Alle Beiträge von admin

Exkurs I: Reiseinformationen Azerbaijan – Wohnmobiltour 2019

Beste Reisezeit für Azerbaijan

Wir haben den November 2019 sehr genossen, weil es in Azerbaijan selbst im September noch sehr heiß werden kann. In den Wintermonaten muss überall mit Schnee und Frost gerechnet werden. Andere Overlander zu treffen ist ein Glücksspiel, aber wie immer findet man immer und überall Gleichgesinnte. Im großen und ganzen ist man allerdings als Tourist recht einsam unterwegs, insbesondere in den Nationalparks.

Einreise und Aufenthalt – Wohnmobilreise in Azerbaijan

Wer mit dem Wohnmobil nach Azerbaijan einreisen will, muss eine handvoll Dinge beachten. Die Einreise ist aus Norden kommend nur über Georgien möglich. Im Norden ist der Grenzübergang „Red Bridge“ der beste Weg von Tiflis nach Baku, allerdings ist die Anreise durch das sehr industriell verbaute Rustawi nicht so schön. Es gibt einen fast unbekannten Grenzübergang 130 Kilometer östlich von Tiflis, den wir für die Rückfahrt genutzt und als deutlich entspannter empfunden haben, da er quasi eine Kette von Nationalparks verbindet und nicht von LKW genutzt wird. Hier wäre dann das historisch sehr bedeutsame Sheiki erste Station, oder die Naturerlebnisse rund um Quabala.

Für die Einreise braucht es ein gültiges Visum. Dieses kann im Vorfeld über die Botschaft in Deutschland organisiert werden oder bis 3 Tage vor Grenzübertritt online im Internet. Letzteres kostet 20 Euro pro Visa. Ich würde das empfehlen, weil man dann flexibler ist. Das Visadokument muss ausgedruckt werden, das geht in Armenien oder Georgien in den überall vorhandenen Copy-Shops. Achtung: Für das Visa braucht es eine Adresse in Azerbaijan. Wir hatten im Vorfeld ein AirBnB in Baku gebucht und konnten daher diese Adresse verwenden. Ich glaube nicht, dass diese Adressen kontrolliert werden, daher könnte man rein theoretisch auch irgendein Guesthouse angeben.

Wer einen Armenien-Stempel im Pass hat bekommt Probleme. Mit einem Bergkarabach-Stempel würde ich mich an keiner azerbaijanischen Grenze blicken lassen, denn das gilt als Beweis für einen ungenehmigten Grenzübertritt, aber selbst ein normaler Armenien-Stempel provoziert großen Klärungsbedarf. Also wer – wie wir – beide Länder bereisen will, sollte zuerst nach Azerbaijan reisen und sich immer bewusst sein, dass die beiden Länder aufgrund der ungeklärten Bergkarabach-Situation bis auf’s Blut verfeindet sind.

Papiere für den Grenzübertritt

Reisepass, Führerschein national und international, Fahrzeugschein und eine gültige Haftpflichtversicherung – für den Hund unbedingt den Europäischen Heimtierausweis, idealerweise mit Bild.

Die Versicherung wird direkt an der Grenze inklusive der Einfuhr-Papiere für das Fahrzeug ausgestellt und sofort berechnet. Daher sollte man beim Grenzübertritt etwa 100 Manat Bargeld zur Verfügung haben. Es ist nicht möglich, ohne das Auto wieder auszureisen. Wer mehr als 15 Tage in Azerbaijan unterwegs sein will, muss sich alsbald bei der Migrationsbehörde um eine entsprechende Genehmigung kümmern. Das kann auch online geschehen. Solche Dinge nicht unterschätzen, denn an den azerbaijanischen Grenzen herrscht ein rauher Umgangston. Wie überall im Kaukasus: Der Beifahrer muss aussteigen und als Fußgänger durch die Passkontrolle. Späße, flapsige Bemerkungen etc. sollte man echt sein lassen. Das ist kein Schengen hier…

Wohnmobil-Fahren in Azerbaijan

Azerbaijan achtet sehr auf Verkehrsregeln. Diese legt man zwar sehr kreativ aus, aber Touristen sollten die geltenden Geschwindigkeitsgebote unbedingt einhalten. Die Abrechnung kommt spätestens bei der Ausreise, dann die wichtigen Durchgangsstraßen sind alle videoüberwacht. Polizei kassiert Strafmandate grundsätzlich nicht in bar, sondern man erhält ein Zettelchen mit dem an den allgegenwärtigen Automaten bezahlen kann. Vereinzelt versuchen Polizisten auf eigene Kappe etwas Geld nebenbei zu machen. Hier zahlt sich Hartnäckigkeit aus. Ohne Beleg wird nicht gezahlt, unter Umständen ist es hilfreich, einen 20 Manat-Schein im Portemonnaie zu haben, denn damit sind die meisten Polizisten dann doch irgendwann zufrieden, auch wenn die Eingangsforderung 4-stellig war.

