, die mit einem Mercedes-Expeditionsmobil noch drei Monate länger unterwegs sind als wir. Gemeinsam reisen wir zu den heißen Quellen bei Kavala. Hier kann man in der freien Natur in der Nähe von verlassenen Heilbad-Gemäuern bei knapp 40 Grad Wassertemperaturen Schwefelbäder genießen.

Fast zu heiß um wahr zu sein: Die Schwefelquellen bei Kavala.

Später reisen wir gemeinsam zu einem Strand auf dem mittleren Chaldiki-Finger, wo wir das Freistehen am menschenleeren Strand genießen. Griechenland ist gesegnet mit solch phantastischen Plätzen.

Allerdings lässt mich der Heizungsstress nicht ruhen und wir brechen nach drei Tagen auf nach Thessaloniki. Da man uns hier aber auch nicht helfen kann und in 5 Tagen die Fähre geht, machen wir uns auf den Weg durch die Berge nach Igoumenitsa. Wir erleben unvergessliche Kilometer und sind auf den verschneiten Bergpässen fast allein unterwegs. Griechenland ist unglaublich bergig. Rechts und links türmen sich die 3000er auf, sogar ein Skigebiet passieren wir.

In Igoumenitsa finden wir den einzigen noch offenen Campingplatz und freuen uns auf die drei Tage bis zur Abfahrt der Fähre. Unsere Heizung läuft mit Strom, der Kühlschrank ist voll und für 16 Euro/Tag haben wir bei Temperaturen bis zu 20 Grad einen Luxusplatz direkt am Meer.

Wir sind hier neben den Brauns von Nebenan die einzigen Gäste. Andrea und Nikita aus Stade (www.qm-braun.de) beraten Firmen und kümmern sich um Buchungen und Jahresabschlüsse. Die beiden sind Dauercamper und haben sich den großen Wohnwagen mit Luxus-Vorzelt zum Büro mit Meerblick ausgebaut – auch ein Model mit massig Work/Life-Balance. Ein paar Meter den Strand hoch haben sich Gabi und Ralle einen tollen Freisteh-Platz ergattert, aber bei aller Romantik, Abenteuerlust und Sparsamkeit: Ich liebe Campingplätze und werde definitiv aufhören, mir erzählen zu lassen wo ich stehen darf und wo nicht.

Unsere Fähre braucht 15 Stunden bis nach Italien

Nach drei Tagen steht das Einschiffen auf der Fähre an. Es läuft alles extrem stressfrei und die 15 Stunden Fahrzeit bis Ancona vergehen schnell, vor allem auch, weil wir eine Kabine gebucht hatten, in der Hunde mitreisen durften und wir alle drei prima schlafen konnten.

Morgens schaue ich mit den Kids auf Deck 6 Kinderfernsehen an und staune nicht schlecht: Barbie hat jetzt einen Hund der Welpen hinten rausdrückt wenn man ihm am Schwanz zieht. Die Welt scheint nicht besser geworden zu ein in unserer Abwesenheit.

Ancona haben wir dann schnell hinter uns gelassen und am frühen Abend bewahrheitetesich zum wiederholten Mal die Weisheit: Such dir keinen Stellplatz wenn es dunkel ist! Ich fahr mir zum 2. Mal die Markise ab und mittlerweile sind diese Pannen, die uns nicht aus der Bahn werfen, nur noch lustig. Wir tragen die Markise zum Stellplatz rüber und können uns vor Lachen kaum halten. Sollte das dämliche Ding noch ein einziges Mal runterfallen kommt es ins Altmetall.

Nächster Tag: Camping Reno in Sirolo ist nicht der Brüller und wir verbringen fast den ganzen Tag auf der Suche nach Alternativen für den Weihnachtsabend, werden aber nicht fündig, weil die meisten Campingplätze geschlossen haben. So nutzen wir den sonnigen Weihnachtsabend noch zu einem schönen Strandspaziergang und finden in Sirolo einen superschönen Strand, an dem man noch einmal die Seele baumeln lassen kann. Ein Handwerker im Ort richtet mir die verbeulte Halteschiene, und die Markise kann wieder montiert werden.

Urlaubsland Italien – Auch im tiefsten Winter ein Traum.

Am nächsten Morgen reisen wir weiter Richtung Toskana – noch nicht ahnend, welches Reisehighlight uns hier noch erwarten sollte. Wir landen in Assisi und die fußläufig vom Campingplatz aus erreichbare Stadt schlägt uns schnell in ihren Bann. Für Franz von Assisi interessieren wir uns nicht erst seit unseren Tagen im Franziskaner-Kloster Pupping und hier an seiner Wirkungsstätte atmen die alten Gemäuer noch intensiv seine Geschichte aus. Insbesondere die von ihm vor dem Verfall gerettete Kirche San Damiano ist atmosphärisch so dicht, dass man sich des Einflusses des Hl. Franz und der Hl. Clara kaum entziehen kann.

San Francesco – Hier wurde Franz von Assisi gegen seinen letzten Willen beigesetzt

Den ganzen Tag ziehen wir von Kirche zu Kirche und werden nicht müde uns zu überlegen, wie man das Gedankengut der Besitzlosigkeit in ein modernes Leben übertragen kann. Insbesondere seine konsequente Haltung zur Ansammlung von irdischen Reichtümern macht uns nachdenklich. Wir haben auf unserer Reise immer wieder Geld gespendet und irgendwie auch immer das Gefühl gahbt, als wenn wir es dreifach zurückbekommen hätten. Abends sehen wir uns die CD “Bruder Mond , Schwester Sonne” mit der unglaublichen Filmmusik von Donavan an und sind uns einig, dass Assisi sicherlich zu den Höhepunken unserer Reise gezählt werden kann. Mal schauen, was davon übrig bleibt.

