17. Etappe: Tiflis – Tanger (25. November – 2. Februar 2020)

Unsere Kaukasus-Etappen sind erledigt und wir müssen uns langsam auf das nächste Ziel vorbereiten: Ende Januar wollen wir in Marocco sein, das sind rund 6000 Kilometer. Wir haben uns jetzt in Tiflis ein Appartement gemietet um in aller Ruhe ein paar Vorbereitungen zu treffen und zu planen. Außerdem: Es ist Winter im Kaukasus – und da ist es sehr kalt.

Es ist ungewohnt, in den eigenen 4 Wänden zu leben und ich bin sehr unruhig beim Gedanken, dass unser Auto da draußen unbeaufsichtigt an der Straße steht. Auf der Suche nach einem passenden Parkplatz habe ich ein Auto geschrammt und ziemlich verkratzt. Nichts besonders schlimmes, aber in Deutschland hätte das ein Riesentheater mit Polizei, Versicherung, Kostenvoranschlag gegeben – hier ist das Thema ohne Diskussion und in sehr entspannter Atmosphäre mit 100 Euro aus der Welt.

Abends im Appartement bleibt die Unruhe – ich wäre jetzt lieber irgendwo in einem dunklen Wald. Ganz im Ernst: Ich würde mich da sicherer fühlen. Es ist erstaunlich, wie schnell die Psyche sich an dieses Reiseleben gewöhnt hat und jetzt einen Lebensstil verteidigt, der mir vor einem Jahr noch eher unwohl war.

Die Fähre von Igoumenitsa nach Venedig oder Ancona wird fix für den 20. Dezember gebucht, damit wir uns das nicht alles noch zigmal anders überlegen. Offen lassen wollen wir uns, ob wir ab Savona mit der Fähre nach Tanger fahren oder den Landweg über Spanien nutzen.

Derzeit ist alles nicht so einfach – das Leben im Appartement stellt sich als nicht so beruhigend und erholsam heraus, wie wir uns das vorgestellt haben und das Herumfahren fehlt uns offensichtlich ebenso wie die Überschaubarkeit eines Parkplatzes mit unserem Auto drauf.

Hier in Tbilisi herrscht eine seltsame Atmosphäre. In der Stadt wird gegen die Regierung demonstriert und die Polizei reagiert über. Andererseits habe ich den Eindruck, als dass diese “weiche Revolution” nach Armenischem Vorbild hier nicht von der breiten Bevölkerungsmehrheit getragen wird. Wir wissen zu wenig, sehen nur, dass dass da 10 Polizeiwagen die 20 Zelte im Demonstrantencamp bewachen, während 100 Meter weiter die Massen in ein weihnachtlich geschmücktes Kaufhaus strömen und mit Taschen voll bepackt wieder herauskommen.

Protestcamp vor dem Parlament – Eine Massenbewegung ist das noch nicht.

Und dann überall die Bettler – Alte und Behinderte fallen hier entweder durch ein Raster, oder es ist ein unglaublich guter Job, den ganzen Tag in der Kälte zu stehen. Gestern habe ich eine junge Frau beobachtet, die im Trubel einer Einkaufszone ihr schwer geistig behindertes Kind zu bändigen versuchte. Die Szene strömte so viel Verzweiflung und Überforderung aus, dass man einfach spenden musste. Andererseits: ich habe mir das ein paar Minuten angesehen und grob hochgerechnet, dass die Frau in der Stunde bis zu 60 Lari einsammelt – etwa 20 Euro. Das ist mehr, als ein Arzt hier im Krankenhaus verdient.

Die Georgier geben gerne und behandeln diese Leute mit Respekt, da Geben auch Teil der georgisch-orthodoxen Kirche ist. Die Bettler sind arm, alt und vor allem krank. Keiner hat ordentliche Zähne, manche sitzen da mit eitrig entzündeten Augen oder leiden an Folgen von Kriegsverletzungen oder jahrelang unbehandelten Krankheiten. An unserem Parkplatz sitzt eine Frau, die schreit den ganzen Tag. Neulich lag ein Kind auf einem Stück Pappe abends um 10 bei Null Grad. Nicht mal die Polizei kümmert das.

Ich kann es nicht ändern, und dass wir jeden Tag zwischen rund zehn Euro Spenden macht es ja nicht besser.

