17. Etappe: Tiflis – Tanger

Unsere Kaukasus-Etappen sind erledigt und wir müssen uns langsam auf das nächste Ziel vorbereiten: Ende Januar wollen wir in Marocco sein, das sind rund 6000 Kilometer. Wir haben uns jetzt in Tiflis ein Appartement gemietet um in aller Ruhe ein paar Vorbereitungen zu treffen und zu planen. Außerdem: Es ist Winter im Kaukasus – und da ist es sehr kalt.

Es ist ungewohnt, in den eigenen 4 Wänden zu leben und ich bin sehr unruhig beim Gedanken, dass unser Auto da draußen unbeaufsichtigt an der Straße steht. Auf der Suche nach einem passenden Parkplatz habe ich ein Auto geschrammt und ziemlich verkratzt. Nichts besonders schlimmes, aber in Deutschland hätte das ein Riesentheater mit Polizei, Versicherung, Kostenvoranschlag gegeben – hier ist das Thema ohne Diskussion und in sehr entspannter Atmosphäre mit 100 Euro aus der Welt.

Abends im Appartement bleibt die Unruhe – ich wäre jetzt lieber irgendwo in einem dunklen Wald. Ganz im Ernst: Ich würde mich da sicherer fühlen. Es ist erstaunlich, wie schnell die Psyche sich an dieses Reiseleben gewöhnt hat und jetzt einen Lebensstil verteidigt, der mir vor einem Jahr noch eher unwohl war.

Die Fähre von Igoumenitsa nach Venedig oder Ancona wird fix für den 20. Dezember gebucht, damit wir uns das nicht alles noch zigmal anders überlegen. Offen lassen wollen wir uns, ob wir ab Savona mit der Fähre nach Tanger fahren oder den Landweg über Spanien nutzen.

Derzeit ist alles nicht so einfach – das Leben im Appartement stellt sich als nicht so beruhigend und erholsam heraus, wie wir uns das vorgestellt haben und das Herumfahren fehlt uns offensichtlich ebenso wie die Überschaubarkeit eines Parkplatzes mit unserem Auto drauf.

Hier in Tbilisi herrscht eine seltsame Atmosphäre. In der Stadt wird gegen die Regierung demonstriert und die Polizei reagiert über. Andererseits habe ich den Eindruck, als dass diese “weiche Revolution” nach Armenischem Vorbild hier nicht von der breiten Bevölkerungsmehrheit getragen wird. Wir wissen zu wenig, sehen nur, dass dass da 10 Polizeiwagen die 20 Zelte im Demonstrantencamp bewachen, während 100 Meter weiter die Massen in ein weihnachtlich geschmücktes Kaufhaus strömen und mit Taschen voll bepackt wieder herauskommen.

Protestcamp vor dem Parlament – Eine Massenbewegung ist das noch nicht.

Und dann überall die Bettler – Alte und Behinderte fallen hier entweder durch ein Raster, oder es ist ein unglaublich guter Job, den ganzen Tag in der Kälte zu stehen. Gestern habe ich eine junge Frau beobachtet, die im Trubel einer Einkaufszone ihr schwer geistig behindertes Kind zu bändigen versuchte. Die Szene strömte so viel Verzweiflung und Überforderung aus, dass man einfach spenden musste. Andererseits: ich habe mir das ein paar Minuten angesehen und grob hochgerechnet, dass die Frau in der Stunde bis zu 60 Lari einsammelt – etwa 20 Euro. Das ist mehr, als ein Arzt hier im Krankenhaus verdient.


Die Georgier geben gerne und behandeln diese Leute mit Respekt, da Geben auch Teil der georgisch-orthodoxen Kirche ist. Die Bettler sind arm, alt und vor allem krank. Keiner hat ordentliche Zähne, manche sitzen da mit eitrig entzündeten Augen oder leiden an Folgen von Kriegsverletzungen oder jahrelang unbehandelten Krankheiten. An unserem Parkplatz sitzt eine Frau, die schreit den ganzen Tag. Neulich lag ein Kind auf einem Stück Pappe abends um 10 bei Null Grad. Nicht mal die Polizei kümmert das.