Das Fahren auf den bis zu 8-spurigen Autobahnen rund um Baku ist aufgrund der moderaten Geschwindigkeiten recht gefahrlos, lediglich die großen, teils 6-spurigen Kreisverkehre im Zentrum erfordern höchste Aufmerksamkeit. Die Straßen nach Baku und um Baku sind in einem hervorragenden Zustand. Auf dem Land sind nur die Hauptwege einigermaßen in Ordnung. Es muss mit teils bis zu 50 Kilometer langen Baustellen gerechnet werden. Zuwege zu Sehenswürdigkeiten erfordern nicht selten Allrad-Antrieb. Wenn es geht sollte Fahren in der Dunkelheit vermieden werden. Es ist stockdunkel und man sieht wirklich nichts, weder die Schafherden die hier über die Fahrbahn getrieben werden noch die Kühe, die von einer Verkehrsinsel zur anderen wandern. Vorsicht mit Taxifahrern, bitte immer den Preis vorher aushandeln. Im Stadtgebiet Baku nicht mehr als 12 Manat zahlen für eine Fahrt. Idealerweise vorher Freundschaft knüpfen mit dem Fahrer und dann am nächsten Tag wiederkommen. Dann gibt es den fairen Preis.

Parken geht in der Stadt immer und überall, dafür sorgen die jeweils für einen Straßenzug zuständigen Parkwächter, denen man allerdings den Schlüssel aushändigen muss. Öffentliche Parkplätze gibt es selbst im Zentrum ausreichend – allerdings waren wir Ende November dort. Nachteil dieser Reisezeit: Die Polizei macht sich einen Spaß daraus, Ausländer rauszupicken. Wir haben in den seltensten Fällen etwas bezahlen müssen und meist wollten sie uns nur eine gute Fahrt wünschen. Nervig ist es aber doch, weil man nie weiß, was einen erwartet.

Leben und Einkaufen

Sim-Karten gibt es in jeder größeren Stadt (Azerzell oder Bakcel), aufladen kann man später am Automaten. Für 10 Manat gibt es 5 Gigabyte, Internet dafür selbst im entlegensten Nationalpark in 3G-Qualität. Auch Bier ist kein Problem.

Man kann sich überall in Azerbaijan auf die Hilfsbereitschaft der Leute verlassen, aber auch darauf, dass man als Tourist erkannt wird und für alles grundsätzlich viel mehr zahlt als ein Einheimischer. Da dieses „Viel mehr“ aber immer noch günstig ist, haben wir niemals Beschwerden vorgebracht, weil auch selten überzogen wird.

Frei stehen ist hier nirgendwo ein Problem, auf bewachten Parkplätzen zahlt man zwischen 2 und 5 Manat. Eingekauft wird direkt an der Straße oder in einem der kleinen Markets. Die Supermärkte der großen Städte haben europäisches Niveau. Bitte auf Verfallsdaten achten – damit nimmt man es hier nicht so genau.

Bezahlen in Azerbaijan

Geld bekommt man an fast allen Automaten, allerdings niemals mehr als 200 Manat, also grad mal 100 Euro – das nervt und es empfiehlt sich, Euro oder Dollar mitzunehmen und dann vor Ort zu wechseln. Das Preisniveau ist günstiger als Armenien und etwas teurer als Georgien. Unser 50 Euro-Budget konnten wir hier sehr gut einhalten.

Trinkgeld wird für guten Service erwartet. Aufrunden passt immer. Beim Tanken oder bei sonstigen größeren Anschaffungen wird meist erst geliefert, wenn man das zum Bezahlen notwenige Geld zeigen kann.  An Tankstellen wird Kartenzahlung z.B. nur dann akzeptiert, wenn man genügend Bargeld dabei hat. Geldwechsel ist überall möglich, über aktuelle Kurse bitte vorab im Internet informieren und die obligatorischen 10 Manat für den Touristenstatus einplanen.

Tanken (Diesel, AdBlue & Gas) in Azerbaijan

Diesel kostet hier etwas mehr als 30 Cent und hat Premium-Qualität. AdBlue gibt es hier in größeren Märkten für Autozubehör, ich würde mich aber nicht darauf verlassen. Markenwerkstätten gibt es meiner Meinung nach nur in Baku. Leider gibt es hier kaum LPG-Tankstellen, daher ist das Befüllen von Gasflaschen aus Deutschland nur an Gasversorgungsstätten möglich, die man beim Vorbeifahren aber gut erkennt. Wir haben 1 Euro für ein Kilogramm Gas bezahlt und niemals lang warten müssen. Je freundlicher man fragt, desto höher ist die Chance, dass sich ein passender Adapter findet.

