Aussteigen für ein Jahr

Vielen Dank für Ihr Interesse an meinem Blog “Aussteigen für ein Jahr”. Am 1. April geht es los und ich möchte versuchen, das Projekt ausführlich zu dokumentieren. Mir war aufgefallen, dass es im Internet und auf dem Büchermarkt zwar viele Erfahrungsberichte zum Thema “Aussteigen” gibt, aber nichts , was wirklich von A bis Z beschreibt was geschehen kann und passieren muss. Die nachfolgenden Artikel erscheinen in chronologischer Reihenfolge – die aktuellsten zuerst. Die Beiträge oben berichten in Tagebuchform über unsere Erlebnisse. Wenn Sie die verschiedenen Beitragskategorien komplett anschauen wollen, so nutzen Sie bitte oben die Navigationsleiste.

Worum geht es?

Wir haben unser Haus verkauft, um nicht nur mit kleinem Gepäck zu reisen, sondern auch, um nach Abschluss des Projektes irgendwo neu anfangen zu können. Es fühlt sich falsch an, wenn man aussteigen will, um exakt dorthin zurückzukehren, wo alles begann. Dieses “Nicht zurück Können” beeinflusst Entscheidungen maßgeblich und definiert unser Projekt als etwas anderes als “nur” einen längeren Urlaub.

Wir reisen in einem Ford Pickup mit Wohnkabine und werden etwa 15.000 – 20.000 Kilometer im Dreieck aus Nordkapp, Kaukasus und Sahara unterwegs sein mit längeren Aufenthalten auf den Lofoten, in Marokko und in Georgien. Mit dabei ist unser Hund Michel. Finanziert wird das alles nicht durch Reichtum, sondern ausschließlich durch Einkünfte aus digitalem Nomadentum.

Minus 15 – So wie immer

Wie soll das unterwegs mit dem Arbeiten gehen.? Eigentlich so wie immer: Wenn ich gutes WLAN habe kann ich arbeiten, wenn nicht, dann nicht.

Man ist in Deutschand nicht gerade verwöhnt mit schnellem und überall erreichbarem Internet. Das wird in Albanien oder Montenegro auch nicht schlechter sein.

Wenn ich online bin kann ich schreiben , mich um die technischen Probleme meiner Kunden kümmern, Projekte koordinieren und mich per Mail oder Telefon im Team abstimmen – also alles wie immer?

Eigentlich schon, denn die wichtigen Leute sehe ich auch jetzt sehr selten. Zudem habe ich in den letzten Monaten viel Wert auf die Schaffung von so genanntem “Regelmäßigen Grundeinkommen” gelegt. Das sind von langer Hand angelegte Projekte, die bislang nur Geld und Arbeit gekostet haben, jetzt aber so langsam erste Früchte tragen.

Dieser Reiseblog z.B. wird von alleine laufen, sobald ich die kritische Anzahl von täglichen Klicks erreicht habe, die es braucht. Die bekommt man aber nur durch gute Themen und tolle Bilder – damit kann ich noch nicht dienen – bald werde ich aussortieren müssen, über was ich blogge und über was nicht.

Frage ist nur, ob ich wirklich immer Lust habe was zu tun. Das hat allerdings die Erfahrung mit vielen Wohnmobiltouren schon gezeigt: ich bin unterwegs kreativer, schneller und vor allem konzentrierter. Ich hab da nichts mehr um die Ohren. Ich für mich bin sicher: Die Arbeit wird nicht das Problem sein.

Minus 16 – Die eigene Kraft

Würde ich derzeit auf den mentalen Lukas hauen, ich würde nicht einmal das Angeber-Niveau erreichen. Gerade in einer Zeit, in der man sich auf seine Ressourcen verlassen können sollte, bin ich platt wie Flasche leer – Glückwunsch nachträglich an Guiseppe Trappatoni zum 80. Geburstag!

Andererseits: ich denke dass ich es auch nur bis zum 1. April schaffen muss, danach gibt es keine Aufgaben mehr, die ich zu lösen hab, keinen Stress mehr, dem ich mich stellen muss und wahrscheinlich auch eine Menge Verantwortlichkeiten weniger.

