9. Etappe – Durch Bulgarien (4. Mai – 9. Mai 2019)

Ich kämpfe wieder mit meinen Geistern: Morgen geht es nach Bulgarien und ich habe nicht viel Gutes gehört über das vermeintlich ärmste EU-Land. Ich höre immer noch zu sehr auf diese Stimmen, statt offen ins Abenteuer zu gehen. “No risk no fun” – yo, das waren noch Zeiten. Heute liest man Google-Bewertungen über Campingplätze und löst damit eine grundsätzliche Angst vor einem ganzes Land aus. So ein Unsinn. Andererseits ist Vorsicht ein deutliches Evolutionsmerkmal.

Egal: Morgen stehen 370 Kilometer bis nach Belogradchik an. ich habe es noch nie besucht, also wird es mich überraschen – zwangsläufig. Ich weiß, dass dort viele zu junge Mädchen für Geld an der Straße stehen und so manches Kind unseren Michel um sein Hundeleben beneiden wird. Und? Ich kann das nicht ändern, so sehr ich das auch möchte. Ob Bulgarien und Serbien für mich mehr als Transit sind auf dem Weg nach Montenegro sind wird sich herausstellen. Am 1. April hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich fast einen Monat in Rumänien bleiben werde.

DerWeg nach Belogradchik ist trostlos, aber es geht auf wirklich sehr guten Straßen zügigvoran. An der Grenze macht mich der finster dreinblickende Grenzer ganz kirre und ich muss Sylvia daran erinnern, dass ich als Jugendlicher Grenzen noch anders erlebt habe. Er winkt uns durch und wir landen drei Meter später an einem weiteren Häuschen: Die freundliche Bulgarin will 6 Euro für den “Beach” haben. “Was’n für’n Strand”überlege ich und entschließe mich doch lieber zu zahlen. Zwei Kilometer weiß ich was sie meinte: Nicht den “Beech” sondern die “Breeedge”, was auf bulgarisch/englisch Bridge heißen sollte und für die mächtige Donaubrücke steht, die sich hier über den unvorstellbar breiten Strom schlägt. Wir lachen uns halbtot und tauchen sofort tief in dieses interessante Land ein. Hier haben die alten Schinken noch kein Oldtimer-Kennzeichen und auf den Straßen werden jederzeit Offroad-Qualitäten abgefragt.

Aber es ist schon schön. Wir kommen am Campingplatz an und würde es regnen, es wäre die gleiche Szene wie der Beginn der Rocky Horror Picture Show. Wir essen im Restaurant und ich bekomme mit Ziegenkäse überbackenen Schafskäse in einem echt brennenden Tontopf. Auch das Bier wird im Topf serviert und sogar die Fanta. Außer Töpfen braucht’s hier kein Geschirr. Hintergrund jault es wie aus einem türkischen Taxi und wir wissen endlich: Der Orient ist nicht mehr weit. Die Anlage ist skurill, aber blitzsauber.

Kathleen aus Belgien setzt sich zu uns. Die Psychiaterin aus Antwerpen reist allein in ihrem Mercedes-Allrad-Kastenwagen und will die Seidenstraße hoch und die Pamir-Hochstraße meistern.

An Plätzen wie diesen begegnet man Individualisten. Wir unterhalten uns super und beschließen, uns die Burg und die Felsen morgen zusammen anzusehen.

Am Morgen kreist ein Storch über dem Camper und es ist toll anzusehen, wie dieser majestätische Vogel die Winde zum aufsteigen nutzt und quasi ohne Flügelschläge an Höhe gewinnt. Kathleen bleibt im Camper, sie hat bis 2 Uhr in der früh Russisch gelernt und ist müde.

Die Festung von Belogradchik ist der Hammer – Eine Wahnsinns-Verteidigungsanlage, die die mächtigen Steinkolosse in die spektakuläre Architektur einbezieht. Die gesamte Gegen um die Stadt ist mit diesen Steinriesen übersäht, die teils bis zu 100 Meter aufragen. Man bekommt schnell einen eindruck davon, warum diese Festung als uneinnehmbar galt.

Wir frühstücken im schicken Hotel Fortobel, direkt neben der Festung. Der sympathische Hotelbesitzer begrüßt uns auf deutsch und ich verspreche, etwas Werbung für ihn zu machen. 70 Lew, also 35 Euro kostet hier das Doppelzimmer für zwei Personen. Die Campingplätze der Region liegen bei 40 Lew, also 20 Euro. Kurz überlege ich, eine Hotelnacht einzulegen, aber wir wollen heute noch knapp 300 Kilometer bis nach Rila fahren, um die weltberühmte Klosteranlage zu besuchen. Sofia lassen wir links liegen, irgendwie werden wir nicht warm mit dem Land – kann aber am Wetter liegen – an der Landschaft auf keinen Fall.