Den Hunden geht es hier besser als vielen Menschen.

Ich will nicht flüchten vor diesem Trubel und der ständigen Konfrontation mit Politik, gesellschaftlichen Schieflagen, unerträglichem Menschenleid, Tierleid, sozialer Ungerechtigkeit und was einem hier – 5000 Kilometer von Zuhause – wie in jeder Großstadt sonst noch alles auf’s Gemüt schlagen kann, aber ich höre laut den Ruf der Straße und vier Wochen werden wir hier auf keinen Fall bleiben. Das kommt halt dabei heraus, wenn man wirklich tief eintaucht und nicht einfach nur durchfährt.

Dann endlich wieder unterwegs – im Appartement hatte mich die Großstadt mit ihren auf der Hand liegenden Vorzügen etwas eingelullert, aber bei der Planung der nächsten Wochen lief eine Problemliste auf, die man auf der Reise nicht so mit sich herumschleppt. Wird das Auto anspringen, wird Levan das Strafmandat bezahlen, werde ich in der Türkei ordentlich versichert sein? All so Sachen. Unterwegs sein heißt Probleme lösen, das liegt in der Natur der Sache, sonst kommt man nicht vorwärts. Ein fester Wohnsitz heißt Probleme sammeln.

Die Skyline von Batoumi – aus der Ferne beeindruckender als in Wirklichkeit

Auch belastete mich in Tbilisi die Situation der Menschen sehr. Während die Bettler manchmal weit über eine Anstandsgrenze hinaus ihre Armut und/oder Versehrtheit präsentieren, ist es bei den Arbeitslosen eher dieses stetige Herumstehen ohne etwas zu tun zu haben, was die Situation auf den Märkten und in den Unterführungen prägt. Wir sind außer ein paar Chinesen wirklich die einzigen Touristen und uns steht ein Meer von Türstehern, Werbemädchen, Tourguides und Prospektverteilern gegenüber, die in der Hoffnung auf ein Paar Lari den ganzen Tag Dinge anpreisen, die im Dezember 2019 nun mal zur Zeit niemand braucht. Jeder zweite Tbililiser scheint Taxifahrer zu sein, aber es gibt keine Fahrgäste. Iwan mit dem unaussprechlichen Nachnamen bekommt jeden Tag 10 Lari von uns, um auf dem großen Parkplatz an der Nationalbank ein Auge auf unser Auto zu werfen. Er lässt den Ranger nicht aus den Augen und erzählt uns Abends stolz, dass er insgesamt pro Tag etwa 30 Lari bekommt, weil er Autofahrer in die engen Parkbuchten einweist. 10 Tage pro Monat muss er das allein machen, um die finanzierte Waschmaschine abzubezahlen.

Levan hat uns für 50 Euro einen gebrauchten Reservereifen besorgt, ist aber nicht in der Lage, uns die 20 Euro, die wir ihm vor 14 Tagen geliehen haben zurückzugeben. Der Taxifahrer wartet auf das Geld für seine Touren nach Stepantsminda. Wenn er abends keine Whatsapps „Ho are you my brotha?“ schickt weiß ich, dass er wieder kein Gutachten auf dem Handy hat.

Auf der anderen Seite gibt es hier eine spürbare Aufbruchsstimmung und ich schaue gern den attraktiven jungen Menschen hinterher, den flippigen Skatern und freue mich über die diskutierende Studenten in den Cafes. Tbilisi ist so gänzlich anders als das übersichtliche Jerivan oder das verrückte Baku. Vor allem ist es ein Land, in dem sich Kreativität und Einfallsreichtum noch auszahlt. Viele Menschen wissen genau, wie man diese Aufbruchsstimmung ausnutzt. Z.B. die Entwickler dieser ganzen Apps, die das Großstadtleben mittlerweile organisieren und z.B. beim Einkaufen helfen.

14 Tage sind Tbilisi sind jetzt wirklich genug und wir verlassen den Kaukasus in Richtung Batoumi, vorbei an den imponierenden Bergriesen im Norden, die allesamt schneebedeckt sind und ein tolles Abschiedsbild ergeben. Wir erreichen das 390 Kilometer entfernten Badeort am Schwarzen Meer nach etwa 7 Stunden Fahrt und erleben eine gemütliche Nacht am Meer. Nach 10 Minuten googeln und schrauben springt sogar die Heizung wieder an und das endlich wieder strömende Gas nimmt den – 5 Grad der Nacht den Schrecken. Die erste von 4 Etappen über 2600 Kilometer Richtung Igoumenitsa ist geschafft.

