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Exkurs IV: Der Waschlowani-Nationalpark

Müsste ich einen Höhepunkt unserer Reise definieren, dann wäre das die dreitägige Tour durch den Waschlowani-Nationalpark im Süden Georgiens an der Grenze zu Azerbeidjan (entschuldige Sanliurfa, aber du bist nunmal alles andere als wild und unberührt).

Es gibt im Waschlowani-Nationalpark ausschließlich mehr oder weniger gut befahrene Pisten. Die Neigungswinkel sind teils erheblich. Hier braucht es Kraft, Allrad und Bodenfreiheit.

Der Waschlowani-Nationalpark (ვაშლოვანის სახელმწიფო ნაკრძალი) liegt in der Region Kachetien und wird von der Stadt Dedopliszqaro erschlossen. Hier befindet sich auch das Tourismus-Center und die Station der Border-Police, über die die Eintrittsgenehmigungen erstellt werden. Ein Eintritt ohne Genehmigung ist verboten. Kosten entstehen je nach Aufenthaltszeit und ob Zimmer in den drei Rangerstationen gebucht werden. Wir haben für die Camping-Variante rund 30 Euro bezahlt für drei Tage.

Wir haben in den drei tagen im Nationalpark Waschlowani maximal 15 Leute getroffen, unter anderem diese Hirten.

Der Nationapark Waschlowani zeichnet sich durch sein trockenes Klima, steppenartige Vegetation und bizarre Fels- und Hügelformationen aus. Es gibt aber auch gibt es auch lichte Wälder und Buschgebiete. Das 1935 eingerichtete Nationalpark hat heute eine Gesamtfläche von über 251 Quadratkilometern.

Die Pisten ziehen sich endlos hin.

Wir sind im Park etwa 150 Kilometer gefahren, wobei alles einigermaßen machbar war, lediglich den Schluss der Anfahrt auf Mijniskure haben wir uns geschenkt, weil es einfach zu eng wurde.

Die Straßenschilder zeigen’s deutlich: Hier entlang nur mit dafür ausgerüsteten Fahrzeugen.

Wir würden grundsätzlich empfehlen, hier ausschließlich mit Motorrad oder Allrad-Fahrzeugen zu reisen, weil es doch immer wieder zu Ausnahmesituationen kommt, wo “normale” Fahrzeuge einfach überfordert wären.

Im Hintegrund die noch schneefreien Gipfel des “Kleinen Kaukasus”

Was macht es aus? Zum einen mal die absolute Ruhe und das Gefühl für die Weite einer Steppenandschaft. Tiere haben wir nicht gesehen – außer einer überfahrenen Giftschlange und einer echt großen Echse. Die Ranger sagen, dass im Frühling mehr zu sehen ist. Nachts hört man unter sternenklarem Milchstraßenhimmel Coyoten heulen – oder Hunde? Man weiß es nicht.

In den Schluchten wird es sehr eng.

Für uns gehört ein Besuch im Waschlowani-Nationalpark zu den Pflichtaufgaben einer Georgie-Aufenthaltes. Mit dem eigenen Camper ist das ein ganz besonderes Erlebnis. Ob man im Rahmen einer geführten Tour diese Nähe zur Natur spüren kann weiß ich nicht – ich kann es mir aber nicht vorstellen.

Und hinter dem Horizont geht es genauso weiter.

Man kann hier nirgendwo Geld ausgeben – Diesel und Trinkwasser müssen ausreichen und Handyempfang ist gleich “Null”.

Wer ähnliche erlebniss verbunden mit etwas mehr Kultur und Zuvilisation erleben will, der sollte sich das Kloster Dawit Garedscha nicht entgehen lassen. Das ist nicht weit weg vom Nationalpark und absolut empfehlenswert.

Exkurs III: Das Erdbeben von 1988

Leninakan 1988, es ist der 7. Dezember. In der zweitgrößten Stadt Armeniens ist es bitterkalt, in den Schulen wartet man auf die große Pause. Kurz vor zwölf gerät die armenische Stadt – die heute wieder Gjumri heißt – komplett und für lange Zeit, wenn nicht sogar für immer aus den Fugen. Die Erde bebt. 25.000 Menschen sterben entweder durch herabstürzende Trümmer oder sie erfrieren, über eine Million Menschen sind von einer Minute auf die andere obdachlos. Das Beben traf nicht nur das ehemaligen Gjumri/Leninakan, vormals Alexandropol, auch im benachbaren Spitak und in Vanadsor hinterließ es Verzweiflung und Traumata.

Wellblech, Holz und Pappe – Wie soll man da durch den Nordarmenischen Winter kommen?

Spitak wurde komplett ausgelöscht und der Ort an anderer Stelle neu aufgebaut. Vanadsor hatte als unbeliebter Industriestandort ohnehin wenig Glück bei der Findung einer eigenen Identität in der postsowjetischen Phase – und so kam es der Hauptstadt der Provinz Shirak zu, die Erinnerung an das Beben in die Geschichtsbücher zu schreiben.

Mir hat das Erdbeben von Gjumri nichts gesagt, obwohl ich solche Nachrichten-Meldungen eigentlich nicht vergesse und sicher abspeichern kann. Aber wir waren grad frisch Eltern geworden, wahrscheinlich hat Janes gerade mal wieder geschrien und ein zweites Mal hat die Tagesschau wohl nicht berichtet.

Wir fahren zufällig und unvorbereitet durch Gjumri. Die Stadt gibt uns nicht viel. Eben eine typische armenische Stadt, aber auf den zweiten Blick hätten wir merken müssen: Hier ist etwas anders, aufgeräumter. Nicht ohne Grund: 1988, also gerade mal 30 Jahre her, ist hier kein Stein auf dem anderen geblieben in einer Zeit, in der die Sowjetunion den letzten Zügen lag. Mit brutalen Schlägen pulveriesierte die Natur eine ganze Region.

Die Sowjetrepublik Armenien brauchte Hilfe und sie wurde dank des Krisenmanagements des charismatischen Michail Gorbatschow auch international gewährt – selbst das verhasste Azerbeidjan ließ die Konflikte ruhen und schickte Hilfstrupps.

All das wussten wir noch nicht. Wir übernachten und haben eine friedvolle Nacht. Es ist kalt im Norden Armeniens im Winter 2019. – genauso kalt wie im Dezember1988. Am Morgen wollen wir uns die Stadt ansehen. Aber: Das Auto springt nicht an. Etliche Armenier kommen mit gutem Rat, aber der einzige, der uns wirklich helfen kann, ist Heros, der mit seinem uralten Lada mit verblichenem Taxischild auf dem Dach anhält. Ihm ist gleich klar, dass Starthilfe hier nichts bringt und bietet mir an, meine Batterie zuhause aufzuladen.

Es ist wirklich ungemütlich kalt und wir nehmen die Einladung mitzukommen und bei ihm zu warten, dankbar an. 5 Minuten später stehen wir vor einem Bretterverschlag inmitten von ausgeschlachteten deutschen Autos, kaputten Kühlschränken. Die Szene ist nicht real, denn Heros und sein Sohn Arman sind feine Menschen – kultiviert, gepflegt, gastfreundlich. Warum wohnen sie in einem solchen Verschlag?

Wir erfahren, dass die kleine Familie auf dem eigenen Land lebt und hier ein schönes großes Haus gestanden hat – bis zum 7. Dezember 1988. Danach war nichts mehr wie es war und es wurde auch nicht mehr. Zumindest für Heros nicht.

Die Sprachbarriere verhindert, dass er uns mehr erklärt, als er uns mit Händen und Füßen sagen kann, aber die Szenerie spricht für sich. Auch 30 Jahre nach dem Erdbeben wohnt Heros mit seiner Frau und seinem geschiedenen Sohn in einem Häuschen aus Brettern, Pappe und Metallplatten zwischen Heiligenbildern und Schränken voller Kram – dazwischen ein dicker Wälzer mit Zeitungsartikeln.