Assisi ist aber auch eine reiche Stadt, die ihrem berühmten Sohn mit San Francesco eine Kathedrale gebaut hat, die sicherlich nicht in seinem Sinne gewesen wäre. Betteln scheint hier verboten und die Besucher sind alle wohlhabend.

Auf der Piazza in Siena finden sogar Pferderennen statt.

Das unglaubliche Siena ist nächster Punkt auf unserer Toscana-Tour. Es ist schön und sehenswert, aber Städte schlagen immer mächtig ins Reisebudget, was mich persönlich immer etwas ärgert. Konsequenz: Unser nächster Campingplatz in der Nähe von La Spezia ist ziemlich verlassen und erweist sich als absoluter Glücksgriff: Für 18 Euro haben wir hier Rundumversorgung inklusive Gratis-Shuttle zum Bahnhof, wo die Züge in Richtung Weltkulturerbe “Cinque Terre” im 30-Minutentakt.

Als wenn alles Beunruhigende und Schlechte einen Bogen machen würde um diese fünf Ortschaften an der Ligurischen Küste – und es ist, als ob die Zeit selbst diese malerischen Flecken vergessen hätte. Wir wandern con Monterossa nach Vernazza und schnaufen die unzähligen Stufen hinauf. Mehr als zwei der fünf Dörfer kann man sich nicht ansehen an einem Tag, da es immer noch sehr früh dunkel wird und es draußen kaum auszuhalten ist, sobald die Sonne versinkt.

Wie eine Landschaft aus dem Modellbau: Vernazza,

Wir bleiben gut eine Woche in Ligurien und staunen über die Cinque Terre, aber auch über das verschwunschene Portofino, das wie aus eine, italienischen Filmplakat der 60er Jahre entsprungen scheint.

Silvester ist es sehr ruhig auf dem Campingplatz und unser Michel braucht sich nicht in panischer Angst vor irgendwelchen Böllern verstecken.

Avignon – hier haben die Päpste “mal eben” eindrucksvoll Residenzen geschaffen.

Jetzt ist ein neues Jahr und das letzte Quartal unserer Aussteigen-für-ein-Jahr-Tour steht auf dem Programm. Als nächstes geht es in die Provence. Unser ursprünglicher Plan, in Nizza einen Freund aus Allagen zu treffen müssen wir leider fallen lassen, da es in der kompletten Region keinen Campingplatz gibt, der bereits geöffnet hat. Also geht es weiter in einen Ort namens Taradeau. Die winterliche Campingplatz-Realität hält den sommerlichen Beschreibungen nicht stand und so machen wir uns schnell wieder auf den Weg. Wir entscheiden uns für Avignon, weitere Stationen sind Montpellier und Perpignan. Die Carmarque zeigt sich von ihrer schönsten Seite und wir sehen tausende von Flamingos. Nachts ist es wirklich kalt und wir sind auf Stellplätze mit Strom angewiesen.

Der französische Charme tut der Reiseseele wohl, aber es ist alles so unverschämt teuer, dass wir beschließen, schnell nach Spanien zu kommen, wo die Lebenshaltungskosten angeblich nicht so hoch sein sollen. Wir würden gern mal in ein schickes französisches Restaurant gehen, aber das Budget für 3 Tage in einer Stunde zu verblasen passt uns dann doch noch nicht in den Kram.

Wir meiden Autobahnen, da die Maut die Reisekosten verdoppeln würde. Geld Ausgeben sparen wir uns für Barcelona auf. Auf dem Stellplatz kurz vor der spanischen Grenze lernen wir Uli aus Augsburg kennen, der uns wieder einmal eine dieser unglaublichen unglaubliche Lebensgeschichten erzählt, die Nicht-Reisende nur aus dem Fernsehen oder aus Büchern kennen. Er ist aus gesundheitlichen Gründen ausgestiegen und reist allein.

Auf den katalonischen Bergen liegt Schnee.

Wir bleiben nicht lang, denn es ist kalt in Perpignan und die 2 oder 3 Grad, die es in Barcelona wärmer ist, machen echt den Unterschied. Auf dem Weg in die katalanische Metropole sehen wir viele Transparente, die Unabhängigkeit Kataloniens fordern. Überall hängen die gelben Schleifen als Symbol für die Forderung nach Unabhängigkeit.

In Barcelona herrscht ein sehr angenehmes Klima und man kann bis zum Sonnenuntergang draußen sitzen – da ist es in Warstein dann schon stockdunkel

Barcelona muss im Frühling oder Sommer ein Traum sein, jetzt – bei Temperaturen um die 14 Grad und Regen macht es zwar Spass, aber es zieht uns doch deutlich weiter in den Süden. Ich habe einen Inspektionstermin für den Ford und freue mich über eine unschlagbar günstige Ausführung (200 Euro unter Deutschlandpreis) und darüber, dass ich über Garantie einen kostenlosen Austausch der angeschlagenen Starterbatterie erhalte. Die Ascii-App zeigt uns anschließend einen Campingplatz mit Sauna und da gibt es dann für Sylvia kein halten mehr. Der Platz ist allerdings eine mittlere Katastrophe, was die Atmosphäre angeht. Er ist voll besetzt und ich bin das einzige Allradfahrzeug. Länger als einen Tag halte ich dieses Vorgartenidylle mit Gartenzwerg und Co. nicht aus und wir halten uns diesemal mit Ioverlander an eine App, die passendere Übernachtungsplätze bietet in aller Regel. Aber auch Ioverlander floppt und führt uns mitten in die Pampa zu einem als Campingplatz getarnten Werkstattbetrieb für Allradfahrzeuge.