Am zweiten Tag fülle ich an einer LPG Station meine Gasflaschen auf. Die guten Erfahrungen der letzten 10 Füllungen machen mich nachlässig und ich kontrolliere nicht, ob wirklich nur 5 Kilogramm pro Flasche aufgefüllt werden. Die Reise geht nach Batoumi. Die Boomtown an der türkischen Grenze beeindruckt durch ein unglaubliches Wachstum, angetrieben von unzähligen Casinos, die vor allem Glücksspieler aus der Türkei anlocken.

Abends finden wir bei Rize an der Schwarzmeerküste einen tollen Stellplatz an einem kleinen Fischerhafen. Am frühen morgen habe ich das Gefühl, als würden die Belecker Sturmtagskanoniere mir was zum Frühstück böllern! Wir schrecken hoch und ich muss leider feststellen, dass es im Auspuffsyszem unserer Heizung zu zwei mächtigen Gasexplosionen gekommen ist. Uns klingeln die Ohren! Konsequenz daraus: Die Heizung springt nicht mehr an und wir müssen nach einem Tag mit anstrengenden 800 Kilometer im Kreuz eine Nacht bei Minus drei Grad ohne Heizung verbringen. Das geht, aber das Aufstehen fällt unglaublich schwer, und so machen wir uns früh auf den Weg der 4. Etappe.

Wir entscheiden uns, auf dem Weg zur griechischen Grenze ein Stück Autobahn zu nehmen und denn über die Bosporus-Brücke in Europa einzureisen. An einer Raststätte erfahren wir an einer Polizeistation, dass man die Vignetten vorher kaufen muss. Was nun? Ein flippiger Drogenpolizist setzt sich in unser Auto und gibt auf dem Navi einen Ort ein, an dem wir mit Bargeld für die Brückenüberfahrt zahlen können. Vorher hatte uns ein Typ in Handschellen erklärt, wie das hier läuft mit den Autobahngebühren. Wir verlassen die Autobahn und ignorieren, dass die Mautstelle uns ein paar Sirenen-Töne hinterherschickt. Sollen sie sich beim Erdogan beschweren…

Auf dem Bosporus ist fast so viel los wie auf den Straßen Istanbuls.

Nächstes Problem: Die Brücke ist nicht zu erreichen ohne Autobahn und wir beschließen, es mit der Autofähre zu versuchen und alle unsere Sorgen lösen sich in Luft auf: Wir zahlen 3 Euro für die etwa halbstündige Fahrt über den Bosporus und erreichen vier Stunden später die Grenze nach Griechenland. Ein mit mächtigem Schnauzbart wackelnder Grenzbeamter ruft uns ein fröhliches “Heil Hitler” hinterher und wir sind irgendwie froh, nach 5 Monaten Türkei und Kauskasus wieder in Europa zu sein. Die griechischen Grenzbeamten winken uns durch – “Willkommen zuhause!”

Mit Ralf und Gabi aus Duisburg stehen wir frei an einem Strand.

Auf einem Camingplatz in Alexandropolus ruhen wir uns aus und wir lernen Gabi und Ralf kennen, die mit einem Mercedes-Expeditionsmobil noch drei Monate länger unterwegs sind als wir. Gemeinsam reisen wir zu den heißen Quellen bei Kavala. Hier kann man in der freien Natur in der Nähe von verlassenen Heilbad-Gemäuern bei knapp 40 Grad Wassertemperaturen Schwefelbäder genießen.

Fast zu heiß um wahr zu sein: Die Schwefelquellen bei Kavala.

Später reisen wir gemeinsam zu einem Strand auf dem mittleren Chaldiki-Finger, wo wir das Freistehen am menschenleeren Strand genießen. Griechenland ist gesegnet mit solch phantastischen Plätzen.