Ich möchte nicht wissen, wie das da im Winter ist und frage mich, ob er versucht hat, seine Probleme zu lösen. Ich denke ja, aber vielleicht war es alles zu viel, vielleicht hat er irgendwann aufgegeben. Man weiß es nicht. Wenn ich die teuren Autos im Zentrum sehe denke ich, dass andere es geschafft haben – aber auch das die reine Mutmaßung. Vielleicht sind das die Leute, die am Wiederaufbau verdient haben. Aber die schicken Frauen im Cafe Herbes & Onions haben mit Heros so wenig zu tun. Es liegen nur wenige Kilometer zwischen dem quirligen Stadtzentrum und der Barackensiedlung. Was macht er falsch, was machen sie richtig? Die alte Frage zur Existenz von Armut beantwortet sich hier nicht.

Ich muss die Tränen unterdrücken, so rührt mich diese Szene. Arman bietet uns trockenes Brot und etwas armenischen Käse an. Ich bin sicher: Es ist nichts anderes im Schlank, sonst hätte er es uns angeboten und der Teebeutel muss für 4 Tassen reichen.

Irgendwann ist die Batterie voll, unser Auto springt an und wir müssen uns verabschieden. Wir versuchen uns mit 20.000 Dram erkenntlich zu zeigen, das sind über 40 Euro und in Armenien ein Haufen Geld, sicher mehr als Heros in der Woche mit seinem klapprigen Taxi verdient und weniger, als wir pro Tag ausgeben in Armenien

 Heros weigert sich, das Geld anzunehmen, aber sein Sohn denkt einen Schritt weiter und steckt die Scheine dankbar ein. Vielleicht kauft er seinen Kindern etwas, die bei seiner Frau in Jerevan leben.

Für mich hat dieser sonnige Tag allen Glanz verloren. Ich weiß nicht, wie ich dem alten Mann und seinem tieftraurigen Sohn helfen kann. Ich kann nicht die ganze Welt retten. Ich kann aber auch nicht durch Gjurmi fahren und so tun, als wäre das Erdbeben 1988 nicht mehr als eine schaurig-schöne Erinnerung  und eine Notiz im Urlaubstagebuch.

Begegnungen wie diese stellen mir die Frage nach dem Sinn des Lebens aber sie beantworten mir nichts.

Ich bin ratlos. Ich habe seine Telefonnummer und werde versuchen, die Adresse zu bekommen. Und dann? Geld schicken?

Ich weiß es nicht. Ob ich besser nicht in den Norden Armeniens nach Gjumri gefahren wäre? Für mich gibt es da keine Alternative, denn unsere Wege sind vorgegeben, und für mein Unwohlsein kann Heros nichts. Er hat sich nicht aufgedrängt oder um Aufmerksamkeit gebeten. Das muss ich mit mir selbst ausmachen.

Jerevan – Der taubenmann

Man kann nie sagen, wie alt diese Leute sind. Hätten sie ein Gesicht, aus dem man einfache Geschichte lesen könnte, dann wären sie nicht so auffallend. Der Mann sitzt auf einer Bank im Park vor den Jeriwaner Kaskaden und überrascht mich. Er bettelt nicht, auch wenn man ihm ansieht, dass er Geld braucht.

In seiner verschlissenen Armee-Hose und seinem kurz geschnittenen Parka hat er sich eine gewisse Lässigkeit bewahrt. Sein geschmeidiger Gang passt nicht zum verknitterten Gesicht und zur gebückten Haltung. Blaue Augen schauen frech unter dem Schild seiner Kappe hervor.

Er zerbröselt Brot, das er aus den Tiefen seines alten Adidas-Rucksack kamt und wirft es aus eine Art um sich, aus der augenscheinlich nicht die Liebe zu Vögeln spricht. Fahrradfahrer und asiatische Touristen, die unvorsichtiger Weise in den Wurfkreis seiner Brösel kommen, werden übel angeraunzt. Und wieder wirft er sein Brot in die Menge der immer zahlreicher heranfliegenden Tauben.

Warum machst du das? – würde ich ihn gerne fragen – könnte ich armenisch oder russisch –  ahne aber, dass  ich gleich den verdutzten Chinesen nur unfreundlich angemufft werden würde. Und wieder wirft er. Entweder ist er verrückt oder er verfolgt einen Plan. Dann plötzlich bückt er sich langsam, so als wollte er etwas aufheben – und mit sicherem Griff hat er eine Taube in der Hand. Der Vogel wird sorgfältig geprüft, er zupft ein Paar Federn aus und begutachtet seine Beute mit Kennerblick aus allen Richtungen. Dann verschwindet die Taube in einem Seitenfach seines Rucksackes.

Wieder kramt er Brot heraus und verteilt es reichlich, wieder bückt er sich, greift mit einer Hand die nächste Taube. Er macht das völlig unspektakulär. Wie viele da schon in seinem Rucksack stecken? – keine Ahnung. Mich interessiert auch vielmehr die Frage, was er damit macht. Ob er sie zum Abendbrot auf den Grill wirft um den gröbsten Hunger zu stillen, um endlich mal Fleisch zu essen, weil die Rente dafür nicht reicht? Ich seh‘ ihn schon sitzen und an den mageren Viechern nagen, die er über einem kleinen Müllfeuer in einem dreckigen Hinterhof brät. Wie arm doch die Leute hier sind in Armenien und ein wohliger Schauer läuft mir über den Touristenrücken.

Oder ist es ganz anders?

Der Mann lässt mich nicht los, auch als er schon lang aufgestanden und in einem Minibus losgefahren ist. Als wir am nächsten Kloster halt machen, staune ich über ein interessantes Geschäftsmodell: Hier stehen Leute herum, die Tauben verkaufen. Die kann man dann fliegen lassen und sich was wünschen. Brautleute kaufen Tauben käfigweise. Woher die ganzen Tauben kommen? Wahrscheinlich vom Jeriwaner Taubenmann, der damit seinen Lebensunterhalt verdient und ansonsten Vegetarier ist, und abends gerne schmalzige Soaps am Fernseher ansieht.

Exkurs II: Die Armenische Diaspora

1,5 Millionen Menschen starben, als während des 1. Weltkrieges und kurz danach Westarmenien von Mardin bis zum Ararat quasi “entvölkert” wurde. Auf das zum russischen Staatsgebiet gehörende Ost-Armenien hatten Kurden und Türken keinen Zugriff. Wer rechtzeitig fliehen konnte suchte und fand den Weg nach Russland, Frankreich und Armenien.

Viele dieser Flüchtlinge fanden sich im Ausland gut zurecht, einige machten ein Vermögen, andere wurden für die Kutur bedeutsam. Bestes Beispiel ist wohl der französische Sänger Charles Aznavour, dessen Eltern vor dem Genozid nach Frankreich flohen.

Zahlreiche Auslandsarmenier unterstützen heute Projekte in ihrem Heimatland, obwohl die Sichtweise etwas korrigiert werden muss, denn ihr Heimatland bleibt für immer verloren. Und Ost-Armenien ist nicht die Heimat der Vertriebenen – allein schon sprachlich gibt es hier erhebliche Unterschiede, die sich durch die türkisch/russische Grenzziehung erklären. Allerdings fördert die so genannte Diaspora das, was man als “Gemein-Armenische” Identität bezeichnen könnte: Den Glauben, die Geschichte und die Hoffnung auf eine erfogreiche armenische Jugend.

Beispiele sind vor allem die hervorragend renovierten Klöster. Noravank z.B. ist über 1000 Jahre alt, sieht aber aus wie ein Neubau. Man braucht auf den Infotafeln nicht lange nach “USAID” zu suchen, was wohl die engagierteste Diaspora-Organisation zu sein scheint.

Engagierte Einzelpersonen investieren Millionen in Schulprojekte. Ich denke, dass Armenien – durch den Streit mit der Türkei und Azerbeidschan in zwei Himmelsrichtungen zu 100 % isoliert – niemals ohne die Auslands-Armenier zurecht käme und alenfalls in den größeren Städten eine moderne Infrastruktur aufbauen könnte.