Ich kann es nicht ändern, und dass wir jeden Tag zwischen rund zehn Euro Spenden macht es ja nicht besser.



Den Hunden geht es hier besser als vielen Menschen.

Ich will nicht flüchten vor diesem Trubel und der ständigen Konfrontation mit Politik, gesellschaftlichen Schieflagen, unerträglichem Menschenleid, Tierleid, sozialer Ungerechtigkeit und was einem hier – 5000 Kilometer von Zuhause – wie in jeder Großstadt sonst noch alles auf’s Gemüt schlagen kann, aber ich höre laut den Ruf der Straße und vier Wochen werden wir hier auf keinen Fall bleiben. Das kommt halt dabei heraus, wenn man wirklich tief eintaucht und nicht einfach nur durchfährt.

Dann endlich wieder unterwegs – im Appartement hatte mich die Großstadt mit ihren auf der Hand liegenden Vorzügen etwas eingelullert, aber bei der Planung der nächsten Wochen lief eine Problemliste auf, die man auf der Reise nicht so mit sich herumschleppt. Wird das Auto anspringen, wird Levan das Strafmandat bezahlen, werde ich in der Türkei ordentlich versichert sein? All so Sachen. Unterwegs sein heißt Probleme lösen, das liegt in der Natur der Sache, sonst kommt man nicht vorwärts. Ein fester Wohnsitz heißt Probleme sammeln.

Die Skyline von Batoumi – aus der Ferne beeindruckender als in Wirklichkeit

Auch belastete mich in Tbilisi die Situation der Menschen sehr. Während die Bettler manchmal weit über eine Anstandsgrenze hinaus ihre Armut und/oder Versehrtheit präsentieren, ist es bei den Arbeitslosen eher dieses stetige Herumstehen ohne etwas zu tun zu haben, was die Situation auf den Märkten und in den Unterführungen prägt. Wir sind außer ein paar Chinesen wirklich die einzigen Touristen und uns steht ein Meer von Türstehern, Werbemädchen, Tourguides und Prospektverteilern gegenüber, die in der Hoffnung auf ein Paar Lari den ganzen Tag Dinge anpreisen, die im Dezember 2019 nun mal zur Zeit niemand braucht. Jeder zweite Tbililiser scheint Taxifahrer zu sein, aber es gibt keine Fahrgäste. Iwan mit dem unaussprechlichen Nachnamen bekommt jeden Tag 10 Lari von uns, um auf dem großen Parkplatz an der Nationalbank ein Auge auf unser Auto zu werfen. Er lässt den Ranger nicht aus den Augen und erzählt uns Abends stolz, dass er insgesamt pro Tag etwa 30 Lari bekommt, weil er Autofahrer in die engen Parkbuchten einweist. 10 Tage pro Monat muss er das allein machen, um die finanzierte Waschmaschine abzubezahlen.

Levan hat uns für 50 Euro einen gebrauchten Reservereifen besorgt, ist aber nicht in der Lage, uns die 20 Euro, die wir ihm vor 14 Tagen geliehen haben zurückzugeben. Der Taxifahrer wartet auf das Geld für seine Touren nach Stepantsminda. Wenn er abends keine Whatsapps „Ho are you my brotha?“ schickt weiß ich, dass er wieder kein Gutachten auf dem Handy hat.

Auf der anderen Seite gibt es hier eine spürbare Aufbruchsstimmung und ich schaue gern den attraktiven jungen Menschen hinterher, den flippigen Skatern und freue mich über die diskutierende Studenten in den Cafes. Tbilisi ist so gänzlich anders als das übersichtliche Jerivan oder das verrückte Baku. Vor allem ist es ein Land, in dem sich Kreativität und Einfallsreichtum noch auszahlt. Viele Menschen wissen genau, wie man diese Aufbruchsstimmung ausnutzt. Z.B. die Entwickler dieser ganzen Apps, die das Großstadtleben mittlerweile organisieren und z.B. beim Einkaufen helfen.