Wie viel Zeit brauche ich für Azerbaijan?

15 Tage sind knapp bemessen. Wir haben allein in Bau 7 Tage verbracht und haben nicht alles gesehen. Für den Gobustan Nationalpark reicht ein Tag, für den Shirwan-Park sollte man sich mindestens 3 Tage Zeit nehmen. Sheiki und anderen großen Städte sind gut für Tagesausflüge. Yanardag und die Schlammvulkane sind ebenso wie der Feuertempel völlig überbewertete touristische Highlights, mit denen man sich lange aufhalten muss. Qabala und der umgebende Nationalpark lohnen aber auf jeden Fall. Für den Aufenthalt in Baku empfehlen wir den Parkplatz an der neuen Capian-Sea-Mall. Das Teppichmuseum (unbedingt anschauen) ist 300 Meter entfernt. Hier ist es zum Preis von 1 Manat/Nacht erstaunlicherweise recht ruhig und man ist innerhalb von 15 Minuten im Zentrum oder in der Old City. Es gibt Wasser und nach ein paar Minuten Weg auch eine saubere öffentliche Toilette. Wir haben dort 4 Tage problemlos gestanden. Stellplatzprobleme haben wir grundsätzlich niemals gehabt.

Menschen in Azerbaijan

Azerbaijan ist moslemisch geprägt aber nicht von der Religion bestimmt und ganz und gar nicht mit dem Bruderland Türkei vergleichbar. Verschleierung ist quasi unbekannt und das Miteinander von Mann und Frau hat zumindest in Baku absolut unseren Standard. Die Menschen auf dem Land erscheinen uns sehr arm. Baku ist manchmal bis an die Schmerzgrenze heran „neureich“. Woher die jungen Burschen hier das Geld für ihre Ferraris haben – ich weiß es nicht. Eine Studentin aus St. Petersburg erzählt mir, dass es für ihre Mit-Studentinnen sehr wichtig ist, mit Prada- und Gucci-Accessoires zu glänzen, obwohl alle wissen, dass es billige Fälschungen sind. Vor den echten Versace und Armani-Läden stehen die Einkäufer meist länger als notwendig auf dem Bürgersteig herum, damit wirklich alle sehen, dass sie sich sowas leisten können. Vor den Schulen der Reichen parken Bentleys mit Chauffeur, um die Kinder abzuholen. Bettler oder Obdachlose gibt es nicht, man hat den Eindruck, dass zumindest in Baku jedem ein Besen in die Hand gedrückt wird, um die Boulevards zu kehren. Auf den Basaren wird sehr unaufdringlich und völlig entspannt gehandelt.

Die Menschen hier sind – Ausnahme Grenzbeamte – überaus freundlich.

Politik, Menschenrechte etc.

Während unserer Zeit in Baku gab es Reisewarnungen aufgrund von ungenehmigten Demos, die von der Polizei brutal niedergeknüppelt worden sein sollen. Wir haben davon nichts mitbekommen und auch auf Nachfrage nur eine latente bis deutliche und durchgehende Unzufriedenheit mit der aktuellen Regierung erfahren. Darüber wurde aber offen gesprochen. Ich denke, dass Korruption im Ölhandel das größte Problem ist, und dass das mit der Energie erwirtschaftete Geld nicht gerecht verteilt wird. Die Schuldbildung ist gut, selbst auf dem Land sprechen viele Menschen englisch, die meisten der älteren Azerbaijaner waren in ihrer Armeezeit in Dresden oder Potsdam stationiert. Weitere Beurteilungen möchte ich mir sparen, davon weiß ich zu wenig. Apropos zu wenig: Wir sind hier auch schon mit „Heil Hitler“ begrüßt worden – nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil man hier – ehemalige Soldaten ausgenommen – sehr wenig über Deutschland weiß. Unsere Kanzlerin kennt man allerdings! Vorsicht bei Diskussionen über Armenien – der Hass auf den Nachbarn verbindet hier alle Schichten. Wir haben aber auch junge Leute getroffen, die sich einen echten Frieden wünschen, selbst wenn Bergkarabach autonom bleiben sollte. Es ist so wie wir mit der Mauer damals – man hat sich daran gewöhnt.

Hunde in Azerbaijan

Es gibt mitunter Probleme, ein Restaurant zu finden, das Hunde akzeptiert, aber wir sind immer irgendwo fündig geworden, denn insbesondere die kleineren Betriebe sind auf jeden Manat angewiesen. Wenn der Hund nicht reindarf kann man sicher sein, dass das Essen maximal Touri-Niveau hat. Hotels und Gästehäuser akzeptieren keine Hunde. In unsere AirBnB in Bako war das kein Problem.