Einigermaßen bedient greifen wir auf Park4night zurück und finden endlich am späten Abend einen tollen Stellplatz mit Blick auf’s Meer und angenehmer Nachbarschaft. Sogar ein Überwinterer-Pärchen aus Warstein treffen wir hier. Engen Kontakt nehmen wir zu Claudia und Thommy von der Schwäbischen Alp auf, die auch mit einer Nordstar-Kabine unterwegs sind. Der Erfahrungsaustausch bringt mir viel.

13. Januar: Das war uns dann doch etwas zu eng auf diesem Campingplatz und auch zu viele Leute, die ich mit meinem Lebensstil nicht überein bringen konnte. Wir haben uns da nicht wirklich wohlgefühlt. Im Rahmen eines Strandspaziergangs haben wir 300 Meter entfernt einen weitläufigeren Platz entdeckt und sind dann umgezogen.

Eine Schlechtwetterfront naht und wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Wir fühlen uns hier pudelwohl und werden auf dem Platz wohl besseres Wetter abwarten. Ich muss ohnehin auf Ersatzteile von Ford warten und an der Kabine gibt’s noch einiges zu schrauben, bevor die wirklich “wüstenfest” ist. Zudem haben wir uns planerisch noch gar nicht um Marokko gekümmert.

Der Sturm wirft lange Schatten voraus und da wir unseren Platz direkt am Strand ohnehin räumen müssen können wir auch gleich weiterfahren. Auf dem Weg nach Peniscola besuchen wir noch eine spektakuläre Einsiedelei hoch auf einem Felsen. Die Nacht in Peniscola wird stürmisch und am nächsten Morgen regnet es in Strömen., sodass wir uns die Drehorte von “Game of Thrones” nicht ansehen können. Auch auf dem Weg nach Catagena regnet es weiter wie aus Eimern, auf dem Stellplatz fahren sich die Megaliner im Morast fest und uns treibt es weiter in den Süden. Dort regnet es zwar nicht weniger, aber es ist wärmer und es wird später dunkel.

Die Fahrt ist irgendwie frustrierend, denn es geht über 100 Kilometer an Gewächshäusern aus Plastikfolie vorbei. Das wirkt teils wie ein künstliches Meer und ich erkenne: Das ist der Preis für unser biliges Supermarktgemüse.

In Almerimar finden wir einen Stellplatz direkt am Hafen, aber das Dorf – eigentlich eine Hochburg für deutsche Überwinterer – ist wie ausgestorben. Ich stell mir vor, wie es wäre, hier in einem Appartement zu hocken und vor Langeweile nicht zu wissen, wie ich den Tag rumbringe…

Die Atmosphäre hier deprimiert mich zunehmend. Hierher zu ziehen, nur weils warm und billig ist – sorry, aber das wird niemals mein Lebensmodell werden. Vom Hafenmeisterbüro aus sehen wir die Schneegipfel der Sierra Nevada und beschließen, nach Grenada zu fahren, auch um das Plastikmeer hinter uns zu bringen und mal wieder etwas urwüchsiges Spanien zu sehen. Wir fahren Landstraße und auf den engen Straßen gibt es wieder etwas Reisefeeling. Noch eine Woche, dann geht es nach Marokko.

Grenada gibt sich regnerisch, aber gegen das Wetter, das in den letzten Tagen in den regionen weiter nördlich geherrscht hat, ist das hier echt auszuhalten. Claudia schickt und Bilder vom total überschwemmten Cartagena, Uli hält sturmumtost in Chabrills die Stellung, wo der halbe Campingplatz unter Wasser steht. Schön ist da alles nicht bei diesem Wetter…


Exkurs I: Reiseinformationen Azerbaijan – Wohnmobiltour 2019

Beste Reisezeit für Azerbaijan

Wir haben den November 2019 sehr genossen, weil es in Azerbaijan selbst im September noch sehr heiß werden kann. In den Wintermonaten muss überall mit Schnee und Frost gerechnet werden. Andere Overlander zu treffen ist ein Glücksspiel, aber wie immer findet man immer und überall Gleichgesinnte. Im großen und ganzen ist man allerdings als Tourist recht einsam unterwegs, insbesondere in den Nationalparks.

Einreise und Aufenthalt – Wohnmobilreise in Azerbaijan

Wer mit dem Wohnmobil nach Azerbaijan einreisen will, muss eine handvoll Dinge beachten. Die Einreise ist aus Norden kommend nur über Georgien möglich. Im Norden ist der Grenzübergang „Red Bridge“ der beste Weg von Tiflis nach Baku, allerdings ist die Anreise durch das sehr industriell verbaute Rustawi nicht so schön. Es gibt einen fast unbekannten Grenzübergang 130 Kilometer östlich von Tiflis, den wir für die Rückfahrt genutzt und als deutlich entspannter empfunden haben, da er quasi eine Kette von Nationalparks verbindet und nicht von LKW genutzt wird. Hier wäre dann das historisch sehr bedeutsame Sheiki erste Station, oder die Naturerlebnisse rund um Quabala.

Für die Einreise braucht es ein gültiges Visum. Dieses kann im Vorfeld über die Botschaft in Deutschland organisiert werden oder bis 3 Tage vor Grenzübertritt online im Internet. Letzteres kostet 20 Euro pro Visa. Ich würde das empfehlen, weil man dann flexibler ist. Das Visadokument muss ausgedruckt werden, das geht in Armenien oder Georgien in den überall vorhandenen Copy-Shops. Achtung: Für das Visa braucht es eine Adresse in Azerbaijan. Wir hatten im Vorfeld ein AirBnB in Baku gebucht und konnten daher diese Adresse verwenden. Ich glaube nicht, dass diese Adressen kontrolliert werden, daher könnte man rein theoretisch auch irgendein Guesthouse angeben.