Demnach arbeitet das Land mit zwei Budgets: Das eine nährt sich aus der eigenen Wirtschaftskraft und dem Fleiß der Ost-Armenier, das andere aus dem Vermögen der Nachkommen der vertriebenen West-Armenier. Wer das koordiniert, das weiß ich nicht und ist eins der großen Mysterien hier. Ebenso weiß ich nicht, warum es in Jeriwan mehr Lexus, Porsche und Mercedes gibt als in ganz Georgien (so mein Gefühl)

Mit dem Wohnmobil in den iran

Vorab, wir sind nicht mit dem Wohnmobil in den Iran eingereist, obwohl es nicht an Visa oder Carnet de Passage gescheitert wäre. Wir haben uns auf der armenischen Seite des Ararat an Mr. Hossein erinnnert, der uns vor Wochen auf der türkischen Seite angeboten hatte, uns in den Iran zu bringen – ganz legal und zu angemessenen Kosten.

Ich rufe ihn an über Whatsapp und er kalkuliert uns 700 Euro inkl. Visa für 2 Personen und einer “Temporary Permission” für unser Auto. Da das fast genau dem Preis entspricht, den wir auch in Deutschland für das Arrangement entsprechender Dienstleistungen gezahlt hätten, wird das Thema konkret. Wir wägen ab und entschließen uns, den Iran auszulassen, so reizvoll dieser Abstecher auch wäre. 700 Euro nur für die Einreise, um dann nach 14 Tagen wieder ausreisen zu dürfen erscheint uns etwas viel. Andererseits: Wann kommt man mal wieder mit dem Wohnmobil in die Nähe des Irans?

Also: Was gibt es bei der Einreise in den Iran zu beachten?

1. Zweifel: Mit Hund in den Iran

Zunehmend schwierig, da es ein Gesetz gibt, das zumindest den Iranern selbst den Transport von Hunden im Auto verbietet. Angeblich soll das Gesetz bei Touristen nicht so eng ausgelegt werden. Ich persönlich befürchte keine Probleme, aber es sind immer die “Kombi-Probleme”, die es einem am Ende schwer machen. Angenommen, es ist etwas mit dem Auto und man ist auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, dan kann es auch für Touristen schwer werden, den Hund durch’s Land zu bekommen.

2. Zweifel: Diesel im Iran

Mit einem Euro6-Fahrzeug kann es zu enormen Schwierigkeiten mit dem Schwefelgehalt des dort verfügbaren Diesels geben. Dieser ist so hoch, dass die Sonden im Abgassystem eines Euro6-Autos gleiche Ergebnisse messen, als ob die Abgasreinigung ausgefallen wäre. Das System fährt dann bis zum nächsten Werkstattbesuch in einen Notlaufmodus. Das Problem lässt sich nicht dadurch verhindern, indem man zeitnah die AdBlue-Abschaltung deaktiviert. Das Thema hat mit Adblue nichts zu tun. Eine Abschaltung der Messung der Abgaswerte ist meinem Kenntnisstand nach nicht möglich.

3. Zweifel: Mit einem Ford in den Iran

Selbst mit einer ordentlichen Carnet de Passage hätte ich mit meinem 3,2-Liter-Ranger maximal 5 Tage im Iran bleiben dürfen. Angeblich wird Autos amerikanischer Bauart derzeit die Einreise komplett verweigert.

4. Zweifel: Reparaturmöglichkeiten im Iran

Sollte es im Iran aus irgendwelchen Gründen zu Problemen mit meinem Auto kommen, wird mir da niemand helfen können, da EURO6-Technologie hier völlig unbekannt ist und Ersatzteile nicht aufzutreiben sind wegen des Handelsembargos. Da ich mit einem Automatik unterwegs bin, kann mich auch kein freundlicher Perser kurz über die nächste Grenze schleppen. Im Land lassen kann ich das Auto auch nicht wegen der begrenzten genehmigung.

Alle vier Zweifel in Summe haben uns überzeugt, lieber doch nicht mit unserem Wohnmobil in den Iran einzureisen.

15. Etappe – Armenien (13. Oktober – 5. November )

Da wir für Azerbeijdschan nun doch ein Visum brauchen entschließen wir uns, die Armenienetappe vorzuziehen. Das liegt hier alles eng beieinander, trotzdem übernachten wir noch einmal auf georgischem Boden, weil es hier im Grenzland so herrlich einsam ist.

Nach einer ruhigen Nacht passieren wir am nächsten Morgen nach dem mittlerweile gewohnten Border-Szenario die Grenze. Armenien ist arm, das merkt man sofort – auch daran, dass sich schnell Geschäftsmodelle entwickeln. Wir werden im Kreisverkehr nach der Grenze von einem jungen Mann abgefangen und regelrecht abgedrängt, damit wir bei seinem Auftraggeber die obligatorische Haftpflichtversicherung für das Auto abschließen. Er rennt so lange neben unserem Auto her bis wir uns entscheiden müssen entweder „seine“ Versicherung zu nehmen oder ihn zu überfahren.

Auf der Weiterfahrt konzentrieren wir uns auf das allgegenwärtige Wasserproblem, denn unser Frischwassertank fasst nur 60 Liter. Wir biegen auf eine Passstraße ein und erreichen nach abenteuerlichen Serpentinen ein Bergdorf mit dem malerischen Kloster Hagphat. Hier treffen wir Gerlinde und Monika aus dem Raum Offenbach, die auf einem 3-Monate-Roadtripp mit ihrem Mercedes Vito unterwegs sind. Nach kurzem Austausch unserer Erfahrungen gehen wir auseinander. Sie machen sich auf den Weg nach Tiflis und wir suchen uns nach der Wasseraufnahme ein Plätzchen für die Nacht.

Auf einem Feldweg treffen wir die beiden wieder und bekommen mit vereinten Kräften den Vito wieder flott, nachdem sich das nicht geländetaugliche Gefährt mangels Bodenfreiheit festzufahren drohte. Verabschiedung Nummer 2: ich weiß zwar nicht, was die beiden Damen auf diesem Pfad wollen, aber sie verabschieden sich tapfer und abenteuerlustig in die Dunkelheit der Talabfahrt. Eine Stunde später sehe ich ein Licht in der finsteren Nacht. Gerlinde kommt und berichtet, dass Monika im Auto über einem Abgrund hängt und sich nicht traut, von der Bremse zu gehen.

Ich schaue mir das an und sehe sofort, dass das hier ohne professionelle Hilfe nicht weitergeht, denn wenn das Auto kippt gibt’s einen Totalschaden. Zufällig kommt ein junger Mann den steilen Pfad heraufmarschiert. Ich laufe mit ihm die 3 Kilometer zurück ins Dorf und nach etwa 2 Stunden haben wir jemanden aufgetan, der uns mit seinem alten UAZ-Bulli aus Sowjetzeiten mit unglaublichem Getöse wieder auf die Straße zieht.

Monika ist mittlerweile mit den Nerven am Ende und ich fahre den Vito zurück über den blanken Fels bis zu unserem Stellplatz. Die Armenier freuen sich mächtig über die unerwartete Einnahme und Monika und ich machen uns zur Nervenberuhigung über eine halbe Flasche Ouzo her.

Bei allem Geschimpfe über den Ranger und die Kabine wird mir klar, dass ein umgebauter REIMO-Vito ohne Sperre und mit Automatikgetriebe alles andere als ein geeignetes Fahrzeug für einen Transkaukasus-Trip ist, wenn man auch mal abseits der geteerten Wege unterwegs sein will oder muss, weil Google-Maps solche Wege auch mal als Verbindungsstraßen ausmacht.

Am nächsten Morgen ist alles vergessen und wir starten Richtung Jerewan. Auch das zweite Kloster ist uralt, düster und so massiv gebaut, dass es ohne jede Pflege nochmal 1000 Jahre da stehen würde. Auf der Weiterfahrt stoppen wir an einem kleinen Info-Center und erfahren von einem perfekt Deutsch sprechenden Armenier, dass hier ein superreicher amerikanischer Landsmann ein Kinderprojekt „Children of Armenia Funds“ ins Leben gerufen hat. Uns wird klar, dass Armenien auf die Hilfe der zahlreichen Auslandsarmenier angewiesen ist, um solche Projekte überhaupt initiieren und pflegen zu können. Das Land selbst ist – so unser Eindruck – bettelarm und es fehlt etwas die Aufbruchstimmung, die man in Georgien fühlen kann.