Essen in Azerbaijan

Sehr lecker und am besten im Straßen-Imbiss auf die Hand. Gyros (Rind/Geflügel) gibt es hier in leckeren Teichfladen eingewickelt ab 2 Manat. Ansonsten: Alles sehr türkisch und wer mit anatolischen Speisekarten klarkommt hat auch hier keine Probleme. Es ist alles nicht so schwer cremig, fettig und sahnig wie in Armenien oder Georgien. Ich habe übrigens nirgendwo besseren Kaffee bekommen als in Azerbaijan (meine Empfehlung: Americano mit heißer Milch). Allerdings “echter” Kaffee a la Azerbaijan ist nicht zu genießen. Tee (Cay) hat die gleiche Bedeutung wie in der Türkei.

Was mitnehmen aus Azerbaijan?

Wir haben uns für Teppiche entschieden, die als einzige “Souvenirs” nicht teurer sind als in den Nachbarländern. Für zwei sehr schöne Teppiche haben wir insgesamt 350 Euro bezahlt. Außerdem habe ich 45 Liter Diesel mitgenommen – die Kanister werde ich in Griechenland vertanken.

Bilder unserer Reise mit dem Wohnmobil durch Azerbaijan idealerweise im Reisblog finden oder unter dem Instagram-Hashtag #usch_in_azerbaijan .

16. Etappe – Azerbaijan (9. November – 24. November)

Exkurs I: Reiseinformationen “Mit dem Wohnmobil durch Azerbaijan”

Auf dem holprigen Weg zur Azerbaijanischen Grenze tut es einen Schlag und die Warnlampen im Ranger Cockpit schlagen Purzelbäume. Auch eine Fehlermeldung kommt: “AdBlue-Warnung – nach 500 Kilometern wird das Auto nicht mehr starten”. Zum Glück finden wir einen Markt, der AdBlue führt – was ein Wunder ist, denn wirklich NIEMAND braucht das hier… Ich fülle auf, aber die Fehlermeldung bleibt. Wir fahren nach Tiflis in die Ford-Werkstatt. Hier schraubt man den ganzen Tag herum, aber die Warnanzeige verschwindet nicht. Wir fahren los, um einen Platz für die Nacht zu finden, am nächsten Morgen wollen die Ford-Experten weitersuchen. Ist zum Glück aber nicht notwendig, denn als ich auf die Stadtautobahn einbiege erlischt die Warnmeldung. Hoffentlich war das jetzt der letzte Stolperstein auf dem Weg nach Baku. Der Service ist kostenlos, höre ich staunend.

16. Etappe – Azerbaijan (9. November – 24. November) weiterlesen

Exkurs IV: Der Waschlowani-Nationalpark

Müsste ich einen Höhepunkt unserer Reise definieren, dann wäre das die dreitägige Tour durch den Waschlowani-Nationalpark im Süden Georgiens an der Grenze zu Azerbeidjan (entschuldige Sanliurfa, aber du bist nunmal alles andere als wild und unberührt).

Es gibt im Waschlowani-Nationalpark ausschließlich mehr oder weniger gut befahrene Pisten. Die Neigungswinkel sind teils erheblich. Hier braucht es Kraft, Allrad und Bodenfreiheit.

Der Waschlowani-Nationalpark (ვაშლოვანის სახელმწიფო ნაკრძალი) liegt in der Region Kachetien und wird von der Stadt Dedopliszqaro erschlossen. Hier befindet sich auch das Tourismus-Center und die Station der Border-Police, über die die Eintrittsgenehmigungen erstellt werden. Ein Eintritt ohne Genehmigung ist verboten. Kosten entstehen je nach Aufenthaltszeit und ob Zimmer in den drei Rangerstationen gebucht werden. Wir haben für die Camping-Variante rund 30 Euro bezahlt für drei Tage.

Wir haben in den drei tagen im Nationalpark Waschlowani maximal 15 Leute getroffen, unter anderem diese Hirten.

Der Nationapark Waschlowani zeichnet sich durch sein trockenes Klima, steppenartige Vegetation und bizarre Fels- und Hügelformationen aus. Es gibt aber auch gibt es auch lichte Wälder und Buschgebiete. Das 1935 eingerichtete Nationalpark hat heute eine Gesamtfläche von über 251 Quadratkilometern.

Die Pisten ziehen sich endlos hin.

Wir sind im Park etwa 150 Kilometer gefahren, wobei alles einigermaßen machbar war, lediglich den Schluss der Anfahrt auf Mijniskure haben wir uns geschenkt, weil es einfach zu eng wurde.