Komisch, dass die Vorbereitungen zum Stressabbau so stressig sind.


Minus 17 – Stephan Grünewald

Stephan Grünewald schreibt sehr intelligente Sachen, die man sehr gut verstehen kann. In seinem Buch “Wie tickt Deutschland?” erklärt er uns das eigentliche Problem unseres fast schon familiären Verhältnisses zu Mutter Merkel und er definiert unsere Lebenswelt in ein “Innen” (das Auenland) und ein “Draußen” ( das Grauenland). Wir fühlen uns einigernmaßen sicher drinnen und fürchten noch mehr , was draußen ist das, was reinkommen könnte – z. B. Flüchtlinge.

Doch das Leben im schönen Auenland ist nicht mehr wie früher. Es scheint, wir können nicht mehr alles was uns belastet Mutter Merkel überlassen, weil die sich in der Flüchtlingkrise als eher unzuverlässig erwiesen hat und das Böse schafft sich auch im eigenen Land Raum und wird zum Exportschlager – z.B. der Dieselskandal. Es müffelt im Auenland…

Die Globalisierung, Bedrohung durch den Islam, Plastik in den Weltmeeren – da kann der einzelne eh nichts machen – das ist wie die Pest: Ist halt so. Soll Mutter Merkel das mal richten. Aber der Flüchtling auf der Straße, der hat ein Gesicht, da kann man reinhauen.

Eine undurchlässige Membran zwischen Auenland und Grauenland verhindert Entwicklung. “Wie ticken die Deutschen? von Stephan Grünewald – ein Must-Read – nicht nur als Motivationshilfe für Aussteiger.

Minus 18 – Unwohlsein

Ich habe absolutes Verständnis für jede Art von Entscheidungen, die begründet sind. Wer sich Gedanken macht, macht alles richtig. Etwas unwohl wird mir aber beim Gedanken, ob das, was man tut richtig ist und wenn ja dann für wen.

Schüler auf Freitagsdemos werfen mir vor, dass ich Ihre Zukunft bereits zerstört hätte. Ihr Kinder…

Wenn ihr mal groß sein möget, dann werdet ihr auch keine anderen Ziele haben, als möglichst schnell möglichst viel auf eure Seite zu bringen oder über euer Unglück zu lamentieren. Dem Menschen liegt es halt nicht im Blut, Macht nicht zu missbrauchen.

Ich höre ein Interview mit einer der Führungspersönlichkeiten der Schülerbewegung. Allein ihr Dasein bedingt schon ihre Teilhabe an der Kollektivschuld. Eins hab ich auf jeden Fall mit Ihr gemeinsam: Wir werden die Welt beide nicht retten können.

Minus 20 – Surreal

Am Sonntag bin ich durch Warstein gelaufen. Ich hab da eine wunderschöne Jugend erlebt, lange in einer damals ziemlich lebendigen Stadt gearbeitet. Damals gab es drei Zeitungen – ziemlich viel für so eine kleine Stadt. Aber als Journalist hat das Spaß gemacht – schneller, witziger, besser sein zu können als die Kollegen und sich über Niederlagen zu ärgern – das hat’s ausgemacht. Dann hat ein paar Jahre nach meiner Kündigung mein damaliger Arbeitgeber die erste Redaktion geschlossen und vor ein paar Wochen hat die zweite Lokalredaktion dichtgemacht. Minus 20 – Surreal weiterlesen

Minus 21 – Was hat Sahra Wagenknecht?

Mit einer Mischung aus Spott und Häme kommentiert Politiker-Deutschland die Entscheidung von Sahra Wagenknecht, keine führende Rolle mehr bei “Aufstehen” und in der Linken-Fraktion ausüben zu wollen.Sie redet von Gesundheit und von Grenzen, die sie nicht mehr überschreiten möchte. Wer wie sie stets am Rande des Machbaren navigiert, der weiß, was mit ihr los ist, und welche Größe es braucht für so einen würdigen Abschied. Minus 21 – Was hat Sahra Wagenknecht? weiterlesen

Minus 22 – Lieblingsladen

Seit ich für’s Wohnen bezahle ist IKEA mein absoluter Lieblingsladen. Die Gründe liegen auf der Hand: Es gibt hier wenigstens was zu Essen. Gestern waren wir zum letzten Mal in diesem Tempel der Wohnkultur – und es ging rasend schnell – weil nun mal wirklich nichts, was sonst wie automatisch in den Einkaufswagen wandert, der kritischen Prüfung standhielt. “Brauchen wir alles nicht!” Ohne Haus und Wohnung läuft man durch IKEA wie ein satter Tiger durch den Metzgerladen. Minus 22 – Lieblingsladen weiterlesen

Minus 23 – Wohnmobil oder Wohnkabine?