Allerdings lässt mich der Heizungsstress nicht ruhen und wir brechen nach drei Tagen auf nach Thessaloniki. Da man uns hier aber auch nicht helfen kann und in 5 Tagen die Fähre geht, machen wir uns auf den Weg durch die Berge nach Igoumenitsa. Wir erleben unvergessliche Kilometer und sind auf den verschneiten Bergpässen fast allein unterwegs. Griechenland ist unglaublich bergig. Rechts und links türmen sich die 3000er auf, sogar ein Skigebiet passieren wir.

In Igoumenitsa finden wir den einzigen noch offenen Campingplatz und freuen uns auf die drei Tage bis zur Abfahrt der Fähre. Unsere Heizung läuft mit Strom, der Kühlschrank ist voll und für 16 Euro/Tag haben wir bei Temperaturen bis zu 20 Grad einen Luxusplatz direkt am Meer.

Wir sind hier neben den Brauns von Nebenan die einzigen Gäste. Andrea und Nikita aus Stade (www.qm-braun.de) beraten Firmen und kümmern sich um Buchungen und Jahresabschlüsse. Die beiden sind Dauercamper und haben sich den großen Wohnwagen mit Luxus-Vorzelt zum Büro mit Meerblick ausgebaut – auch ein Model mit massig Work/Life-Balance. Ein paar Meter den Strand hoch haben sich Gabi und Ralle einen tollen Freisteh-Platz ergattert, aber bei aller Romantik, Abenteuerlust und Sparsamkeit: Ich liebe Campingplätze und werde definitiv aufhören, mir erzählen zu lassen wo ich stehen darf und wo nicht.

Unsere Fähre braucht 15 Stunden bis nach Italien

Nach drei Tagen steht das Einschiffen auf der Fähre an. Es läuft alles extrem stressfrei und die 15 Stunden Fahrzeit bis Ancona vergehen schnell, vor allem auch, weil wir eine Kabine gebucht hatten, in der Hunde mitreisen durften und wir alle drei prima schlafen konnten.

Morgens schaue ich mit den Kids auf Deck 6 Kinderfernsehen an und staune nicht schlecht: Barbie hat jetzt einen Hund der Welpen hinten rausdrückt wenn man ihm am Schwanz zieht. Die Welt scheint nicht besser geworden zu ein in unserer Abwesenheit.

Ancona haben wir dann schnell hinter uns gelassen und am frühen Abend bewahrheitetesich zum wiederholten Mal die Weisheit: Such dir keinen Stellplatz wenn es dunkel ist! Ich fahr mir zum 2. Mal die Markise ab und mittlerweile sind diese Pannen, die uns nicht aus der Bahn werfen, nur noch lustig. Wir tragen die Markise zum Stellplatz rüber und können uns vor Lachen kaum halten. Sollte das dämliche Ding noch ein einziges Mal runterfallen kommt es ins Altmetall.

Nächster Tag: Camping Reno in Sirolo ist nicht der Brüller und wir verbringen fast den ganzen Tag auf der Suche nach Alternativen für den Weihnachtsabend, werden aber nicht fündig, weil die meisten Campingplätze geschlossen haben. So nutzen wir den sonnigen Weihnachtsabend noch zu einem schönen Strandspaziergang und finden in Sirolo einen superschönen Strand, an dem man noch einmal die Seele baumeln lassen kann. Ein Handwerker im Ort richtet mir die verbeulte Halteschiene, und die Markise kann wieder montiert werden.

Urlaubsland Italien – Auch im tiefsten Winter ein Traum.

Am nächsten Morgen reisen wir weiter Richtung Toskana – noch nicht ahnend, welches Reisehighlight uns hier noch erwarten sollte. Wir landen in Assisi und die fußläufig vom Campingplatz aus erreichbare Stadt schlägt uns schnell in ihren Bann. Für Franz von Assisi interessieren wir uns nicht erst seit unseren Tagen im Franziskaner-Kloster Pupping und hier an seiner Wirkungsstätte atmen die alten Gemäuer noch intensiv seine Geschichte aus. Insbesondere die von ihm vor dem Verfall gerettete Kirche San Damiano ist atmosphärisch so dicht, dass man sich des Einflusses des Hl. Franz und der Hl. Clara kaum entziehen kann.