Auf der Suche nach einem perfekten Stellplatz Kurven wir vergeblich herum. Wieder treffen wir unseren freundlichen Armenier, der “mal eben” vorausfahren will. Was folgt ist die raueste Gelände-Etappe, die wir bislang fahren mussten – er kannte den Weg nämlich auch nicht. Irgendwann übernimmt ein Geländewagen die Führung und nach ein paar Minuten stehen wir am See.

Auf solche Wege muss man in Armenien immer gefasst sein.

Am Morgen genießen wir die herbstlichen Impressionen rund um dieses kleine Wasserreservoir, das zu UDSSR-Zeiten mit mächtigen Rohren und Ventilen nutzbar gemacht worden ist. Wieder fällt mir auf, wie schwierig der Plan war, zentralistisch gesteuert ein so großes Gebiet wie die ehemalige Sowjetunion einigermaßen infrastrukturell am Laufen zu halten. Wie viel Eisen muss da verbaut worden sein, wenn selbst an diesem fernen Bergsee in Armenien so viel davon im Boden steckt? Gut – das System ist letzten Endes gescheitert, aber dass es überhaupt so lang funktioniert hat spricht einiges über das unermessliche Potential.

Es wird Herbst in Armenien – Nachts geht es schon regelmäßig unter null Grad.

Bei solchen Gedanken wird mir aber auch schmerzlich bewusst, dass unser System scheitern muss. Würde man einem dieser Armenier hier erklären, das FDP-Lindner weiter Wachstum ols oberste Staatsdoktrin fordert, man würde für verrückt erklärt werden. Deutschlands Reichtum ist verglichen mit Armenien so unfassbar groß, und der jung-senile Lindner will immer noch wachsen. Wie reich wollen wir denn noch werden?

So sehen hier die Stromverteilungen aus. Bei reichen Leuten endet noch ein daumendickes Rohr für Gas in der Box.

Auf dem Weg zurück zur Hauptstraße schauen wir uns das COAF-Projekt noch einmal an. Hier werden armenische Kinder nach dem Schulunterricht in ihren speziellen Begabungen weiter gefördert – völlig kostenlos und auf sehr hohem Niveau.

Seda Mkhitaryan erklärt uns das System “COAF”

Nach 5 Tagen “in der Wildnis” brauchen wir dringend mal eine Dusche und eine Waschmaschine und steuern den Campinglatz “3GS” an, wo wir endlich mal die “Overlander” finden, die sich auf unserer Bekanntschaftenliste bislang eher rar gemacht hatten. Hier wird an den typischen Gefährten geschraubt. Ich mit meinem Euro6-Ranger bin da eher der Exot. U.a. treffen wir die Herausgeber des Reiseblogs “www.paulchen-on-tour.de

Unimog, Mercedes, Iveco – Auf dem Campingplatz 3GS nutzen Overlander die Bedingungen um ihre Fahrzeuge auf kommende Aufgaben vorzubereiten.

Unseren Plan, doch noch in den Iran einzureisen, lassen wir wieder fallen, denn der Diesel soll dort so schwefelhaltig sein, dass unser Auto sofort in einen Notlaufstatus fallen würde.

Kloster Gekhard -Eine sehr intensive begegnung mit 1700 Jahren Kirchengeschichte.

Wir sind jetzt seit 4 Tagen auf dem Campingplatz 3GS und genießen Sandras Gastgeber-Qualitäten. Heute früh sind die drei Expeditionsmobile aufgebrochen und haben bei mir ein klares Gefühl hinterlassen: So um die Welt, das will ich nicht. Ich brauche ein Zentrum, wo ich mich mal hinsetzen und überlegen kann, was mir wichtig ist im Leben. Mir reicht mein kleiner Ausbruch und ich brauche ein Leben, das auch noch Platz für andere Dinge hat als Reisen. Natürlich werden wir weiter Reisen unternehmen, aber den Traum vom “Lifetime Travelling” lege ich zu den Akten. Unsere Absage an den Iran entspricht diesem Gefühl: ich will die Länder nicht wie Perlen an der Trophäenkette sammeln.

Der griechische Tempel von Garni – alles andere als eine Ruine und eindrucksvolles Zeugnis armenischer Geschichte.

Aber nochmals: Jeder so wie er mag.

Nach 5 Tagen verlassen wir den Campingplatz 3Gs. Zum Ausspannen und alles mal wieder in Ordnung bringen war das perfekt! Wir besichtigen noch das Kloster Gekhard und sind tief beeindruckt.

Das Kloster hat in seiner Abgeschiedenheit über die Jahrhunderte auf den Tourismus gewartetund sich in Teilbereichen über 1800 Jahre lang im Original bewahrt. Die in den Fels getriebenen Kirchenräume vermitteln einen Eindruck von der Frömmigkeit und dem Lebenstil der ersten Christen, die hier im Jahr 300 nach Christus das Christentum zur Staatsreligion formten.

Unvorstellbar wie viele Knoten es braucht, bis aus ein paar Fäden ein Teppich wird.

Wir fahren nach Jerewan, wo wir auf dem Parklplatz einer der mächtigsten Kathedralen des tief gläubigen Landes von einem Geschäftsmodell partizipieren können. Der Parkplatzwächter hält Plätze frei für Wohnmobilfahrer, die von hier aus perfekt die Stadt erkunden können. In einer Nebenstraße finde ich eine sympathische Zahnärztin, die mir kunstvoll für 15 Euro einen abgebrochenen Backenzahn saniert.

Unsere drei Tage in Jerewan sind sehr intensiv, vor allem, weil diese Stadt absolut Niveau hat. Hier gibt es Kunst an jeder Ecke, immer wieder interessante Gastronomie-Projekte, beeindruckende Sehenswürdigkeiten und ein ganz entspanntes Urban Live, das wir so nicht erwartet hatten.

Die Kaskaden – eins der Wahrzeichen Jerewans auf dem Weg, ein neuzeitiches Weltwunder zu werden.

Höhepunkt sind absolut ohne jeden Zweifel die sogenannten Kaskaden. Dabei handelt es sich um einen imposanten Ausbau einer einst von den Russen erbauten Verbindungstreppe zwischen dem Zentrum und Teilen der Oberstadt. Leider noch unvollständig sind diese Kaskaden wohl der größte Brunnen der Welt – für mich schon jetzt ein modernes Weltwunder. Das heruntergeführte Wasser bahnt sich immer neue Wege und auf den einzelnen Terassen haben die Armenier wertvolle Kunst präsentiert.

Das Projekt wäre sicherlich ohne die Hilfe von Auslandsarmeniern nicht möglich. Insbesondere das sich im Innern befindliche Museum für moderne Kunst verdankt seine Existenz einem US-Millionär mit armenischen Wurzeln. Hier werden die Besucher auf Rolltreppen an den Exponaten vorbeigeführt.

Apropos Wurzeln: Direkt an den Kaskaden finden wir mit traumhaftem Blick auf Jerewan das “Haus Charles Aznavour”. Auch der französische Sänger stammt aus Armenien – wie z.B. auch Cher – und hat hier viel Geld und Engagement investiert.

Die Blaue Moschee ist eine Insel der Ruhe im geschäftigen Jerewan.

Den Grund für das völlig unrealistische Aufkommen nobelster Nobelkarrossen im Jerewaner Straßenverkehr haben wir noch nicht herausfinden können. Ganz allgemein ist das hohe Verkehrsaufkommen sicher der Grund dafür, warum wir den Hl. Berg der Armenier hier aus dem dunstigen Kessel heraus noch nicht sehen können. Unsere nächste Station wird uns näher an den Ararat heranführen. Dann wird es auch langsam Zeit, sich um des Visa für Aserbeidjan zu kümmern.

