14. Etappe – Georgien

Wir sind etwa 650 Kilometer von der Georgischen Grenze, 900 Kilometer von Tiflis und ezwa 1100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Hier hätten wir in Wladikawkas das eigentliche Ziel unserer Reise erreicht.

Mystischer Kaukasus…

Ich habe die Sorge um den abgebrochenen Außenspiegel und die kaputten Sicherheitsgurte jetzt in andere Hände gegeben, denn Improvisieren ist nicht die Stärke von Ford in Malatya. Es hätte nochmal 2 Wochen gedauert. Hier gibt es zum Glück unzählige kleine Schrauberwerkstätten, die sich über so einen Auftrag mächtig freuen. Auch um den zerrissenen Haltegurt für die Kabine kümmere ich mich selbst und werde auf dem Basar in Malatya fündig.

Dienstag, Mittwoch und Donnerstag haben wir an der Kabine herumgeschraubt. Da waren Schubladen-Schienen abgerissen, Türen verzogen und Klappen abgerissen. Der Kühlschrank war völlig verschimmelt. Gut, dass wir so nicht losgefahren sind und quasi gezwungen wurden, die Zeit zu nutzen.

Von wegen “Alpinisten sind Egoisten!” Auch im Kaukasus treffen wir fast ausschließlich auf nette Leute, die sogar ihr letztes Wasser mit unserem Hund teilen.

Dann endlich: Es ist Freitagmittag, das Auto ist fertig und wir starten. An der Grenze zu Georgien gibt es ein Schaulaufen von einem Grenzhäuschen ins andere, aber irgendwie alles höchst locker. Schon wenige Kilometer hinter der Grenze verwischen neue Eindrücke das gewohnte Türkei-Bild. Hier ist von einem Meter auf den anderen alles komplett anders – selbst die Hunde, vor allem die Landschaft. Wir fühlen uns aber sofort heimisch. Wir werden hier nicht auf den ersten Blick als Touristen erkannt, die Kinder laufen nicht hinter uns her und alles wirkt unerwartet europäisch. Die Georgier sind nicht unbedingt auf den ersten Blick sympathisch – eher wie die Sauerländer. Die Nacht verbringen wir auf dem Parkplatz eines russisch-orthodoxen Klosters und am nächsten Tag starten wir gut ausgeruht Richtung Tiflis.

Und was ist das denn für eine Stadt? Einer von 4 Millionen Georgiern wohnt in der Hauptstadt – und man kann das verstehen: Die Stadt hat ein wunderbares Flair, was uns spontan an Lubljana erinnert. Allerdings: Für Taxi, Essen, Simkarte und ein paar Kaffee lassen wir auch 40 Euro dort an einem Nachmittag. Von wegen “Das kost’ da fast gar nix…!”

Wir fahren zügig weiter, weil am Samstag unser Russlandvisum abläuft und wenn wir noch nach Wladikawkas wollen, müssen wir zügig über den Kaukasus. Auf der Strecke fragen wir einen Schäfer, ob wir auf seiner Wiese direkt am Fluss übernachten dürfen. Wir baden im eiskalten Fluss und freuen uns auf die nächsten Abenteuer.

Das Denkmal der “Georgisch-Russichen Freundschaft”

Mehr Bilder finden auf www.instagram.com/schmallenbergudo

Dann starten wir voller Erwartung unseren Tripp über die Georgische Heerstraße Richtung Wladikawkas. Unser Visa gilt noch für 3 Tage und wir wollen in Russland wenigstens einen Blick auf den Höchsten Berg Europas werfen.

Der historische Pass führt bis auf 2400 Meter und ermöglicht uns unvergleichliche Eindrücke. Das ist hier was ganz anderes als die Alpen – viel weiter, viel wuchtiger, irgendwie beeindruckender. Zwischendurch aufstrebende Skiorte, verwunschene Klöster, faszinierende „Lost Places“, Unmengen von Tieren auf der Fahrbahn und LKWs, die völlig angstfrei durch die Serpentinen gebügelt werden.