San Francesco – Hier wurde Franz von Assisi gegen seinen letzten Willen beigesetzt

Den ganzen Tag ziehen wir von Kirche zu Kirche und werden nicht müde uns zu überlegen, wie man das Gedankengut der Besitzlosigkeit in ein modernes Leben übertragen kann. Insbesondere seine konsequente Haltung zur Ansammlung von irdischen Reichtümern macht uns nachdenklich. Wir haben auf unserer Reise immer wieder Geld gespendet und irgendwie auch immer das Gefühl gahbt, als wenn wir es dreifach zurückbekommen hätten. Abends sehen wir uns die CD “Bruder Mond , Schwester Sonne” mit der unglaublichen Filmmusik von Donavan an und sind uns einig, dass Assisi sicherlich zu den Höhepunken unserer Reise gezählt werden kann. Mal schauen, was davon übrig bleibt.

Assisi ist aber auch eine reiche Stadt, die ihrem berühmten Sohn mit San Francesco eine Kathedrale gebaut hat, die sicherlich nicht in seinem Sinne gewesen wäre. Betteln scheint hier verboten und die Besucher sind alle wohlhabend.

Auf der Piazza in Siena finden sogar Pferderennen statt.

Das unglaubliche Siena ist nächster Punkt auf unserer Toscana-Tour. Es ist schön und sehenswert, aber Städte schlagen immer mächtig ins Reisebudget, was mich persönlich immer etwas ärgert. Konsequenz: Unser nächster Campingplatz in der Nähe von La Spezia ist ziemlich verlassen und erweist sich als absoluter Glücksgriff: Für 18 Euro haben wir hier Rundumversorgung inklusive Gratis-Shuttle zum Bahnhof, wo die Züge in Richtung Weltkulturerbe “Cinque Terre” im 30-Minutentakt.

Als wenn alles Beunruhigende und Schlechte einen Bogen machen würde um diese fünf Ortschaften an der Ligurischen Küste – und es ist, als ob die Zeit selbst diese malerischen Flecken vergessen hätte. Wir wandern con Monterossa nach Vernazza und schnaufen die unzähligen Stufen hinauf. Mehr als zwei der fünf Dörfer kann man sich nicht ansehen an einem Tag, da es immer noch sehr früh dunkel wird und es draußen kaum auszuhalten ist, sobald die Sonne versinkt.

Wie eine Landschaft aus dem Modellbau: Vernazza,

Wir bleiben gut eine Woche in Ligurien und staunen über die Cinque Terre, aber auch über das verschwunschene Portofino, das wie aus eine, italienischen Filmplakat der 60er Jahre entsprungen scheint.

Silvester ist es sehr ruhig auf dem Campingplatz und unser Michel braucht sich nicht in panischer Angst vor irgendwelchen Böllern verstecken.

Avignon – hier haben die Päpste “mal eben” eindrucksvoll Residenzen geschaffen.

Jetzt ist ein neues Jahr und das letzte Quartal unserer Aussteigen-für-ein-Jahr-Tour steht auf dem Programm. Als nächstes geht es in die Provence. Unser ursprünglicher Plan, in Nizza einen Freund aus Allagen zu treffen müssen wir leider fallen lassen, da es in der kompletten Region keinen Campingplatz gibt, der bereits geöffnet hat. Also geht es weiter in einen Ort namens Taradeau. Die winterliche Campingplatz-Realität hält den sommerlichen Beschreibungen nicht stand und so machen wir uns schnell wieder auf den Weg. Wir entscheiden uns für Avignon, weitere Stationen sind Montpellier und Perpignan. Die Carmarque zeigt sich von ihrer schönsten Seite und wir sehen tausende von Flamingos. Nachts ist es wirklich kalt und wir sind auf Stellplätze mit Strom angewiesen.

Der französische Charme tut der Reiseseele wohl, aber es ist alles so unverschämt teuer, dass wir beschließen, schnell nach Spanien zu kommen, wo die Lebenshaltungskosten angeblich nicht so hoch sein sollen. Wir würden gern mal in ein schickes französisches Restaurant gehen, aber das Budget für 3 Tage in einer Stunde zu verblasen passt uns dann doch noch nicht in den Kram.

Wir meiden Autobahnen, da die Maut die Reisekosten verdoppeln würde. Geld Ausgeben sparen wir uns für Barcelona auf. Auf dem Stellplatz kurz vor der spanischen Grenze lernen wir Uli aus Augsburg kennen, der uns wieder einmal eine dieser unglaublichen unglaubliche Lebensgeschichten erzählt, die Nicht-Reisende nur aus dem Fernsehen oder aus Büchern kennen. Er ist aus gesundheitlichen Gründen ausgestiegen und reist allein.

