Minus 38 – Zweifel

Ich habe immer wieder – mal mehr mal weniger – Angst, dass es nicht funktioniert. Vielleicht mache ich mir ja was vor? Vielleicht ist das größte Glück, das die Ameise erreichen kann, ist Ameise zu sein? Was, wenn man sich nicht selbst erhöhen kann und das nur jemand anders für einen tun kann? Was, wenn man zwar mit leichtem Gepäck reist, sich Zweifel, Schwächen und Sorgen aber mit auf den Weg machen?

Was ich weiß ist, dass es Zeit wird, sich Freiräume zu erkämpfen, bevor man keine Wahl mehr hat. Man kommt nur zum Gipfel solange man noch klettern kann. Das sagen Kletterer. Schwimmer sagen was anderes und indische Buddhisten sowieso. Also Bullshit…

Frei sein nach links oder rechts zu gehen, schnell oder langsam,heute oder morgen. Das hat mir in den letzten Jahren gefehlt: Je mehr mich das alles angekotzt hat, je fester hab ich das Netz gesponnen, das den Drachen am Boden hielt. Seit drei Monaten kappe ich all diese Taue – eins nach dem anderen: Die Verantwortung für mein Haus, meinen Garten, meine Autos, meine Kredite und für die Bücher, die ich verlieh und nicht wiederbekam um sie ein zweites Mal zu lesen. Dieses Taue Kappen ist anstrengend, die meisten Seile sind aus Gummi, viele unsichtbar – manche werden von unsympathischen Strippenziehern bewacht und verteidigt.

Um eins geht’s auf keinen Fall: Um Träume. Die sind auf der Strecke geblieben und müssen nun erreichbaren Zielen weichen. Die Erkenntnis schmerzt, aber was ich mit 20 oder 30 plante, habe ich nicht erreicht und werde es auch nicht mehr erreichen, so intensiv ich auch darauf warte. Warum? Weil ich’s falsch angestellt habe. Nicht meine Träume und Ziele waren falsch, ich hab’s einfach nur verkackt, war zu blöd, zu jung, zu arm, schlecht vorbereitet – war wer weiß was noch alles…

Natürlich bereue ich nichts . Man ist da, wo man steht, weil man freiwillig dahin gegangen ist. Was ich bereue ist, dass ich so schmerzlos war und unschlagbar im Wiederaufstehen, statt auch mal liegenzubleiben, “toter Mann” zu spielen und zu kucken was dann passiert. Ich hab’s nie aushalten können, Stürme über mich wegziehen zu lassen, musste immer noch ein Segel setzen. Und hatte noch Glück dabei, denn die Masten brachen nie…

Erhellend war für mich der Moment, in dem ich erkannte, dass es von allein nicht passieren würde – das große Glück kommt nicht als Überraschung daher. Es ist ein Karnickel, das man nur mit großen Möhren locken kann.

Und jetzt? Es geht um Hoffnung und darum festzustellen, ob die verbliebene Zeit noch reicht, ein Leben ohne all die Taue zu organisieren, die mich seit Jahren am Boden halten, und auszuprobieren, ob ich nicht doch fliegen kann…und wenn auch nur ein kleines Bisschen.

Ich weiß es wirklich nicht. Was weiß ich schon? Ich weiß auch nicht, ob es mir gelingt die nächsten 400 Tage sinnvoll zu gestalten und jeden Abend einen Fels zu finden, auf den ich mich setzen und nachdenken kann, ob es richtig ist was ich tue. Ich fahre in den Kaukasus, wo Prometheus dem Vernehmen nach noch heute täglich vom Adler gebissen wird, dafür, dass er zu allem seinen Senf dazugeben musste . Irgendwo in der Nähe wird auch Sysiphos den Fels den Berg hinauf rollen. Vielleicht können die beiden Hilfe brauchen? Oder einen Freund der sagt “Lass doch mal gut sein Mann!” So Freunde kann man nie genug haben.

Das Blöde am Aussteigen ist, dass man recht genau weiß, was man nicht will, aber eigentlich keinerlei Ahnung hat, was man bekommt. Ob mich einer versteht? Den Anspruch habe ich nicht. Mir reicht, wenn einer dem Gorilla in die Augen blickt und sich fragt: “Denkt der?”

Ein Gedanke zu „Minus 38 – Zweifel“

  1. Diesen Abschnitt, diese Gedankengänge kann ich gut nachvollziehen. Aber in dem Jahr als Ausssteiger muss ja nichts. Alles kann und vielleicht kommt es unterwegs ganz anders, als erwartet. Na und?
    LG

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