Am Denkmal für die georgisch-russische Freundschaft treffen wir einen Frau aus Hongkong, die von ihren Ängsten berichtet und ganz erstaunt ist, dass wir Deutsche wissen, was gerade in ihrer Heimat passiert.

Wir fahren durch bis Stepantzminda und nehmen nach einem tollen Frühstück mit Blick auf den 5000er Kashbek die Grenze in Angriff. Bis dahin wieder ein faszinierendes Niemandsland, in dem sich wirklich niemand für die Qualität von Straßen oder Tunnelanlagen verantwortlich fühlt.  Wir fahren in einen Tunnel und erschrecken uns mega, denn hier gibt es keinerlei Licht und die LKW donnern durch als wollten sie dem Sputnik hinterher ins All geschossen werden.

Dann die Grenze: der Georgische Zöllner checkt kurz die Papiere und winkt uns durch. Bei den Russen sieht das aber mal ganz anders aus. Erstmal Papierkram: Einreisedokumente ausfüllen, Passkontrolle. Der größte Wirbel wird um das Auto gemacht. Ich bekomme eine ordentliche Einführbestätigung mit ausgeklebtem Siegel. Die eigentliche Kontrolle des Wohnmobils läuft eher lasch. Trotzdem sind die Russen die ersten Grenzer, die wirklich in jede Schublade kucken.  Der Spaß dauert etwa 2 Stunden und ich frage mich, wie dort jemals dieser LKW-Stau abgefertigt werden soll? Auf dem Weg nach Wladikawkas passieren wir drei Kilometer lang einen wartenden LKW nach dem anderen.

Dann Wladikawkas: Was in manchen Reiseführern als verträumter Kletterer-Treffpunkt dargestellt wird, ist eine große moderne Stadt mit viel Hektik. Sylvia ringt dem Geldautomaten 1000 Rubel ab und ist megastolz bis wir ausrechnen, dass wir gerade 14 Euro gewechselt haben und damit nicht sehr weit kommen.

Uns wird schnell klar: Wir haben hier nur 2 Tage maximal, und in dieser Zeit werden wir uns auf diese völlig neue Kultur nicht einstellen können. Wir haben die gewünschten Stempel im Reisepass und beschließen, wieder nach Georgien zu fahren, wo wir auf Anhieb mit Land und Leuten warm geworden waren. Kurz vor der Grenze wird uns der bevorstehende Stress aber doch zu viel und wir biegen in einen Waldweg ab, um uns ein Nachtlager zu suchen. Der Ranger schraubt sich über eine Schotterpiste bis zu einem verlassenen Hotel und bei knapp über 2000 Meter finden wir einen Stellplatz mit einer nicht mehr zu toppenden Aussicht. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, dass ich von hier aus alle bedeutenden 5000er des Kaukasus auf einen Blick sehen kann.

Sonnenaufgang über dem Kaukasus – Hier von unserem russischen Stellplatz aus.

Kurz nachdem wir uns eingerichtet haben steht Polizei vor der Tür und klopft. Der Mann checkt unsere Papiere, scannt die Visa mit dem Handy ab und versucht uns verständlich zu machen, dass wir hier nicht stehen dürfen. Irgendwie hat ihn mein enttäuschter Blick aber doch überzeugt. Er macht ein Zeichen, dass wir zum Schlafen stehen bleiben dürfen, aber danach sofort verschwinden sollten. Er gibt auch die Richtung vor, offensichtlich geht es andersrum zu einer Art „Grünen Grenze“. Ob die Autos, die hier die ganze Nacht durch unterwegs sind irgendwas schmuggeln wollen wir nicht wissen.

Am morgen fahren wir wieder über die Grenze und sind deutlich entspannter.