Auf den katalonischen Bergen liegt Schnee.

Wir bleiben nicht lang, denn es ist kalt in Perpignan und die 2 oder 3 Grad, die es in Barcelona wärmer ist, machen echt den Unterschied. Auf dem Weg in die katalanische Metropole sehen wir viele Transparente, die Unabhängigkeit Kataloniens fordern. Überall hängen die gelben Schleifen als Symbol für die Forderung nach Unabhängigkeit.

In Barcelona herrscht ein sehr angenehmes Klima und man kann bis zum Sonnenuntergang draußen sitzen – da ist es in Warstein dann schon stockdunkel

Barcelona muss im Frühling oder Sommer ein Traum sein, jetzt – bei Temperaturen um die 14 Grad und Regen macht es zwar Spass, aber es zieht uns doch deutlich weiter in den Süden. Ich habe einen Inspektionstermin für den Ford und freue mich über eine unschlagbar günstige Ausführung (200 Euro unter Deutschlandpreis) und darüber, dass ich über Garantie einen kostenlosen Austausch der angeschlagenen Starterbatterie erhalte. Die Ascii-App zeigt uns anschließend einen Campingplatz mit Sauna und da gibt es dann für Sylvia kein halten mehr. Der Platz ist allerdings eine mittlere Katastrophe, was die Atmosphäre angeht. Er ist voll besetzt und ich bin das einzige Allradfahrzeug. Länger als einen Tag halte ich dieses Vorgartenidylle mit Gartenzwerg und Co. nicht aus und wir halten uns diesemal mit Ioverlander an eine App, die passendere Übernachtungsplätze bietet in aller Regel. Aber auch Ioverlander floppt und führt uns mitten in die Pampa zu einem als Campingplatz getarnten Werkstattbetrieb für Allradfahrzeuge.

Einigermaßen bedient greifen wir auf Park4night zurück und finden endlich am späten Abend einen tollen Stellplatz mit Blick auf’s Meer und angenehmer Nachbarschaft. Sogar ein Überwinterer-Pärchen aus Warstein treffen wir hier. Engen Kontakt nehmen wir zu Claudia und Thommy von der Schwäbischen Alp auf, die auch mit einer Nordstar-Kabine unterwegs sind. Der Erfahrungsaustausch bringt mir viel.

13. Januar: Das war uns dann doch etwas zu eng auf diesem Campingplatz und auch zu viele Leute, die ich mit meinem Lebensstil nicht überein bringen konnte. Wir haben uns da nicht wirklich wohlgefühlt. Im Rahmen eines Strandspaziergangs haben wir 300 Meter entfernt einen weitläufigeren Platz entdeckt und sind dann umgezogen.

Eine Schlechtwetterfront naht und wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen. Wir fühlen uns hier pudelwohl und werden auf dem Platz wohl besseres Wetter abwarten. Ich muss ohnehin auf Ersatzteile von Ford warten und an der Kabine gibt’s noch einiges zu schrauben, bevor die wirklich “wüstenfest” ist. Zudem haben wir uns planerisch noch gar nicht um Marokko gekümmert.

Der Sturm wirft lange Schatten voraus und da wir unseren Platz direkt am Strand ohnehin räumen müssen können wir auch gleich weiterfahren. Auf dem Weg nach Peniscola besuchen wir noch eine spektakuläre Einsiedelei hoch auf einem Felsen. Die Nacht in Peniscola wird stürmisch und am nächsten Morgen regnet es in Strömen., sodass wir uns die Drehorte von “Game of Thrones” nicht ansehen können. Auch auf dem Weg nach Catagena regnet es weiter wie aus Eimern, auf dem Stellplatz fahren sich die Megaliner im Morast fest und uns treibt es weiter in den Süden. Dort regnet es zwar nicht weniger, aber es ist wärmer und es wird später dunkel.

Die Fahrt ist irgendwie frustrierend, denn es geht über 100 Kilometer an Gewächshäusern aus Plastikfolie vorbei. Das wirkt teils wie ein künstliches Meer und ich erkenne: Das ist der Preis für unser biliges Supermarktgemüse.