Heute bekomme ich eine Mail von Mihaela aus Rumänien, die mich schmerzhaft daran erinnert, wie nachlässig wir unsere auf der Reise gesammelten Kontakte pflegen. Das liegt aber auch daran, dass es täglich neue Kontakte zu verwalten gibt. An alle unsere Freunde: “Wir werden das alles nachholen und unsere gesponnenen Ideen eine nach der anderen weiterspinnen.”

Nach dem Besuch des Genozid-Mahnmals, das an die Ermordung von 1,5 Millionen Armeniern durch die Türken bis 1923 erinnern soll, sehe ich einiges klarer. Dieser Genozid ist nicht zu verneinen, es ist geschehen! Ob man es den Türken heute noch vorwerfen kann und sollte ist eine andere Sache, die ich schwer beurteilen kann. Fakt ist, dass Ost-Anatolien vor dem 1. Weltkrieg West-Armenien war und durch die Ermordung und Vertreibung der Plan der Jung-Türken unter Atatürk aufgegangen ist, Lebensraum im Osten zu schaffen und eine unbeliebte Ethnie quasi auszuschalten. Was wir heute landläufig als Kurdenland bezeichnet, war im Osten der heutigen Türkei ein intensiv von Armeniern geprägtes Land.

Ein mächtiges Mahnmal für eine mächtige Wunde in der geschundenen armenischen Volksseele.

Wer jetzt wo wann wen warum niedergemetzelt hat, lässt sich heute kaum sagen – fest steht, dass 1,5 Millionen Menschen starben, und die Türkei sich bis heute nicht zu einem kritischen Umgang mit dem Theme bewegen lässt. Fest steht auch, dass der Verdacht der Jungtürken, die Armenier würden mit den Russen kollaborieren, nicht ausreicht, um ein ganzes Volk zu massakrieren und zu vertreiben. Fest steht auch, dass die Kurden von der Vertreibung der Armenier sehr profitiert haben und auch sehr aktiv daran teilgenommen haben. Fest steht aber auch, dass in diesen Zeiten immer der Stärkere die Schwächeren massakriert hat wo immer es eben ging.

Dass sich beide Seiten nicht aussöhnen können ist aber eine unsagbar traurige Tatsache, die mich nachhaltig betroffen macht, weil ich beide Länder sehr liebe und auch viele kurdische Freunde habe. Initiativen zum Zuschütten der Gräben gibt es nicht.

Khor Virap – Mehr Geschichte kann kein Platz bieten. Unterhalb des Gebäudes rechts geht es rund 10 Meter in die Tiefe. Hier soll Gregor der Erleuchter 13 Jahre lang eingekerkert gewesen sein. Der Streifen im Hintergrund ist die Grenze zur Türkei.

Gut, dass wir anschließend den Abstecher nach Khor Virap gemacht haben, denn das wohl geschichtsträchtigste Kloster Armeniens rundet das Bild, das ich langsam von diesem Land bekomme, deutlich ab.

Wir machen Bekanntschaft mit einem liebenswerten Thailänder, der sich auf Instagram als begnadeter Aktionskünstler erweist…

Die schon zwischen Zar und Osmanischem Reich gezogene Grenze schlängelt sich am Fuß des über 1700 Jahre alten Gemäuers – im Osten das heutige Armenien, im Westen das damalige Westarmenien. Hier hat Gregor der Erleuchter nach 13jähriger Kerkerhaft seinen König geheilt und damit den Grundstock für die Einsetzung des Christentums als Staatsreligion im Jahr 303 gesetzt. ich krieche durch ein zehn Meter tiefes Mannloch über eine Eisenleiter in des tiefe Verlies. Ich halte es keine 10 Minuten aus, so beklemmend ist es, Millionen Tonnen von hartem Feld um sich zu wissen und sich vorstellen zu können, dass es keinen Weg heraus gibt. ich denke nicht, dass ich klaustrophobisch bin, aber hier war ich nah dran.

Auf dem Gipfel des heiligen Berges der Armenier gibt es kein Kreuz: Der Ararat steht auf türkischer Seite.

Wie ich am Abend sitze und auf den Sonnenuntergang , dem Grenzverlauf mit den Augen folge und an das unsagbare Leid der Armenier denke, da fällt mir auf: “Die haben wenigstens ein Land. Hier muss keiner hungern und von Krieg sind sie auch etwas entfernt!” Die Kurden, damals Nutznießer der Vertreibung der Armenier, sind immer noch da, wo sie seit Jahrhunderten stehen: Ohne eigenen Staat, bedroht an Leib und Seele.

Ob der junge Thailänder wirklich weiß was er da fotografiert – das Thema ist unglaublich komplex…

Westarmenien zog sich von Trabzon im Norden und Mardin im Süden hin bis zur heutigen Grenze nach Armenien. Das Land wurde ethnisch gesäubert, heute stellen die Kurden die Bevölkerungsmehrheit. Spuren zu einer armenischen Vergangenheit gibt es hier nicht.

Was mich wundert ist der auf armenischer Seite recht unspektakuläre Umgang mit dieser Grenze. Es gibt nur einen Grenzzaun, keine Soldaten, keine befestigten Stellungen. Ich kann beurteilen, wie es auf der anderen Seite des Ararats aussieht – hier sind die Türken scheinbar auf alles vorbereite und die Posten gut besetzt mit bewaffneter Jandarma. Der Ararat ist Sperrgebiet, so als würde es dort von revolutionären Grenzgängern wimmeln. Mein Bild der Notwendigkeit der türkischen Mlitärpräsenz ändert sich grad ein wenig , denn der Ararat und die flachen Gebiete drumherum machen derzeit nicht den Eindruck, verteidigt werden zu müssen. Später erfahre ich von Armeniern, dass die Grenze diesseits sehr wohl bewacht wirdund zwar von russischem Militär. Hier stehen sich Russen und Türken also in einer Konfliktsituation gegenüber, während die Kurden angeblich beide Grenzwächter nicht akzeptieren und die Grenzen nach belieben überqueren.

Tief beeindruckt von Khor Virap entscheiden wir uns, doch noch ein Kloster anzusehen und reisen weiter in den Süden. Bevor wir nach 4-stündiger Fahrt 80 Kilometer Luftlinie südlich von Jerewan die Klosteranlage Noravank erreichen, besichtigen wir die älteste jemals gefudene Produktionsstätte für Wein in einer prähistorischen Höhle. Das imposante Loch ist auch Fundstelle des ältesten jemals gefunden Schuhs der Welt.

Noravank liegt über einer dramatischen Schlucht und wir finden einen schönen Stellplatz direkt unterhalb der zwei aufwändig restaurierten Kirchen, die nach römisch-katholischen Maßstäben allenfalls als Kapellen durchgehen würden.

Das Merchandising der Klöster steckt noch in den Kinderschuhen – für ein paar Dram kann man eine Taube mieten und mit frommen Wünschen in den Himmel fliegen lassen

Wir fühlen uns langsam sehr wohl in Armenien, denn das Land ist auf eine wundersame Weise unspektakulär und unaufgeregt. Das Leben plätschert vor sich hin und der Oktober erweist sich als ideale Reisezeit. Die Wetterprognose deutet auf kein Wölkchen hin die nächsten 14 Tage und tagsüber ist es mit rund 20 Grad angenehm warm.

Wir sind dicht dran an der Grenze zu Bergkarabach, entschließen uns aber aus mehreren Gründen, die Partie auszulassen. Hauptsächlich geht es darum, dass ich in meinem Reiseblog nicht drüber schreiben könnte, denn die Einreise gilt in Azerbeidjan, wo wir als nächstes hinwollen, als Straftat. Bergkarabach ist Azerbeidjanisches Hoheitsgebiet – allerdings wurde nach einer blutigen militärischen Auseinandersetzung 1994 eine Waffenstillstandslinie gezogen. Armenien war in Bergkarabach einmarschiert, die azerbeidjanischen Einwohner waren geflohen und die Republik Bergkarabach wurde ausgerufen.

