10. Etappe – Mazedonien (10. – 15 . Mai)

Da haben wir uns auf den ersten Metern verliebt: Ein stolzes Land mit freundlichen Leuten und statt Müllbergen am Straßenrand “Save the Nature”-Plakate. Wir starten unsere Tour am Matka Canyon und genießen dieses Schauspiel in der Abenddämmerung – gut vorstellbar, dass hier tagsüber der Teufel los ist. Wir sind auf jeden Fall ganz allein auf dem Wanderweg entlang dieses kleinen Sees, der durch Aufstauen einer malerischen Schlucht entstand. Die touristische Ausschlachtung ist angemessen und nimmt Rücksicht z.B. auf die Fledermäuse, die sich in den Felsnischen eingenistet haben.

Wir übernachten in den Bergen und verbringen eine ruhige Nacht mit der tollen Erfahrung, wie dunkel es ist, wenn wirklich keine Lichtquellen vorhanden sind. Die Nacht ist sowas von schwarz, dass sich selbst das Vogelgezwitscher verbietet. Diese Momente sind die Highlights der Tour, genauso wie das Geschenk, frühmorgens durch das wolkenverhangene Mazedonische Gebirge fahren zu dürfen.

Der zweite Tag auf dem wunderschönen Campingplatz Rino bei Struga. Nachts hört man das Rufen des Muezzins und wir erfahren, dass 80 % der Einwohner hier Moslems sind. Der Islam ist hier am türkischen Vorbild orientiert, scheint aber wenig Einfluss auf das öffentliche Leben zu nehmen. Struga ist eine moderne südeuropäische Stadt, die man so auch sicher in Italien oder Spanien finden könnte.

Ich sitze mit Emini Verdi und Dauti Versi am Ufer des Ohrid-Sees und die beiden ehemaligen Gastarbeiter erzählen von ihrer Zeit in Österreich. Emini hat 38 Jahre im Ausland gearbeitet, zuletzt als Polier in Diensten von “Mörtel” Lugner, den er als fairen Arbeitgeber preist.

Die beiden lieben den Süd-Balkan und machen zwischen Mazedonien und Albanien keinen Unterschied. Es scheint, als könnten sie ihre Rente hier besser investieren als 50 km entfernt in Albanien. Am Vorabend haben wir Ines aus Dortmund kennengelernt. Die einst beruflich sehr erfolgreiche Juristin und Personalerin reist ebenfalls mit dem Pickup durch Europa und unsere Lebensgeschichten ähneln sich in vielen Punkten. Sie ist weiter als wir und mir wird schlagartig bewusst, dass mein altes Leben vorbei ist und es auch keinen Weg zurück gibt. Nach dieser Reise wird nichts mehr so sein wie vorher. Wir verabschieden uns von Ines und vereinbaren ein Wiedersehen in ein paar Tagen in Albanien, wo ich auch auf ein Treffen mit Karl aus Wien hoffe, so ihm das nicht zu weit ist.

Ines aus Dortmund ist mit ihrem Nissan + Tischer-Wohnkabine auf dem Südbalkan unterwegs. Wir sitzen abends noch lange zusammen und vergleichen unsere Beweggründe, die auf völlig unterschiedlichen Wegen zum gleichen Ergebnis führten.

Markttag in Struga: Die Stadt ist gut auf Tourismus eingestellt und am nördlichsten Zipfel der Ohrid-Sees präsentiert sich das Unesco-geschützte Naturdenkmal von seiner besten Seite. Der türkis-grüne Drin führt durch die lebhafte Stadt und entwässert den riesigen und von schneebedeckten Bergen umrahmten See. Vergleiche zum Gardasee verbieten sich wegen der völligen Unterschiedlichkeit – aber der Ohrid-See hat das gleiche Potential – wenn nicht mehr.

Seeschlangen inklusive – Der Ohrid-See birgt manche Überraschung

Der Markt lebt von regionalen Produkten und empfindliche Gemüter fragen die Hühner und Küken, die hier zum Verkauf angeboten werden, besser nicht nach dem Befinden.

Das Ware schreit vor Frische und für umgerechnet 2 Euro ist der Gemüsekorb für den abendlichen Salat prall gefüllt.

Kein armes Land, dieses Mazedonien und manchmal denke ich, die Mazedonen sind sich dessen auch bewusst.

Für umgerechnet 10 Euro kaufen wir einen Berg Nüsse, die noch in Georgien unser Müsli krönen werden. Zwei Kaffee und ein Orangensaft im Cafe am Fluss: 2 Euro.

Die Schwarze Drin entwässert den mächtigen Ohrid-See durch Struga hindurch.

Das Leben spielt sich hier auf der Straße ab und ob hier jemand ein Kopftuch trägt oder nicht, ist ganz bestimmt kein Thema. Der Muezzin schreit und die Orthodoxen bekreuzigen sich zigfach wann immer sie ein Kreuz sehen.