In Almerimar finden wir einen Stellplatz direkt am Hafen, aber das Dorf – eigentlich eine Hochburg für deutsche Überwinterer – ist wie ausgestorben. Ich stell mir vor, wie es wäre, hier in einem Appartement zu hocken und vor Langeweile nicht zu wissen, wie ich den Tag rumbringe…

Die Atmosphäre hier deprimiert mich zunehmend. Hierher zu ziehen, nur weils warm und billig ist – sorry, aber das wird niemals mein Lebensmodell werden. Vom Hafenmeisterbüro aus sehen wir die Schneegipfel der Sierra Nevada und beschließen, nach Grenada zu fahren, auch um das Plastikmeer hinter uns zu bringen und mal wieder etwas urwüchsiges Spanien zu sehen. Wir fahren Landstraße und auf den engen Straßen gibt es wieder etwas Reisefeeling. Noch eine Woche, dann geht es nach Marokko.

Grenada gibt sich regnerisch, aber gegen das Wetter, das in den letzten Tagen in den regionen weiter nördlich geherrscht hat, ist das hier echt auszuhalten. Claudia schickt und Bilder vom total überschwemmten Cartagena, Uli hält sturmumtost in Chabrills die Stellung, wo der halbe Campingplatz unter Wasser steht. Schön ist da alles nicht bei diesem Wetter…

Wir sind zufällig an einem der schönsten Orte der Welt, als der Himmel für einen Tag aufreisst: Wir kaufen Eintrittskarten für die Alhambra und sind geflasht von diesem Weltkulturerbe. Was moslemische Mauren hier vor mehr als 700 Jahren schufen steht so im krassen Widerspruch zu diesem IS-Scheiß und Erdogans Rückwärtsbewegungen, dass es mich wieder etwas mit dieser Religion versöhnt. Ich habe noch niemals so detailverliebte Monumente gesehen.

Die spanischen Sonnenaufgänge sind spektakulär…

Auf unserer “Jeden Tag 100 Kilometer-Tour” entlang der spanischen Mittelmehrküste lerne ich Wolfgang in Torrox-Costa kennen. Der sympathische Bad Dürkheimer schraubt an einer Aldeheizung und ich frage mitleidig “Na, ist die dir auch um die Ohren geflogen?” Aber Wolfgang hat kein Problem damit: Er hat in seinem Mechanikerleben schon hunderte von Womo-Heizungen repariert und hat den Kofferraum seines Luxusliners voll mit Ersatzteilen. Er bietet mir an, mal nach meiner Heizung zu schauen uns ist entsetzt über die Verlegung des Auspuff-Kamins. Seiner Meinung ist es in einer Ausbeulung des viel zu langen Rohres zu einer Verstopfung und anschließend zu einer Gas-Explosion gekommen. Dabei wurde nicht nur der Schlauch zerfetzt, sondern auch noch der Lüfter verbogen. Wir schrauben rund 4 Stunden an der Heizung rum, tauschen den Lüfter und die Alde schnurrt wieder wie ein Kätzchen.

explosionsfolgen im heizungskamin

In der Nachbarschaft gibt es einen Tierarzt und “Dr. Dolittle” aus Bulgarien frischt Michels Impfungen auf und füllt den Heimtierausweis mit den erforderlichen Infos für die Einreise in Marokko auf.

Weiter geht’s Richtung Gibraltar. Auf einem Stellplatz haben wir uns mit Wolfgang und ein paar anderen Leuten verabredet. Wir verabschieden uns von Thommy und seinem Hund Atze. Der Berliner hat eine tolle Geschäftsidee und wir werden sicher in Verbindung bleiben.

Über Stationen auf weiteren Stellpätzen bei Malaga und Torremolinos hat uns der Weg jetzt nach Algeciras geführt, wo wir bei der “Overlander-Legende” Carlos die Tickets für die Fähre nach Tanger buchen. Damit endet dann nach etwa 7000 ereignisreichen Kilometern und 6 Wochen der Flug von Tiflis nach Tanger und die Etappe “Marokko” beginnt. Wir sind sehr gespannt und freuen uns riesig, der Zivilisation für ein paar Wochen entgehen zu können.

Hier in Südspanien hat sich die Überwinterer-Szene total etabliert und irgendwann macht es auch kein Spaß mehr, fast immer der jüngste auf dem Stellplatz zu sein.


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