Seitdem hat kein Land der Erde die autonome Republik Bergkarabach anerkannt, nicht mal Armenien selbst – dies im Bewusstsein, dass dann der Krieg gegen Azerbeidjan wieder ausbrechen würde und das will wohl im Moment niemand.

Aktuell ist es absolut ruhig und sicher in Bergkarabach, das Touristenvisum kann für 6 Euro an der Grenze angefordert werden. Armenische Soldaten kontrollieren eine Pufferzone zum Nachbarn im Osten, ansonsten ist Bergkarabach ein Reiseland wie jedes andere auch – nicht unbedingt ein Sehnsuchtsziel, denn zu sehen gibt’s da nicht viel, aber immer noch eine attraktive Perle in der Länderkette von weitreisenden Overlandern.

Uns zieht es da nicht hin, also machen wir uns nach zwei schönen Tagen auf dem Campingplatz Crossways Gedanken über die Weiterfahrt Richtung Norden. Jasmin ist bei uns, die wir zuerst auf dem 3Gs-Camping getroffen hatten. Die Garmisch-Partenkirchnerin ist allein mit Hund unterwegs und hat letzte Nacht ein paar böse Erfahrungen gemacht, nachdem sie mit einem platten Reifen mitten im Nirgendwo liegen geblieben war. Am Ende ist zum Glück alles gut gegangen, aber auf die eindeutig Zweideutigen Anmachversuche einiger Armenier hätte sie gern verzichtet. Sie wartet nun auf dem Campingplatz auf Freunde, mit denen Sie in den Iran will.

Unvergessliche Fotomomente in Armenien.

Wir hahren zur Ruine eines einsamen Kirchleins bei Arates. Hier können wir nachvollziehen, dass armenische Kirchen nicht aus massiven Steinquadern gebaut sind, sondern nur dicke Steinplatten diesen Eindruck entstehen lassen. Die Ruine offenbart uns einen Baustil, der die Hohlräume zwischen den Platten mit einer Art Beton aus grobem Kies verfüllt.

Auf dem Gelände der Kirche finden wir eine Grabplatte, die offensichtlich die letzte Ruhestätte einer bogumilischen Bäckersfamilie markiert haben dürfte. Über die Bogumilen wird viel diskutiert. U.a wird vermutet, dass ihre strenge Glaubenslehre auf Maria Magdalena zurückzuführen ist.

Religionsforscher ordnen Grabplatten wie diese den Bogomilen zu. U.a. wird vermute, dass sich die Bogumilen, inspiriert von Maria Magdalena von Spanien aus Richtung Balkan ausgebreitet haben. Wie sie bis ins weit entfernte Armenien geschafft haben ist ungeklärt.

Wir fahren hoch zum Selim-Pass und übernachten auf 2400 Meter Höhe vor der historischen Karawanserei.  Hier ist eine offizielle Station der alten Seidenstraße und das Gebäude ist perfekt erhalten. Man bekommt einen Eindruck, wie überschaubar der Handel zu Hochzeiten der Seidenstraße war. Auf dem Platz vor der Karawanserei ist weniger Raum als vor dem Sichtigvorer Aldi. Am Nachmittag hatten wir noch ein schönes Erlebnis: In den kleinen Dorf-Geschäften gibt es so gut wie nie Obst, Gemüse oder Milch. Sowas brauchen die Leute hier nicht – das produzieren sie selbst. Sylvia zeigt ihre Einkaufsliste und eine weitere Kundin lädt sie in ihr benachbartes Wohnhaus ein, wo wir alles was wir brauchen in eine Tüte gestopft bekommen – zahlen dürfen wir dafür nicht. Die Armenier sind auf eine unspektakuläre Art und Weise sehr gastfreundlich.

Unser bislang höchster Stellplatz 2400 Meter über dem Meer

Unser Tagesziel – das Kloster Tegher – ist grad eine Riesenbaustelle. Wir können nirgendwo grade stehen und überall ist Staub und Sand. Daher beschließen wir, doch schon ins benachbarte Guesthouse zu gehen. Allerdings beweist  das Guesthouse von Arla und Albert einmal mehr, das nie etwas ist, wie wir es erwarten. Reisen bringt einen mehr und mehr davon ab, hohe Erwartungen an Tagesziele zu setzen – es passt sowieso nicht und wenn: Umso besser.

Viele ältere Armenier sind von bewundernswerter Vitalität – Wie Levon (82) , der den ganzen Tag mit hohem Aufwand und spürbarer Begeisterung Apfelwodka destilliert.

Das Guesthouse und die Töpferwerkstatt sind garantiert ein Sommertraum. Ende Herbst ist das alles aber etwas trostlos und schweinekalt. Wenn es dann aufgrund der Sprachbarrieren schwierig wird, sozial anzudocken, dann will man schnell wieder weg. Ich weiß auch nicht recht, wie ich den Beiden vermitteln soll, dass der gebotene Standard nicht reicht, um zufriedene booking.com- oder Tripadvisor-Kunden zu bekommen. Da muss man entweder absolut ehrlich sein in den Beschreibungen, oder das Niveau anheben. Wir übernachten in der Kabine.

Das Potential ist da bei Arla und Albert und sie werden als Gastgeber auch an den Herausforderungen wachsen – so wie das ganze Land. Ich lerne Levon, Alberts Vater, kennen und er führt mich in die Geheimnisse der Schnapsbrennerei ein. Er veranstaltet im Garten aus überreifen Äpfeln eine Riesensauerei, aber aus seiner abenteuerlichen Anlage tröpfelt glasklarer Apfelwodka.

“Das wär was für mich” – Sylvia nimmt eine Töpfer-Lehrstunde.

Wir verabschieden uns ohne Groll von unseren liebenswerten Gastgebern und machen uns auf den Weg zum Aragatz – mit knapp über 4000 Metern der höchste Berg Armeniens. Kurz vor dem Ende des Bergsträßchens treffen wir Lutz und Petra aus Potsdam, die mit einem geliehenen Lada 4×4 unterwegs sind.  Wir verstehen uns auf Anhieb und tauschen Adressen aus. In Augenblicken wie diesen wird mir bewusst wie viel Platz in unseren Köpfen und unseren Herzen ist für neue Leute, neue Kontakte, neue Abenteuer. Die Reise-Seele wird niemals sagen „Ich kann nicht mehr!“

Später erfahren wir per Email, dass die beiden keine schöne Nacht hatten, weil nicht jede Lastminute-Herbergssuche in einem kuscheligen Bettchen endet – gerade in Armenien nicht –  und man auch mal mit einer Absteige vorlieb nehmen muss, weil die Straßen düster sind und ein Lada kaum einen Schein nach vorne wirft.

Dieses Problem haben wir zum Glück nicht. Aber auch uns glückt nicht jede Standplatzsuche. Im nordarmenischen Gjumri – dem ehamaligen Alexandropol – parken wir einen Tag später an einem schönen Fleckchen, als während des gemütlichen Abendessens die Polizei an unsere Tür klopft und uns auffordert, uns sofort einen anderen Platz zu suchen, weil wir direkt vor dem Tor einer russischen Militärstation stehen. Das „sofort“ ist den beiden netten Polizisten sichtlich unangenehm, aber unsere Abfahrt lässt nicht eine Minute Aufschub zu.

Aber zurück zum Aragatz: Es ist knapp über Null Grad auf 3200 Meter und die kurze Besichtigung des Hotels ist wieder vom erheblichen touristischen Nachholbedarf der Armenier geprägt. Es sieht so aus, als wären hier seit Stalins Zeiten die Möbel nicht mehr verrückt worden. Die zwei kleinen Heizlüfter werden die Kälte nicht aus den muffigen Federbetten blasen können und so entscheiden wir, uns etwas tiefer einen Platz für die Nacht zu suchen.

Rückfahrt aus 3200 Metern Höhe. Im Hintergrund der Aragats – mit 4000 Metern der höchste Berg Armeniens. Temperatur: Um die 0 Grad in der Sonne.

Die Festung von Amberd bietet sich an, aber auch auf 2100 Meter kriegen wir in der Nacht Schlafprobleme in der dünnen Luft. Da hilft auch nicht, dass ich mit einer armenischen Familie im Zelt des Parkplatz-Imbiss noch die ein oder andere Wodka-Runde zum Wohl der deutsch/armenischen Freundschaft mitziehen muss.