Camping Bor ist gespenstisch – Im Sommer mag hier einiges los sein, aber die Nacht wird höchstens mal ein Bär am Wohnmobil klopfen. Wir sind allein mit dem alten Aufseher, der kein Wort von irgendeiner Sprache spricht, ich bezweiflle, dass irgendwer das Bulgarisch versteht, dass er radebricht. Selbst aus seinen Gesten werden wir nicht klug. Aber irgendwie geht das alles – dauert alles halt etwas. Die Landschaft mitten im Rila-Nationalpark ist auf jeden Fall mehr als beeindruckend. Hier könnte man prächtig wandern, aber die Temperaturen sind um die Null grad und das Wetter wird nicht besser. Morgen schauen wir das Kloster an und fahren am Nachmittag nach Skopje in Mazedonien, wo es immerhin um die 20 Grad warm sein soll.

Und wieder umgeplant: Es ist super Wetter und bei Sonnenschein ist die Anlage gar nicht mehr so gruselig. Wir entscheiden kurzfristig, noch einen Tag zu bleiben, weil es aktuell viel Arbeit für mich gibt und ich dringend funktionierendes Internet brauche. Ob ich das in Mazedonien habe weiß ich nicht. Eventuell bleiben wir sogar morgen hier, Vorräte haben wir genug und bin lieber Samstag und Sonntag außerhalb der EU schlecht erreichbar.

Rezeption und Sanitärranlagen – etwas gewöhnungsbedürftig, aber blitzsauber und absolut funktional.

Zeit für einen Klosterbesuch ist aber trotzdem und wir sind echt erschlagen von diesem Eindruck. Ein absolut mystischer Ort!

Das Kloster Rila – wohl eine der wichtigsten religösen Stätten der Welt und das Zentrum der orthodoxen Kirche in Bulgarien.

Außerdem sind wir nicht mehr allein. Wir treffen Michael, der mit seiner Bimobil-Kabine auf dem Weg von Georgien nach Hause ist. Die Kabine zieht nach hinten und er hofft, dass die in Georgien geschweißte Naht am gebrochenen Fahrwerk seines Nissan Navarro hält bis nach Hause. Schwachstelle bei seiner Kombi ist das Gewicht der Kabine auf einem Doppelkabiner-Chassis. Das bedingt viel Gewicht hinter der Hinterachse und der Nissan ist nicht mehr der Jüngste.

Mit dem Ranger und der Kabine ist zum Glück alles bestens. Einzig nervend ist die Tatsache, dass die vielgerühmte ALDE-Heizung mit den Straßenverhältnissen große Schwierigkeiten hat und immer wieder Luft in den gemarterten Kanälen für Störungen sorgt. Ich muss die Heizung quasi jeden Abend entlüften.

Die Straße nach Mazedonien ist zum Glück sehr gut in Schuss, aber auf dem Weg wird uns einmal mehr bewusst, wie gegensätzlich dieses Land ist. Kurz vor der EU-Außengrenze passieren wir ein Zigeunerdorf und selbst beim Vorbeifahren ist der Gestank durch verbrannten Müll kaum auszuhalten. Einige Behausungen bestehen aus ein paar aufgeschichteten Ziegeln und Wellblech drauf. Vielleicht mögen die Roma in Rumänien ein freies und selbstbestimmtes Leben führen – dies hier ist auf jeden Fall das Ende der Zivilisation und ein Staat, der das zulässt, hat Hausaufgaben zu machen.

Wir passieren erstmals die EU-Außengrenze und brauchen rund eine halbe Stunde für den Übergang mit insgesamt 4 Stationen. Die LKW-Schlange ist etwa 3 Kilometer lang. ich mag mir nicht vorstellen, wie lange die Fahrer hier ausharren müssen.

Wir verlassen Bulgarien als ein Land, mit dem wir nicht wirklich warm geworden sind. Teils recht unfreundliche Leute, teurer als Rumänien und touristisch anspruchsloser. Auf der Plus-Seite: Grandiose Landschaften, tolles Essen und eine konsequente Karl-May-Atmosphäre. Wir bereuen nichts – kommen aber sicher auch nicht noch einmal wieder.

3 Gedanken zu „9. Etappe – Durch Bulgarien (4. Mai – 9. Mai 2019)“

  1. Hallo ihr beiden. Habe erst heute von eurer spannenden Auszeit erfahren. Ich wünsche euch eine tolle Zeit mit unvergesslichen Erlebnissen!
    Viele Grüße Sylvia (Muhlack)

  2. Hallo zusammen .Das Wetter ist bei uns auch nicht viel besser ..Es ist immer noch zu kalt. Ich wünsche euch weiterhin alles gute .

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