Zurück in Georgien geht es uns sofort besser.  Dieses Land hat etwas Lässiges und sehr Entspanntes an sich – irgendetwas zwischen der Türkei, wo man dir auch ungewollte die Wünsche von den Lippen abliest und Russland, wo zumindest auf den ersten Eindruck eine gewisse Distanziertheit herrscht. Es ist sehr europäisch hier, und mir wird wieder bewusst, wie sehr die Integration in einen Kulturkreis mit persönlichem Wohlbefinden zu tun hat. Wie sehr müssen die Flüchtlinge in Deutschland darunter leiden und wie lange dauert es, bis die Seele die neue Kultur als freundlich empfindet?

Hier ist so viel Platz….

Ich komme hier mit der Arbeit gut voran, da es selbst in den entlegensten Tälern einen Hügel gibt, auf dem ich meine E-Mails abrufen kann. Tagsüber sitzen wir oft lang in Cafes, die grundsätzlich freies WLan anbieten. Als nächstes steht eine Wanderung zum Kasbek-Gletscher auf dem Programm. Aber alles mit Muße. Was man sonst an einem Tag erledigt – Anfahrt, Wandern, Rückfahrt, dafür nehmen wir uns jetzt drei Tage Zeit und genießen die unglaublichen Details. Z.B. dieses tolle Käsebrot, das es in Georgien für einen Euro an jeder Ecke gibt: Das Weißbrot wird im Steinofen mit ganz viel Käse gefüllt knusprig gebacken.

Hier auf 3000 Meter tickt die Uhr anders und man kommt ans Nachdenken…

Wir stehen hier nur frei und das klappt auch ganz gut. Heute morgen sind wir in der Einöde wach geworden und ein Allrad-Taxi nach dem anderen fuhr vorbei. Wo die hinfahren muss es etwas zu sehen geben, dachten wir uns und richtig: Die Kolonne führte uns in das Bergdorf Jota, von wo aus wir eine tolle Wanderung bis auf 3000 Meter hinauf genießen durften. Die Kasbek-Tour läuft uns ja nicht davon. Selbst hier oben auf 2600 Meter habe ich mit meiner Sim-Karte perfektes Internet. Der Parkwächter nimmt uns 10 Lari ab, dafür dürfen wir hier auch übernachten – für 3 Euro.

Faszination Kaukasus…

Wir sind jetzt seit einer Woche im Kaukasus und die Zeit fliegt nur so dahin. Stefantsminda ist ein Bergdorf, in dem sich Kletterer und Wanderer aus allen Nationen auf engstem Raum begegnen und hier auf eine einheimische Bevölkerung treffen, die sehr selbstbewusst die unglaublichen Ressourcen dieser Traumlandschaft verwaltet. Das Leben ist nicht so günstig wie erwartet, aber dafür ist das auch ein absoluter Hotspot hier. Wir stehen für 5 Euro auf dem Parkplatz eines kleinen Hotels – wer eine saubere Toilette haben will muss selber putzen. Gestern habe ich auf der Suche nach Ladestrom für die Kabine die Stromversorgung eines ganzes Stadtviertels ausgeschaltet .

Der Gipfel des Kasbek gibt sich wolkenverhangen…

Der 5000 Meter hohe Kasbek ist ein “Musthave” für jeden Georgien-Reisenden. Wir fahren hoch zum Kloster und starten eine wunderschöne Tour zur Berghütte auf 3300 Meter, nur einen Steinwurf vom mächtigen Gletscher entfernt.

Die Infrastruktur baut sich gerade erst auf – um über diesen Bach zu kommen mussten wir große Sätze hinlegen.

Wir sind jetzt eine Woche in Georgien und müssen am 29. in Tiflis am Flughafen Sylvias Freundin Edda abholen.

Der Abschied vom Kaukasus wird uns schwer fallen. Selten hat uns eine Region so tief beeindruckt wie dieses Gebirge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.