Weiter geht’s an der Nordseite des Aragats entlang Richtun Gjumri. Wir haben noch knapp eine Woche Zeit und wollen uns jetzt ein Guesthouse suchen, wo wir mit stabilem Internet mal wieder ein paar Bilder hochladen und das Online-Visa für Azerbeidjan bestellen können. Die Erfahrung mit den beiden Polizisten schmälert unsere Freude am „frei Stehen“ absolut nicht, denn wir haben es dank unserer Übernachtungsstrategien endlich geschafft, mal ein Monatsbudget deutlich zu unterschreiten. Wir haben im Oktober knapp 1400 Euro ausgegeben für alles, wobei die ersten vier Tage in Georgien durch unterschiedliche Unternehmungen richtig Geld gekostet haben. Das Novemberbudget soll jetzt die 1200 Euro nicht überschreiten. Die notwendigen 50 Euro pro Tag hole ich aktuell satt durch Arbeit wieder herein und mir wird wieder mal schmerzlich bewusst, welch hohen Anteil am Einkommen Steuern und Sozialabgaben vereinnahmen. Würde ein bis dahin fest Angestellter seinen Aussteigertraum verwirklichen, so müsste er wesentlich weniger aufbringen als ein Selbständiger, der aus der einmal in Schwung gebrachten Schraube so schnell nicht wieder herauskommt.

Irgendwann muss die große Wäsche sein – und wenn’s mit eiskaltem Wasser ist.

Als wir in Gjumri zur Stadtbesichtigung aufbrechen wollen springt das Auto nicht an. Wie immer führen uns solche Situationen zu unvergesslichen Erlebnissen – so auch diesmal. Wir lernen den sehr hilfsbereiten Heros kennen, der uns und die Batterie zum Aufladen mit nach Hause nimmt. Hier erfahren wir aus nächster Nähe, dass das “Erdbeben 1988” noch immer nicht “erledigt” ist.

Siehe dazu auch Exkurs III: Das Erdbeben von 1988

Zum Glück springt das Auto wieder an und wir fahren durch zum Guesthouse Maghay in Wanadsor, Armeniens 3-größter Stadt. Hier genießen wir zu einem stolzen Preis die Annehmlichkeiten der Zivilisation und ich komme endlich dazu, die Azerbeidjan-Visa zu beantragen und den Reiseblog wieder auf Vordermann zu bringen.

Heros hat uns tiefe Einblicke in das Leben der Erdbebenopfer ermöglicht. Hier ist auch nach über 30 Jahren der Alltag noch nicht wieder eingekehrt.

Was mir hier – wie in allen bislang besuchten Städten des transkaukasischen Raumes auffällt: In den Städten lässt es sich gut leben und den Leuten geht es auch gut da – aber in den Randgebieten und auf dem Lande sind die Menschen bettelarm und der Sprung von der einen auf die andere Seite scheint nicht vielen zu gelingen.

Es wird Winter in Armenien und wir müssen zusehen, dass wir ins deutlich wärmere Azerbeidjan kommen.

Wir machen uns auf den Weg nach Azerbeidjan, wo wir am Kaspischen Meer an der Grenze zum Iran den Scheitelpunkt unserer Reise erreichen wollen

Exkurs III – Das Verhältnis Georgiens zu Russland

Kurz gesagt: Es ist kompliziert! Der Nachbar Russland steht in Georgien für Machthunger, ständige Bedrohung, Mafia und Korruption.

Das Verhältnis war schon immer kompliziert. So fragt man sich z.B. warum es keinen “Tbilisier Frühling” gab Ende der 60er? Ganz einfach: Die Georgier hatten ihre Lektion gelernt, denn hier hatte man sich schon 1956 gegen die russische Führung aufgelehnt – leider nicht für die Freiheit und die Menschenrechte, sondern weil Nikita Sergejewitsch Chruschtschow in einem geheimen Dossier jeden weiteren Personenkult um den 1953 verstorbenen Georgier
Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili untersagt und damit die Ent-Stalinisierung der Sowjetunion eingeleitet hatte.

Aber gerade die den folgenden Aufstand anführenden Studenten wollten sich ihr großes georgisches Idol nicht nehmen lassen und forderten Freiheit – vor allem das Recht, den “Stählernen” weiter gottgleich anbeten zu dürfen.

Chruschtow beendete den Aufstand nach Russenart und ein paar hundert Aufständige verloren beim Massaker von Tbilisi ihr Leben. Es war der letzte Aufstand bis 1989, als russische Fallschirmjäger einen gewaltfreie Demonstration gegen die Sowjetunion niederknüppelten. 40 Menschen kamen ums Leben.

Aber: Die Sowjetunion löste sich auf, wurde zunehmend handlungsunfähiger und bei den Wahlen 1990 siegte eine pro-georgische Partei, die sich die Eigenständigkeit Georgiens auf die Fahnen geschrieben hatte.

Zwei Jahren nach der brutal niedergeschlagen Demo wurde die Republik Georgien auf Basis der Verfassung der ersten Republik ausgerufen.

Der Georgische Präsident Gamsachurdia verkündete, dass sich Georgien nicht an der Gründung der Gemeinschaft der GUS-Staaten beteiligen würde.

Allerdings Swiad Gamsachurdia machte bei der Lösung der innenpolitischen Aufgaben keine gute Figur und agierte zunehmend diktatorischer, bis er 1992 in einer Art Militärputsch abgesetzt und durch Eduard Schewardnadse, letzter Aussenminister der UDSSR, abgelöst wurde.

Im ersten Abchasienkrieg 1993 unterlag Georgen und musste sich mit der Unabhängigkeit der Teilrepublik abfinden – und dafür hohen Tribut zahlen: 50.000 Menschen starben und etwa 200.000 mussten fliehen. Auch in Süd-Ossetien gab es Probleme.

Schewardnadse führte Georgien 1995 wieder den GUS-Staaten zu und bis 2003 regierte er, ohne eine Ansteigen der allgegenwärtigen Korruption sowie den Schulterschluss mit Russland verhindern zu wollen oder zu können. Erst die sogenannte Rosenrevolution machte dem Schewardnadse-Treiben 2003 ein Ende und sorgte für einigermaßen demokratische und verlässliche Strukturen, die in dieser Form bis heute anhalten.

Große Probleme bekam Georgien 2007/2008 mit weiteren Auseinandersetzungen um Abchasien und Südossetien, die mit einer deutlichen Manifestierung des wohl endgültigen Verlustes der Teilrepubliken endeten.

Die erste Republik

Die erste kurze Selbständigkeit hatte es übrigens nach dem 1. Weltkrieg 1917 bis 1921 mit der “1. Republik” gegeben. In schweren Zeiten zog es die “Terrasse Europas” aber doch vor, sich zunehmend und schließlich endgültig unter das schützende Dach des großen Nachbarns zu stellen. Natürlich nicht ohne massiven Druck Russlands: Über die vielen tausend Toten und die Autonomiebestrebungen Georgiens dieser Zeit berichtet eine ständige Ausstellung des Tbiblisier Nationsmuseums auf sehr eindringliche Art und Weise. 1921 wurde Georgien dann zur Sowjet-Republik.

Tbilisi selbst hat nur einmal in der Vergangenheit wirklich den Atem der Geschichte in seinen Gassen gespürt. 1908 hatten sich hier die Geschicke der kommunistischen Revolution entschieden, als ein junger Seminarschüler namens Dschughaschwili einen Geldtransport der Bank von Russland überfiel und mit den erbeuteten 250.000 Rubeln über Jahre den Kampf von Lenins Rotgardisten bis hin zur erfolgreichen Oktoberrevolution finanzierte. Dabei sollen bis zu 40 Menschen getötet worden sein, Stalins damaliges Vorgehen erinnert an die Bankraubpläne der späteren RAF in Deutschland oder der IRA – auch hier zählte Geschwindigkeit und Rücksichtslosigkeit über alles.