Wer einen Armenien-Stempel im Pass hat bekommt Probleme. Mit einem Bergkarabach-Stempel würde ich mich an keiner azerbaijanischen Grenze blicken lassen, denn das gilt als Beweis für einen ungenehmigten Grenzübertritt, aber selbst ein normaler Armenien-Stempel provoziert großen Klärungsbedarf. Also wer – wie wir – beide Länder bereisen will, sollte zuerst nach Azerbaijan reisen und sich immer bewusst sein, dass die beiden Länder aufgrund der ungeklärten Bergkarabach-Situation bis auf’s Blut verfeindet sind.

Papiere für den Grenzübertritt

Reisepass, Führerschein national und international, Fahrzeugschein und eine gültige Haftpflichtversicherung – für den Hund unbedingt den Europäischen Heimtierausweis, idealerweise mit Bild.

Die Versicherung wird direkt an der Grenze inklusive der Einfuhr-Papiere für das Fahrzeug ausgestellt und sofort berechnet. Daher sollte man beim Grenzübertritt etwa 100 Manat Bargeld zur Verfügung haben. Es ist nicht möglich, ohne das Auto wieder auszureisen. Wer mehr als 15 Tage in Azerbaijan unterwegs sein will, muss sich alsbald bei der Migrationsbehörde um eine entsprechende Genehmigung kümmern. Das kann auch online geschehen. Solche Dinge nicht unterschätzen, denn an den azerbaijanischen Grenzen herrscht ein rauher Umgangston. Wie überall im Kaukasus: Der Beifahrer muss aussteigen und als Fußgänger durch die Passkontrolle. Späße, flapsige Bemerkungen etc. sollte man echt sein lassen. Das ist kein Schengen hier…

Wohnmobil-Fahren in Azerbaijan

Azerbaijan achtet sehr auf Verkehrsregeln. Diese legt man zwar sehr kreativ aus, aber Touristen sollten die geltenden Geschwindigkeitsgebote unbedingt einhalten. Die Abrechnung kommt spätestens bei der Ausreise, dann die wichtigen Durchgangsstraßen sind alle videoüberwacht. Polizei kassiert Strafmandate grundsätzlich nicht in bar, sondern man erhält ein Zettelchen mit dem an den allgegenwärtigen Automaten bezahlen kann. Vereinzelt versuchen Polizisten auf eigene Kappe etwas Geld nebenbei zu machen. Hier zahlt sich Hartnäckigkeit aus. Ohne Beleg wird nicht gezahlt, unter Umständen ist es hilfreich, einen 20 Manat-Schein im Portemonnaie zu haben, denn damit sind die meisten Polizisten dann doch irgendwann zufrieden, auch wenn die Eingangsforderung 4-stellig war.

Das Fahren auf den bis zu 8-spurigen Autobahnen rund um Baku ist aufgrund der moderaten Geschwindigkeiten recht gefahrlos, lediglich die großen, teils 8-spurigen Kreisverkehre im Zentrum erfordern höchste Aufmerksamkeit. Die Straßen nach Baku und um Baku sind in einem hervorragenden Zustand. Auf dem Land sind nur die Hauptwege einigermaßen in Ordnung. Es muss mit teils bis zu 50 Kilometer langen Baustellen gerechnet werden. Zuwege zu Sehenswürdigkeiten erfordern nicht selten Allrad-Antrieb. Wenn es geht sollte Fahren in der Dunkelheit vermieden werden. Es ist stockdunkel und man sieht wirklich nichts, weder die Schafherden die hier über die Fahrbahn getrieben werden noch die Kühe, die von einer Verkehrsinsel zur anderen wandern. Vorsicht mit Taxifahrern, bitte immer den Preis vorher aushandeln. Im Stadtgebiet Baku nicht mehr als 12 Manat zahlen für eine Fahrt. Idealerweise vorher Freundschaft knüpfen mit dem Fahrer und dann am nächsten Tag wiederkommen. Dann gibt es den fairen Preis.

Parken geht in der Stadt immer und überall, dafür sorgen die jeweils für einen Straßenzug zuständigen Parkwächter, denen man allerdings den Schlüssel aushändigen muss. Öffentliche Parkplätze gibt es selbst im Zentrum ausreichend – allerdings waren wir Ende November dort. Nachteil dieser Reisezeit: Die Polizei macht sich einen Spaß daraus, Ausländer rauszupicken. Wir haben in den seltensten Fällen etwas bezahlen müssen und meist wollten sie uns nur eine gute Fahrt wünschen. Nervig ist es aber doch, weil man nie weiß, was einen erwartet.

Leben und Einkaufen

Sim-Karten gibt es in jeder größeren Stadt (Azerzell oder Bakcel), aufladen kann man später am Automaten. Für 10 Manat gibt es 5 Gigabyte, Internet dafür selbst im entlegensten Nationalpark in 3G-Qualität. Auch Bier ist kein Problem.

Man kann sich überall in Azerbaijan auf die Hilfsbereitschaft der Leute verlassen, aber auch darauf, dass man als Tourist erkannt wird und für alles grundsätzlich viel mehr zahlt als ein Einheimischer. Da dieses „Viel mehr“ aber immer noch günstig ist, haben wir niemals Beschwerden vorgebracht, weil auch selten überzogen wird.

Frei stehen ist hier nirgendwo ein Problem, auf bewachten Parkplätzen zahlt man zwischen 2 und 5 Manat. Eingekauft wird direkt an der Straße oder in einem der kleinen Markets. Die Supermärkte der großen Städte haben europäisches Niveau. Bitte auf Verfallsdaten achten – damit nimmt man es hier nicht so genau.