Als ich damals meinen T6 Westfalia beim freundlichen Wohnkabinenhändler in Zahlung geben wollte, winkte der nur ab: “Dafür hab ich hier nicht das Publikum!” Wieso, dachte ich, Wohnmobil ist Wohnmobil. Heute ist 5 Monate später, ich habe mich etwas mit der Thematik auseinandergesetzt und habe feststellen müssen: Es gibt nur zwei Arten von Nutzern: Die einen, das sind die Kapitäne der Landstraße in ihren weißen Dampfern, die anderen, das sind die Piraten. Sicher hat so mancher Dickschiff-Kommandant eine schwarze Seele und genauso sicher ist mancher Pirat ein absolutes Stellplatz-Weichei, aber in einem unterscheiden sich beide Gruppen ganz wesentlich: Die einen fahren Wohnmobil, die anderen was anderes…

Minus 24 – Glück

Manchmal frage ich mich, ob das Streben nach Glück, so wie es in der amerikanischen Verfassung steht, wirklich definiert werden kann. Ich für mich weiß, dass Glück bedeutet, sinnlos Zeit verplempern zu können. Gut, ab einem gewissen Alter ist das kontraproduktiv, aber wer sagt, dass ich in den kommenden 12 Monaten wirklich dies und das machen muss? Ich muss etwas Geld verdienen und ich muss den Ford auf der Straße halten. Aber ich werde auch in der Sonne rumliegen, einen Platz finden mit zwei perfekten Bäumen für meine Hängematte und ich werd mich in Wellen werfen bis ich müde bin – und Namen von Bergen auswendig lernen.

Sinnlos Zeit verplempern, das werden die amerikanischen Gründerväter nicht im Sinn gehabt haben. Denen ging es wohl eher darum, sich bemühen zu dürfen, unskalpiert den Westen zu erreichen oder nach Gold graben zu dürfen wo und wann man will. Heute definiert der Amerikaner an sich es als größtes Glück auf alles schießen zu dürfen, was nicht bei drei auf dem Baum ist und zum Doppelwhopper einen Liter Cola zu bekommen. Aber wenn selbst ein Volk, dass das Streben nach Glück seit über 200 Jahren als verfassungsmäßigen Auftrag zu erfüllen hat, daraus nicht was wirklich sinnvolles basteln kann, wie soll’s mir dann gelingen?

Glück lässt sich da wohl nicht wirklich auf eine Formel bringen. Ich finde, Glück ist etwas, für was man nichts kann. Danach zu streben heißt sich davon zu entfernen.

Oder meinten George Washington und Co. gar nicht mal das Streben nach Glück an sich, sondern eher die staatspolitisch grundsätzlich positive Haltung dazu, nämlich behördlicher-, juristischer- und politischerseits nichts dagehen zu haben, wenn ein Untertan das wirklich tut.

Vielleicht ist das auch nur falsch abgeschrieben worden nach einer stressigen Verhandlungsnacht. Vielleicht ging es doch eher um Zufriedenheit, um satt sein und Freiheit.

Glück ist immer was anderes, Glück ist ein kaltes Hefeweizen zu bekommen wenn es heißt ist. Und das was klappt. Glücklich ist, wer frei Entscheidungen treffen kann, die gut für ihn sind – und wer es nicht verbockt. Wo Glück nicht weilt ist auch keine Kreativität zu finden.

Glück ist ein sehr fragiles Gut und allzuschnell liegt es in Scherben, und dass die das Glück zurückbringen ist nicht mehr als ein Gerücht.

Von Warstein über den Kaukasus in die Sahara