Die Deutschen in Georgien

Die Geschichte der Deutschen in Georgien ist eng mit dem Einwanderungsdekret der russischen Zarin Katharina II. verbunden, das seit Ende des 18. Jahrhunderts Hunderttausende von Europäern – vornehmlich deutsche Bauern und religiös Verfolgte aus Württemberg – in den Osten zog, um hier die endlosen Weiten des Zarenreiches zu besiedeln. Die Deutschen gründeten hier Siedlungen, die man noch heute an ihren schnurgeraden Hauptstraßen erkennt. In Marienfeld bei Tbilisi stehen noch “Deutsche Häuser”.

Während zu Beginn der Besiedlung insbeondere die stetigen Angriffe der Völker jenseits der russischen Grenzen Opfer unter der deutschen Bevölkerung kosteten, war es am Ende Stalins Wahn, der das Kapitel “Deutsche in Georgien” brutal und unwiderruflich beendete. Nach der deutschen Kriegserklärung an die UDSSR wurden über Nacht alle Deutschen nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Nur knapp 2000 sollten jemals zurückkehren. In den Orten erinnern sich die alten Leute noch daran, dass die Häuser der Deutschen wie bewohnt schienen, als die neuen Besitzer einzogen. Teilweise stand noch das Essen auf den Tischen – so überraschend hatte die Deportation die deutsche Bevölkerung erwischt.

Heute muss man beim Begwandern westlich der alten Heerstraße nach Wladikawkas vorsichtig sein, denn so mancher Wanderweg wird von russischen Grenzsoldaten mit Maschinengewehren im Anschlag versperrt. Andererseits kommen zunehmend mehr russische Touristen nach Georgien. Die gesamte Gemengelage ist für Europäer etwas unübersichtlich. Eins scheint klar – die Freiheit werden sich die Georgier nicht mehr nehmen lassen.

Exkurs II: Südossetien und Abchasien

In der Vorbereitung auf unsere Reise haben wir uns natürlich auch über politische und völkerrchtliche Dinge informiert. Dabei blieben Südossetien und die autonome Republik Abchasien im Verständnis der Gesamtlage immer etwas nebulös. Gerade in bezug auf die Kaukasus-Republik Süd-Ossetien waren wir von ethnischen oder religiösen Hintergründen, und allgemein geschichtich begründeten Souveränitätsbestrebungen ausgegangen.

Über Abchasien redet man hier nicht viel, denn die Geschichte ist blutig und wohl auch von ethnischen und nationalistischen Differenzen geprägt. Anders sieht das in Südossetien aus, wo es keine echte Regierung gibt, sondern die Staatsgewalt inkl. der Grenzkontrollen von russischem Militär ausgeübt wird. Fragt man die Georgier, dann sind die 50.000 Süd-Ossetier alles andere als freie Menschen und jeden Tag weitet der unbeliebte Nachbar Russland seinen Einfluss weiter aus und zwar aus rein wirtschaftlichen Interessen: Abchasien und Südossetien sind nicht militärstrategisch interessant sonden nur noch wirtschaftsgeografisch, denn wichtige Teile des Gastransports von Russland in den Westen läuft über diese Gebiete.

Ein Grenzübertritt ist nicht möglich, denn ein Stempel der süd-ossietischen oder abchasischen Verwaltung im Pass bedeutet gleichzeitig für Einreisende in Georgien, dass ein illegaler Grenzübertritt vorliegt, der im besten Fall mit einem Einreiseverbot geahndet wird. Touristen kommen beim Wandern schnell in diese Situation, denn die “Grenze” verläuft etwa 20 Kilometer neben der “Georgischen Heerstraße” und nahezu jedes Tal Richtung Westen endet irgendwann auf süd-ossietischem Gebiet.

Im öffentlichen Leben wird wenig über den Autonomiestatus der drei Republiken (auch die Region um Botumi ist autonom) geredet, allerdings ist überall und deutlich die Abneigung gegen den Nachbarstaat zu spüren, obwohl gerade im Kaukasus sehr viele russische Touristen für Umsatz sorgen.

Das eigentlich Problematische ist, dass Russland seinen Einflussbereich in Südossetien immer weiter ausdehnt, ohne dass die aktuelle Regierung sich mal zu einem weltweit zu hörenden “Halt” aufruft. Es gibt keinen zu berdenden “Status Quo”, weil die Ansprüche Russlands nicht definiert sind, sondern nach belieben ausgedehnt werden. “Wir verlieren jeden Tag ein paar Meter an die Russen und es ist nicht abzusehen, dass das aufhört”, dürfen wir einen Lokalpolitiker aus Tiflis zitieren. Wer befürchtet, mit seinem Land “geschluckt” zu werden, muss wegziehen oder seinen georgischen Pass gegen den russischen tauschen.

Um ehrlich zu sein: Wir haben noch nicht mit einem Russen über dieses Thema gesprochen und kennen die Geschichte nur von einer Seite. Daher wird dieser Artikel sicherlich nocht fortgesetzt.

Exkurs I: Das Paradies von Nika Vacheishvili

Wir sind mal wieder gestrandet – diesmal auf einer Trauminsel: Das Weingut von Nika Vacheishvili (51) nahe des Stalin-Geburtsortes Gori im Zentrum Georgiens erfüllt alle Aussteiger-Träume. Auf einem überschaubaren Berggrundstück im Atenuri-Tal mitten in einer über 1000-jährigen Weinbau-Tradition hat sich der gelernte Kulturhistoriker seinen persönlichen Traum vom Winzerleben erfüllt.

Mit einer Anbaufläche von 30.000 Quadratmetern könnte er einem deutschen Weinbauern allenfalls ein “Och ist das süß” entlocken, aber für georgische Verhältnisse ist das mehr als genug, denn um den Vertrieb muss er sich dank eines gut besuchten Gästehauses nicht kümmern und industrielles Wachstum ist nicht Nika Vacheishvilis Thema. Lieber baut und plant er sein Museum auf dem Nachbargrundstück.

Wer das Gästehaus besucht ist geneigt länger zu bleiben: Aus Angst vor dem abenteuerlichen Rückweg mit Schotter, spanferkelgroßen Schlaglöchern und Fluss-Überquerungen, aber hauptsächlich, weil man sich hier so unglaublich wohlfühlen kann.

Durch Mund-zu-Mund-Propaganda ist das Haus stets gut gefüllt und der Hausherr begrüßt seine vornehmlich deutschen Gäste fließend in deren Muttersprache. Die Küche ist ein georgischer Traum und die Unterkünfte stehen weit über landestypischem Gästehaus-Niveau. Das hat hier schon deutschen 3-Sterne-Charakter und die Liebenswürdigkeit der Gastgeber bügelt alle eventuellen Schwachstellen charmant aus. Wir haben uns während unserer ganzen Reise außer im Kloster bei Bobota (Rumänien) nirgendwo so herzlich umsorgt gefühlt wie hier im georgischen Niemandsland, gut 20 Kilometer unsagbar schlechter Wegstrecke vom nächsten Ort entfernt.

Das Abendessen kostet 80 Lira für 2 Personen, also etwa 12 Euro pro Kopf. Dabei kann man sich die Weinkarte des Hauses hoch und runter trinken – ohne Aufpreis…

Nika braucht keinen Vertrieb – was er produziert wird im Gasthaus getrunken – insgesamt rund 4000 Liter pro Jahr. Gekeltert werden die für die Region Atenuri historisch wichtigen Trauben Takveri (Rot) und Chinebuli (Weiß), wobei der Winzer neben Rot- und Weißwein auch einen feinen Rose aus weißen Trauben mit Maische aus roten Trauben fermentiert. Die Flaschen werden direkt abgefüllt. Nach alter Tradition müsste noch im Ton-Amphoren gelagert werden, aber der Aufwand wäre zu groß.

Das Geheimnis des Bodens ist dessen starker Magnetismus. Die Erde ist so “anziehend”, dass man sie mit einem Magneten aufnehmen kann.

Unsere absolute Top-Empfehlung für Georgien: www.atenuri.ge