Bezahlen in Azerbaijan

Geld bekommt man an fast allen Automaten, allerdings niemals mehr als 200 Manat, also grad mal 100 Euro – das nervt und es empfiehlt sich, Euro oder Dollar mitzunehmen und dann vor Ort zu wechseln. Das Preisniveau ist günstiger als Armenien und etwas teurer als Georgien. Unser 50 Euro-Budget konnten wir hier sehr gut einhalten.

Trinkgeld wird für guten Service erwartet. Aufrunden passt immer. Beim Tanken oder bei sonstigen größeren Anschaffungen wird meist erst geliefert, wenn man das zum Bezahlen notwenige Geld zeigen kann.  An Tankstellen wird Kartenzahlung z.B. nur dann akzeptiert, wenn man genügend Bargeld dabei hat. Geldwechsel ist überall möglich, über aktuelle Kurse bitte vorab im Internet informieren und die obligatorischen 10 Manat für den Touristenstatus einplanen.

Tanken (Diesel, AdBlue & Gas) in Azerbaijan

Diesel kostet hier etwas mehr als 30 Cent und hat Premium-Qualität. AdBlue gibt es hier in größeren Märkten für Autozubehör, ich würde mich aber nicht darauf verlassen. Markenwerkstätten gibt es meiner Meinung nach nur in Baku. Leider gibt es hier kaum LPG-Tankstellen, daher ist das Befüllen von Gasflaschen aus Deutschland nur an Gasversorgungsstätten möglich, die man beim Vorbeifahren aber gut erkennt. Wir haben 1 Euro für ein Kilogramm Gas bezahlt und niemals lang warten müssen. Je freundlicher man fragt, desto höher ist die Chance, dass sich ein passender Adapter findet.

Wie viel Zeit brauche ich für Azerbaijan?

15 Tage sind knapp bemessen. Wir haben allein in Bau 7 Tage verbracht und haben nicht alles gesehen. Für den Gobustan Nationalpark reicht ein Tag, für den Shirwan-Park sollte man sich mindestens 3 Tage Zeit nehmen. Sheiki und anderen großen Städte sind gut für Tagesausflüge. Yanardag und die Schlammvulkane sind ebenso wie der Feuertempel völlig überbewertete touristische Highlights, mit denen man sich lange aufhalten muss. Qabala und der umgebende Nationalpark lohnen aber auf jeden Fall. Für den Aufenthalt in Baku empfehlen wir den Parkplatz an der neuen Capian-Sea-Mall. Das Teppichmuseum (unbedingt anschauen) ist 300 Meter entfernt. Hier ist es zum Preis von 1 Manat/Nacht erstaunlicherweise recht ruhig und man ist innerhalb von 15 Minuten im Zentrum oder in der Old City. Es gibt Wasser und nach ein paar Minuten Weg auch eine saubere öffentliche Toilette. Wir haben dort 4 Tage problemlos gestanden. Stellplatzprobleme haben wir grundsätzlich niemals gehabt.

Menschen in Azerbaijan

Azerbaijan ist moslemisch geprägt aber nicht von der Religion bestimmt und ganz und gar nicht mit dem Bruderland Türkei vergleichbar. Verschleierung ist quasi unbekannt und das Miteinander von Mann und Frau hat zumindest in Baku absolut unseren Standard. Die Menschen auf dem Land erscheinen uns sehr arm. Baku ist manchmal bis an die Schmerzgrenze heran „neureich“. Woher die jungen Burschen hier das Geld für ihre Ferraris haben – ich weiß es nicht. Eine Studentin aus St. Petersburg erzählt mir, dass es für ihre Mit-Studentinnen sehr wichtig ist, mit Prada- und Gucci-Accessoires zu glänzen, obwohl alle wissen, dass es billige Fälschungen sind. Vor den echten Versace und Armani-Läden stehen die Einkäufer meist länger als notwendig auf dem Bürgersteig herum, damit wirklich alle sehen, dass sie sich sowas leisten können. Vor den Schulen der Reichen parken Bentleys mit Chauffeur, um die Kinder abzuholen. Bettler oder Obdachlose gibt es nicht, man hat den Eindruck, dass zumindest in Baku jedem ein Besen in die Hand gedrückt wird, um die Boulevards zu kehren. Auf den Basaren wird sehr unaufdringlich und völlig entspannt gehandelt.

Die Menschen hier sind – Ausnahme Grenzbeamte – überaus freundlich.

Politik, Menschenrechte etc.

Während unserer Zeit in Baku gab es Reisewarnungen aufgrund von ungenehmigten Demos, die von der Polizei brutal niedergeknüppelt worden sein sollen. Wir haben davon nichts mitbekommen und auch auf Nachfrage nur eine latente bis deutliche und durchgehende Unzufriedenheit mit der aktuellen Regierung erfahren. Darüber wurde aber offen gesprochen. Ich denke, dass Korruption im Ölhandel das größte Problem ist, und dass das mit der Energie erwirtschaftete Geld nicht gerecht verteilt wird. Die Schuldbildung ist gut, selbst auf dem Land sprechen viele Menschen englisch, die meisten der älteren Azerbaijaner waren in ihrer Armeezeit in Dresden oder Potsdam stationiert. Weitere Beurteilungen möchte ich mir sparen, davon weiß ich zu wenig. Apropos zu wenig: Wir sind hier auch schon mit „Heil Hitler“ begrüßt worden – nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil man hier – ehemalige Soldaten ausgenommen – sehr wenig über Deutschland weiß. Unsere Kanzlerin kennt man allerdings! Vorsicht bei Diskussionen über Armenien – der Hass auf den Nachbarn verbindet hier alles Schichten. Wir haben aber auch junge Leute getroffen, die sich einen echten Frieden wünschen, selbst wenn Bergkarabach autonom bleiben sollte. Es ist so wie wir mit der Mauer damals – man hat sich daran gewöhnt.