Die Straßenschilder zeigen’s deutlich: Hier entlang nur mit dafür ausgerüsteten Fahrzeugen.

Wir würden grundsätzlich empfehlen, hier ausschließlich mit Motorrad oder Allrad-Fahrzeugen zu reisen, weil es doch immer wieder zu Ausnahmesituationen kommt, wo “normale” Fahrzeuge einfach überfordert wären.

Im Hintegrund die noch schneefreien Gipfel des “Kleinen Kaukasus”

Was macht es aus? Zum einen mal die absolute Ruhe und das Gefühl für die Weite einer Steppenandschaft. Tiere haben wir nicht gesehen – außer einer überfahrenen Giftschlange und einer echt großen Echse. Die Ranger sagen, dass im Frühling mehr zu sehen ist. Nachts hört man unter sternenklarem Milchstraßenhimmel Coyoten heulen – oder Hunde? Man weiß es nicht.

In den Schluchten wird es sehr eng.

Für uns gehört ein Besuch im Waschlowani-Nationalpark zu den Pflichtaufgaben einer Georgie-Aufenthaltes. Mit dem eigenen Camper ist das ein ganz besonderes Erlebnis. Ob man im Rahmen einer geführten Tour diese Nähe zur Natur spüren kann weiß ich nicht – ich kann es mir aber nicht vorstellen.

Und hinter dem Horizont geht es genauso weiter.

Man kann hier nirgendwo Geld ausgeben – Diesel und Trinkwasser müssen ausreichen und Handyempfang ist gleich “Null”.

Wer ähnliche erlebniss verbunden mit etwas mehr Kultur und Zuvilisation erleben will, der sollte sich das Kloster Dawit Garedscha nicht entgehen lassen. Das ist nicht weit weg vom Nationalpark und absolut empfehlenswert.

Exkurs III: Das Erdbeben von 1988

Leninakan 1988, es ist der 7. Dezember. In der zweitgrößten Stadt Armeniens ist es bitterkalt, in den Schulen wartet man auf die große Pause. Kurz vor zwölf gerät die armenische Stadt – die heute wieder Gjumri heißt – komplett und für lange Zeit, wenn nicht sogar für immer aus den Fugen. Die Erde bebt. 25.000 Menschen sterben entweder durch herabstürzende Trümmer oder sie erfrieren, über eine Million Menschen sind von einer Minute auf die andere obdachlos. Das Beben traf nicht nur das ehemaligen Gjumri/Leninakan, vormals Alexandropol, auch im benachbaren Spitak und in Vanadsor hinterließ es Verzweiflung und Traumata.

Wellblech, Holz und Pappe – Wie soll man da durch den Nordarmenischen Winter kommen?

Spitak wurde komplett ausgelöscht und der Ort an anderer Stelle neu aufgebaut. Vanadsor hatte als unbeliebter Industriestandort ohnehin wenig Glück bei der Findung einer eigenen Identität in der postsowjetischen Phase – und so kam es der Hauptstadt der Provinz Shirak zu, die Erinnerung an das Beben in die Geschichtsbücher zu schreiben.

Mir hat das Erdbeben von Gjumri nichts gesagt, obwohl ich solche Nachrichten-Meldungen eigentlich nicht vergesse und sicher abspeichern kann. Aber wir waren grad frisch Eltern geworden, wahrscheinlich hat Janes gerade mal wieder geschrien und ein zweites Mal hat die Tagesschau wohl nicht berichtet.

Wir fahren zufällig und unvorbereitet durch Gjumri. Die Stadt gibt uns nicht viel. Eben eine typische armenische Stadt, aber auf den zweiten Blick hätten wir merken müssen: Hier ist etwas anders, aufgeräumter. Nicht ohne Grund: 1988, also gerade mal 30 Jahre her, ist hier kein Stein auf dem anderen geblieben in einer Zeit, in der die Sowjetunion den letzten Zügen lag. Mit brutalen Schlägen pulveriesierte die Natur eine ganze Region.

Die Sowjetrepublik Armenien brauchte Hilfe und sie wurde dank des Krisenmanagements des charismatischen Michail Gorbatschow auch international gewährt – selbst das verhasste Azerbeidjan ließ die Konflikte ruhen und schickte Hilfstrupps.

All das wussten wir noch nicht. Wir übernachten und haben eine friedvolle Nacht. Es ist kalt im Norden Armeniens im Winter 2019. – genauso kalt wie im Dezember1988. Am Morgen wollen wir uns die Stadt ansehen. Aber: Das Auto springt nicht an. Etliche Armenier kommen mit gutem Rat, aber der einzige, der uns wirklich helfen kann, ist Heros, der mit seinem uralten Lada mit verblichenem Taxischild auf dem Dach anhält. Ihm ist gleich klar, dass Starthilfe hier nichts bringt und bietet mir an, meine Batterie zuhause aufzuladen.