Im Supermarkt kostet die Milch einen Euro und ich bekomme eine Vorahnung, was bei einem Durchschnittseinkommen von 400 bis 600 Euro nach einem Supermarkteinkauf übrig bleibt. Auch deshalb ist der Markt zu gut besucht – hier gibt es eigentlich alles was man braucht und zu erschwinglichen Preisen.

Überall wird diskutiert – vor allem über den möglichen Nato-Beitritt. Das kleine Mazedonien fürchtet nicht Russland oder Griechenland: Nachbar Serbien macht den Mazedonen Sorgen. In der aktuellen Stichwahl gab es einen überwältigenden Sieg für einen Reformpolitiker, auf dem hier viele Hoffnungen ruhen. Der alte Kaderkandidat – russland-nah – wurde abgestraft.

Hier wird beim Morgenkaffee diskutiert was die Weltlage hergibt – laut und sehr engagiert.

Es ist Montag, 13. Mai, und wir sind seit 6 Wochen unterwegs. Über dem Balkan hat es sich eingeregnet und wir warten gemeinsam mit Justin aus Neuseeland auf besseres Wetter. Es gibt keinen Punkt, den man innerhalb einer Tagesetappe erreichen könte, an dem es nicht regnet, also mummeln wir uns ein und warten auf besserers Wetter. In der Nacht ist ein Pärchen aus Holland gekommen, die auch über Georgien nach Aserbeidschan wollen.

Wir teilen unsere Pasta mit Justin aus Neuseeland – der ist froh im strömenden Regen nicht im Zelt sitzen zu müssen unbd erzählt uns seine spannende Reisegeschichte.

Wir sprechen seit zwei Tagen fast ausschließlich Englisch und es ist schon auffallend, dass alle Leute hier auf dem Platz entweder einen Aussteigerhintergrund haben oder zumindest leidenschaftlich reisen. In diese “Aussteigerszene” platzt eine Reisegruppe mit mehreren Wohnmobilien aus Deutschland und der Schweiz, die im Rahmen einer Guided Tour auf dem Balkan unterwegs sind. Ich habe durchaus Verständnis für die Motivation dieser Leute, aber ich denke, dass selbst der Ängstlichste hier merkt, dass es keine landestypischen Gefahren oder Sicherheitsrisiken gibt. Aber vielleicht lieben diese Leute das Reisen in der Gruppe und die geselligkeit. Da die Gruppe eine eigene soziale Dynamik entwickelt bleibt man aber eher unter sich und verpasst damit womöglich die Chance, von Einheimischen angesprochen und eingeladen zu werden, wie es Individualreisenden hier täglich passiert. Andererseits organisieren die Guides Kontakte und führen die Gruppe sicher auch an Orte, die anderen verschlossen bleiben. Jeder soll das machen, wie er möchte…

Wir sind auf jeden Fall heilfroh nicht fix geplant zu haben, denn Justin legt uns die Mongolei ans Herz und ich grübel über den Karten. Ausgeschlossen ist das nicht , aber wenn, dann dürfen wir jetzt nicht viel Zeit verlieren in Griechenland. Georgien ist der Dreh- und Angelpunkt aller Planungen und ich denke, dass wir Ende Juni dort sein werden.

Thomas und Deria aus Leipzig wollten eigentlich Mazedonien erwandern – bis der Regen kam. In der Campingplatzbar herrscht eine Stimmung wie in der Bar Rick’s Cafe. Hier sind alle Reisende.

Auch Justin hat sich wieder auf den Weg gemacht mit seiner Afrika Twin in Richtung Norden. Wir werden Mittwoch durchstarten nach einer Woche Camping Rino. Wir haben hier Essen, Trinken und Campingplatz 20 Euro die Nacht bezahlt. Gute Nachrichten per email: Kasachstan ist bis zu 30 Tage Visa-frei, was unsere Planungsmöglichkeiten erheblich erweitert. Von unserem Kontakt aus dem Iran gibt es noch keine Infos, aber so wie die weltpolitische Lage gerade aussieht wird das wohl eh nichts werden.

Justin aus Neuseeland bereist die Welt mit seiner Honda.

Am Nachbartisch freuen sich ein paar Mazedonier auf den Sonnenuntergang: Hier ist Ramadan und nur zu gerne trifft man sich im Restaurant zum gemeinsamen Essen.

Die Bevölkerungsmehrheit ist islamisch und folgt den Regeln des Ramadan. Gegessen und getrunken wird nur nach Sonnenuntergang

Die Zeit hier in Struga war sehr wichtig: Zum einen sind wir echt runtergekommen in dieser Regenwoche, zum anderen haben wir wieder tolle Leute kennengelernt und auch die zeit für uns gut genutzt. Ich habe mich z.B. wieder intensiv in Brene Brown hineingehört. Ich bin sicherlich auf dem richtigen Weg, aber es gibt noch viel zu tun!



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