Hunde in Azerbaijan

Es gibt mitunter Probleme, ein Restaurant zu finden, das Hunde akzeptiert, aber wir sind immer irgendwo fündig geworden, denn insbesondere die kleineren Betriebe sind auf jeden Manat angewiesen. Wenn der Hund nicht reindarf kann man sicher sein, dass das Essen maximal Touri-Niveau hat. Hotels und Gästehäuser akzeptieren keine Hunde. In unsere AirBnB in Bako war das kein Problem.

Essen in Azerbaijan

Sehr lecker und am besten im Straßen-Imbiss auf die Hand. Gyros (Rind/Geflügel) gibt es hier in leckeren Teichfladen eingewickelt ab 2 Manat. Ansonsten: Alles sehr türkisch und wer mit anatolischen Speisekarten klarkommt hat auch hier keine Probleme. Es ist alles nicht so schwer cremig, fettig und sahnig wie in Armenien oder Georgien. Ich habe übrigens nirgendwo besseren Kaffee bekommen als in Azerbaijan (meine Empfehlung: Americano mit heißer Milch). Allerdings “echter” Kaffee a la Azerbaijan ist nicht zu genießen. Tee (Cay) hat die gleiche Bedeutung wie in der Türkei.

Was mitnehmen aus Azerbaijan?

Wir haben uns für Teppiche entschieden, die als einzige “Souvenirs” nicht teurer sind als in den Nachbarländern. Für zwei sehr schöne Teppiche haben wir insgesamt 350 Euro bezahlt. Außerdem habe ich 45 Liter Diesel mitgenommen – die Kanister werde ich in Griechenland vertanken.

Bilder unserer Reise mit dem Wohnmobil durch Azerbaijan idealerweise im Reisblog finden oder unter dem Instagram-Hashtag #usch_in_azerbaijan .

16. Etappe – Azerbaijan (9. November – 24. November)

Exkurs I: Reiseinformationen “Mit dem Wohnmobil durch Azerbaijan”

Auf dem holprigen Weg zur Azerbaijanischen Grenze tut es einen Schlag und die Warnlampen im Ranger Cockpit schlagen Purzelbäume. Auch eine Fehlermeldung kommt: “AdBlue-Warnung – nach 500 Kilometern wird das Auto nicht mehr starten”. Zum Glück finden wir einen Markt, der AdBlue führt – was ein Wunder ist, denn wirklich NIEMAND braucht das hier… Ich fülle auf, aber die Fehlermeldung bleibt. Wir fahren nach Tiflis in die Ford-Werkstatt. Hier schraubt man den ganzen Tag herum, aber die Warnanzeige verschwindet nicht. Wir fahren los, um einen Platz für die Nacht zu finden, am nächsten Morgen wollen die Ford-Experten weitersuchen. Ist zum Glück aber nicht notwendig, denn als ich auf die Stadtautobahn einbiege erlischt die Warnmeldung. Hoffentlich war das jetzt der letzte Stolperstein auf dem Weg nach Baku. Der Service ist kostenlos, höre ich staunend.

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Exkurs IV: Der Waschlowani-Nationalpark

Müsste ich einen Höhepunkt unserer Reise definieren, dann wäre das die dreitägige Tour durch den Waschlowani-Nationalpark im Süden Georgiens an der Grenze zu Azerbeidjan (entschuldige Sanliurfa, aber du bist nunmal alles andere als wild und unberührt).

Es gibt im Waschlowani-Nationalpark ausschließlich mehr oder weniger gut befahrene Pisten. Die Neigungswinkel sind teils erheblich. Hier braucht es Kraft, Allrad und Bodenfreiheit.

Der Waschlowani-Nationalpark (ვაშლოვანის სახელმწიფო ნაკრძალი) liegt in der Region Kachetien und wird von der Stadt Dedopliszqaro erschlossen. Hier befindet sich auch das Tourismus-Center und die Station der Border-Police, über die die Eintrittsgenehmigungen erstellt werden. Ein Eintritt ohne Genehmigung ist verboten. Kosten entstehen je nach Aufenthaltszeit und ob Zimmer in den drei Rangerstationen gebucht werden. Wir haben für die Camping-Variante rund 30 Euro bezahlt für drei Tage.

Wir haben in den drei tagen im Nationalpark Waschlowani maximal 15 Leute getroffen, unter anderem diese Hirten.

Der Nationapark Waschlowani zeichnet sich durch sein trockenes Klima, steppenartige Vegetation und bizarre Fels- und Hügelformationen aus. Es gibt aber auch gibt es auch lichte Wälder und Buschgebiete. Das 1935 eingerichtete Nationalpark hat heute eine Gesamtfläche von über 251 Quadratkilometern.

Die Pisten ziehen sich endlos hin.

Wir sind im Park etwa 150 Kilometer gefahren, wobei alles einigermaßen machbar war, lediglich den Schluss der Anfahrt auf Mijniskure haben wir uns geschenkt, weil es einfach zu eng wurde.

Die Straßenschilder zeigen’s deutlich: Hier entlang nur mit dafür ausgerüsteten Fahrzeugen.

Wir würden grundsätzlich empfehlen, hier ausschließlich mit Motorrad oder Allrad-Fahrzeugen zu reisen, weil es doch immer wieder zu Ausnahmesituationen kommt, wo “normale” Fahrzeuge einfach überfordert wären.

Im Hintegrund die noch schneefreien Gipfel des “Kleinen Kaukasus”

Was macht es aus? Zum einen mal die absolute Ruhe und das Gefühl für die Weite einer Steppenandschaft. Tiere haben wir nicht gesehen – außer einer überfahrenen Giftschlange und einer echt großen Echse. Die Ranger sagen, dass im Frühling mehr zu sehen ist. Nachts hört man unter sternenklarem Milchstraßenhimmel Coyoten heulen – oder Hunde? Man weiß es nicht.