Es ist wirklich ungemütlich kalt und wir nehmen die Einladung mitzukommen und bei ihm zu warten, dankbar an. 5 Minuten später stehen wir vor einem Bretterverschlag inmitten von ausgeschlachteten deutschen Autos, kaputten Kühlschränken. Die Szene ist nicht real, denn Heros und sein Sohn Arman sind feine Menschen – kultiviert, gepflegt, gastfreundlich. Warum wohnen sie in einem solchen Verschlag?

Wir erfahren, dass die kleine Familie auf dem eigenen Land lebt und hier ein schönes großes Haus gestanden hat – bis zum 7. Dezember 1988. Danach war nichts mehr wie es war und es wurde auch nicht mehr. Zumindest für Heros nicht.

Die Sprachbarriere verhindert, dass er uns mehr erklärt, als er uns mit Händen und Füßen sagen kann, aber die Szenerie spricht für sich. Auch 30 Jahre nach dem Erdbeben wohnt Heros mit seiner Frau und seinem geschiedenen Sohn in einem Häuschen aus Brettern, Pappe und Metallplatten zwischen Heiligenbildern und Schränken voller Kram – dazwischen ein dicker Wälzer mit Zeitungsartikeln.

Ich möchte nicht wissen, wie das da im Winter ist und frage mich, ob er versucht hat, seine Probleme zu lösen. Ich denke ja, aber vielleicht war es alles zu viel, vielleicht hat er irgendwann aufgegeben. Man weiß es nicht. Wenn ich die teuren Autos im Zentrum sehe denke ich, dass andere es geschafft haben – aber auch das die reine Mutmaßung. Vielleicht sind das die Leute, die am Wiederaufbau verdient haben. Aber die schicken Frauen im Cafe Herbes & Onions haben mit Heros so wenig zu tun. Es liegen nur wenige Kilometer zwischen dem quirligen Stadtzentrum und der Barackensiedlung. Was macht er falsch, was machen sie richtig? Die alte Frage zur Existenz von Armut beantwortet sich hier nicht.

Ich muss die Tränen unterdrücken, so rührt mich diese Szene. Arman bietet uns trockenes Brot und etwas armenischen Käse an. Ich bin sicher: Es ist nichts anderes im Schlank, sonst hätte er es uns angeboten und der Teebeutel muss für 4 Tassen reichen.

Irgendwann ist die Batterie voll, unser Auto springt an und wir müssen uns verabschieden. Wir versuchen uns mit 20.000 Dram erkenntlich zu zeigen, das sind über 40 Euro und in Armenien ein Haufen Geld, sicher mehr als Heros in der Woche mit seinem klapprigen Taxi verdient und weniger, als wir pro Tag ausgeben in Armenien

 Heros weigert sich, das Geld anzunehmen, aber sein Sohn denkt einen Schritt weiter und steckt die Scheine dankbar ein. Vielleicht kauft er seinen Kindern etwas, die bei seiner Frau in Jerevan leben.

Für mich hat dieser sonnige Tag allen Glanz verloren. Ich weiß nicht, wie ich dem alten Mann und seinem tieftraurigen Sohn helfen kann. Ich kann nicht die ganze Welt retten. Ich kann aber auch nicht durch Gjurmi fahren und so tun, als wäre das Erdbeben 1988 nicht mehr als eine schaurig-schöne Erinnerung  und eine Notiz im Urlaubstagebuch.

Begegnungen wie diese stellen mir die Frage nach dem Sinn des Lebens aber sie beantworten mir nichts.

Ich bin ratlos. Ich habe seine Telefonnummer und werde versuchen, die Adresse zu bekommen. Und dann? Geld schicken?

Ich weiß es nicht. Ob ich besser nicht in den Norden Armeniens nach Gjumri gefahren wäre? Für mich gibt es da keine Alternative, denn unsere Wege sind vorgegeben, und für mein Unwohlsein kann Heros nichts. Er hat sich nicht aufgedrängt oder um Aufmerksamkeit gebeten. Das muss ich mit mir selbst ausmachen.

Jerevan – Der taubenmann

Man kann nie sagen, wie alt diese Leute sind. Hätten sie ein Gesicht, aus dem man einfache Geschichte lesen könnte, dann wären sie nicht so auffallend. Der Mann sitzt auf einer Bank im Park vor den Jeriwaner Kaskaden und überrascht mich. Er bettelt nicht, auch wenn man ihm ansieht, dass er Geld braucht.