14 Tage sind Tbilisi sind jetzt wirklich genug und wir verlassen den Kaukasus in Richtung Batoumi, vorbei an den imponierenden Bergriesen im Norden, die allesamt schneebedeckt sind und ein tolles Abschiedsbild ergeben. Wir erreichen das 390 Kilometer entfernten Badeort am Schwarzen Meer nach etwa 7 Stunden Fahrt und erleben eine gemütliche Nacht am Meer. Nach 10 Minuten googeln und schrauben springt sogar die Heizung wieder an und das endlich wieder strömende Gas nimmt den – 5 Grad der Nacht den Schrecken. Die erste von 4 Etappen über 2600 Kilometer Richtung Igoumenitsa ist geschafft.

Am zweiten Tag fülle ich an einer LPG Station meine Gasflaschen auf. Die guten Erfahrungen der letzten 10 Füllungen machen mich nachlässig und ich kontrolliere nicht, ob wirklich nur 5 Kilogramm pro Flasche aufgefüllt werden. Die Reise geht nach Batoumi. Die Boomtown an der türkischen Grenze beeindruckt durch ein unglaubliches Wachstum, angetrieben von unzähligen Casinos, die vor allem Glücksspieler aus der Türkei anlocken.

Abends finden wir bei Rize an der Schwarzmeerküste einen tollen Stellplatz an einem kleinen Fischerhafen. Am frühen morgen habe ich das Gefühl, als würden die Belecker Sturmtagskanoniere mir was zum Frühstück böllern! Wir schrecken hoch und ich muss leider feststellen, dass es im Auspuffsyszem unserer Heizung zu zwei mächtigen Gasexplosionen gekommen ist – offensichtlich, weil zuviel Druck auf der Gasflasche war und sich der Gasdruckregler irgendwie verabschiedet hat. Uns klingeln die Ohren! Konsequenz daraus: Die Heizung springt nicht mehr an und wir müssen nach einem Tag mit anstrengenden 800 Kilometer im Kreuz eine Nacht bei Minus drei Grad ohne Heizung verbringen. Das geht, aber das Aufstehen fällt unglaublich schwer, und so machen wir uns früh auf den Weg der 4. Etappe.

Wir entscheiden uns, auf dem Weg zur griechischen gGenze ein Stück Autobahn zu nehmen und denn über die Bosporus-Brücke in Europa einzureisen. An einer Raststätte erfahren wir an einer Polizeistation, dass man die Vignetten vorher kaufen muss. Was nun? Ein flippiger Drogenpolizist setzt sich in unser Auto und gibt auf dem Navi einen Ort ein, an dem wir mit Bargeld für die Brückenüberfahrt zahlen können. Vorher hatte uns ein Typ in Handschellen erklärt, wie das hier läuft mit den Autobahngebühren. Wir verlassen die Autobahn und ignorieren, dass die Mautstelle uns ein paar Sirenen-Töne hinterherschickt. Sollen sie sich beim Erdogan beschweren…

Nächstes Problem: Die Brücke ist nicht zu erreichen ohne Autobahn und wir beschließen, es mit der Autofähre zu versuchen und alle unsere Sorgen lösen sich in Luft auf: Wir zahlen 3 Euro für die etwa halbstündige Fahrt über den Bosporus und erreichen vier Stunden später die Grenze nach Griechenland. Ein mit mächtigem Schnauzbart wackelnder Grenzbeamter ruft uns ein fröhliches “Heil Hitler” hinterher und wir sind irgendwie froh, nach 5 Monaten Türkei und Kauskasus wieder in Europa zu sein. Die griechischen Grenzbeamten winken uns durch – “Willkommen zuhause!”

Auf einem Camingplatz in Alexandropolus ruhen wir uns aus, bevor es nach Thessaloniki geht, wo ein Experte für Wohnmobile sitzt, der uns hoffentlich mit der Gasheizung helfen kann.

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