In den Schluchten wird es sehr eng.

Für uns gehört ein Besuch im Waschlowani-Nationalpark zu den Pflichtaufgaben einer Georgie-Aufenthaltes. Mit dem eigenen Camper ist das ein ganz besonderes Erlebnis. Ob man im Rahmen einer geführten Tour diese Nähe zur Natur spüren kann weiß ich nicht – ich kann es mir aber nicht vorstellen.

Und hinter dem Horizont geht es genauso weiter.

Man kann hier nirgendwo Geld ausgeben – Diesel und Trinkwasser müssen ausreichen und Handyempfang ist gleich “Null”.

Wer ähnliche erlebniss verbunden mit etwas mehr Kultur und Zuvilisation erleben will, der sollte sich das Kloster Dawit Garedscha nicht entgehen lassen. Das ist nicht weit weg vom Nationalpark und absolut empfehlenswert.

Exkurs III: Das Erdbeben von 1988

Leninakan 1988, es ist der 7. Dezember. In der zweitgrößten Stadt Armeniens ist es bitterkalt, in den Schulen wartet man auf die große Pause. Kurz vor zwölf gerät die armenische Stadt – die heute wieder Gjumri heißt – komplett und für lange Zeit, wenn nicht sogar für immer aus den Fugen. Die Erde bebt. 25.000 Menschen sterben entweder durch herabstürzende Trümmer oder sie erfrieren, über eine Million Menschen sind von einer Minute auf die andere obdachlos. Das Beben traf nicht nur das ehemaligen Gjumri/Leninakan, vormals Alexandropol, auch im benachbaren Spitak und in Vanadsor hinterließ es Verzweiflung und Traumata.

Wellblech, Holz und Pappe – Wie soll man da durch den Nordarmenischen Winter kommen?

Spitak wurde komplett ausgelöscht und der Ort an anderer Stelle neu aufgebaut. Vanadsor hatte als unbeliebter Industriestandort ohnehin wenig Glück bei der Findung einer eigenen Identität in der postsowjetischen Phase – und so kam es der Hauptstadt der Provinz Shirak zu, die Erinnerung an das Beben in die Geschichtsbücher zu schreiben.

Mir hat das Erdbeben von Gjumri nichts gesagt, obwohl ich solche Nachrichten-Meldungen eigentlich nicht vergesse und sicher abspeichern kann. Aber wir waren grad frisch Eltern geworden, wahrscheinlich hat Janes gerade mal wieder geschrien und ein zweites Mal hat die Tagesschau wohl nicht berichtet.

Wir fahren zufällig und unvorbereitet durch Gjumri. Die Stadt gibt uns nicht viel. Eben eine typische armenische Stadt, aber auf den zweiten Blick hätten wir merken müssen: Hier ist etwas anders, aufgeräumter. Nicht ohne Grund: 1988, also gerade mal 30 Jahre her, ist hier kein Stein auf dem anderen geblieben in einer Zeit, in der die Sowjetunion den letzten Zügen lag. Mit brutalen Schlägen pulveriesierte die Natur eine ganze Region.

Die Sowjetrepublik Armenien brauchte Hilfe und sie wurde dank des Krisenmanagements des charismatischen Michail Gorbatschow auch international gewährt – selbst das verhasste Azerbeidjan ließ die Konflikte ruhen und schickte Hilfstrupps.

All das wussten wir noch nicht. Wir übernachten und haben eine friedvolle Nacht. Es ist kalt im Norden Armeniens im Winter 2019. – genauso kalt wie im Dezember1988. Am Morgen wollen wir uns die Stadt ansehen. Aber: Das Auto springt nicht an. Etliche Armenier kommen mit gutem Rat, aber der einzige, der uns wirklich helfen kann, ist Heros, der mit seinem uralten Lada mit verblichenem Taxischild auf dem Dach anhält. Ihm ist gleich klar, dass Starthilfe hier nichts bringt und bietet mir an, meine Batterie zuhause aufzuladen.

Es ist wirklich ungemütlich kalt und wir nehmen die Einladung mitzukommen und bei ihm zu warten, dankbar an. 5 Minuten später stehen wir vor einem Bretterverschlag inmitten von ausgeschlachteten deutschen Autos, kaputten Kühlschränken. Die Szene ist nicht real, denn Heros und sein Sohn Arman sind feine Menschen – kultiviert, gepflegt, gastfreundlich. Warum wohnen sie in einem solchen Verschlag?

Wir erfahren, dass die kleine Familie auf dem eigenen Land lebt und hier ein schönes großes Haus gestanden hat – bis zum 7. Dezember 1988. Danach war nichts mehr wie es war und es wurde auch nicht mehr. Zumindest für Heros nicht.

Die Sprachbarriere verhindert, dass er uns mehr erklärt, als er uns mit Händen und Füßen sagen kann, aber die Szenerie spricht für sich. Auch 30 Jahre nach dem Erdbeben wohnt Heros mit seiner Frau und seinem geschiedenen Sohn in einem Häuschen aus Brettern, Pappe und Metallplatten zwischen Heiligenbildern und Schränken voller Kram – dazwischen ein dicker Wälzer mit Zeitungsartikeln.