In seiner verschlissenen Armee-Hose und seinem kurz geschnittenen Parka hat er sich eine gewisse Lässigkeit bewahrt. Sein geschmeidiger Gang passt nicht zum verknitterten Gesicht und zur gebückten Haltung. Blaue Augen schauen frech unter dem Schild seiner Kappe hervor.

Er zerbröselt Brot, das er aus den Tiefen seines alten Adidas-Rucksack kamt und wirft es aus eine Art um sich, aus der augenscheinlich nicht die Liebe zu Vögeln spricht. Fahrradfahrer und asiatische Touristen, die unvorsichtiger Weise in den Wurfkreis seiner Brösel kommen, werden übel angeraunzt. Und wieder wirft er sein Brot in die Menge der immer zahlreicher heranfliegenden Tauben.

Warum machst du das? – würde ich ihn gerne fragen – könnte ich armenisch oder russisch –  ahne aber, dass  ich gleich den verdutzten Chinesen nur unfreundlich angemufft werden würde. Und wieder wirft er. Entweder ist er verrückt oder er verfolgt einen Plan. Dann plötzlich bückt er sich langsam, so als wollte er etwas aufheben – und mit sicherem Griff hat er eine Taube in der Hand. Der Vogel wird sorgfältig geprüft, er zupft ein Paar Federn aus und begutachtet seine Beute mit Kennerblick aus allen Richtungen. Dann verschwindet die Taube in einem Seitenfach seines Rucksackes.

Wieder kramt er Brot heraus und verteilt es reichlich, wieder bückt er sich, greift mit einer Hand die nächste Taube. Er macht das völlig unspektakulär. Wie viele da schon in seinem Rucksack stecken? – keine Ahnung. Mich interessiert auch vielmehr die Frage, was er damit macht. Ob er sie zum Abendbrot auf den Grill wirft um den gröbsten Hunger zu stillen, um endlich mal Fleisch zu essen, weil die Rente dafür nicht reicht? Ich seh‘ ihn schon sitzen und an den mageren Viechern nagen, die er über einem kleinen Müllfeuer in einem dreckigen Hinterhof brät. Wie arm doch die Leute hier sind in Armenien und ein wohliger Schauer läuft mir über den Touristenrücken.

Oder ist es ganz anders?

Der Mann lässt mich nicht los, auch als er schon lang aufgestanden und in einem Minibus losgefahren ist. Als wir am nächsten Kloster halt machen, staune ich über ein interessantes Geschäftsmodell: Hier stehen Leute herum, die Tauben verkaufen. Die kann man dann fliegen lassen und sich was wünschen. Brautleute kaufen Tauben käfigweise. Woher die ganzen Tauben kommen? Wahrscheinlich vom Jeriwaner Taubenmann, der damit seinen Lebensunterhalt verdient und ansonsten Vegetarier ist, und abends gerne schmalzige Soaps am Fernseher ansieht.

Exkurs II: Die Armenische Diaspora

1,5 Millionen Menschen starben, als während des 1. Weltkrieges und kurz danach Westarmenien von Mardin bis zum Ararat quasi “entvölkert” wurde. Auf das zum russischen Staatsgebiet gehörende Ost-Armenien hatten Kurden und Türken keinen Zugriff. Wer rechtzeitig fliehen konnte suchte und fand den Weg nach Russland, Frankreich und Armenien.

Viele dieser Flüchtlinge fanden sich im Ausland gut zurecht, einige machten ein Vermögen, andere wurden für die Kutur bedeutsam. Bestes Beispiel ist wohl der französische Sänger Charles Aznavour, dessen Eltern vor dem Genozid nach Frankreich flohen.

Zahlreiche Auslandsarmenier unterstützen heute Projekte in ihrem Heimatland, obwohl die Sichtweise etwas korrigiert werden muss, denn ihr Heimatland bleibt für immer verloren. Und Ost-Armenien ist nicht die Heimat der Vertriebenen – allein schon sprachlich gibt es hier erhebliche Unterschiede, die sich durch die türkisch/russische Grenzziehung erklären. Allerdings fördert die so genannte Diaspora das, was man als “Gemein-Armenische” Identität bezeichnen könnte: Den Glauben, die Geschichte und die Hoffnung auf eine erfogreiche armenische Jugend.

Beispiele sind vor allem die hervorragend renovierten Klöster. Noravank z.B. ist über 1000 Jahre alt, sieht aber aus wie ein Neubau. Man braucht auf den Infotafeln nicht lange nach “USAID” zu suchen, was wohl die engagierteste Diaspora-Organisation zu sein scheint.

Engagierte Einzelpersonen investieren Millionen in Schulprojekte. Ich denke, dass Armenien – durch den Streit mit der Türkei und Azerbeidschan in zwei Himmelsrichtungen zu 100 % isoliert – niemals ohne die Auslands-Armenier zurecht käme und alenfalls in den größeren Städten eine moderne Infrastruktur aufbauen könnte.

Demnach arbeitet das Land mit zwei Budgets: Das eine nährt sich aus der eigenen Wirtschaftskraft und dem Fleiß der Ost-Armenier, das andere aus dem Vermögen der Nachkommen der vertriebenen West-Armenier. Wer das koordiniert, das weiß ich nicht und ist eins der großen Mysterien hier. Ebenso weiß ich nicht, warum es in Jeriwan mehr Lexus, Porsche und Mercedes gibt als in ganz Georgien (so mein Gefühl)

Mit dem Wohnmobil in den iran

Vorab, wir sind nicht mit dem Wohnmobil in den Iran eingereist, obwohl es nicht an Visa oder Carnet de Passage gescheitert wäre. Wir haben uns auf der armenischen Seite des Ararat an Mr. Hossein erinnnert, der uns vor Wochen auf der türkischen Seite angeboten hatte, uns in den Iran zu bringen – ganz legal und zu angemessenen Kosten.

Ich rufe ihn an über Whatsapp und er kalkuliert uns 700 Euro inkl. Visa für 2 Personen und einer “Temporary Permission” für unser Auto. Da das fast genau dem Preis entspricht, den wir auch in Deutschland für das Arrangement entsprechender Dienstleistungen gezahlt hätten, wird das Thema konkret. Wir wägen ab und entschließen uns, den Iran auszulassen, so reizvoll dieser Abstecher auch wäre. 700 Euro nur für die Einreise, um dann nach 14 Tagen wieder ausreisen zu dürfen erscheint uns etwas viel. Andererseits: Wann kommt man mal wieder mit dem Wohnmobil in die Nähe des Irans?

Also: Was gibt es bei der Einreise in den Iran zu beachten?

1. Zweifel: Mit Hund in den Iran

Zunehmend schwierig, da es ein Gesetz gibt, das zumindest den Iranern selbst den Transport von Hunden im Auto verbietet. Angeblich soll das Gesetz bei Touristen nicht so eng ausgelegt werden. Ich persönlich befürchte keine Probleme, aber es sind immer die “Kombi-Probleme”, die es einem am Ende schwer machen. Angenommen, es ist etwas mit dem Auto und man ist auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, dan kann es auch für Touristen schwer werden, den Hund durch’s Land zu bekommen.

2. Zweifel: Diesel im Iran

Mit einem Euro6-Fahrzeug kann es zu enormen Schwierigkeiten mit dem Schwefelgehalt des dort verfügbaren Diesels geben. Dieser ist so hoch, dass die Sonden im Abgassystem eines Euro6-Autos gleiche Ergebnisse messen, als ob die Abgasreinigung ausgefallen wäre. Das System fährt dann bis zum nächsten Werkstattbesuch in einen Notlaufmodus. Das Problem lässt sich nicht dadurch verhindern, indem man zeitnah die AdBlue-Abschaltung deaktiviert. Das Thema hat mit Adblue nichts zu tun. Eine Abschaltung der Messung der Abgaswerte ist meinem Kenntnisstand nach nicht möglich.

3. Zweifel: Mit einem Ford in den Iran

Selbst mit einer ordentlichen Carnet de Passage hätte ich mit meinem 3,2-Liter-Ranger maximal 5 Tage im Iran bleiben dürfen. Angeblich wird Autos amerikanischer Bauart derzeit die Einreise komplett verweigert.

4. Zweifel: Reparaturmöglichkeiten im Iran

Sollte es im Iran aus irgendwelchen Gründen zu Problemen mit meinem Auto kommen, wird mir da niemand helfen können, da EURO6-Technologie hier völlig unbekannt ist und Ersatzteile nicht aufzutreiben sind wegen des Handelsembargos. Da ich mit einem Automatik unterwegs bin, kann mich auch kein freundlicher Perser kurz über die nächste Grenze schleppen. Im Land lassen kann ich das Auto auch nicht wegen der begrenzten genehmigung.

Alle vier Zweifel in Summe haben uns überzeugt, lieber doch nicht mit unserem Wohnmobil in den Iran einzureisen.

15. Etappe – Armenien (13. Oktober – 5. November )

Da wir für Azerbeijdschan nun doch ein Visum brauchen entschließen wir uns, die Armenienetappe vorzuziehen. Das liegt hier alles eng beieinander, trotzdem übernachten wir noch einmal auf georgischem Boden, weil es hier im Grenzland so herrlich einsam ist.

15. Etappe – Armenien (13. Oktober – 5. November ) weiterlesen