Ich möchte nicht wissen, wie das da im Winter ist und frage mich, ob er versucht hat, seine Probleme zu lösen. Ich denke ja, aber vielleicht war es alles zu viel, vielleicht hat er irgendwann aufgegeben. Man weiß es nicht. Wenn ich die teuren Autos im Zentrum sehe denke ich, dass andere es geschafft haben – aber auch das die reine Mutmaßung. Vielleicht sind das die Leute, die am Wiederaufbau verdient haben. Aber die schicken Frauen im Cafe Herbes & Onions haben mit Heros so wenig zu tun. Es liegen nur wenige Kilometer zwischen dem quirligen Stadtzentrum und der Barackensiedlung. Was macht er falsch, was machen sie richtig? Die alte Frage zur Existenz von Armut beantwortet sich hier nicht.

Ich muss die Tränen unterdrücken, so rührt mich diese Szene. Arman bietet uns trockenes Brot und etwas armenischen Käse an. Ich bin sicher: Es ist nichts anderes im Schlank, sonst hätte er es uns angeboten und der Teebeutel muss für 4 Tassen reichen.

Irgendwann ist die Batterie voll, unser Auto springt an und wir müssen uns verabschieden. Wir versuchen uns mit 20.000 Dram erkenntlich zu zeigen, das sind über 40 Euro und in Armenien ein Haufen Geld, sicher mehr als Heros in der Woche mit seinem klapprigen Taxi verdient und weniger, als wir pro Tag ausgeben in Armenien

 Heros weigert sich, das Geld anzunehmen, aber sein Sohn denkt einen Schritt weiter und steckt die Scheine dankbar ein. Vielleicht kauft er seinen Kindern etwas, die bei seiner Frau in Jerevan leben.

Für mich hat dieser sonnige Tag allen Glanz verloren. Ich weiß nicht, wie ich dem alten Mann und seinem tieftraurigen Sohn helfen kann. Ich kann nicht die ganze Welt retten. Ich kann aber auch nicht durch Gjurmi fahren und so tun, als wäre das Erdbeben 1988 nicht mehr als eine schaurig-schöne Erinnerung  und eine Notiz im Urlaubstagebuch.

Begegnungen wie diese stellen mir die Frage nach dem Sinn des Lebens aber sie beantworten mir nichts.

Ich bin ratlos. Ich habe seine Telefonnummer und werde versuchen, die Adresse zu bekommen. Und dann? Geld schicken?

Ich weiß es nicht. Ob ich besser nicht in den Norden Armeniens nach Gjumri gefahren wäre? Für mich gibt es da keine Alternative, denn unsere Wege sind vorgegeben, und für mein Unwohlsein kann Heros nichts. Er hat sich nicht aufgedrängt oder um Aufmerksamkeit gebeten. Das muss ich mit mir selbst ausmachen.

Jerevan – Der taubenmann

Man kann nie sagen, wie alt diese Leute sind. Hätten sie ein Gesicht, aus dem man einfache Geschichte lesen könnte, dann wären sie nicht so auffallend. Der Mann sitzt auf einer Bank im Park vor den Jeriwaner Kaskaden und überrascht mich. Er bettelt nicht, auch wenn man ihm ansieht, dass er Geld braucht.

In seiner verschlissenen Armee-Hose und seinem kurz geschnittenen Parka hat er sich eine gewisse Lässigkeit bewahrt. Sein geschmeidiger Gang passt nicht zum verknitterten Gesicht und zur gebückten Haltung. Blaue Augen schauen frech unter dem Schild seiner Kappe hervor.

Er zerbröselt Brot, das er aus den Tiefen seines alten Adidas-Rucksack kamt und wirft es aus eine Art um sich, aus der augenscheinlich nicht die Liebe zu Vögeln spricht. Fahrradfahrer und asiatische Touristen, die unvorsichtiger Weise in den Wurfkreis seiner Brösel kommen, werden übel angeraunzt. Und wieder wirft er sein Brot in die Menge der immer zahlreicher heranfliegenden Tauben.

Warum machst du das? – würde ich ihn gerne fragen – könnte ich armenisch oder russisch –  ahne aber, dass  ich gleich den verdutzten Chinesen nur unfreundlich angemufft werden würde. Und wieder wirft er. Entweder ist er verrückt oder er verfolgt einen Plan. Dann plötzlich bückt er sich langsam, so als wollte er etwas aufheben – und mit sicherem Griff hat er eine Taube in der Hand. Der Vogel wird sorgfältig geprüft, er zupft ein Paar Federn aus und begutachtet seine Beute mit Kennerblick aus allen Richtungen. Dann verschwindet die Taube in einem Seitenfach seines Rucksackes.

Wieder kramt er Brot heraus und verteilt es reichlich, wieder bückt er sich, greift mit einer Hand die nächste Taube. Er macht das völlig unspektakulär. Wie viele da schon in seinem Rucksack stecken? – keine Ahnung. Mich interessiert auch vielmehr die Frage, was er damit macht. Ob er sie zum Abendbrot auf den Grill wirft um den gröbsten Hunger zu stillen, um endlich mal Fleisch zu essen, weil die Rente dafür nicht reicht? Ich seh‘ ihn schon sitzen und an den mageren Viechern nagen, die er über einem kleinen Müllfeuer in einem dreckigen Hinterhof brät. Wie arm doch die Leute hier sind in Armenien und ein wohliger Schauer läuft mir über den Touristenrücken.

Oder ist es ganz anders?

Der Mann lässt mich nicht los, auch als er schon lang aufgestanden und in einem Minibus losgefahren ist. Als wir am nächsten Kloster halt machen, staune ich über ein interessantes Geschäftsmodell: Hier stehen Leute herum, die Tauben verkaufen. Die kann man dann fliegen lassen und sich was wünschen. Brautleute kaufen Tauben käfigweise. Woher die ganzen Tauben kommen? Wahrscheinlich vom Jeriwaner Taubenmann, der damit seinen Lebensunterhalt verdient und ansonsten Vegetarier ist, und abends gerne schmalzige Soaps am Fernseher ansieht.